mini|Plan von Syrakus von Charles Rollin Die Geschichte der Stadt Syrakus begann 734 v. Chr., als griechische Siedler an der Südostküste Siziliens die Stadt Syrakus () gründeten. In den folgenden Jahrhunderten entwickelte sich die Stadt zur größten und mächtigsten Stadt des antiken Siziliens und zu dessen kulturellem Zentrum. Lange Zeit konnte Syrakus den Angriffen fremder Eroberer standhalten. 212 v. Chr. geriet es unter die Herrschaft der Römer und wurde erste römische Provinzhauptstadt. Die Stadt hatte in der Antike bis zu 200.000 Bewohner, deutlich mehr als heute.Richard J. Evans: Syracuse in Antiquity. History and Topography. University of South Africa Press, Pretoria 2009, ISBN 1-86888-407-4, S. 10. Unter arabischer Herrschaft im 9. Jahrhundert verlor Syrakus seine Vormachtstellung an Palermo, das zur neuen Hauptstadt Siziliens ausgebaut wurde.
Heute ist Syrakus Siziliens viertgrößte Stadt und Hauptstadt des Freien Gemeindekonsortiums Syrakus. Aufgrund der archäologischen Fundstätten und Bauten, die die Geschichte der Stadt von ihrer Gründung bis in die Neuzeit widerspiegeln, erklärte die UNESCO Syrakus 2005 zum Weltkulturerbe. mini|Antike Münzen aus Syrakus|250x250px
Vorgeschichte mini|Knochennadeln, entstanden zwischen 3200 und 2500 v. Chr. Bronzezeit In der Gegend um Syrakus siedelten ab etwa der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. Menschen, deren Hinterlassenschaften mit der bronzezeitlichen Thapsos-Kultur zu verbinden sind. Ab dem 14. Jahrhundert v. Chr. scheint sich der Ort, an dem später Syrakus gegründet wurde, neben Thapsos, Scoglio del Tonno (Tarent) und Lipari zu einer der wichtigsten Stationen im Handel zwischen dem östlichen und westlichen Mittelmeerraum entwickelt zu habenAlessandra Giumlia-Mair: Handel und Rohstoffgewinnung im Italien der späten Bronzezeit, in: Das Schiff von Uluburun, Welthandel vor 3000 Jahre. Katalog der Sonderausstellung im Deutschen Bergbau-Museum Bochum im Jahre 2005 (2005), S. 417f.. Die Zeit vor der Besiedlung von Syrakus durch die Griechen ist bisher nicht gut erforscht, unter den sporadischen Funden aus der Bronzezeit waren aber bereits u. a. mykenische und zypriotische Keramik sowie ein zylinderförmiges Siegel ostmediterraner Herkunft.Robert Leighton: Sicily Before History: An Archaeological Survey from the Palaeolithic to the Iron Age. Cornell University Press, 1999, S. 154 (mit Belegen) Im 13. Jahrhundert werden viele küstennahe Siedlungen im Osten Siziliens zerstört oder verlassen, insbesondere in der Region von Syrakus. Die Hinterlassenschaften neuer Bewohner zeigen starke Verbindungen zum italienischen Festland, im Gegensatz zur vorausgegangenen Thapsos-Kultur. Wahrscheinlich sind diese Ereignisse mit der in antiken Quellen beschriebenen Ankunft der Sikeler in OstsizilienThukydides, Der Peloponnesische Krieg 6, 2. Diodor, Bibliothéke historiké 5, 6, 3. zu verbinden, bei der die bisherige Bevölkerung – die Sikaner antiker Quellen – nach Westen verdrängt wurde.Moses I. Finley: Das Antike Sizilien. Von der Vorgeschichte bis zur Arabischen Eroberung, C. H. Beck München (1979), 33f.
Griechische Antike Archaische Zeit Der Ortsname wurde von dem ausgedehnten Sumpfgebiet Syrákō abgeleitet, das sich an den Ufern der hier ins Mittelmeer mündenden Flüsse Anapo und Ciane befand.
Im Jahr 734 v. Chr. unterwarfen dorische Siedler aus Korinth unter der Führung von Archias die Sikeler, ließen sich auf der Insel Ortygia nieder und gründeten die Polis Syrákusai. Die 40 Hektar große Insel liegt nur durch eine enge Durchfahrt vom Festland getrennt zwischen zwei Naturhäfen und war daher gut zu verteidigen.
