Intelligenz (von „erkennen“, „einsehen“; „verstehen“; wörtlich „wählen zwischen …“ von lateinisch inter „zwischen“ und legere „lesen, wählen“) ist die kognitive bzw. geistige Leistungsfähigkeit bei Menschen und zum Teil auch Tieren speziell im Problemlösen. Der Begriff umfasst die Gesamtheit unterschiedlich ausgeprägter kognitiver Fähigkeiten zur Lösung eines logischen, sprachlichen, mathematischen oder sinnbezogenen Problems. Da einzelne kognitive Fähigkeiten unterschiedlich stark ausgeprägt sein können und keine Einigkeit darüber besteht, wie diese zu bestimmen und zu unterscheiden sind, gibt es neben der bereits erwähnten Definition keine weiterführende, allgemeingültige Definition der Intelligenz. Vielmehr schlagen die verschiedenen Intelligenztheorien unterschiedliche Operationalisierungen des alltagssprachlichen Begriffs vor.

Mit Intelligenz und Intelligenztests befassen sich speziell die Allgemeine Psychologie, die Differentielle Psychologie und die Neuropsychologie. Die Erforschung der Intelligenz auf dem Gebiet der Allgemeinen Psychologie unter dem Aspekt der problemlösenden Informationsverarbeitung bezeichnet man heute oft als Kognitive Psychologie. Diese wiederum greift auf Methoden und Erkenntnisse der Hirnforschung, der Entwicklungspsychologie und zunehmend auch der Programmierung von künstlicher Intelligenz zurück, wobei diese von der hier beschriebenen Intelligenz zu unterscheiden ist.

Generalfaktor der Intelligenz nach Spearman Der von Charles Spearman eingeführte g-Faktor der Intelligenz (g-Faktor) ist eines der am weitesten verbreiteten Maße für die allgemeine Intelligenz. Er ist eines der reliabelsten und validesten Konstrukte der Psychologie.

Rezeption Laut Robert Plomin sagt er schulischen Erfolg und Prestige des später erreichten Berufs besser vorher als jede andere erfassbare Eigenschaft.Robert Plomin (1999): Genetics and general cognitive ability. Nature 402: C25–C29. doi:10.1038/35011520 Seine Voraussagekraft auf Variablen wie Berufsprestige und Einkommen eines Individuums wird verringert, wenn man eine mit ihm korrelierte Variable, den sozioökonomischen Status des Elternhauses, einbezieht. Auch in diesem Fall leistet er einen eigenständigen Beitrag zur Varianzaufklärung.Ulric Neisser, Gwyneth Boodoo, Thomas J. Bouchard, Jr. et al.: Intelligence: Knowns and Unknowns. In: American Psychologist. Februar 1996, S. 82, Volltext (PDF; 673 kB) Report einer Arbeitsgruppe der American Psychological Association.

Unumstritten ist, dass Menschen ihren Verwandten bezüglich des g-Faktors ähnlicher sind als zufällig ausgewählten Personen. Unklar ist hingegen, inwiefern biologische oder soziale Faktoren die Ursache für diese Ähnlichkeit sind. Diese Frage zählt zu den am umfangreichsten diskutierten Fragen in der Psychologie.David G. Myers. Psychology. 2010. Wort Publishers, S. 427. Während heute weitestgehend Einigkeit darüber herrscht, dass unter normalen Bedingungen beide Faktoren eine Rolle spielen,J. Asendorpf: Psychologie der Persönlichkeit. 3. Auflage. Springer, Heidelberg 2004.M. Amelang, D. Bartussek: Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung. 5. Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 2001. herrscht eine erhebliche Uneinigkeit darüber, wie stark der Einfluss welches Faktors ist. Dieser Konflikt wird im Englischen als „Nature versus Nurture“ (engl. „nature“ für Natur im Sinne des genetischen Anteils und engl. „nurture“ für Erziehung im Sinne der sozialen Faktoren) bezeichnet.

Die Vertreter, die davon ausgehen, dass der g-Faktor stark durch erbliche Faktoren beeinflusst wird, werden als Hereditarians bezeichnet. Dagegen werden als Environmentalists diejenigen bezeichnet, die die These vertreten, dass der g-Faktor stark durch Umwelteinflüsse bedingt ist. Es gibt heute eine Fülle von Studien zur Erblichkeit des g-Faktors,David G. Myers: Psychology. Wort Publishers, 2010, S. 427. die jedoch von den verschiedenen Lagern unterschiedlich interpretiert werden. Die Interpretation wird dadurch erschwert, dass die Erblichkeit des g-Faktors sich nicht unter allen Bedingungen gleich gestaltet.

