mini|Arnold Schönberg (Los Angeles, 1948) Ein Überlebender aus Warschau (Originaltitel ), op. 46, ist ein Melodram von Arnold Schönberg für einen Sprecher, Männerchor und Orchester aus dem Jahre 1947. Wie viele Stücke Schönbergs seit den 1920er Jahren ist das Werk in Zwölftontechnik mit teilweise fast punktueller,Zum Begriff der punktuellen Instrumentation speziell bei Webern, aber auch bei Schönberg siehe: Hermann Erpf: Lehrbuch der Instrumentation und Instrumentenkunde, Schott, Mainz, 1959, S. 296–301. selbst innerhalb eines Taktes wechselnder Instrumentation geschrieben. Thema des etwa siebenminütigen Werks ist die Niederschlagung des Aufstands im Warschauer Ghetto. Ein Überlebender aus Warschau gilt als eines der ausdrucksstärksten„Die Technik des Melodrams hatte Schönberg ja schon in den früheren Werken beschäftigt; sie wird hier meisterhaft weitergeführt und zu erschütternder Dramatik gesteigert. […] Die Kantate ist rasch überall bekannt geworden.“; aus Karl Schumann und Gerhart von Westerman: Knaurs Konzertführer, 1969, S. 376; vgl. auch Friedrich Geiger im Beiheft der CD unter Sinopoli, Elatus: „Zwei Jahre nach Kriegsende komponierte Schönberg dann ein kurzes, gleichwohl monumentales Vokalstück, das bis heute als Inbegriff antifaschistischer Musik gilt: A Survivor from Warsaw […], ein äußerst kompromittiertes Oratorium, dessen Text, von Schönberg selbst verfasst, auf authentischen Berichten basiert. […] So spiegelt sich die Brutalität der Nazi-Schergen in aggressiven Fanfaren der Blechbläser wider. […] Die erschütternde dokumentarische Wirkung, die solche Gestaltungsmittel hervorriefen, überwältigte die Hörer der Uraufführung 1948 in Albuquerque (New Mexiko), […] Das Publikum hatte Schönberg verstanden.“ Werke Schönbergs von erschütternder Realistik in Text und Musikdtv-Atlas zur Musik, Band 2, dtv, München, 1985, S. 525. und stellt eine der wichtigsten und meistrezipierten musikalischen Auseinandersetzungen mit dem Holocaust dar.Mathias Lehmann: Musik über den Holocaust. Zu einem Seitenthema der deutschen Musikgeschichte nach 1945. In: Villigster Forschungsforum zu Nationalsozialismus, Rassismus und Antisemitismus (Hrsg.): Das Unbehagen in der „dritten Generation“ – Reflexionen des Holocaust, Antisemitismus und Nationalsozialismus, S. 46.Der tschechische Schriftsteller Milan Kundera widmete Ein Überlebender aus Warschau einen Essay in seinem Buch Encounter. Es ärgert ihn, dass gebildete Menschen nicht wissen, dass das Oratorium Ein Überlebender aus Warschau „das größte Denkmal ist, das jemals dem Holocaust gewidmet wurde … [doch] die Menschen kämpfen dafür, dass die Mörder nicht vergessen werden. Aber Schönberg vergessen sie.“ https://archive.org/details/encounter00kund, S. 151 ff.
Inhalt und historischer Kontext
Das Werk ist in der Zeit der Niederschlagung des Aufstands im Warschauer Ghetto, der am 19. April 1943 begann, angesiedelt. Dem Aufstand war die „große Aussiedlung“ ab dem 23. Juni 1942 mit dem Abtransport in die Vernichtungslager, meist nach Treblinka, vorausgegangen.
Der Erzähler, der sich halbtot geschlagen in den Untergrund retten konnte, ist Augenzeuge der Ereignisse. Die entrechteten Juden werden niedergeknüppelt und ermordet oder nach dem Appell mit dem Befehl zum Abzählen in die Vernichtungslager deportiert. Inmitten all dieser Brutalität besinnen sich die Juden auf ihre religiösen Wurzeln und beginnen, das Schma Jisrael, das jüdische Glaubensbekenntnis, zu singen, womit das Stück endet.
