Der Ordoliberalismus ist eine liberale Denkrichtung, bei der ein durch den Staat geschaffener Ordnungsrahmen den ökonomischen Wettbewerb und die Freiheit der Bürger auf dem Markt gewährleisten soll.Hans-Rudolf Peters: Wirtschaftspolitik. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2000, ISBN 3-486-25502-9, S. 150.
Der Ordoliberalismus wurde im Wesentlichen ab 1932 von der sogenannten Freiburger Schule der Nationalökonomie an der Universität Freiburg entwickelt – aus dem Zusammentreffen eines Ökonomen, Walter Eucken, und zweier Juristen, Franz Böhm und Hans Grossmann-Doerth. Der Ordoliberalismus grenzt sich dabei sowohl vom „hedonistischen Materialismus“ der angelsächsischen Liberalen wie auch vom Marxismus ab; außerdem übte diese Schule scharfe Kritik an der ökonomischen Praxis des Nationalsozialismus. Mehrere bedeutende Denker dieser Schule (Walter Eucken, Wilhelm Röpke und Alfred Müller-Armack) veröffentlichten ihre Analysen in der Zeitschrift ORDO. Die Bezeichnung Ordoliberalismus wurde 1950 von Hero Moeller geprägt und geht auf den Ordo-Gedanken der scholastischen Hochschultheologie zurück, in Abgrenzung zur abgeschlossenen klösterlichen Theologie ( „Ordnung, [Ritter-]Orden“). Im Allgemeinen spricht man auch vom „deutschen Ordoliberalismus“.
Der Ordoliberalismus beeinflusste die Wirtschaftspolitik verschiedener deutscher Kanzler nach dem Zweiten Weltkrieg, weshalb man ihm die intellektuelle Urheberschaft des bundesrepublikanischen Wirtschaftswunders zuschreibt.
Geschichte Die Deutschen Ricardianer Entstehung Das politische Klima in Deutschland in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg war stark vom Antikapitalismus und Antiliberalismus geprägt, welcher sowohl von der revolutionären Linken als auch von der konservativen Rechten getragen wurde, wobei letztere die „Dolchstoßlegende“ verbreiteten, wonach die Niederlage nicht militärisch, sondern politisch von den „republikanischen Verrätern“, die den Versailler Vertrag unterzeichnet hatten, verursacht worden war.
Dieses politische Klima war durch die Ablehnung der angelsächsischen und westlichen Welt und einer starken Anziehungskraft des Staates, einer Ablehnung des Parlamentarismus und einem Primat der Politik gegenüber der Wirtschaft stark beeinflusst. Diese Attraktivität des Staates wurde vor allem durch Othmar Spanns Buch Der wahre Staat und durch Arthur Moeller van den Brucks 1923 erschienenes Buch Das dritte Reich popularisiert. Der Antiparlamentarismus fand in Carl Schmitt und Oswald Spengler redegewandte Fürsprecher. Das Postulat eines Primats der Politik entspringt laut Patricia Commun einer „Kontinuität der zutiefst antiliberalen historistischen Auffassung vom Staat und der kapitalistischen Wirtschaft“. Diese Annahme spiegelt sich in der Akzeptanz der Geldtheorie von Georg Friedrich Knapp durch die historische Schule wider, für die Geld eine reine Rechtsschöpfung ist.
Im Feld der Ökonomie dominierte die Historische Schule der Nationalökonomie und ihre Mitglieder nahmen eine zentrale Stellung im Verein für Socialpolitik ein, der führenden deutschen Vereinigung von Experten und Beratern für Sozialpolitik (der Verein wurde 1873 gegründet, um sich sowohl den revolutionären Sozialisten als auch den Liberalen des Kongresses Deutscher Ökonomen entgegenzustellen). Innerhalb dieser Organisation entstand am Ende des Ersten Weltkriegs eine Kontroverse in Bezug auf den Kapitalismus, zwischen Joseph Schumpeter auf der einen Seite, der von einer unausweichlichen Entwicklung hin zum Sozialismus ausging, und Protagonisten wie Gustav von Schmoller, Lujo Brentano oder Adolf Wagner auf der anderen Seite, die an die Möglichkeit zur Änderung des Systems glaubten.
