Das spanische Kolonialreich (spanisch: Imperio español) erstreckte sich über Amerika, Afrika, Asien und Ozeanien, mit einem territorialen Schwerpunkt in Amerika. Im Zenit seiner Macht war die spanische Kolonialgroßmacht eines der größten Reiche in der Menschheitsgeschichte und zudem eines der ersten globalen Reiche. Es bestand vom 15. Jahrhundert bis zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. mini|Kaiser Karl V. herrschte über ein globales Imperium, in dem „die Sonne niemals unterging“; Gemälde von Rubens
Anfänge Zu Beginn des 15. Jahrhunderts begann man sich in Kastilien zunehmend für Entdeckungsfahrten im Atlantik zu interessieren. Ein Grund dafür lag in der Rivalität mit dem Königreich Portugal, das eine Vormachtstellung im Seehandel erreicht hatte. Um an die Waren des Orients zu gelangen, dessen Handelswege (vor die zu den Gewürzen der pazifischen und südostasiatischen Inseln) von den Osmanen blockiert wurden oder die die italienischen Seemächte fest in der Hand hatten, wetteiferten Spanier und Portugiesen miteinander, um anstelle des traditionellen Landwegs durch den Nahen Osten eine neue Route zu finden. Die Portugiesen, die ihre Reconquista lange vor den Spaniern abgeschlossen hatten, begannen damals ihre Expeditionen mit dem Ziel, zunächst Zugang zu Rohstoffen Afrikas zu bekommen und danach Afrika zu umfahren, womit sie die Kontrolle über Inseln und Küsten dieses Kontinents erlangen würden. Damit nahmen sie eine für Europäer neue Schifffahrtsroute nach Ostindien in Betrieb, waren nicht mehr auf den indirekten Handel mit dem Osmanischen Reich angewiesen, ein Monopol Genuas und Venedigs, und legten so den Grundstein für das portugiesische Weltreich. Später, als auch Kastilien die Reconquista abgeschlossen hatte, unterstützten die Katholischen Könige den genuesischen Seefahrer Christoph Kolumbus. Er war davon überzeugt, dass der Erdumfang kleiner als der tatsächliche sei, und wollte deshalb nach Cipango (Japan), China, Indien und den Orient gelangen, indem er nach Westen segelte. Damit verfolgte Kastilien denselben Zweck wie die Portugiesen: sich von den italienischen Städten unabhängig zu machen, um an Waren des Orients zu gelangen, und zwar vor allem Gewürze und Seide (die feiner war als die, die im Königreich Murcia seit der Herrschaft der Araber produziert wurde). Es ist anzunehmen, dass Kolumbus’ kleine Flotte nie ihr Ziel erreicht hätte; aber etwa auf halbem Weg liegt der amerikanische Kontinent und, ohne es zu wissen, „entdeckte“ er Amerika und leitete so die Kolonisierung dieses Kontinents ein.
Eroberung des Kolonialreichs Ursprünge mini|Christoph Kolumbus Nach der (Wieder-)Entdeckung Amerikas 1492 durch Kolumbus begann die Conquista (span. Eroberung) des Doppelkontinents. Die Erforschung, Eroberung, Besiedlung und Missionierung Amerikas erfolgte durch Einzelpersonen oder Gruppen, die nach Verhandlungen mit Vertretern des Königs von Kastilien von diesem durch eine Capitulación mit bestimmten Maßnahmen beauftragt wurden. Nach dem Erhalten der Capitulación oblag dem Unternehmer die Aufgabe, seine Expedition auszurüsten sowie Seeleute, Priester und Soldaten anzuwerben. Konquistadoren waren weniger königliche Soldaten oder Söldner, die einen festen Sold oder eine feste Heuer erhielten, sondern Freiwillige, die sich für den Kauf ihrer Ausrüstung selbst verschuldeten. Ihr Interesse war darauf gerichtet, die Schulden zurückzahlen zu können und maximalen Gewinn aus der Expedition zu schlagen.Vgl. Iberoamerikanisches Institut Preußischer Kulturbesitz und Museum für Völkerkunde, Staatliche Museen zu Berlin (Hrsg.), Amerika 1492–1992, Braunschweig 1992, S. 40 f.
