Die Reformatoren der Eidgenossenschaft 15px Zürich Huldrych Zwingli Leo Jud Felix Manz Konrad Grebel Heinrich Bullinger

15px Glarus Ulrich Zwingli als Pfarrer in Glarus Fridolin Brunner Valentin Tschudi

15px Bern Berchtold Haller Guillaume Farel Franz Kolb Peter Kunz Sebastian Meyer Thomas Wyttenbach Ambrosius Blarer

15px Basel Johannes Oekolampad Oswald Myconius

15px Aargau Ulrich Zwingli Heinrich Bullinger Jakob Otter

15px Schaffhausen Sebastian Hofmeister Erasmus Ritter

15px Thurgau Ambrosius Blarer

15px St. Gallen Joachim von Watt Johannes Kessler

15px Appenzell Ausserrhoden Jakob Schurtanner Johannes Dörig Walter Klarer Johannes Hess Balthasar Hubmaier

15px 15px 15px Freistaat der Drei Bünde Johannes Comander Johannes Blasius Jörg Blaurock Philipp Gallicius Ulrich Campell Jakob Salzmann Pietro Paolo Vergerio Giovanni Beccaria Agostino Mainardi Giulio da Milano

15px Genf Guillaume Farel Johannes Calvin Pierre Viret Théodore de Bèze

15px Neuenburg Guillaume Farel

15px Waadt Guillaume Farel Pierre Viret Pierre Caroli Die Reformation und die katholische Gegenreformation in der Schweiz fanden zeitlich in einem etwas anderen Rahmen statt als in Deutschland (→ Reformation). Als Beginn kann das Wirken Huldrych Zwinglis ab 1519, als Ende der Konfessionalisierung der Zweite Villmergerkrieg 1712 gesehen werden. Auch die Reformation selbst nahm in der Schweiz einen anderen Verlauf, weil die Alte Eidgenossenschaft eine andere Sozialstruktur aufwies als das Reich. Bis heute unterscheiden sich die aus der schweizerischen Reformation hervorgegangenen evangelisch-reformierten Kirchen von den aus der deutschen Reformation hervorgegangenen evangelisch-lutherischen Kirchen. Gemäss dem Charakter der Eidgenossenschaft als Staatenbund ging die Reformation in der Schweiz von verschiedenen Zentren aus und wurde von verschiedenen Reformatoren angeregt.

Weltgeschichtlich am bedeutendsten waren die Persönlichkeiten und die Lehren von Johannes Calvin, dem Begründer des Calvinismus, der ab 1536 Genf zum «protestantischen Rom» machte, von Ulrich Zwingli, der ab 1519 in Zürich wirkte, sowie von Heinrich Bullinger, der 1549 mit Calvin durch den Consensus Tigurinus die Einigung der Reformierten und Calvinisten in der Abendmahlsfrage erreichte. Während die lutherische Reformation in ihrem unmittelbaren Wirken auf Deutschland und Nordeuropa beschränkt blieb, wirkte die schweizerische Reformation international über die Niederlande und Grossbritannien bis in die USA. Auch die reformatorische Täuferbewegung, aus der letztlich die Mennoniten hervorgingen, hat ihre Wurzeln in der Schweiz und breitete sich trotz Verfolgungen von hier aus.

Aus Sicht der Schweizergeschichte bewirkte die Reformation das definitive Ende der Expansionsphase der Alten Eidgenossenschaft (→ Entstehung und Wachstum der Alten Eidgenossenschaft) und leitete eine Phase der inneren Konflikte und einer Erstarrung der politischen Struktur ein. Zugleich beschleunigte der eigenständige reformatorische Weg jedoch auch die Trennung vom Heiligen Römischen Reich, die sich klar in der Ablehnung des Augsburger Bekenntnisses und im Abseitsstehen beim Augsburger Religionsfrieden von 1555 zeigte. Für die reformierten Kantone war die Übernahme der Herrschaftsrechte und Einkünfte der Kirche in ihrem Machtbereich ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer vormodernen Staatlichkeit.Anne-Sophie Galli, Martina Läubli: 500 Jahre Reformation: Wie Luther und Zwingli eine Zeitenwende brachten. In: Neue Zürcher Zeitung. 10. März 2017.

Huldrych Zwingli und die Zürcher Reformation mini|Der Zürcher Reformator Ulrich Zwingli mini|Titelblatt der Zürcher Bibel von 1531 Huldrych Zwingli (1484–1531) stammte aus dem oberen Toggenburg und war Sohn eines Bergbauern, der in der lokalen Politik als gewählter Ammann tätig war. Dies mag insofern Einfluss gehabt haben, als Zwingli entscheidend politischer dachte und handelte als der deutsche Reformator Martin Luther. Nach Studien in Basel, Bern und Wien wirkte Zwingli als Priester in Glarus und Einsiedeln. Geistig wurde Zwingli vom Humanismus des Erasmus von Rotterdam beeinflusst.