Entstehung
mini|Denkmal für die Helden des Ghettos in Warschau zur Erinnerung an den Aufstand im Warschauer Ghetto (Bildhauer: Natan Rappaport, Architekt: Leon Marek Suzin)
Schönberg war 1925 zum Leiter eines Meisterkurses für Komposition an der Preußischen Akademie Berlin ernannt worden. Nachdem ihm diese Stelle aus rassistischen Gründen im September 1933 entzogen worden war, kehrte er zum jüdischen Glauben zurück,Anm.: In einem Brief an Alban Berg von 1932 schrieb er: „Ich weiß natürlicherweise auch ohne die nationalen Winke, die man in den letzten Jahren empfangen hat, wohin ich gehöre. Man hat es mir so laut und so lange in die Ohren gehämmert, daß ich hätte taub sein müssen, … […] Ich nenne mich heute mit Stolz einen Juden; aber ich kenne die Schwierigkeiten, es wirklich zu sein.“ Aus: Schönberg: Briefe, S. 182. An von Webern schreibt er 1933: „Ich bin seit vierzehn Jahren vorbereitet auf das, was jetzt gekommen ist. […] Nunmehr bin ich vor einer Woche auch offiziell wieder in die jüdische Religionsgemeinschaft zurückgekehrt, obwohl mich davon nicht die Religion trennt (wie ja mein Moses und Aaron zeigen wird), wohl aber meine Auffassung über die Notwendigkeit der Anpassung der Kirche an die Forderungen der modernen Lebensführung.“; zitiert nach: Stuckenschmidt, S. 334. den er in seiner Jugend aufgegeben hatte. Er emigrierte in die USA, wo er eine Professur in Kompositionslehre an der UCLA erhielt und 1940 die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm.
Die Anregung zum Überlebenden aus Warschau ging auf die in Amerika lebende russische Choreografin Corinne Chochem zurück. Diese übersandte Schönberg Anfang 1947 Melodie und englische Übersetzung eines Partisanenliedes, welches in einer Auftragskomposition Schönbergs entweder in jiddischer Originalfassung oder in einer hebräischen Übertragung Verwendung finden sollte. Schönberg sandte an Chochem Honorarforderungen „für eine 6-9 minütige Komposition für kleines Orchester und Chor“ und präzisierte:
„Ich plane die Szene in der von Ihnen beschriebenen Weise zu realisieren. Wie die verurteilten Juden im Warschauer Ghetto zu singen begannen, bevor sie in den Tod gingen.“Eigene Übersetzung nach: “I plan to make it this scene – which you described – in the Warsaw Ghetto, how the doomed jews started singing, before gooing [sic] to die.”; nach www.schoenberg.at, siehe Weblinks.
Schönberg und Chochem kamen aufgrund unterschiedlicher Honorarvorstellungen (Schönbergs finanzielle Lage war zu dieser Zeit kritisch) zu keiner Einigung. Der ursprüngliche Plan, das Partisanenlied als Grundlage des Werks zu nutzen, musste daher aufgegeben werden. Doch ein Kompositionsauftrag der Koussevitzky Music Foundation in Boston bot Schönberg schließlich die Möglichkeit, seinen Plan in veränderter Form zu realisieren.schoenberg.at: Nach Willi Reich basiert der schließlich von Schönberg gewählte Text auf einem authentischen Zeugenbericht, den Schönberg von einem Überlebenden von Warschau gehört habe.Willi Reich cites a “German newspaper” article interview with Leibowitz from 15 November 1949 as the basis for the idea that Schoenberg heard the story for the piece from a real survivor from the Warsaw Ghetto. Reich cites the story as follows: “I cannot remember everything, I must have been unconscious most of the time; I remember only the grandiose moment when they all started to sing the old prayer. The day began as usual. Reveille when it still was dark – we were assembled and brutally treated. People got killed. The sergeant shouted that the dead should be counted, so that he knew how many he had to deliver to the gas chamber. The counting started slowly, irregularly. Then it began again: one, two, three, faster and faster, so that it sounded like a stampede of wild horses, and – all of a sudden – they began singing the Shema Yisroel.” Schoenberg’s text closely follows this story, except that he elaborates on “old prayer,” instead writing “the old prayer they had neglected for so many years – the forgotten creed!” The added emphasis supports Schoenberg’s dramatic purpose in the work.; auf Mark Feezell: The Lord Our God Is One: Form, Technique, And Spirituality in Arnold Schoenberg’s A Survivor From Warsaw, Op. 46, Seite 1 (PDF-Datei; 229 kB) Beat Föllmi konnte zeigen, dass Schönberg an der Vorlage zahlreiche Umarbeitungen vorgenommen hatte, insbesondere Entkonkretisierungen.Schönberg hatte geschrieben: „This text is based partly upon reports which i have received directly or indirectly.“ Vgl. dazu und zur Bearbeitung Beat A. Föllmi: Eine narratologische Analyse von Arnold Schönbergs Kantate „A Survivor from Warsaw“ op. 46, in: Archiv für Musikwissenschaft, 55. Jahrgang, 1998, S. 30 ff.