mini|Bartolomé de Las Casas
Die Folge dieser Eroberungspolitik Kastiliens war das Encomienda-System, das 1503 von Isabella I. gebilligt wurde. Den Konquistadoren wurden Encomiendas übertragen, worauf Menschen der indigenen Bevölkerung verpflichtet wurden, für den Besitzer der Encomienda zu arbeiten. Der Dominikaner Antonio de Montesinos machte in seiner Adventspredigt aus dem Jahr 1511 auf die schlechte Behandlung der Indios aufmerksam. Dadurch entfachte er eine Debatte über die Lebensverhältnisse der Indios unter den spanischen Eroberern. In der Folge dieser Debatte wurden 1512/1513 die Leyes de Burgos erlassen, Gesetze, in denen ausdrücklich jede Gewaltanwendung der Encoménderos gegenüber den Indianern verboten wurde. Dennoch änderte sich in der Praxis wenig, denn der kastilischen Krone fehlte ein Kontrollorgan in der Neuen Welt. Die in vielen Fällen unzureichende Umsetzung der Gesetze führte zu zahlreichen Protesten und Forderungen, denn in Wirklichkeit betrachtete man die Gesetze nur als Legalisierung der bereits tristen Situation. Erst durch den Dominikaner Bartolomé de Las Casas, der in Spanien die Zustände der indigenen Bevölkerung anprangerte, kam es 1542 zu den Leyes Nuevas (Neuen Gesetzen), in denen schließlich die Indianer unter den direkten Schutz der Krone gestellt wurden. Auch diese wurden nur schleppend umgesetzt und bereits 1545 teilweise wieder zurückgenommen. So wurde das Encomienda-System de facto bis 1549 weitergeführt. Mit der Schaffung des sogenannten Repartimiento-Systems wollte man einen wirksameren Schutz der indigenen Bevölkerung erreichen. Sie lebten von nun an in sesshaften Gemeinschaften und verpflichteten sich, Männer aus ihren eigenen Reihen für zeitlich begrenzte Projekte des spanischen Staates als Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen. Der Anteil dieser Arbeitskräfte an der männlichen Urbevölkerung betrug zwei bis vier Prozent. Die Einteilung wurde vom (Regional-)Gouverneur oder dem Corregidor beziehungsweise Alcalde Mayor überwacht, der für den Schutz der indigenen Bevölkerung zuständig war und Missstände aufzeigen musste.Vgl. Ernst Feder: Gewalt und Ausbeutung: Lateinamerikas Landwirtschaft. Hoffmann und Campe, Hamburg 1973, ISBN 3-455-09100-8.
Durchführung der Conquista
Das oberste Ziel der Konquistadoren war nicht die Erschließung neuer Gebiete und deren Besiedlung, sondern die Suche nach Gold und anderen Schätzen. Die Schatzjäger verhielten sich meistens rücksichtslos und brutal gegenüber der indigenen Bevölkerung. Aufgrund ihrer überlegenen militärischen Mittel und unterstützt durch unterworfene lokale Volksstämme gelang es unter anderem Hernán Cortés, das Reich der Azteken und Francisco Pizarro das Großreich der Inka zu erobern. Auf deren Trümmern wurden die Vizekönigreiche Neuspanien und Peru gegründet.
Ein entscheidender Faktor für den Erfolg der Spanier in der Neuen Welt war die Gründung von Städten. Sie waren sichere Rückzugspunkte sowohl vor feindlich gesinnten Ureinwohnern als auch vor anderen europäischen Mächten, insbesondere Portugal und England, die Kastilien Territorien am Río de la Plata (Colónia do Sacramento) und das Nootka-Territorium in Nordamerika streitig machten. Außerdem waren die Städte auch Zentren der Verwaltung, der Bildung und des panamerikanischen Handels.