Durch die günstige Lage am Ionischen Meer, die den Handel mit Korinth und anderen Städten im östlichen Mittelmeerraum ermöglichte, gelangte die Stadt zu Reichtum und dehnte sich rasch auf das Festland aus, wo der Stadtteil Achradina entstand. Auch Tochterstädte wurden gegründet, wie 664 v. Chr. Akrai, 644 v. Chr. Kasmenai und 589 v. Chr. Kamarina. mini|Syrakuser Hemiobol, Kopf der Artemis, ca. 485–478 v. Chr. mini|Syrakuser Hemiobol, vierspeichiges Rad
Ab 580 v. Chr. prägte die Stadt ihre eigenen Münzen. Im Umlauf waren z. B. Tetradrachmen, die einen Wagenlenker mit Viergespann, entsprechend dem Wert von vier Drachmen, und den Kopf der griechischen Nymphe Arethusa mit vier Delphinen abbildeten. Häufiger wurden kleinere, weniger aufwändige Münzen geprägt, so der Obolus, der 1/6 einer Drachme galt und sein Halbstück, der Hemiobol. Arethusa verwandelte sich einst der Sage nach in die Süßwasserquelle, die auf Ortygia entspringt. Um 575 v. Chr. wurde der Apollontempel, der älteste bekannte griechische Tempel auf Sizilien, errichtet. Ältere Tyrannis und Demokratie
Zu Beginn des 5. Jahrhunderts v. Chr. lehnte sich die Stadtbevölkerung gegen die Herrschaft der wohlhabenden Gamoroi (auch Geomoroi, „Grundbesitzer“) auf, die einen rechtlich privilegierten aristokratischen Stand bildeten. Der Namensbedeutung zufolge waren die Gamoroi Nachkommen von Personen, denen bei der ursprünglichen Landverteilung bei der Besiedlung Land durch Verlosung zugeteilt worden war. Sie wurden nun aus der Stadt vertrieben. Gelon, der Tyrann von Gela, nutzte die Unruhen, ergriff als Ältester der Deinomeniden die Alleinherrschaft und wurde so 485 v. Chr. erster Tyrann von Syrakus. Er verhalf den Gamoroi zur Rückkehr in die Stadt und versklavte die besitzlose Bevölkerung.
Unter der Herrschaft Gelons wurde Syrakus Hauptstadt von Ostsizilien und dehnte sich weiter aus. Um die Stadtteile Ortygia und Achradina entstanden drei neue Stadtteile: Tyche, Neapolis und auf einer Anhöhe im Nordwesten Epipolai. Um 480 v. Chr. kam es zu einem Krieg zwischen Gelon und den Karthagern. Mit Hilfe seines Schwiegervaters Theron bezwang er die Angreifer in der Schlacht bei Himera. Anlässlich dieses Sieges ließ er auf Ortygia den Athenetempel, um den später die Kathedrale gebaut wurde, und weitere Tempel in Neapolis errichten.
mini|Griechisches Theater
Nach Gelons Tod 478 v. Chr. übernahm sein Bruder Hieron I. die Herrschaft. Er besiegte in der Schlacht von Kyme die Etrusker und baute Syrakus zu einem kulturellen Zentrum aus. Er versammelte Dichter wie Simonides von Keos, Epicharmos, Aischylos und Pindar an seinem Hof und ließ ein Theater errichten, das heute zu den größten Theatern der griechischen Antike zählt. Es bot Platz für 15.000 Zuschauer.
Als Hieron I. um 466 v. Chr. starb, folgte sein jüngerer Bruder Thrasybulos, der jedoch wegen seiner Grausamkeit nach knapp einem Jahr wieder gestürzt wurde. Dieses Ereignis feierte die Stadt von nun an mit einem jährlichen Opferfest zu Ehren des Zeus.
Mit der Entmachtung von Thrasybulos endete die Herrschaft der ersten drei Tyrannen von Syrakus, die sogenannte ältere Tyrannis. Von 466 bis 405 v. Chr. erlebte Syrakus eine Phase der Demokratie, die dem politischen System in Athen glich. In der Ekklesia, der Volksversammlung, wurden Gesetze beschlossen, über Außenpolitik und Militär entschieden und die Staatsbeamten und ein Rat gewählt. Die Standesunterschiede waren damit jedoch nicht aufgehoben. Die maßgebenden Führer entstammten weiterhin einer wohlhabenden Elite. Um 450 v. Chr. gelang es, gemeinsam mit Akragas einen Aufstand des Sikulerfürsten Duketios zu unterdrücken und die Vormachtstellung der Stadt weiter auszubauen. Dem Scherbengericht in Athen entsprach der Petalismós (πέταλον petalon, „Blatt“), zum Beschriften benutzte man statt der Scherben Olivenbaumblätter, nach Diodor umfasste der Verbannungszeitraum nur fünf Jahre.
mini|Sizilien und Syrakus im Altertum nach einer Karte des Abraham Ortelius von 1580
Während der Sizilienexpedition von 415 bis 413 v. Chr. belagerte eine Streitmacht aus Athen die Stadt, die jedoch vernichtend geschlagen wurde. 7000 Athener wurden kriegsgefangen und in die Latomien, die antiken Steinbrüche von Syrakus, zur Sklavenarbeit gebracht.