Bereits als Priester in Glarus wurde Zwingli in das politische Zeitgeschehen hineingerissen, weil er als Feldprediger das Heer des Kantons Glarus auf den Kriegszügen der Eidgenossenschaft in den Mailänderkriegen gegen die Franzosen begleitete und an den Schlachten von Novara und Marignano teilnahm. Zwingli bekämpfte die in der Eidgenossenschaft wegen der grossen Nachfrage an Schweizer Söldnern überhandnehmende Reisläuferei als Quelle von Laster, Ungläubigkeit, Verrohung der Sitten und Korruption, ähnlich wie Niklaus von Flüe. Zwingli setzte sich damit in einen bewussten Gegensatz zu einer ganzen Bevölkerungsgruppe der damaligen Eidgenossenschaft, die ökonomisch stark von der Reisläuferei und den damit verbundenen Pensionszahlungen der Grossmächte profitierte. Durch die Pensionen kauften sich die Grossmächte die Loyalität und den Einfluss der mächtigen Familien in den Kantonen, um den Abschluss von Allianzen oder Soldbündnissen zu erwirken. Der sich seit 1516 aufbauende habsburgisch-französische Gegensatz spaltete die Eidgenossenschaft zudem in zwei Lager, die jeweils ein Soldbündnis mit Frankreich oder Habsburg bzw. dem Kaiser suchten.

1518 scheint Zwingli erstmals mit den Ansichten Martin Luthers in Kontakt gekommen zu sein. Er verbreitete die Ansichten und Schriften des wichtigsten deutschen Reformators und stimmte mit ihm überein, als er die Bibel allein für unfehlbar erklärte.

Als kritischer Geist und erklärter Gegner Frankreichs wurde Zwingli nach Zürich, dem Vorort der Eidgenossenschaft und Haupt der deutschen Partei, berufen, wo er am 1. Januar 1519 zu predigen begann. Die Zürcher Pest vom Sommer des gleichen Jahres scheint bei Zwingli wie auch bei seinen Zürcher Mitbürgern ein wichtiger Impuls für einen radikalen Wandel gewesen zu sein. Im Gegensatz zu Luther, der nur die Erneuerung der Kirche anstrebte, predigte Zwingli nun die Reform des gesamten Lebens und verlangte eine «Besserung» der Menschen. Als ersten politischen Erfolg Zwinglis erlaubte Zürich als einziger Stand der Alten Eidgenossenschaft 1521 Frankreich keine Anwerbung von Söldnern mehr, was in der übrigen Eidgenossenschaft für grosses Aufsehen sorgte.

1522 kam die Reformation in Zürich richtig ins Rollen, als anlässlich eines Verstosses gegen das Fastengebot, des berühmten Zürcher Wurstessens beim Buchdrucker Christoph Froschauer, ein Konflikt zwischen Zwingli und dem Bischof von Konstanz, Hugo von Hohenlandenberg, entstand. Zwingli lehnte eine Bestrafung des Verstosses ab, weil das Fastengebot von der katholischen Kirche komme und nicht aus dem Evangelium. Obwohl der Kleine Rat von Zürich sich gegen Zwingli stellte, unterstützten ihn die Handwerker der Zünfte im Grossen Rat. Darauf veröffentlichte Zwingli in mehreren Schriften seine revolutionären Anliegen, in denen er die bestehende Kirche als Ganzes im Prinzip ablehnte, da das Wort Gottes «sich selbst lehre» und nicht der Kirche bedürfe.

Die politischen Behörden Zürichs folgten den Lehren und Weisungen Zwinglis nach zwei Disputationen 1523Martina Läubli: Zuerst ging es in Zürich um die Wurst, dann um alles. In: NZZ am Sonntag. 28. Januar 2023. und liessen zu, dass die Bilder und Altäre aus den Kirchen entfernt wurden (→Reformatorischer Bildersturm), die Messe verändert und die Klöster aufgehoben wurden. Zwingli war um einiges radikaler als Luther und liess nur das Wort Gottes in der Kirche zu, sogar die Orgeln wurden abgebrochen, da Zwingli Musik in der Kirche als Ablenkung ablehnte. Die Einkünfte und Güter der Kirche wurden von der Stadt Zürich beschlagnahmt und hauptsächlich für die Ausbildung von Theologen sowie die Armen- und Krankenfürsorge eingesetzt. Obwohl zeitweise der politische Einfluss Zwinglis gross war, bekleidete er nie ein politisches Amt. Der Stadtrat von Zürich, also die politische Behörde, beschloss alle politischen und kirchlichen Reformen oder segnete sie zumindest ab. Zwingli und seine Mitstreiter lieferten nur die theologische Grundlage für die Kirchenreform. Zürich war also zu keiner Zeit ein «Gottesstaat».