Die Kastilische Krone machte genaue Angaben, wo, wie und von wem eine Stadt gegründet werden sollte. Dabei wollte man jene Situationen vermeiden, die zu Beginn der Kolonisation der Insel Hispaniola eintraten, als viele spanische Siedlungen (La Navidad, La Isabela) nach kurzer Zeit wieder aufgegeben werden mussten oder durch Indios zerstört wurden. 1498 hatte man mit Santo Domingo die erste dauerhafte Siedlung errichtet, die dann bis zur Eroberung Mexikos der Sitz des Vizekönigs beziehungsweise des Gouverneurs war. Nach gezielter Auswahl gründete man zunächst nur Städte in dünn besiedelten entlegenen Gebieten, wie beispielsweise in Kalifornien oder in Nevada. Auch versuchte man bestehende Städte und Zentren der Indios zu erobern. Cortés gelang es schließlich 1521 Tenochtitlan, die Hauptstadt des Azteken-Reiches, einzunehmen, auf deren Ruinen dann Mexiko-Stadt gegründet wurde, die neue Hauptstadt des Vizekönigreiches Neuspanien. Die Spanier zerstörten dort systematisch jede sichtbare Erinnerung an die alte Kultur und erbauten da, wo die großen Tempel und Herrscherdomizile der Azteken standen, ihre Kirchen und Paläste im Stile der Renaissance. Schließlich legte man den Texcoco-See trocken, der Tenochtitlán umgab, damit die Stadt weiter wachsen konnte.
Die Conquistadoren gingen so auch im Inkareich vor. Cusco, die Hauptstadt des Inka-Reiches, wurde bei einem Aufstand der Einheimischen vollständig zerstört und verlor seine Hauptstadtfunktion an das 1535 von Pizarro an der peruanischen Küste gegründete Lima. 1542 gründeten die Spanier dann das Vizekönigreich Peru mit Lima als Hauptstadt. Im 16. Jahrhundert wurden in Spanisch-Amerika insgesamt mehr als 40 Städte gegründet, die alle, bis auf Mexiko-Stadt und Cusco, aus geopolitischen und ökonomischen Erwägungen Neugründungen waren. Viele dieser Städte wurden nach bekannten Städten in Spanien (zum Beispiel Santa Fe, Córdoba, Guadalupe, Granada) oder durch die Religiosität der Spanier nach Heiligen (z. B. San Francisco, Santa Maria, San Antonio) oder heiligen Gegenständen benannt (z. B. Vera Cruz, Sacramento). Die örtliche Beschaffenheit spielte auch eine Rolle, so erhielt beispielsweise Las Vegas seinen Namen von den dort vorgefundenen Flussauen. In einigen Fällen wurde der indigene Name aber auch beibehalten, so wie bei dem schon erwähnten Cuzco oder bei Manila auf den Philippinen, die die Hauptstadt Spanisch-Ostindiens bildete.
Für den enormen Verwaltungsapparat wurden gut ausgebildete Kolonialbeamte benötigt. Schon sehr früh wurden daher Universitäten in der Neuen Welt errichtet. 1538 wurde in Santo Domingo die erste spanische Universität auf amerikanischen Boden gegründet, 1551 folgten Mexiko-Stadt und Lima. Viele Städte wurden zu Bildungszentren.Vgl. Friedrich Edelmayer (u. a.): Die Neue Welt. Süd- und Nordamerika in ihrer kolonialen Epoche. Promedia Verlag, Wien 2001, S. 73–75.
Kolonialverwaltung unter den Habsburgern Das System der Vizekönige mini|Antonio de Mendoza (1535), erster Vizekönig Neuspaniens mini|Blasco Núñez de Vela, erster Vizekönig Perus Nach der ersten Phase der Conquista errichtete die spanische Krone Verwaltungseinheiten in den ehemaligen Großreichen der Azteken und Inkas. Dabei wurden die bestehenden wirtschaftlichen und kulturellen Zentren oft beibehalten. So war nach der Zerstörung Tenochtitlans aus deren Resten Mexiko-Stadt gegründet worden, das dann schließlich die Hauptstadt Neuspaniens wurde. Da in den Ländern der Krone Aragón schon seit dem Mittelalter das System der Vizekönige eingeführt war, übertrug man dies, obwohl Aragón von der Kolonialisation ausgeschlossen war, nun auch auf die Neue Welt. 1535 wurde das Vizekönigreich Neuspanien und 1542 das Vizekönigreich Peru gegründet.