Als Palo (spanisch) werden in der umgangssprachlichen Terminologie und teilweise auch im Schrifttum des Flamenco die musikalischen Varietäten des traditionellen Flamencorepertoires bezeichnet.DRAE Eintrag „palo“ (Definition Nr. 10) im Diccionario der Real Academía Española, abgerufen am 14. Januar 2021 (spanisch). Als noch nicht allzu lang etablierte Bezeichnung konkurriert palo mit gelegentlich synonym verwendeten Begriffen wie oder .Vergleiche dazu Ricardo Molina und Antonio Mairena: Mundo y formas del cante flamenco. Librería Al-Andalus, Sevilla 1971 (spanisch).

Die nachfolgenden Abschnitte beziehen sich vorrangig auf den Begriff des palo als Topos und Kategorie in unterschiedlichen Systemen zur Klassifizierung des Flamencorepertoires. Eine tabellarische Übersicht über die Varietäten des Repertoires und einige ihrer Charakteristiken gibt die Liste der Palos des Flamenco, die auch Links zu Artikeln mit Einzeldarstellungen einiger palos enthält. mini|Darstellung eines palo (hier: Bulerías) im . mini|Kreisförmige Darstellung der palos mit Ursprungsformen im Zentrum.

Herkunft und Bedeutungsumfang der Bezeichnung

Die Bezeichnung palo hat im spanischen Sprachraum eine Vielzahl unterschiedlicher Bedeutungen.DRAE Vergl. dazu die Wortbedeutungen unter dem Eintrag „palo“ im Diccionario der Real Academía Española, abgerufen am 14. Januar 2021 (spanisch). Die Verwendung als taxonomischer Begriff innerhalb der unterschiedlichen Bestrebungen nach systematischer Ordnung des Flamencorepertoires legt nahe, dass der Begriff sich aus der Bezeichnung ableitet.DRAE Eintrag „palo“ (Definition Nr. 7) im Diccionario der Real Academía Española, abgerufen am 14. Januar 2021 (spanisch). Demnach bezeichnet er eine mittlere Kategorisierungsebene, sofern man die Metapher des Kartenspiels zugrunde legt: Der Kartensatz (spanisch baraja) steht für das gesamte Flamencorepertoire, der palo steht für Teilmengen des Repertoires, während die zugehörigen Kartenwerte (spanisch naipes) für die konkreten künstlerischen Realisationen stehen.

Da es sich bei der Musik des Flamenco um eine ursprünglich schriftlos tradierte Kunstform mit spontanen und improvisatorischen Aufführungselementen handelt, gibt es zwar im überlieferten Repertoire zahlreiche individuelle und namentlich benannte Schöpfungen, aber keinen Werkbegriff im engeren Sinne.Die sich aus den Möglichkeiten der technischen Vervielfältigung ergebende Urheberschaftsproblematik wird seit einigen Jahren auch im Flamenco diskutiert. Siehe dazu: Margarita Castilla Barea (Hrsg.): El flamenco y los derechos de autor. Fundación AISGE, Reus 2010, ISBN 978-84-290-1604-8 (spanisch). Vielmehr wird die künstlerische Qualität einer Interpretation auch daran gemessen, inwieweit sie einen Ausgleich zwischen individueller Originalität und der Erfüllung der traditionell einem palo als Topos zugeschriebenen Merkmale herzustellen vermag. Es gibt daher im Sprachgebrauch des Flamencomilieus weder eine einheitliche Bezeichnung für die individuellen Interpretationen eines palo, noch eine begriffliche Einengung der Bezeichnung palo auf seine Verwendung als abstrakte Kategorie: Jede Interpretation versteht sich als individuelle Realisation eines palo, während jeder palo zugleich alle realen und potentiellen Interpretationen einbezieht.