Schönberg begann die Komposition des Überlebenden aus Warschau am 11. August 1947 und vollendete sie am 23. August 1947.Michael Strasser: A Survivor from Warsaw as Personal Parable, in: Music & Letters 76, 1995, S. 52–63. Wegen seines schlechten Gesundheitszustandes erstellte er nur das Particell. René Leibowitz, ein Freund Schönbergs, komplettierte die Partitur unter seiner Aufsicht. Das Werk ist der Koussevitzky Music Foundation und der Erinnerung an Natalie Koussevitzky gewidmet.
Ein Jahr vor der KompositionAnm.: Er erlitt den Herzinfarkt am 2. August 1946; nach Dieter Kerner und Hans Schadewaldt: Über große Musiker, Band II (Teilausgabe des Buches Dieter Kerner: Große Musiker, Schattauer Verlagsgesellschaft, 5. Aufl., 1998), Robugen GmbH Pharmazeutische Fabrik, Esslingen, 2000, S. 288. hatte Schönberg einen Herzinfarkt erlitten. Ob die dabei erfahrene Todesnähe Einfluss auf die in op. 46 behandelten Todesqualen hatte, muss offenbleiben.Bernhard Hartmann: Kultur – Das Entsetzliche wird Klang
Uraufführung
mini|Juden und Besatzer im Warschauer Ghetto (1943)
Die Uraufführung fand am 4. November 1948 in Albuquerque (New Mexico) unter der Leitung von Kurt Frederick mit dem Albuquerque Civic Symphony Orchestra (einem 1932 gegründeten Laien- und Studentenorchester) statt, wobei Sherman Smith den gesprochenen Part übernahm, und war ein überwältigender Erfolg. Nach einer Schweigeminute musste das gesamte Stück wiederholt werden, erst danach gab es frenetischen Beifall. Es meldeten sich jedoch auch skeptischere Stimmen. So schrieb die Time nach der Uraufführung:
„Grausame Dissonanzen. Zuerst wurden die Zuhörer von einem hässlichen, brutalen Bläserstoß aufgerüttelt. […] Die Dissonanz der Harmonien steigerte sich ins Grausame. Der Chor schwoll zu einem einzigen schrecklichen Crescendo an. Dann, nach weniger als zehn Minuten seit dem ersten Stoß, war alles vorbei. Während seine Zuhörer immer noch darüber nachdachten, spielte der Dirigent Kurt Frederick es noch einmal, um dem Stück eine weitere Chance zu geben. Diesmal schien das Publikum es besser zu verstehen, und donnernder Applaus erfüllte das Auditorium.“Eigene Übersetzung; Originalartikel der Time, Ausgabe vom 15. November 1948, unter
Größere Bedeutung für die Verbreitung des Werks hatte aber die europäische Erstaufführung am 15. November 1949 in Paris durch den Dirigenten und Schönberg-Kenner René Leibowitz.Bernhard Hartmann: Kultur – Das Entsetzliche wird Klang. Arnold Schönbergs „Der Überlebende aus Warschau“
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