Die Händel-Festspiele in Halle (Saale) sind das größte Musikfest des Landes Sachsen-Anhalt und seit 2012 Mitglied im Verbund Musikfeste Sachsen-Anhalt. Es gilt als eines der bedeutendsten und ältesten Festivals für Barockmusik in Deutschland. Die auf das Jahr 1922 zurückgehenden und seit 1952 jährlich überwiegend im Juni stattfindenden Festspiele in Georg Friedrich Händels Geburtsstadt werden als „Zentrum der europäischen Händel-Pflege“ angesehen. Seit der Internationalisierung der Festspiele 1959 werden im Rahmen des Festes der Händel-Preis verliehen und eine wissenschaftliche Konferenz ausgerichtet. Die siebzehntägigen Festspiele werden von der Stadt Halle in Koordination mit der Georg-Friedrich-Händel-Gesellschaft veranstaltet. Im Händel-Haus in Halle befindet sich die Festspieldirektion, Intendant ist seit 2025 der Musikwissenschaftler Florian Amort.
Geschichte Im Jahr 1922 gab es das erste „Hallesche Händelfest“, das die Voraussetzungen eines Festspiels erfüllte. Auf dem Programm standen Opern, Oratorien und Instrumentalmusik.Karin Zauft: Händel und die Händel-Festspiele in Halle. Halle (Saale) 2001, S. 73. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels ernannte die Stadt zur „Reichs-Händelfeststadt 1935“. Zwischen 1936 und 1944 wurden in Halle Händel-Tage veranstaltet.Karin Zauft: Händel und die Händel-Festspiele in Halle. Halle (Saale) 2001, S. 76. Mit der Eröffnung des Händel-Hauses 1948 und der ersten „Händeltage der Stadt Halle“ vom 22. Februar bis 2. März wurde der Händel-Enthusiasmus in Halle befeuert.Karin Zauft: Händel und die Händel-Festspiele in Halle. Halle (Saale) 2001, S. 27. 1951 wurde das hallesche Stadttheater, das bei den Luftangriffen auf Halle (Saale) 1945 zerstört wurde, wiedereröffnet.Karin Zauft: Händel und die Händel-Festspiele in Halle. Halle (Saale) 2001, S. 28.
Der Generalmusikdirektor und Chefdirigent des Händelfestspielorchesters des Landestheaters Halle, Horst-Tanu Margraf, war einer der maßgeblichen Initiatoren der ersten offiziellen „Händel-Festspiele“ 1952. Diese fanden vom 5. bis 13. Juli statt. Nahezu alle Musikinstitutionen der Stadt waren in ein Projekt eingebunden, das gesamtdeutschen Anspruch hatte. Die Konzeption beruhte auf fachlichen Beratungen von u. a. Max Schneider und Walter Serauky. haendelhaus.de; abgerufen am 7. November 2019. Händels Opern sollten für das „zeitgenössische Theater“ erneuert werden. 1952 wurden die drei Händel-Opern Agrippina, Alcina und Tamerlan inszeniert.Karin Zauft: Händel und die Händel-Festspiele in Halle. Halle (Saale) 2001, S. 25.
Schon ab dem darauffolgenden Jahr sollten die Festspiele regelmäßig stattfinden. Sie waren für rund fünf Tage angesetzt. Zentrale Figuren der Anfangsjahre waren neben Margraf, die Regisseure Heinz RückertKarin Zauft: Händel und die Händel-Festspiele in Halle. Halle (Saale) 2001, S. 30. und Siegmund SkraupKarin Zauft: Händel und die Händel-Festspiele in Halle. Halle (Saale) 2001, S. 29. sowie der Bühnenausstatter Rudolf Heinrich. Mit der Oper Alcina begann in den 1950er Jahren die „goldene Zeit“Karin Zauft: Händel und die Händel-Festspiele in Halle. Halle (Saale) 2001, S. 32. und Radamisto und Poro standen für die Renaissance von Händel-Opern. Man stützte sich auf das Inszenierungsprinzip des „Realistischen Musiktheaters“ von Walter Felsenstein. Im Jahr 1955 wurde die internationale Georg-Friedrich-Händel-Gesellschaft in Halle gegründet, welche die Hallische Händel-Ausgabe und das Händel-Jahrbuch verantwortete. Diese rief den Komponisten auch bei Musikern immer mehr ins Bewusstsein. Die Sängerin Philine Fischer avancierte zur Primadonna jener Jahre.Karin Zauft: Händel und die Händel-Festspiele in Halle. Halle (Saale) 2001, S. 46. Zu den Interpreten im Konzertanten gehörten in dieser Zeit u. a. die Singakademie Halle, der Stadtsingechor zu Halle, der Chor der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik Halle, das Landes-Sinfonieorchester Sachsen-Anhalt und das Ludwig-Schuster-Quartett.Karin Zauft: Händel und die Händel-Festspiele in Halle. Halle (Saale) 2001, S. 37. 1957 wurde ein „Kollektiv der Händelfestspiele“ mit dem Nationalpreis der DDR III. Klasse ausgezeichnet.