Die Debatte um die Erblichkeit der Intelligenz ist nicht frei von Skandalen geblieben. Als umstritten gelten dabei zum Beispiel Cyril Burt, der eine Erblichkeit der Intelligenz von 70 bis 80 % annahm,Robert Joynson: The Burt affair. Routledge, London 1989. und Rick Heber, der aufgrund eines Experimentes, an dessen Existenz Zweifel aufgekommen sind, annahm, dass der Intelligenzquotient sich durch entsprechende Programme um circa 35 Punkte steigern lasse.Cecil R. Reynolds, Elaine Fletcher-Janzen (Hrsg.): Concise Encyclopedia of Special Education: A Reference for the Education of the Handicapped and Other Exceptional Children and Adults. 2. Auflage. John Wiley & Sons, 2001, S. 462–463, 635–636. Cyril Burt wurde von Leon J. Kamin verdächtigt, Daten gefälscht zu haben. Es ist heute unbestritten, dass auf Burts Daten zur Zwillingsforschung aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht zurückgegriffen werden kann. Ob es sich um eine Fälschung oder nachlässige Forschung handelt, wird unter Wissenschaftlern kontrovers diskutiert. Burts Schüler Hans Jürgen Eysenck empfand, dass Burt nachlässig war, aber nicht gefälscht hat. Er sah nicht alle Arbeiten Burts als unbrauchbar an, sondern nur die zur Zwillingsforschung, und griff auf andere zurück. Obwohl diese Forscher heute als äußerst umstritten gelten, werden sie noch immer (Stand 2009) von anderen Wissenschaftlern aus den entsprechenden Lagern z. T. unkritisch zitiert.vgl. dazu etwa: Hans Jürgen Eysenck: Intelligenz-Test. Wie hoch ist ihr IQ? Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2009; Richard. E. Nisbett: Intelligence and how to get it. W. W. Norton & Company, 2009.

Differentielle Psychologie und psychologische Diagnostik Die differentielle und Persönlichkeitspsychologie ist Quelle eines Großteils der Forschung zum Konstrukt Intelligenz. In dieser Disziplin wird Intelligenz als Teilbereich der Persönlichkeit im weiteren Sinne gesehen. Dabei bemüht man sich darum, die unscharfen Begrifflichkeiten zu vermeiden, die im alltäglichen Sprachgebrauch verwendet werden (Denkvermögen, Auffassungsgabe, Rationalität, Logik, Urteilsvermögen), um die geistigen Fähigkeiten des Menschen zu kennzeichnen, Intelligenz messbar zu machen und von anderen Konstrukten der psychologischen Forschung wie z. B. Kreativität abzugrenzen (vgl. diskriminante Validität, Testgütekriterien).

Aus der Grundlagendisziplin der differentiellen Psychologie geht die Intelligenzdiagnostik bzw. die Psychometrie als Anwendungsgebiet hervor. Hier bemüht man sich darum, quantitative Unterschiede der Intelligenz zwischen Menschen festzustellen. Als Fachbegriff der Psychometrie wurde „intelligence – Intelligenz“ in der Zeit um 1900 geprägt, wobei der inhaltliche Impuls aus dem französischen (Alfred Binet) und englischen Sprachraum kam (Louis Leon Thurstone, Charles Spearman). Einige Intelligenztests sind adaptiv und passen sich in der Schwierigkeit dem Vermögen des Probanden an (sog. adaptives Testen).

Intelligenztest

Ein Intelligenztest dient dazu, die kognitiven Fähigkeiten eines Menschen zu erfassen. Es existiert eine Vielzahl unterschiedlicher Tests für unterschiedliche Zielgruppen und Anwendungsfälle. Ergebnis eines solchen Tests ist häufig der sogenannte Intelligenzquotient (IQ).

Den Intelligenztests liegt die Annahme zugrunde, dass der Intelligenzquotient der Bevölkerung normalverteilt ist. Damit beschreibt der IQ die Abweichung vom Mittelwert 100, eine Standardabweichung beträgt 15 IQ-Punkte.

Der Validitätsnachweis von Intelligenzmessungen ist eine Voraussetzung, solche Ergebnisse in der psychodiagnostischen Praxis zu verwenden.