Das Spannungsfeld zwischen den durch Enkulturation und expliziter Tradierung im Bewusstsein der Flamencointerpreten stets gegenwärtigen Merkmalen der palos, und ihrer individuellen künstlerischen Realisation, bietet einerseits durch eine explizit den historischen Traditionen verbundene Auslegung die Möglichkeit zur Identifikation mit dem Flamenco als Teil des eigenen kulturellen Erbes, schafft andererseits aber auch Raum für künstlerische Innovationen. So dient die dem Begriff palo innewohnende Merkmalsbreite auch als Interpretations- und Akzeptanzspielraum, der die teilweise polemisch verteidigten und ideologisch belasteten Positionen eines angeblichVgl. hierzu Kersten Knipp: Flamenco. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-518-45824-8, S. 224–234. „unverfälschten“ der Traditionalisten und des gelegentlich bereits als „Postflamenco“ bezeichneten der Innovatoren definiert.

Klassifikationssysteme und Einteilung der Palos

Ein grundsätzliches Problem bei der Verwendung des Begriffes palo liegt im mangelnden Konsens hinsichtlich der Frage, nach welchen übergeordneten Kriterien eine musikalische Manifestation überhaupt dem Repertoire des Flamenco zugerechnet werden kann. Da viele, in der Öffentlichkeit und im Flamencoschrifttum unbestreitbar als „Flamencokünstler“ wahrgenommene Interpreten auch in anderen Genres tätig sind oder tätig waren,Beispiele für Flamencokünstler mit auch kommerziell erfolgreicher Tätigkeit in anderen Genres: Juanito Valderrama (Copla andaluza), Antonio J. Cortés Pantoja „Chiquetete“ (Sevillanas und Canción española), India Martínez (Flamenco-Pop) und Rocío Jurado, die zu einem der größten Stars des Canción española wurde. verbietet es sich, jede ihrer musikalischen Äußerungen automatisch dem Genre des Flamenco zuzurechnen. Umgekehrt gibt es seitens zahlreicher, sich dem traditionellen Flamenco verpflichtet fühlender Autoren erhebliche Vorbehalte hinsichtlich der Berücksichtigung des Repertoires von insbesondere in populären Genres auch kommerziell erfolgreichen Künstlern, selbst wenn diese unbestreitbar einen Vortragsstil pflegen, der eindeutig von der Stilistik des Flamenco geprägt ist.

Da bezüglich des Repertoires im öffentlichen Diskurs also erhebliche Meinungsverschiedenheiten bestehen, ist es nicht immer ersichtlich, welche Teile des Repertoires überhaupt zu den palos des Flamenco zu rechnen sind. Somit haben die meisten Klassifikationen der palos nur einen äußerst beschränkten Aussagewert und stellen durch das Fehlen eindeutiger Prämissen lediglich eine subjektive Auswahl aus einer Realität dar, die sich je nach Blickwinkel als unterschiedlich vielfältig darstellt.

Strukturelle Kategorien

Jeder palo lässt zunächst durch einige allgemeine, nicht ausschließlich auf die Musik des Flamenco beschränkbare strukturelle Merkmale charakterisieren:

die Metrik der Texte (spanisch letras) die Thematik des Textes Taktart und Grundrhythmus (spanisch compás flamenco) die Tonart, insbesondere unter Berücksichtigung der jeweils auf der Flamencogitarre verwendeten Akkorde, das Tongeschlecht oder der Modus charakteristische musikalische Motive und Akkordverbindungen die historische, lokale oder regionale, sowie die vermutete ethnischeHispanoteca Tabellarische Übersicht des Flamencorepertoires nach der Klassifikation von Ricardo Molina und Antonio Mairena (1971), die ihr Einteilungssystem ethnisch (cante gitano vs. cante andalúz) begründen, was seitens einiger Kritiker insbesondere in der jüngeren Vergangenheit wiederholt zum Vorwurf eines latenten und ethnozentristischen Rassismus geführt hat. Abgerufen am 14. Januar 2021 (spanisch). Herkunft

Anhand der voranstehend aufgeführten Kriterien wurden von verschiedenen Autoren unterschiedliche Ordnungssysteme entwickelt, von denen einige deutlich biologistische Züge aufweisen, bei der die Genese des Flamencorepertoires z. B. in Form eines Stammbaums dargestellt wird.

