mini|Inschrift in der Altstadt von Bern, welche besagt mit Nidle, Chäs u Anke / cha eine nid erchranke (Übersetzung: mit Rahm, Käse und Butter / kann einer nicht erkranken)
Berndeutsch (Eigenbezeichnung Bärndütsch) sind die schweizerdeutschen Dialekte, die im Berner Mittelland und einigen benachbarten Regionen gesprochen werden. Sie zählen zum Hochalemannischen.
Verbreitung Es gibt keinen einheitlichen, klar abgegrenzten berndeutschen Sprachraum. Üblicherweise werden die im deutschsprachigen Teil des Kantons Bern gesprochenen Dialekte Berndeutsch genannt, doch die tatsächlichen Dialektgrenzen verlaufen nur teilweise entlang der Kantonsgrenzen. Im Nordosten des Kantons Freiburg (Seebezirk) und im Süden des Kantons Solothurn (Bucheggberg) wird ebenfalls Berndeutsch gesprochen, und im Südwesten des Kantons Aargau und im Südwesten des Kantons Luzern (Entlebuch) finden sich Dialekte, die dem Berndeutschen sehr ähnlich sind. In den Tälern des Berner Oberlandes spricht man hingegen das höchstalemannische Berner Oberländische, das sich deutlich vom Berndeutschen des Mittellandes unterscheidet. Im ansonsten französischsprachigen Berner Jura wird Berndeutsch von den auf verschiedenen Höhenzügen wie etwa dem Sonnenberg siedelnden Täufern gesprochen; das am Jurasüdfuss gelegene Biel ist eine sowohl berndeutsch- als auch französischsprachige Stadt. Ein stark Pennsylvania Dutch beeinflusstes Berndeutsch reden auch rund 10'000 Amische im amerikanischen Bundesstaat Indiana im Adams County.Anja Hasse, Guido Seiler: Die Sprache(n) der Schweizer Täufer in Nordamerika. In: Elvira Glaser, Johannes Kabatek, Barbara Sonnenhauser (Hrsg.): Sprachenräume der Schweiz. Band 1: Sprachen. Narr Francke Attempto, Tübingen 2024, ISBN 978-3-381-10401-7 (doi:10.24053/9783381104024), S. 296–316.
Binnengliederung Im Gebiet des Kantons Bern existieren zahlreiche Dialektvarianten, deren Ausprägung und Anzahl allerdings im Abnehmen begriffen sind.
Stadt Bern Innerhalb der Stadt Bern gab es noch Mitte des 20. Jahrhunderts eine Anzahl von Soziolekten, die heute nur noch sehr eingeschränkt zu hören sind: Die Patrizier sprachen das dem Standarddeutschen nähere archaisierende Patrizier-Berndeutsch, das sich durch fehlende l-Vokalisierung (beispielsweise Milch [], nicht Miuch [] ‹Milch›, Esel [], nicht Esu [] ‹Esel›), fehlende nd-Velarisierung (beispielsweise anders , nicht angers ‹anders›) – für beides siehe unten, Aussprache – sowie Beibehalten der Endung (beispielsweise Zytung [], nicht Zytig [] ‹Zeitung›) und das Rachen-r wie im Französischen auszeichnete. Die alteingesessenen Berner der Mittel- und Oberschicht sprachen das gehobene Stadt-Berndeutsch, das sich von demjenigen der unteren Mittelschicht und Unterschicht unterschied; die Unterschicht im Mattequartier sprach zum Teil das sogenannte Mattenenglisch; die aus dem Umland Zugewanderten sprachen Landdialekte.
Der moderne Stadtdialekt beruht zu grossen Teilen auf den Landdialekten, weist aber auch einige Wörter des Mattenenglischen auf, hinzu kommen viele neue Lehnwörter vornehmlich aus dem Standarddeutschen und dem Englischen. Der Stadtdialekt strahlt seinerseits wieder auf das Land aus, wodurch im Einzugsgebiet der Agglomeration Bern eine zunehmende Nivellierung der Dialektunterschiede entsteht.
