Wilfried Waldemar Feichtinger (* 19. Oktober 1950 in Wien-Döbling; † 3. Juni 2021 in Perchtoldsdorf) war ein österreichischer Gynäkologe und Reproduktionsmediziner. Er gilt als einer der Pioniere der In-vitro-Fertilisation (IVF) im deutschsprachigen Raum.

Gemeinsam mit Peter Kemeter baute er ab 1979 an der 2. Universitäts-Frauenklinik in Wien ein IVF-Programm nach dem Vorbild von Patrick Steptoe und Robert Edwards auf. Aus diesem Programm ging am 5. August 1982 mit Zlatan Jovanovic das erste in Österreich durch IVF gezeugte Kind hervor; im November 1982 folgten im Wiener Rudolfinerhaus die ersten europäischen IVF-Zwillinge. Noch im selben Monat eröffneten Feichtinger und Kemeter in Wien eine der ersten ambulanten IVF-Einrichtungen weltweit.

1984 entwickelte Feichtinger mit Kemeter und der Firma Kretztechnik die ultraschallgesteuerte transvaginale Follikelpunktion, die international zum Standardverfahren der Eizellentnahme wurde. Im selben Jahr gelang den beiden zudem die erste Schwangerschaft nach Eizellspende im deutschsprachigen Raum, 1986 die erste österreichische Geburt nach Kryokonservierung eines Embryos. 2005 folgte – gemeinsam mit dem Genetiker Markus Hengstschläger – die erste Präimplantationsdiagnostik in Österreich.

Das daraus hervorgegangene Institut – seit etwa 2013 Wunschbaby Institut Feichtinger – leitete er bis 2018, ehe sein Sohn Michael die Leitung übernahm. Nach Institutsangaben kamen bis zum 40-jährigen Bestehen im Jahr 2023 mehr als 20.000 Kinder mit Hilfe des Instituts zur Welt.

Feichtinger starb 2021 im Alter von 70 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung.

Herkunft und Ausbildung Feichtinger wuchs in Wien-Döbling als Sohn einer aus Russland emigrierten Mutter und eines aus Mistelbach stammenden Vaters auf. Sein Vater Friedrich Feichtinger (1920–2011) hatte Welthandel studiert und arbeitete als Buchhalter.

Von seiner Großmutter mütterlicherseits erlernte er in der Kindheit Russisch in Wort und Schrift und wuchs zweisprachig auf. Von 1957 bis 1961 besuchte er die Volksschule in der Leopoldstadt, anschließend von 1961 bis 1969 das Gymnasium Hagenmüllergasse im 3. Wiener Gemeindebezirk, wo er am 10. Juni 1969 maturierte.

Im Herbst 1969 begann er ein Medizinstudium an der Universität Wien, das er am 16. Mai 1975 mit der Promotion zum Doktor der gesamten Heilkunde abschloss. Anschließend arbeitete er von 1975 bis 1977 als Turnusarzt im Krankenhaus Baden.

Medizinische Laufbahn + IVF-Institute unter der Leitung von Wilfried Feichtinger Zeitraum Adresse Leitung Institutsbezeichnung 1982–1984 Hadikgasse 76, 14. Bezirk (Penzing) Feichtinger & Kemeter ARGE „Extrakorporale Fertilisierung und Sterilitätsdiagnostik“ 1984–1990 Trauttmansdorffgasse 3A, 13. Bezirk (Hietzing) Feichtinger & Kemeter Institut für Endokrinologie der Fortpflanzung und In-vitro-Fertilisierung(später: Institut für Sterilitätsbetreuung) 1991–1999 Trauttmansdorffgasse 3A, 13. Bezirk (Hietzing) Feichtinger Institut für Sterilitätsbetreuung 2000–heute Lainzer Straße 6, 13. Bezirk (Hietzing) Feichtinger (bis 2018), danach Michael Feichtinger Wunschbaby-Zentrum, Institut für Kinderwunsch(ab ca. 2013: Wunschbaby Institut Feichtinger – WIF)

Zweite Universitäts-Frauenklinik (1977–1983) mini|2. Universitäts-Frauenklinik („Wertheim-Klinik“) – Spitalgasse 23, Alsergrund

Facharztausbildung Im September 1977 begann Feichtinger seine Facharztausbildung zum Gynäkologen an der 2. Universitäts-Frauenklinik (2. UFK) am Allgemeinen Krankenhaus (AKH) Wien unter Hugo Husslein (1908–1985). Dieser hatte die Klinik von 1964 bis 1979 geleitet und ab etwa 1970 die Fortpflanzungsmedizin zu einem zentralen Forschungsschwerpunkt gemacht. Nach Hussleins Emeritierung 1979 setzte Feichtinger seine Ausbildung zunächst unter Alfred Kratochwil (1928–2022) und später unter Herbert Janisch (1927–2010) fort.

