mini|hochkant|Friederike Mayröcker (2015) Friederike Mayröcker (* 20. Dezember 1924 in Wien; † 4. Juni 2021 ebenda)Christine Lehnen: Grande Dame der Literatur: Friedericke Mayröcker ist tot. In: dw.com. Deutsche Welle, 4. Juni 2021, abgerufen am 5. Juni 2021.Volker Weidermann: Lasst die Wörter aufjaulen. In: spiegel.de. Spiegel Online, 4. Juni 2021, abgerufen am 7. Juni 2021. war eine österreichische Schriftstellerin. Sie veröffentlichte ab den 1950er Jahren bis zu ihrem Tod über 80 Bücher, Lyrik, Prosa, Kinderbücher, Bühnentexte und Hörspiele und zählt zu den wichtigsten Autorinnen ihrer Generation im deutschsprachigen Raum.

Leben und Werk Friederike Mayröcker erhielt als Kind während ihrer Sommeraufenthalte in Deinzendorf (bei Retz) prägende Eindrücke für die lebenslange schriftstellerische Arbeit. 1939, als sie fünfzehn Jahre alt war, schrieb sie erste literarische Texte. Von 1946 an war sie als Englischlehrerin an verschiedenen Wiener Hauptschulen tätig; zwischenzeitlich holte sie 1950 die Matura nach. Mayröcker lernte 1946 Otto Basil kennen, den Herausgeber der avantgardistischen Nachkriegszeitschrift Plan, in der auch Paul Celan und Erich Fried veröffentlichten. Einige Jahre später veröffentlichte der einflussreiche Kritiker Hans Weigel ihre Gedichte. Andreas Okopenko entdeckte sie für die Zeitschrift Neue Wege und brachte sie in Kontakt mit der Wiener Gruppe um H. C. Artmann und Gerhard Rühm.

mini|Ernst Jandl und Friederike Mayröcker, anlässlich einer Lesung, Wien 1974 1954 lernte sie Ernst Jandl kennen. Beide hatten eine ausgeprägte Leidenschaft für Sprache, blieben aber noch auf den Brotberuf des Lehrers angewiesen, den sie beide weiterhin ausübten. Die ersten Publikationen wurden von der Öffentlichkeit wenig beachtet; man ordnete sie der experimentellen Wiener Gruppe zu, die nach Dada-Art die Bürger verschreckte und Verlage scheu machte. Jandl ging daher 1963 in die Bundesrepublik und nahm auch Mayröckers Arbeiten mit. In Stuttgart gewann er Max Bense für ihre Texte, in Berlin Walter Höllerer mit dem Literarischen Colloquium Berlin. 1965 erschien ihr Gedichtband metaphorisch. Gerald Bisinger vermittelte sie an den Rowohlt Verlag, wo 1966 Tod durch Musen mit einem Nachwort Eugen Gomringers erschien, der das Neuartige der Montagetechnik Mayröckers hervorhob. Einer größeren Öffentlichkeit wurden Mayröcker und Jandl durch das gemeinsam verfasste Hörspiel Fünf Mann Menschen bekannt, für das sie den Hörspielpreis der Kriegsblinden erhielten. Arbeiten für den Rundfunk machten ein bescheidenes Leben ohne den Beruf als Lehrer möglich. 1969 ließ sich Mayröcker als Lehrerin karenzieren und konnte sich nun ungeteilt größeren Prosawerken und weiteren Hörspielen widmen. 1977 ließ sie sich frühpensionieren.

mini|hochkant|Friederike Mayröcker, Wien 1974 Friederike Mayröcker galt als eine der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftstellerinnen im deutschen Sprachraum. Diese Stellung verdankte sie in erster Linie ihrer Lyrik, Erfolg hatte sie aber auch mit Prosa und Hörspielen. Vier davon verfasste sie gemeinsam mit Ernst Jandl, mit dem sie von 1954 bis zu dessen Tod im Jahr 2000 zusammenlebte.

Teile ihres Werks wurden in zahlreiche europäische und andere Sprachen übersetzt. Hierzu betonte die französische Übersetzerin Lucie Taieb in ihrem Artikel zur Rolle der Übersetzer bei der Rezeption von Mayröckers Werk in Frankreich die Vermittlung, die deren Vertraute Christel Fallenstein bei der Auswahl von Texten und Kommunikation mit zahlreichen Übersetzern über mehrere Jahrzehnte leistete. Fallenstein las oft als erste die Texte Mayröckers und war auch diejenige, welche Nachfragen verschiedener Übersetzer an Mayröcker und die Antworten der Autorin an die Übersetzer übermittelte.