Intelligenzquotient

1904 wurde eine Gesellschaft für Kinderpsychologie, die Société Libre pour l’Etude Psychologique de l’Enfant, von der französischen Regierung damit beauftragt, einen Test zu erstellen, mit dem man geistig behinderte Kinder, die vom normalen Schulunterricht nicht mehr profitieren, identifizieren könnte. Alfred Binet und Théodore Simon entwickelten daraufhin den ersten IQ-Test. Abgerufen am 27. November 2015. Der IQ wurde dabei als Quotient von Intelligenzalter und Lebensalter definiert.

Später wurde von anderen Forschern (David Wechsler) ein neues Intelligenzkonzept eingeführt, bei dem die Leistung des Einzelnen auf den Mittelwert der entsprechenden Altersklasse bezogen wird.

Modelle

Der Verfasser des ersten Intelligenztests, Alfred Binet, sah Intelligenz als ein Bündel zahlreicher Einzelfähigkeiten, auch wenn sein Test zu zeigen schien, dass Intelligenz etwas Einheitliches, Ganzes sei. Ein genaueres Strukturmodell erstellte er jedoch nicht.

Im Laufe der Zeit entstanden verschiedene Erklärungsmodelle, die vor allem auf die Faktorenanalyse zurückgreifen.

Intelligenz als Persönlichkeitseigenschaft Intelligenz korreliert mit einer Reihe anderer Variablen. So sind intelligente Menschen oft schulisch erfolgreicher als weniger intelligente MenschenManfred Amelang: Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. Kohlhammer, Stuttgart / Berlin / Köln 1990, ISBN 3-17-010747-X, S. 234. und besetzen im Durchschnitt höhere Berufspositionen (dies gilt insbesondere für Männer, deren IQ-Wert um 0,7 mit dem Berufsprestige korreliert, bei Frauen ist die Korrelation u. a. wegen Kindererziehung geringer).Jens B. Asendorpf: Persönlichkeitspsychologie. Springer Medizinverlag, Heidelberg 2009, S. 80. Unter Studenten und unter Auszubildenden erbringen die intelligenteren bessere Leistungen als die weniger intelligenten. Überdurchschnittlich begabte Menschen leben in der Regel gesünder und haben eine höhere Lebenserwartung.Linda. S. Gottfredson, Ian J. Deary: Intelligence Predict Health and Longevity – but why? Current Directions In Psychological Science. (Auch online verfügbar: udel.edu (PDF; 68 kB)).

Es konnte gezeigt werden, dass zumindest in den USA die soziale Herkunft einen viel stärkeren Einfluss auf den Verdienst hat als die Intelligenz.

Intelligenz korreliert jedoch auch mit Krankheiten. So sind intelligente Menschen etwa häufiger kurzsichtig.Die Zeit: Kurzsichtige Menschen sind intelligenter abgerufen am 7. Februar 2008.G. C. Ashton: Myopia and cognitive ability. In: Behav. Genetics. 13, 1983, S. 526.D. Lubinski, L. Humphreys: some bodily and medical correlates of mathematical giftedness and commensurate levels of socioeconomic status. In: Intelligence. 16, 1992, S. 99–115. Auch mit bestimmten Erbkrankheiten besteht ein Zusammenhang.

Für psychische Störungen wie Schizophrenie konnte gezeigt werden, dass sowohl besonders intelligente als auch besonders wenig intelligente Personen verstärkt darunter leiden – durchschnittlich intelligente jedoch weit seltener.F. Post: Creativity and psychopathology: a study of 291 world famous men. In: British J. of Psychiatry. 165, 1994, S. 22–24.Joan Arehart-Treichel: In Families With Psychosis, The Numbers Tell a Story. In: Psychiatric News. Band 39, Nr. 11, 2004, S. 36–42 , abgerufen am 24. September 2012.Jon L. Karlsson: Psychosis and academic performance. In: The British Journal of Psychiatry. Band 184, Nr. 4, 2004, S. 327–329, doi:10.1192/bjp.184.4.327.

Biologische Korrelate Es ist statistisch nachweisbar, dass Intelligenz und Hirnvolumen positiv zusammenhängen.M. McDaniel: Big-brained people are smarter: A meta-analysis of the relationship between in vivo brain volume and intelligence. In: Intelligence. 33(4), 2005, S. 337–346, doi:10.1016/j.intell.2004.11.005.D. Posthuma u. a.: The association of brain volume and intelligence is of genetic origin. In: Nature Neuroscience. Band 5, Nr. 2, 2002, S. 83–84, doi:10.1038/nn0202-83 ( PDF; 38 kB, abgerufen am 24. September 2012). Dabei handelt es sich jedoch nur um einen moderaten Effekt; Hirnvolumen erklärt nur einen kleinen Teil der Intelligenzvariabilität.