Manche palos der Gegenwart schließen Dutzende estilos traditioneller Gesänge ein, während sich bei anderen, wie den Serranas nur noch eine einzige Varietät mit geringem Interpretationsspielraum erhalten haben. Ein weiteres Beispiel ist das der Polos und der Cañas, die in Melodieführung, Harmonik und Form fast identisch sind, aber traditionell als jeweils eigenständige palos betrachtet werden. Im aktuellen Repertoire existieren sie, wie die Serranas, nur noch als weitgehend variantenlose Gesänge. Aus diesem Grund werden sie, anders als noch im ausgehenden 19. Jahrhundert, im Schrifttum meist in ihrer Singularform aufgeführt.

Historische Kategorien

Die Flamencoforschung hat in den letzten Jahrzehnten unter dem Schlagwort des „Pre- oder Protoflamenco“ dem Repertoire weitere Elemente hinzugefügt, von denen man je nach Quellenlage im Rahmen mehr oder weniger begründbarer Spekulationen annimmt, dass es sich hierbei um entweder nicht mehr gepflegte, oder um die historischen Vorläufer aktueller palos handeln könnte. Einige Autoren führen daher auch Gesänge auf, die als in der aktuellen Darbietungspraxis angeblich keine Rolle mehr spielen.Andrés Batista: Arte flamenco: toque, cante y baile. Editorial Alpuerto, Madrid 2008, ISBN 84-381-0428-2, S. 23 ff. (spanisch) Hierbei wird allerdings meist weder die Dynamik des Repertoires berücksichtigt, die sich im Verschwinden und der Neuschöpfung, aber auch in der Aktualisierung vormals nur noch als historisch bedeutsam erachteter palos manifestiert, noch die angesichts der oft unzulänglichen Quellenlage dringend gebotene Frage, welche dieser „palos en desuso“ tatsächlich jemals zum Flamencorepertoire gehörten.

Genealogische und ästhetische Klassifikationen

Die Unterscheidung von palos nach ihrer genealogischen Abstammung und ihrer Interpretationsästhetik gehört zu den frühesten, bereits im Flamencoschrifttum des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts vorgenommenen Klassifizierungsversuchen.Vergleiche hierzu die Übersicht zu frühen Klassifikationssystemen, in:

Cante gitano und Cante andalúz

Ausgangspunkt dieses auf oberster Ebene zweigeteilten Ordnungssystems ist die Annahme einer durch ethnische Unterschiede begründbaren Opposition zwischen dem als authentisch und ausdrucksstark geltenden cante gitano, Gesängen, deren Ursprünge in der Musizierpraxis der andalusischen Gitanos vermutet wurden, und dem cante andalúz, den aus der andalusischen Folklore und der Popularmusik schöpfenden Gesängen eines historisch jüngeren und künstlerisch weniger anspruchsvollen Repertoires.

Da diese Klassifikationen neben der problematischen ethnischen Dimension immer auch ästhetische, und somit implizit auch qualitativ wertenden Kriterien enthalten, werden sie aufgrund ihrer ideologischen Färbung und ihres überwiegend spekulativen Charakters von großen Teilen der aktuellen Flamencoforschung abgelehnt.

Cante grande und Cante chico

Eine der bekanntesten und häufig zitierten, aber wegen ihrer mangelnden Trennschärfe und inhaltlichen Beliebigkeit weitgehend verworfenen Klassifikation unterscheidet zwischen cante grande oder cante jondo („tiefgründiger Gesang“) als dem großen, ernsten und technisch anspruchsvollen Gesang, und dem cante chico, als dem thematisch und künstlerisch nichtigen, volksliedhaften Gesang. Für Gesänge, die sich nicht ohne Widerspruch in diese beiden Kategorien fügen, gibt es die Gruppe des cante intermedio.