Ihre Arbeitsweise beschrieb Mayröcker so: „Ich lebe in Bildern. Ich sehe alles in Bildern, meine ganze Vergangenheit, Erinnerungen sind Bilder. Ich mache die Bilder zu Sprache, indem ich ganz hineinsteige in das Bild. Ich steige solange hinein, bis es Sprache wird.“In: Heimspiel. Programmzeitschrift des ORF-Radiokulturhauses, März 2007, S. 5.

Mayröckers Prosawerk wurde oft als autofiktional beschrieben. Die prominenten Ich-Erzählinstanzen berichten meist von lebensweltlichen und alltäglichen Begebenheiten, häufig werden klassisch autobiographische Elemente wie Zitationen privater Gespräche, Briefe und Tagebucheinträge in die Prosatexte eingearbeitet. Paradoxerweise bestand Mayröcker in Interviews immer wieder auf ihrer „Biographielosigkeit“. Weil die meisten Informationen über ihr Leben dem Werk der Autorin entstammen, folgert Inge Arteel über Mayröckers Schreiben: „Das Werk ist nicht autobiographisch, es gibt aber kein Leben außerhalb des Werks, das Leben ist somit das Werk.“ Dadurch reflektiere die autofiktionale Prosa Mayröckers die Möglichkeiten und Grenzen autobiographischer Referentialität stets mit.

Bei FemBio wurde sie folgendermaßen eingeschätzt: „Ihre Texte entziehen sich dem rationalen Zugriff, sind ein poetisches, oft melancholisches Gespinst, sind Träume, die uns bezaubern – und befreien.“ Zu ihrem Buch Paloma schreibt Jörg Drews in der Süddeutschen Zeitung: „… die Autorin sagt ganz unkokett, dass sie 84 Jahre alt ist. Aber Friederike Mayröcker schreibt in ihrer ‚pneumatischen Fetzensprache‘, haucht alles in einer melancholischen Hast hin, im Ton einer entzückenden Leier, klagend und zugleich glücklich im Schreiben und nur noch im Schreiben.“

mini|Grab von Friederike Mayröcker und Ernst Jandl am Wiener Zentralfriedhof 2008 wurde der Dokumentarfilm Das Schreiben und das Schweigen über die Schriftstellerin veröffentlicht. Für den 2016 veröffentlichten Gedichtband fleurs, der nach études (2013) und cahier (2014) das Ende einer Trilogie markiert, gewann Mayröcker im selben Jahr den erstmals vergebenen Österreichischen Buchpreis. 2019 erwarb das Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek einen Teilvorlass. 2021 wurde sie für ihren Prosaband da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik nominiert.

Friederike Mayröcker war 1973 Gründungsmitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung und nahm an deren Versammlungen und Veranstaltungen teil. Sie lebte in Wien, wo sie im Juni 2021 im Alter von 96 Jahren starb. Ihre Beisetzung erfolgte im Grab von Ernst Jandl, einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 33 G, Nummer 29).

Nachleben und Erinnerung Zu Ehren von Mayröcker richtete die Universität Innsbruck im Jahr 2022 eine „Friederike-Mayröcker-Professur für österreichische Literatur- und Kulturgeschichte“ als Brückenprofessur zwischen dem Forschungsinstitut Brenner-Archiv und dem Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie ein. Diese hat seit Oktober 2024 die Germanistin Uta Degner inne.

Der Nachlass von Friederike Mayröcker befindet sich im Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek.

Anlässlich ihres 100. Geburtstages zeigte das Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek vom 18. April 2024 bis zum 16. Februar 2025 die Ausstellung „ich denke in langsamen Blitzen“. Friederike Mayröcker. Jahrhundertdichterin. Gezeigt wurde ein „facettenreiche[r] Einblick in den alle Dimensionen sprengenden Nachlass“ Mayröckers. Ein Begleitbuch zur Ausstellung erschien im Zsolnay Verlag.https://www.literaturhaus-wien.at/magazine_article/ausstellung-zu-friederike-mayroeckers-leben-und-werk/

Seit Mitte 2024 existiert zu Ehren Mayröckers die Friederike-Mayröcker-Residency, ein Poets-in-Residence-Programm, das vom Literaturhaus Wien in Abstimmung mit dem österreichischen Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport (BMKÖS) initiiert wurde. Das Programm ermöglicht es jährlich fünf Gästen, für jeweils zwei Monate in der früheren Wohnung von Friederike Mayröcker im 5. Wiener Gemeindebezirk mit einem Stipendium von monatlich 2.000 Euro schriftstellerisch tätig zu sein.https://www.literaturhaus-wien.at/programm/mayroecker-residence/

Zum 100. Geburtstag erschien im November 2024 das Mayröcker-Handbuch im Metzler Verlag. Es stellt das erste Nachschlagewerk zu Leben, Werk und Wirkung der Autorin dar.