Jüngere Tyrannis
Mit Dionysios I., der 405 v. Chr. die Macht ergriff, begann die jüngere Tyrannis. Nach mehreren kriegerischen Auseinandersetzungen mit Karthago sicherte er Syrakus durch Friedensverträge und baute die Stadt zur mächtigsten Festung Siziliens aus. Um das Stadtgebiet wurde ein Mauerring errichtet und in dem erhöht gelegenen Stadtteil Epipolai eine große Befestigungsanlage, die Festung Euryalos, erbaut. Zu dieser Zeit hatte Syrakus etwa 125.000 Einwohner.
Dionysios I. dehnte seinen Machtbereich weiter aus. Er gründete neue Städte wie Adranon und Tyndaris und eroberte Rhegion. Nach seinem Tod 367 v. Chr. folgte sein Sohn Dionysios II., ein Verehrer des Philosophen Platon, der zeitweilig aus Syrakus vertrieben, aber erst 344 v. Chr. von Timoleon aus Korinth zur Abdankung gezwungen wurde. Timoleon führte in seiner Funktion als Aisymnet (Streitschlichter) vorübergehend wieder die Demokratie ein.
Nach Timoleons Abdankung 337 v. Chr. kam es in der Stadt zu Unruhen. Bei einem Aufstand 317 v. Chr. gelang es Agathokles, die Macht zu ergreifen. Er trat als Verteidiger der einfachen Bevölkerung gegen den wohlhabenden Adel auf und nahm als erster Tyrann ab 304 v. Chr. den Titel „König von Sizilien“ an. Nach seinem Tod 289 v. Chr. folgten erneut Unruhen und Aufstände und 278 v. Chr. bat Syrakus König Pyrrhos um Unterstützung im Kampf gegen Karthago. Dieser nutzte die Situation und unterwarf fast ganz Sizilien, musste sich jedoch 276 v. Chr. wieder nach Italien zurückziehen.
mini|Römische Schiffe werden mit Hilfe von Brennspiegeln in Brand gesetzt
Daraufhin übernahm 275 v. Chr. Hieron II. die Herrschaft in Syrakus und verhalf der Stadt zu einer langen Blütezeit. Er schloss Friedensverträge mit den Römern, die am Ende des Ersten Punischen Krieges die Karthager vertrieben und bis auf Syrakus ganz Sizilien erobert hatten, und sicherte ihnen Getreidelieferungen zu.
Er schuf ein neues Steuergesetz, die Lex Hieronica, förderte Landwirtschaft und Handel und holte Gelehrte wie Archimedes und Künstler wie den Dichter Theokrit an seinen Hof. Er ließ das Theater umbauen und für das jährliche Fest zu Ehren des Zeus einen knapp 200 m langen und über 10 m hohen Opferaltar errichten.
Nach Hierons Tod 215 v. Chr. ergriff sein Enkel Hieronymos die Macht. Dieser wandte sich von Rom ab und stellte sich im Zweiten Punischen Krieg auf die Seite Karthagos. Daraufhin belagerten römische Truppen Syrakus. Archimedes entwickelte eine Reihe von Kriegsmaschinen, um die Stadt zu verteidigen, und setzte angeblich mit Hilfe von Brennspiegeln die Segel römischer Schiffe in Brand. Doch unter der Führung von Marcus Claudius Marcellus gelang es den Römern schließlich 212 v. Chr., die Euryalos-Festung einzunehmen und die Stadt zu erobern.Polybios Historien VIII.5–8.
Liste der Herrscher mini|„Ohr des Dionysios“ – Felsenhöhle in den Steinbrüchen mini|Altar Hierons II.
Die angegebenen Jahreszahlen beziehen sich auf die Regierungszeiten.
Gelon von Gela (485–478 v. Chr.) Hieron I., Gelons Bruder (478–467/466 v. Chr.) Thrasybulos, Hierons Bruder (467/466–465 v. Chr.) Demokratie (465–405 v. Chr.) Dionysios I. (405–367 v. Chr.) Dionysios II., sein Sohn (367–357 v. Chr.) Dion (357–354 v. Chr.) Kallippos Rivale (354–353 v. Chr.) Hipparinos und Aretaios, Rivalen (353–351 v. Chr.) Nysaios (351–347 v. Chr.) Dionysios II., zum 2. Mal (347–344 v. Chr.) Timoleon als Aisymnet (344–337 v. Chr.) Oligarchie (337–317 v. Chr.) Agathokles (316–289 v. Chr., ab 304 v. Chr. als König) Hiketas (289–280 v. Chr.) Toinon (280 v. Chr.) Sosistratos (280–277 v. Chr.) epirotische Herrschaft (277–275 v. Chr.) Hieron II. (275–215 v. Chr., ab 260 v. Chr. als König) Gelon II., Mitregent (240–216 v. Chr.) Hieronymos (215–214 v. Chr.) Adranodoros (214–212 v. Chr.) Hippokrates, Mitregent (213–212 v. Chr.) Epikydes, Mitregent (213–212 v. Chr.) Syrakus wird von der Römischen Republik übernommen
Römische Antike mini|Römisches Amphitheater