Klaus Hottinger, Teilnehmer des Wurstessens und Bilderstürmer in Zürich, wurde wegen des beabsichtigten Verkaufs eines Kreuzes für wohltätige Zwecke aus der Stadt Zürich ausgewiesen, begab sich leichtfertigerweise in die Grafschaft Baden, wurde dort verhaftet und 1524 als erster Reformierter in Luzern geköpft.

Am 8. Dezember 1524 übergab die letzte Äbtissin der Fraumünsterabtei, Katharina von Zimmern, das Fraumünster und alle Besitzungen dem reformatorisch gesinnten Rat der Stadt Zürich und ermöglichte die Reformation in Zürich ohne Bürgerkrieg und Blutvergiessen.

Für die schweizerische Reformation war die Übersetzung des Alten und Neuen Testaments der Bibel in die Volkssprache ein wichtiger Schritt. 1531 wurde mit der Zürcher Bibel drei Jahre vor der Wittenberger Bibel eine Gesamtausgabe in einer schweizerdeutschen Version gedruckt. Die von Zwingli und Leo Jud angefertigte Übersetzung legte grössten Wert auf philologische Genauigkeit. Die ursprünglich charakteristische altertümlich-schweizerdeutsche Sprache verschwand nach 1665 durch mehrere Überarbeitungen. Eine besonders nachhaltige literarische Tradition stellen die im Umfeld der Zürcher Hohen Schule entstandenen Biografien der Zürcher Theologen dar. Am Anfang der bis ins 18. Jahrhundert reichenden Überlieferung steht die erste Lebensbeschreibung Huldrych Zwinglis von Oswald Myconius, die 1536 erstmals gedruckt erschien.

Für das Leben der Menschen in Zürich war die Sittenzucht die entscheidende Neuerung. Sittenmandate der Stadtbehörden verboten das Schwören, Fluchen, das Spiel mit Karten und Würfeln, Schmuck und Luxus, kurzweilige Vergnügungen sowie die Fasnacht. Fast alle alten Volksbräuche sowie die Verehrung der Stadtheiligen Felix und Regula wurden untersagt, Lustbarkeiten und Alkoholgenuss sowie Prostitution in sprichwörtlicher reformierter Strenge ganz oder weitgehend unterbunden. Dennoch kann die Reformation in Zürich für damalige Zeiten als demokratisch gelten, da der Grosse Rat aus Zunft- und Patriziatsvertretern repräsentativ für den überwiegenden Teil der Bevölkerung in der Stadt Zürich war.

Widerstand gegen die Zwinglianische Reformation kam von den Bauern und von den Täufern, einer Abspaltung von Zwinglis Bewegung. Aus diesem Grund wurde 1529 der Pfarrzwang eingeführt und der Besuch auswärtiger Messen untersagt. Täufer, die die sogenannte Wiedertaufe praktizierten, wurden sogar mit dem Tod bestraft und grausam verfolgt. Zwingli kam deshalb bei Kritikern und Zeitgenossen in den Verdacht, ein despotischer Theokrat zu sein. Obwohl Zwingli bedeutenden politischen Einfluss ausübte, waren es jedoch stets die ordentlichen Zürcher Stadtbehörden, welche die politischen Entscheidungen letztlich fällten.

Die Verbreitung der Reformation in der Eidgenossenschaft bis 1529 mini|links|Das Marburger Religionsgespräch 1529 zwischen Luther und Zwingli brachte wegen Differenzen in der Abendmahlslehre keine Einigung zwischen Reformierten und Lutheranern (Relief von Otto Münch auf dem Zwingli-Portal des Zürcher Grossmünsters) Wichtige «Disputationen» 29. Januar 1523, Erste Zürcher Disputation 16.–29. Okt. 1523, Zweite Zürcher Disputation 7. Januar 1526, Bundestag von Illanz 21. Mai–8. Juni 1526, Badener Disputation 5.–26. Januar 1528, Berner Disputation 1.–3. Okt. 1529, Marburger Religionsgespräche 19. April 1531 Täufergespräche von Bern 1.–9. Juli 1532 Täufergespräche von Zofingen 30. Jan.–4. Feb. 1536 Unionsgespräche von Basel mini|Darstellung der Ersten Zürcher Disputation 1523 im alten Rathaus von Zürich. Der Zürcher Stadtrat lässt in aller Öffentlichkeit disputieren, welche Religion die «richtige» sei.