Einzeltitel (Auswahl)

Lyrik und Prosa Larifari: Ein konfuses Buch. Bergland, Wien 1956 (= Neue Dichtung aus Österreich, Band 18); 2024: Insel-Bücherei 1543 mit Illustrationen von Nicolas Mahler. Tod durch Musen. Poetische Texte. Mit einem Nachwort von Eugen Gomringer, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1966, TB Luchterhand 1973, ISBN 3-472-61126-X. Minimonsters Traumlexikon. Texte in Prosa. Mit einem Nachwort von Max Bense, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1968. Fantom Fan. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1971, ISBN 3-498-04231-9. Fünf Mann Menschen. Hörspiele. Mit Ernst Jandl, Luchterhand, Typoskript, Neuwied/Berlin 1971. Sinclair Sofokles der Baby-Saurier. Mit Illustrationen von Angelika Kaufmann, Jugend-und-Volk-Verlagsgesellschaft, Wien/München 1971, ISBN 3-8113-1240-5, NA Residenz 2004, ISBN 3-85326-287-2. Arie auf tönernen Füszen. Metaphysisches Theater. Luchterhand, Neuwied/Darmstadt 1972 (= Sammlung Luchterhand 82). Blaue Erleuchtungen. Erste Gedichte. Eremiten-Presse, Düsseldorf 1973, ISBN 3-87365-041-X, NA Eremiten 1995, ISBN 3-87365-296-X. je ein umwölkter gipfel. Erzählung. Luchterhand, Neuwied/Darmstadt 1973, ISBN 3-472-86327-7. meine träume, ein flügelkleid. Eremiten-Presse, Düsseldorf 1974, ISBN 3-87365-077-0. In langsamen Blitzen. Literarisches Colloquium, Berlin 1974, ISBN 3-920392-43-4 (= LCB-Edition 36). Augen wie Schaljapin bevor er starb. Mit Illustrationen von Peter Pongratz, Vorarlberger Verlagsanstalt, Dornbirn 1974. Das Licht in der Landschaft. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, ISBN 3-518-03626-2. schriftungen oder gerüchte aus dem jenseits. Texte und Zeichnungen, Pfaffenweiler Presse, Pfaffenweiler 1975, ISBN 3-921365-01-5. Fast ein Frühling des Markus M. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1976, ISBN 3-518-03629-7. Heiße Hunde. Mit Graphiken von Ernst Jandl, Pfaffenweiler Presse, Pfaffenweiler 1977, ISBN 3-921365-10-4. rot ist unten. Jugend und Volk, Wien/München 1977, ISBN 3-8113-6600-9. Heiligenanstalt. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1978, ISBN 3-518-03619-X. Schwarmgesang: Szenen für die poetische Bühne. Rainer, Berlin 1978, ISBN 3-88114-022-0. jardin pour friederike mayröcker. Neue Texte 20/21, Linz 1978. Ausgewählte Gedichte: 1944–1978. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1979, ISBN 3-518-03618-1. Ein Lesebuch. Mit einem Nachwort von Gisela Lindemann (Hrsg.), Suhrkamp, Frankfurt am Main 1979, ISBN 3-518-37048-0 (= Suhrkamp Taschenbuch 548). Tochter der Bahn. Eremiten-Presse, Düsseldorf 1979, ISBN 3-87365-123-8. Pegas, das Pferd. Schroedel, Basel 1980, ISBN 3-507-95109-6. Die Abschiede. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-518-03617-3. Schwarze Romanzen. Gedichtzyklus mit Offsetlithographien von Max Weiler, Pfaffenweiler Presse, Pfaffenweiler 1981, ISBN 3-921365-48-1. Gute Nacht, guten Morgen. Gedichte 1978–1981. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1982, ISBN 3-518-03521-5. Ich, der Rabe und der Mond. Droschl, Graz 1982, ISBN 3-85420-020-X. Das Anheben der Arme bei Feuersglut. Gedichte und Prosa, Auswahl und Nachwort von Heinz F. Schafroth, Reclam, Stuttgart 1984, ISBN 3-15-008236-6. Magische Blätter I. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1983, ISBN 3-518-11202-3 (= Edition Suhrkamp 1202). Reise durch die Nacht. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-518-04700-0. Rosengarten. Mit einer Radierung von Maria Lassnig, Pfaffenweiler Presse, Pfaffenweiler 1984, ISBN 3-921365-71-6. Das Herzzerreißende der Dinge. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1985, ISBN 3-518-03568-1. Configurationen. Mit Hubert Aratym, Sonderzahl, Wien 1985, ISBN 3-85449-008-9. Winterglück: Gedichte 1981–1985. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-518-02574-0. der Donner des Stillhaltens. Mit Bodo Hell, Droschl, Wien/Graz 1986, ISBN 3-85420-089-7.