Stadt Biel Heute entspricht der Dialekt der meisten deutschsprachigen Einwohner Biels demjenigen des nördlichen Berndeutsch. Die traditionelle Stadtmundart weist jedoch wie die traditionelle Stadtberner Mundart weder l-Vokalisierung noch nd-Velarisierung (siehe oben) auf. Eine zusätzliche Besonderheit der Bieler Stadtmundart ist beziehungsweise war die grössere Nähe zum Nordwestschweizerdeutschen, da die Stadt bis 1798 zum Fürstbistum Basel gehört hatte. So hat sich beispielsweise bis mindestens ins 20. Jahrhundert bei konservativen Sprechern im Fall von altoberdeutsch /iu/ vor Labial und Velar nordwestschweizerdeutsches gehalten, etwa in dieff ‹tief›, wofür Nordberndeutsch (töüff) kennt. Noch bis ins 19. Jahrhundert wurde in Biel wie in Basel entrundet, man sagte also , , , , , für normalberndeutsch , , , , , , beispielsweise scheen, nei, dytsch, grien ‹schön, neu, deutsch, grün› (normalbernisch schöön, nöi, dütsch/tütsch, grüen).Zu den Varianten der Bieler Stadtmundart siehe detailliert Heinrich Baumgartner: Die Mundarten des Berner Seelandes. Huber, Frauenfeld 1922 (Beiträge zur Schweizerdeutschen Grammatik XIV), wonach zu Beginn des 20. Jahrhunderts neben den Burgern noch generell die ältere und mittlere Generation eine sich von der ländlichen Umgebung abhebende Stadtmundart sprachen (S. 169–179). Den Dialekt im 19. Jahrhundert stellt Baumgartner S. 66–68 vor; danach sei der letzte Bieler, der entrundete, in den 1880er-Jahren gestorben; in Bözingen habe sich die Entrundung bis «vor wenige Jahre» und in Lüscherz bis in die 1860er-Jahre erhalten, und in Ligerz, Twann und Tüscherz-Alfermée seien noch um 1920 selbst bei der mittleren Generation Sprecher anzutreffen gewesen, die neben den jüngeren gerundeten auch noch die älteren entrundeten Vokale gebraucht hätten. Texte in der damaligen Bieler Mundart hat Adam Friedrich Molz verfasst: Zwei Bielergedicht und drei hochdytsch Liggebießer (Bern 1843, 4. Auflage unter dem Titel Bieldytschi Gedicht mit hochdytsche Liggebießer, Biel 1943) und Es scheen, ney Lied vo d’r Heerlichkeit, Abnahme und truurigem Uusgang des uralten, wytberiehmten Freistaates Biel (Bern 1854); siehe überdies die Bieler Version des Gleichnisses vom verlorenen Sohn, das Franz Joseph Stalder 1819 in seinem Buch Die Landessprachen der Schweiz abdruckte.
Nördliches Berndeutsch Die auffälligste Variante, die heute noch ausgeprägt ist, ist der a/o-Unterschied. Im nördlichen Kantonsteil, d. h. im Seeland, im Oberaargau und in Teilen des unteren Emmentals, wird das im Mittelhochdeutschen lange zu verdumpft (ja/jo, Jahr/Johr). Das o-Gebiet ist allerdings auf dem Rückzug.
Südliches Berndeutsch Typisch für das südliche Berndeutsch ist der Schwund von vor mittelhochdeutschem //, beispielsweise treiche ‹trinken›, däiche ‹denken›. Es handelt sich hierbei um eine für das Höchstalemannische typische Ausprägung des Staubschen Gesetzes.
Typisch für den Dialekt südlich von Bern ist sodann die Monophthongierung von zu . Beispiele sind Gììss statt Geiss ‹Geiss›, zwǜǜ statt zwöi ‹zwei› und glùùbe statt gloube ‹glauben›.
Beide Phänomene werden heute aus dem Aaretal zwischen Bern und Thun zurückgedrängt, halten sich aber in den Hügel- und Voralpenzonen westlich und östlich davon und finden Anschluss im Berner Oberland, wo sie (in teils etwas abweichender Realisierung) allgemeine Gültigkeit haben.
Berner Oberland Im Berner Oberland trifft man auf eine grössere Dialektvielfalt als im Mittelland. Die Oberländer Dialekte, die in dialektologischer Hinsicht auch diejenigen des früheren Amtsbezirks Schwarzenburg mit einschliessen, gehören zum Höchstalemannischen; erkennbar unter anderem am Vokalsystem, das die mittelhochdeutschen Monophthonge auch im Hiatus bewahrt hat (schneie/schnye, boue/buue). Auch fehlen im Oberland die für das Berndeutsch typische l-Vokalisierung (Milch/Miuch) und die nd-Velarisierung (Hund/Hung), dafür finden sich (wie im südlichen Berndeutsch) die Monophthongierung von zu (beispielsweise Gììss ‹Geiss›, zwǜǜ ‹zwei› und glùùbe ‹glauben›) sowie Schwund des /n/ vor mittelhochdeutschem /nk/ (beispielsweise triiche ‹trinken›).
Oft werden nur die Dialekte des Mittellands als Berndeutsch bezeichnet, während die Oberländer Dialekte Berner Oberländisch und Brienzer/Haslitaler Dialekt genannt werden.
Aussprache (Phonologie) Ein Merkmal, welches das Berndeutsche von den meisten hochalemannischen Dialekten unterscheidet, ist die sehr verbreitete, nicht allein – wie in andern hochalemannischen Dialekten – auf die Position vor /t/ beschränkte Kürzung der historischen langen und folglich geschlossenen Hochzungenvokale.