Die Jungliberalen des Vereins gründeten 1922 unter der Führung von Alexander Rüstow einen „Unterausschuss für Theorie“, der den Namen Deutsche Ricardianer erhielt. Zu ihnen gehörten neben dem Gründer die Liberalen Walter Eucken und Wilhelm Röpke, sowie die Sozialisten Gustav Heimann, Adolf Löwe und Emil Lederer. Den Namen „Ricardianer“ wählten sie aus vier Hauptgründen: Zum einen sahen sie in David Ricardo den Begründer der hypothetisch-deduktiven Methode, wodurch sie sich von der historischen Schule abgrenzen, die sie für zu deskriptiv hielten. Andererseits ermöglichte ihnen die Tatsache, dass Ricardo ein Verfechter des Arbeitswerttheorie war, sich sowohl von der österreichischen Schule um Carl Menger abzugrenzen als auch von Sozialisten akzeptiert zu werden. Darüber hinaus bot Ricardo eine Theorie des internationalen Handels, die offene Grenzen förderte, was es erlaubte, sich ohne viel Aufhebens von Friedrich List abzugrenzen. Dies ermöglichte ihnen, einen wirtschaftlichen und politischen Liberalismus „westlicher“ Prägung zu einem Zeitpunkt zu vertreten, als diese Option in Deutschland sehr unpopulär war.
Die jungen Ricardianer und die deutschen Wirtschaftsprobleme (1920–1929) Der erste Artikel von Walter Eucken wurde 1923 veröffentlicht und befasste sich mit der deutschen Hyperinflation. Er kritisierte darin den Minister Karl Helfferich, der die Inflation durch ein Zahlungsbilanzungleichgewicht aufgrund der Reparationen erklärte. Für Eucken sei die Inflation auf eine Ausdehnung der Geldmenge während des Ersten Weltkriegs zurückzuführen, eine Position, die auch von Gustav Cassel vertreten wurde. Eucken war der Meinung, dass die Inflation durch die Aufblähung der Geldmenge während des Ersten Weltkriegs verursacht wurde. Er vertrat dabei wie Ludwig von Mises die Ansicht, dass „die Inflation an die Stelle von Steuern tritt, wenn die Regierung nicht den politischen Mut zu Maßnahmen hat und keine Kredite mehr aufnehmen kann“.
Im Sommer 1928 fand im Rahmen der anstehenden Verhandlungen über die Höhe der Reparationen und den Young-Plan eine von der Friedrich-List-Gesellschaft organisierte Konferenz statt, an der Walter Eucken, Wilhelm Röpke, Alexander Rüstow, Eduard Heimann und Emil Lederer teilnahmen. Auch Mitglieder der Historischen Schule waren zugegen: Benhard Harms, Edgar Salin, Werner Sombart und Friedrich von Gottl-Ottlilienfeld. Von Seiten der damaligen politischen Führung waren Reichskanzler Hans Luther, Finanzminister Rudolf Hilferding und der Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht anwesend. Bei diesem Treffen zeigte sich die große Uneinigkeit der deutschen Ökonomen, bezüglich der Lösungen für die zeitgenössischen Probleme. Unter den jungen Ricardianern entstand eine Kluft zwischen den Liberalen, die eine orthodoxe Haushaltspolitik befürworteten und später zu den Ordo-Liberalen wurden, und den Sozialisten.
Die zukünftigen Ordo-Liberalen und die wirtschaftliche und politische Krise von 1929–1932 Die späteren Ordoliberalen spielten während der Krise von 1929–1932 eine Expertenrolle: Ludwig Erhard, einer der Väter des späteren deutschen Wirtschaftswunders, war die rechte Hand von Wilhelm Vershofen und leitete das Institut für Wirtschaftsbeobachtung der deutschen Fertigware, eine Organisation, die vom 1925 von Ernst Wagemann (1884–1956) gegründeten Berliner Institut für Konjunkturforschung finanziert wurde. Alexander Rustow zählte 1932 zu möglichen künftigen Ministern, wenn nicht Ende Januar 1933 die Nazis an die Macht gekommen wären. Wilhelm Röpke war seinerseits Anfang 1931 Mitglied der Brauns-Kommission.