Zum 200. Todestag von Georg Friedrich Händel 1959 gab es einen Staatsakt mit Ministerpräsident Otto Grotewohl. Das Händel-Fest sollte internationalisiert werden. Dazu wurden der Russische Akademische Staatschor der UdSSR, der Tschechische Philharmonische Chor, das Prager Rundfunk-Sinfonieorchester, das britische Deller Consort und die französische Pianistin Hélène Boschi nach Halle eingeladen. Während der Festspiele wurde dann zum ersten Mal der Händel-Preis vergeben.Karin Zauft: Händel und die Händel-Festspiele in Halle. Halle (Saale) 2001, S. 38. Außerdem fand 1959 im Rahmen der Festspiele erstmals eine wissenschaftliche Konferenz statt, an der sich internationale Forscher beteiligten. Darüber hinaus wurden in Halle die Händel-Oratorien gepflegt. Aufgrund des Bedeutungszuwachses der Veranstaltung wirkten ab Mitte der 1950er Jahre immer wieder das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und der Rundfunkchor Berlin mit.Karin Zauft: Händel und die Händel-Festspiele in Halle. Halle (Saale) 2001, S. 39. Insbesondere The Triumph of Time and Truth wurde bei den Festspielen 1959 positiv aufgenommen.
Mit dem „Bitterfelder Weg“ 1959/64 sollten auch die Festspiele konfrontiert werden.Karin Zauft: Händel und die Händel-Festspiele in Halle. Halle (Saale) 2001, S. 44. Ein „neues Händelbild“ war erstrebenswert geworden, beispielsweise sah Walther Siegmund-Schultze Händel als „Realist, Humanist, Aufklärer“. Der Bedeutungswandel des Komponisten führte zur Berücksichtigung der historischen Aufführungspraxis. Bei den Festspielen 1961 gab die Londoner Handel Opera Society ein Gastspiel mit der Oper Rinaldo. Auch personell kam es zu Veränderungen: Solisten wie Kurt Hübenthal und Beate Lenk gewannen an Bedeutung. Die Dramaturgin Waldtraut Lewin und der Regisseur Harry Kupfer nahmen ihre Arbeit auf.Karin Zauft: Händel und die Händel-Festspiele in Halle. Halle (Saale) 2001, S. 45. Wolfgang Kersten wurde Operndirektor und Thomas Sanderling musikalischer Leiter.Karin Zauft: Händel und die Händel-Festspiele in Halle. Halle (Saale) 2001, S. 47. 1964 wurde das Goethe-Theater Bad Lauchstädt wiederhergestellt.Karin Zauft: Händel und die Händel-Festspiele in Halle. Halle (Saale) 2001, S. 49.
Ab 1972 nannten sich die Festspiele „Händel-Festspiele der DDR in Halle“. Die sozialistischere Ausrichtung der Festspiele in den 1970er Jahren führte zur Ausweitung der Spielstätten u. a. auf die Klosterruine Memleben und das Hydrierwerk Zeitz.Karin Zauft: Händel und die Händel-Festspiele in Halle. Halle (Saale) 2001, S. 51. Die Festspiele waren auf der Suche nach internationaler Anerkennung. 1974 kam es zur Gründung des Barock-Consorts Halle (dann umbenannt in Hallesches Consort) unter Festspiel-Konzertmeister und Collegium instrumentale-Leiter Manfred Otte.Karin Zauft: Händel und die Händel-Festspiele in Halle. Halle (Saale) 2001, S. 54. Generalmusikdirektor Christian Kluttig konnte in den 1970er Jahren u. a. auf Martin Schneider, Andreas Baumann und Bernd Leistner zurückgreifen.Karin Zauft: Händel und die Händel-Festspiele in Halle. Halle (Saale) 2001, S. 58.