Ein zentraler Bestandteil seiner Ausbildung war die turnusmäßige Mitarbeit in der Hormon- und Sterilitäts-Ambulanz, die von den Oberärzten Florian Friedrich (* 1937) und Peter Kemeter (* 1941) geleitet wurde.

Aufbau des IVF-Programms (1979–1983) Am 25. Juli 1978 gelang den britischen Medizinern Patrick Steptoe und Robert Edwards mit der Geburt von Louise Joy Brown erstmals eine Befruchtung außerhalb des Körpers (in vitro), auch In-vitro-Fertilisation genannt. Der Erfolg gab auch in Österreich der Forschung zur Reproduktionsmedizin neue Impulse.

Im Jänner 1979 reiste Feichtinger – damals Universitätsassistent an der 2. UFK – nach London, wo das Verfahren bei einem Fachvortrag vorgestellt wurde. Zurück in Wien erhielt er von Klinikleiter Hugo Husslein die Zustimmung, beim Forschungsförderungsfonds (FFF) einen Antrag auf Aufbau eines IVF-Programms nach britischem Vorbild zu stellen. Mit den bewilligten Mitteln stellte er ein Team zusammen, das er bis 1982 leitete; sein wissenschaftlicher Schwerpunkt verlagerte sich auf IVF, Embryotransfer und hormonelle Zyklussteuerung (gynäkologische Endokrinologie).

Im April 1983 verließ Feichtinger die 2. UFK, nachdem die Fortführung des IVF-Programms anderen Kollegen übertragen worden war.

Erste IVF-Geburt in Österreich (1982) 1980 gelang dem Team der 2. Universitäts-Frauenklinik – Alfred Kratochwil, Adolf Beck, Wilfried Feichtinger, Stefan Szalay und Peter Kemeter – die erste IVF-Schwangerschaft in Österreich, die jedoch in der achten Woche mit einer Fehlgeburt endete. Ein zweiwöchiger Studienaufenthalt von Feichtinger und Szalay beim IVF-Pionier Alex Lopata in Melbourne im Oktober 1980 führte schließlich zum ersten erfolgreichen Embryotransfer.

Am 22. Oktober 1981 gelang Feichtinger, Kemeter und Szalay an der 2. UFK die erste erfolgreiche IVF-Behandlung Österreichs. Aus dieser ging am 5. August 1982 Zlatan Jovanovic hervor – das erste in Österreich durch IVF gezeugte Kind.W. Feichtinger, P. Kemeter, S. Szalay: The Vienna program of in vitro fertilization and embryo-transfer – a successful clinical treatment. In: European Journal of Obstetrics & Gynecology and Reproductive Biology. Band 15, Nr. 2, 1983, S. 63–70. PMID 6409685. Österreich war damit das sechste Land weltweit, in dem auf diese Weise ein Kind geboren wurde.

Feichtinger rückblickend zur Anfangszeit der IVF:

Erste IVF-Zwillinge in Europa (1982) Am 10. November 1982 kamen in der Wiener Privatklinik Rudolfinerhaus die ersten durch IVF geborenen Zwillinge Österreichs – und zugleich Europas – zur Welt: zwei gesunde Mädchen. Auch diese Geburt wurde von Feichtinger, Kemeter und Szalay betreut.

Ambulante IVF-Praxis Hadikgasse (1982–1984) mini|Ehemalige ambulante IVF-Praxis – Hadikgasse 76, Penzing 15 Tage nach der Zwillingsgeburt im Rudolfinerhaus gründeten Feichtinger und Kemeter am 25. November 1982 in der Hadikgasse 76 im 14. Wiener Gemeindebezirk (Penzing) die Arbeitsgemeinschaft (ARGE) Extrakorporale Fertilisierung und Sterilitätsdiagnostik. Sie selbst bezeichneten die Einrichtung als weltweit erste ambulante IVF-Praxis; eine unabhängige Bestätigung dieser Einordnung liegt nicht vor.

Erster internationaler IVF-Kongress in Wien (1983) Vom 22. bis 24. Juni 1983 organisierten Feichtinger und Kemeter in der Wiener Hofburg den ersten internationalen Kongress zur In-vitro-Fertilisation. Die Tagung zog rund 360 Fachteilnehmer aus dem In- und Ausland an. Neben Fachvorträgen sowie ethischen und rechtlichen Diskussionen umfasste das Programm ein praktisches Seminar mit 80 Teilnehmenden und zehn Kinderwunschpaaren im Rudolfinerhaus.

Die frühen Behandlungserfolge der Wiener IVF-Praxis fanden international Beachtung. Zahlreiche Berichte führten zu einem Zustrom ausländischer Patientinnen – vor allem aus Deutschland, Israel, Italien, den Niederlanden, Griechenland, Frankreich und der Schweiz. Der Standort in der Hadikgasse 76 stieß dadurch bald an seine Kapazitätsgrenzen. Von den ersten 200 dokumentierten Patientinnen (1982–1984) stammten 105 aus Österreich und 95 aus dem Ausland.Wilfried Feichtinger, Peter Kemeter: Über die In-vitro-Fertilisierung. In: Erwin Bernat (Hrsg.): Lebensbeginn durch Menschenhand: Probleme künstlicher Befruchtungstechnologien aus medizinischer, ethischer und juristischer Sicht. Leykam Verlag, Graz 1985, ISBN 3-7011-8956-0, S. 59–71, hier: Abbildung 2.