+ Berndeutsche Vokalkürzung Berndeutsch Andere alemannische Dialekte Hochdeutsch wit wiit weit schrybe schriibe schreiben suge suuge saugen Hüser Hüüser Häuser Zile Ziile Zeile
Wie in anderen hochalemannischen Dialekten hat im grössten Teil des berndeutschen Sprachgebiets – das Oberaargau ausgenommen – keine Vokaldehnung in offenen Tonsilben stattgefunden. Ähnlich wie im Mittelhochdeutschen, aber im Unterschied zum Hochdeutschen, werden also Wörter wie Lade ‹Laden›, läse ‹lesen› mit kurzem Vokal als , ausgesprochen.
Als besonders typisch für das Berndeutsche gelten die folgenden beiden Merkmale, obwohl sie einerseits im traditionellen Patrizier-Berndeutsch und anderseits im Berner Oberland nicht gelten: l-Vokalisierung: vor einem Konsonanten oder am Ende der Silbe wird als ausgesprochen, beispielsweise Miuch [] ‹Milch›, Faue/Fauue/Fauwe [] ‹Falle›, Esu [] ‹Esel››; nd-Velarisierung: // wird meist [] ausgesprochen, zum Beispiel angers ‹anders›, Ching ‹Kind›. In gewissen Wörtern unterbleibt die nd-Velarisierung, beispielsweise in Fründ ‹Freund›.
Von den Dialekten der nördlichen und der (eher) östlichen Deutschschweiz wie dem Zürichdeutschen unterscheidet sich das Berndeutsche durch die Aussprache der Diphthonge, die auf mittelhochdeutsches EI und OU zurückgehen. Sie werden als und ausgesprochen, und nicht als und , beispielsweise Fleisch ‹Fleisch› oder Frou ‹Frau›. Damit fallen im Berndeutschen, anders als in den meisten andern deutschen Dialekten,Peter Wiesinger: Diphthongierung und Monophthongierung in den deutschen Dialekten. In: Werner Besch, Ulrich Knoop, Wolfgang Putschke, Herbert Ernst Wiegand (Hrsg.): Dialektologie. Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen Dialektforschung (= Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft. Band 1.2). de Gruyter, Berlin / New York 1983, S. 1076–1083. die mittelhochdeutschen Diphthonge mit den Diphthongierungsprodukten von mhd. ī, ū und ǖ in Hiat und Auslaut zusammen, vgl. – ausgehend von mhd. ein frîez bein – berndeutsch es freis Bei gegenüber zürichdeutsch e freis Bäi .
Wortschatz (Lexik) Viele berndeutsch-spezifische Wörter sind in den letzten Jahrzehnten verlorengegangen; der berndeutsche Wortschatz entspricht heute nicht zuletzt deshalb zu grossen Teilen dem allgemeinen schweizerdeutschen Wortschatz. Es existieren jedoch Besonderheiten, zum Beispiel gäng/geng/ging ‹immer›, Schaft ‹Schrank› (in den meisten anderen Schweizer Dialekten Chaschte ), oder Mütschli ‹Brötchen› statt beispielsweise Semmeli.
Als berndeutsche Schibbolethe gelten die Wörter äuwä/äuä ‹allweg/wohl› und die ursprünglich mattenenglischen Wörter ieu/iu ‹ja›, Gieu ‹Knabe› und Modi ‹Mädchen›. Teilweise sind auch starke Einflüsse aus dem Französischen erkennbar, heute natürlich auch zahlreiche englische Entlehnungen.
Grammatik Die berndeutsche Grammatik unterscheidet sich in vielen Bereichen von der standarddeutschen, ist aber weitgehend identisch mit der Grammatik anderer alemannischen Dialekte.
Satzbau (Syntax) Verbsequenzen weichen öfter von der Standardsprache ab als in Dialekten der mehr östlichen Deutschschweiz: Berndeutsch: Wiu i’s ha bhouptet Zürichdeutsch: Wil ich’s bhauptet ha Standardsprache: Weil ich es behauptet habe
Wie in anderen alemannischen Dialekten werden Relativsätze mit der Relativpartikel wo gebildet: Ds Ross, wo mer hei gfueret ‹Das Pferd, das wir gefüttert haben›.
Beugung (Morphologie) Typisch Berndeutsch (und Südwestschweizerdeutsch) ist die Pluralendung auch bei den (einsilbigen) starken Maskulina, wo die meisten anderen hochalemannischen Dialekte Nullendung kennen: Berndeutsch: e Wääg, e Tisch, e Stei, Plural zwe Wääge, zwe Tische, zwe Steine Zürichdeutsch: en Wääg, en Tisch, en Stäi, Plural zwee Wääg, zwee Tisch, zwee Stäi Standarddeutsch: ein Weg, ein Tisch, ein Stein, Plural zwei Wege, zwei Tische, zwei Steine