Ab Mitte der 1980er Jahre kam es zur Durchsetzung originalsprachlicher Fassungen. Außerdem löste man sich von naturalistischen Elementen. 1984 fand mit Peter Konwitschnys Operninszenierung Floridante das Regietheater Einzug in die Händel-Festspiele.Karin Zauft: Händel und die Händel-Festspiele in Halle. Halle (Saale) 2001, S. 59. Die 34. Händel-Festspiele wurden in die „Bach-Händel-Schütz-Ehrung der DDR 1985“ inkorporiert.Karin Zauft: Händel und die Händel-Festspiele in Halle. Halle (Saale) 2001, S. 61. Zwei Jahre zuvor war das Georg-Friedrich-Händel-Zentrum unter Claus Haake im Händel-Haus etabliert worden, dem sich auch das ständige Büro der Festspiele sowie die Konzerthalle am Boulevard und das Redaktionskollektiv der Hallischen Händel-Ausgabe anschlossen. Zum 300. Geburtstag des Komponisten sangen bei den Festspielen die English Baroque Soloists und der Monteverdi Choir unter John Eliot Gardiner das Oratorium Israel in Egypt. Darüber hinaus gab es einen Gastauftritt der Welsh National Opera mit Tamerlano. Seit der Vorstellung des Händel-Werke-Verzeichnis durch Bernd Baselt wird dieses in den Programmen der Festspiele verwendet. Zeitgenössische Musik wurde beim Festival in die Reihe „Konfrontation“ von Hans Jürgen Wenzel integriert.Karin Zauft: Händel und die Händel-Festspiele in Halle. Halle (Saale) 2001, S. 63.
mini|Spielstätte Opernhaus Halle (2017) Nach der Wende wurde das Händel-Zentrum aufgelöst. Es bildete sich ein Programmbeirat und ein Förderverein. Die Festspiele wurden fortan von der Stadt Halle, dem Veranstalter, und der Landesregierung von Sachsen-Anhalt getragen. Außerdem gewann man private Sponsoren. 1992 ging das Opernhaus Halle aus dem Theater des Friedens hervor. Außerdem konnten neue Händel-nahe Spielstätten wie die Marktkirche Unser Lieben Frauen und der Dom zu Halle gewonnen werden. Nach zweijähriger Pause wird seit 1993 auch wieder der Händel-Preis der Stadt Halle verliehen. 1999 fand eine Erweiterung der Festspielzeit auf zehn Tage statt.Karin Zauft: Händel und die Händel-Festspiele in Halle. Halle (Saale) 2001, S. 70. Seit 1993 gibt es zudem ein neuformiertes Händelfestspielorchester.
Anlässlich der 50. Händel-Festspiele 2001 übernahmen Bundeskanzler Gerhard Schröder und Premierminister Tony Blair die Schirmherrschaft.Karin Zauft: Händel und die Händel-Festspiele in Halle. Halle (Saale) 2001, S. 71. Sir John Eliot Gardiner wurde mit dem Händel-Preis ausgezeichnet. Der Preisträger dirigierte Händels Messiah. Außerdem stand eine Gemeinschaftsproduktion von Tamerlano unter Mitbeteiligung des Pariser Théâtre des Champs-Élysées und des Londoner Sadler’s Wells, geleitet von Trevor Pinnock. Am Opernhaus Halle fand mit Rodrigo die 58. Premiere einer Händel-Oper statt. Seit 2002 werden die Händel-Festspiele aufgrund der zahlreichen Veranstaltungen vor 1952 im Titel nicht mehr durchnummeriert.
Im Jahr 2006 begann die Kooperation mit dem Bachfest Leipzig.Händel-Festspiele Halle mit positiver Bilanz. magazin.klassik.com; abgerufen am 8. November 2019. Seit 2011 findet zur Herbstzeit ein Vorkonzert zum Händel-Festival statt. Die „kleinen“ Händel-Festspiele sind seit 2018 unter dem Namen „Händel im Herbst“ als Wort-Bild-Marke geschützt. haendelhaus.de; abgerufen am 9. November 2019. Im Jahr 2013 wurden die Händel-Festspiele im Zuge des Hochwassers in Mitteleuropa durch Oberbürgermeister Bernd Wiegand (parteilos) und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) erstmals kurzfristig abgesagt.https://web4.karlsruhe.de/Kultur/Haendel/Absage-Halle/PM_Haendel-Festspiele2013-2.pdf Die Entscheidung stieß auf sehr viel Unverständnis unter den Kulturschaffenden. Man fürchtete Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe.Bernd Lähne: Händel-Festspiele: Empörung über Absage. In: Leipziger Volkszeitung, 11. Juni 2013, S. 2.
Mit der Premiere 2018 von Händels Berenice, regina d’Egitto wurden alle seine 42 Opern mindestens einmal szenisch bei den Händel-Festspielen aufgeführt.Karin Zauft: „Man wird in Zukunft wissen, dass die Händel-Oper zu den kostbarsten Gütern der musikalischen Kunst gehört…“. In: Magazin der Händelfestspiele (2018), S. 27–29, hier: S. 27.
Händel-Preis
Der Händel-Preis der Stadt Halle wird durch die Stiftung Händel-Haus vergeben.
Ab 1996 wurde ein internationaler Musikwettbewerb zur Vergabe des Händel-Förderpreises der Stadt Halle in die Festspiele integriert.
Programm mini|Händel-Denkmal auf dem Marktplatz in Halle (2017)