+ Herkunft der ersten 200 dokumentierten Patientinnen (1982–1984) Herkunftsland Patientinnen Österreich 105 Deutschland 51 Israel 11 Italien 8 Niederlande 6 Griechenland 5 Frankreich 4 Schweiz 2 Äthiopien 2 USA 1 Nigeria 1 Finnland 1 Spanien 1 Jugoslawien 1 Kanada 1 Gesamt 200

Institut Trauttmansdorffgasse (1984–1999) mini|Institut für Sterilitätsbetreuung – Trauttmansdorffgasse 3A, HietzingAm 29. Dezember 1984 gründeten die beiden eine Offene Handelsgesellschaft (OHG) unter dem Namen Dr. Feichtinger & Dr. Kemeter, Institut für Endokrinologie der Fortpflanzung und In-vitro-Fertilisierung. Später firmierte sie als Dr. Feichtinger & Dr. Kemeter, Institut für Sterilitätsbetreuung. Die Praxis übersiedelte in eine nahegelegene Villa in der Trauttmansdorffgasse 3A im Zentrum des 13. Wiener Gemeindebezirks (Ortsteil Alt-Hietzing).

In dieser Zeit wechselten sich Feichtinger und Kemeter bei der Betreuung ihrer Patientinnen wöchentlich ab.

Das Institut zog in den folgenden Jahren Studierende und Fachleute aus IVF-Zentren weltweit an.

Habilitation in Reproduktionsmedizin (1986) 1986 habilitierte sich Feichtinger an der Universität Wien im Fach Reproduktionsmedizin. Das Verfahren gestaltete sich schwierig, da er nicht mehr an der Universität Wien tätig war und die Vorstände der beiden zuständigen Universitäts-Frauenkliniken seinem Antrag ablehnend gegenüberstanden. Insbesondere Eduard Gitsch (1920–2013), Vorstand der 1. Universitäts-Frauenklinik (1. UFK), bezweifelte, dass die In-vitro-Fertilisation als eigenständiges wissenschaftliches Fachgebiet gelten könne. Nach einer ersten Ablehnung wurde sie schließlich in einem zweiten Verfahren am 7. Oktober 1986 angenommen, gestützt auf positive Gutachten internationaler IVF-Pioniere wie des späteren Nobelpreisträgers Robert Edwards.

Im Jänner 1991 schied Peter Kemeter zunächst aus dem gemeinsamen Institut für Sterilitätsbetreuung aus und gründete in der Hadikgasse 82 (Penzing) ein eigenes Kinderwunsch-Institut. Feichtinger leitete das Institut fortan allein und war dort bis Ende 1999 tätig.

Wunschbaby Institut Feichtinger (ab 2000) mini|Wunschbaby Institut Feichtinger in Wien-Hietzing, Lainzer Straße 6 Nachdem die Stadt Wien die behördliche Bewilligung erteilt hatte, übersiedelte das Institut am 22. Februar 2000 an seinen heutigen Standort in der Lainzer Straße 6 in Hietzing.

2001 zog Feichtinger in einem Interview eine Zwischenbilanz: Durch die Arbeit seines Teams – zunächst an der Universitäts-Frauenklinik, später am eigenen Institut – seien bis dahin über 3.000 Kinder durch künstliche Befruchtung gezeugt worden.

2002 erfolgte die Umbenennung des Instituts für Sterilitätsbetreuung in Wunschbaby-Zentrum, Institut für Kinderwunsch, da der Begriff „Sterilität“ häufig irrtümlich mit „Sterilisation“ assoziiert wurde.

2008 kehrte Peter Kemeter zurück und übernahm die Leitung der Abteilung für Samenspende am Wunschbaby-Zentrum. Dabei wurde die Samenbank organisatorisch ausgegliedert und an die Vorgaben des Fortpflanzungsmedizingesetzes (FMedG) angepasst, das für Spendersamen eine Aufbewahrungsfrist von 30 Jahren ab Behandlung vorsieht (§ 15 FMedG).

Etwa 2013 erhielt das Institut seinen heutigen Namen Wunschbaby Institut Feichtinger (WIF).

Im Sommer 2017 ging das Institut eine Kooperation mit der neu gegründeten IVF-Klinik Kinderwunsch im Zentrum in Tulln an der Donau ein und erwarb 30 % der Anteile an der betreibenden Kinderwunsch im Zentrum GmbH, die von Kathrin und Michael Sator geleitet wird.

Im Mai 2018 übergab Feichtinger die Leitung des Instituts an seinen Sohn Michael Feichtinger, der bereits seit einigen Monaten stellvertretender Leiter gewesen war.

Eröffnung des Standorts Baden (2018)