Die Brauns-Kommission wurde von Heinrich Brauns ins Leben gerufen, um Wege zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit aufzuzeigen. Sie bestand aus zehn Mitgliedern, darunter zwei Liberalen: Bernhard Dernburg und Wilhelm Röpke. Röpke verspürte ein grundsätzliches Unbehagen mit der Kommission, da einerseits ein Symptom, die Arbeitslosigkeit, aber nicht ihre Ursachen gelöst werden sollte, und andererseits sah er die Arbeitsweise der Kommission als grundsätzlich populistisch an.
Es gelang ihm, die Mitglieder der Kommission davon zu überzeugen, dass die Erholung durch eine Umstrukturierung der deutschen Staatsschulden erfolgen sollte, die mit Finanzspritzen aus dem Ausland und einer orthodoxen Finanzpolitik einhergehen sollte. Mit der Machtübernahme Hitlers im Jahr 1933, wurde aber schließlich der von Hjalmar Schacht befürwortete Neue Plan durchgesetzt.
Die Geburt des Ordoliberalismus Alexander Rustow brachte im Mai 1932 seine Freunde Walter Eucken und Wilhelm Röpke dazu, dem „Deutschen Bund für freie Wirtschaftspolitik“ beizutreten. Infolge der Machtübernahme der Nationalsozialisten sollte sich die Gruppe aber schnell wieder auflösen, Rustow und Röpke gingen bereits in den ersten Monaten des Jahres 1933 in die Türkei, wo sie an der Universität Istanbul lehrten und Röpke schließlich 1937 nach Genf. Beide nahmen am Walter Lippmann Kolloquium teil und entwickelten laut Patricia Commun einen eher soziologischen Liberalismus, auch wenn dieser gemeinsame Züge mit dem Ordoliberalismus aufwies, der sich in Deutschland um Walter Eucken herum aufbaute.
Die Hauptströmung des Ordoliberalismus entwickelte um Walter Eucken, der Anfang 1933 in der von seinem Vater, dem neukantianischen Philosophen Rudolf Eucken, herausgegebenen Zeitschrift einen Grundsatzartikel mit dem Titel Denken – Warum? veröffentlichte. In derselben Ausgabe veröffentlichte Friedrich Lutz einen Artikel mit dem Titel „Die Ideologie des Tatkreises“, in dem er sich mit der Tat-Bewegung von Hans Zehrer auseinandersetzte, einem konservativen Ideologen aus Weimar, der die demokratische Idee durch die Idee der Volksgemeinschaft ersetzen wollte. Eucken betonte, dass er sich dem damals in Deutschland sehr starken Antirationalismus entgegenstellte, der die Vernunft als „Überbleibsel einer überholten Epoche“ betrachtete. An der Universität Freiburg führte Eucken den Widerstand gegen Martin Heidegger an, als dieser vom Nazi-Regime zum Rektor ernannt wurde.
Die Veröffentlichung des Textes „Unsere Aufgabe“ im Jahr 1937 durch die Juristen Franz Böhm, Hans Grossman-Doerth und den Ökonomen Eucken ist sowohl die Grundlage als auch das Programm des Ordoliberalismus anzusehen. Die Autoren beklagen, dass „die Rechts- und Wirtschaftswissenschaften unter dem Einfluss des Juristen Friedrich Carl von Savigny, der historischen Schule von Werner Sombart und von Schmoller und des Determinismus von Karl Marx jeglichen politischen und sozialen Einfluss verloren haben“. Ihrer Meinung nach sollte wieder theoretisiert werden und „der Öffentlichkeit ein genaues Bild von den komplexen Zusammenhängen des Wirtschaftslebens“ vermitteln. Außerdem sollten die Verbindungen zwischen Wirtschaft, Recht und sozialen Problemen aufgezeigt werden, indem man „die großen ordnenden Prinzipien, um die herum sich die wirtschaftliche Organisation gliederte“, identifizierte. Auf diese Weise wollten sie die Sinnlosigkeit der damals in Deutschland herrschenden Wirtschaftspolitik aufzeigen. Durch ihr Programm zeigten sie ferner ihre Ambitionen, ihre Rolle als objektive und unparteiische Experten wiederzuerlangen.
Die Weiterentwicklung des Ordo-Liberalismus von 1937 bis 1945