(auch Baedeker raids; dt. Baedeker-Angriffe) ist die im englischen Sprachraum verwendete Bezeichnung für im Zweiten Weltkrieg durchgeführte Vergeltungsangriffe der deutschen Luftwaffe. Nach dem Luftangriff der Royal Air Force auf das historische Stadtzentrum von Lübeck in der Nacht vom 28. auf den 29. März 1942 und dem „Viertagebombardement“ Rostocks vom 23. bis 27. April 1942 erfolgten deutsche Angriffe auf kulturell bedeutende Städte Englands.

Durchführung

Die Baedeker-Angriffe wurden vom IX. Fliegerkorps der Luftflotte 3 in zwei Wellen im April und Anfang Mai 1942 sowie Ende Mai und Anfang Juni 1942 durchgeführt. Ziele waren militärisch unbedeutende Städte in England, die bedeutende historische Gebäude besaßen.

Exeter Bereits vor dem April 1942 waren gelegentlich Bomben auf die Stadt Exeter gefallen. Der erste Bombenabwurf ereignete sich in der Nacht vom 7. auf den 8. August 1940, dabei warf ein einzelner deutscher Bomber fünf Bomben ab. Am Morgen des 9. August 1940 meldete eine lokale Tageszeitung, dass die ersten Opfer deutscher Angriffe auf Exeter „ein Kanarienvogel und einige Hühner“ gewesen seien. Dieser Angriff, wie fast alle der insgesamt 19 Bombenabwürfe auf Exeter während des Krieges, wurde nicht als gezielter Angriff betrachtet, sondern als Abwurf nicht genutzter Bomben beim Heimflug von den eigentlichen Zielen, britischen Industriezentren im Norden des Landes.Devon County Council (Hrsg.): Exeter Blitz. Devon Libraries Factsheet 17. Devon County Council, Exeter o. J. (2009) Online PDF 262 kB, abgerufen am 7. September 2013.

Der erste der „Baedeker-Angriffe“ hatte hingegen in der Nacht vom 23. auf den 24. April 1942 Exeter als Ziel. 25 deutsche Bomber wurden erstmals mit Radarstrahlen auf ihr Ziel geleitet. Der Angriff, der für die Luftwaffe ohne Verluste verlief, forderte etwa 70 Tote in Exeter. Am folgenden Tag fiel in einer Pressekonferenz des Auswärtigen Amtes in Berlin die Äußerung, die diesen und die später folgenden Angriffe mit dem Baedeker-Reiseführer in Verbindung brachte. In der Nacht zum 4. Mai 1942 wurde Exeter erneut das Ziel eines Angriffs. 40 Bomber warfen innerhalb von eineinhalb Stunden 75 Tonnen Sprengbomben und etwa 10.000 Elektronbrandbomben B 1 E und B 1,3 E über der Stadt ab, zurück blieben 161 Tote und 476 Verletzte.ohne Verfasser: Blitzed by guidebook. BBC News, Mittwoch, 27. März 2002 Online, abgerufen am 6. September 2013.Royal Albert Memorial Museum and Art Gallery (Hrsg.): The Exeter (Baedeker) Blitz of 4 May 1942. Royal Albert Memorial Museum and Art Gallery, Exeter o. J. (2012) 709 kB, abgerufen am 7. September 2013.

Bath Am 25. und 26. April wurde die historische Stadt Bath in zwei aufeinander folgenden Nächten Ziel deutscher Angriffe. Die beiden mit insgesamt 100 Bombern durchgeführten Angriffe töteten 417 Menschen, verletzten 900, zerstörten etwa 1.000 Gebäude der Stadt und beschädigten fast 2.000 weitere.Niall Rothnie: The Bombing of Bath. Folly Books, Bradford-on-Avon 2010, ISBN 978-0-9564405-1-8.ohne Verfasser: Bath blitz deaths remembered in service. BBC News, Mittwoch, 28. April 2008 Online, abgerufen am 6. September 2013.

Norwich mini|Bombenschäden in Norwich, der Mann in der Bildmitte schaut in einen behelfsmäßigen Bunker

Norwich wurde am 27. und am 29. April bombardiert, dabei wurden mehr als 200 Feuer ausgelöst und mehr als 900 Einwohner verletzt oder getötet. Tausende Häuser wurden beschädigt oder zerstört.

York Der Angriff auf York begann gegen Mitternacht in der Nacht vom 28. auf den 29. April 1942, 300 Tote und Verletzte und mehrere Tausend zerstörte oder stark beschädigte Häuser waren die Folge.

Canterbury Die zweite Welle der Baedeker-Angriffe erfolgte nach dem 1000-Bomber-Angriff auf Köln in der Nacht vom 30. auf den 31. Mai 1942. Dem von der deutschen Presse ausdrücklich als Vergeltung bezeichneten Angriff auf Canterbury in der Nacht zum 1. Juni 1942 fielen 140 Einwohner zum Opfer, und das mittelalterliche Stadtzentrum wurde verwüstet. Kleinere Angriffe folgten in den nächsten Tagen, bis zum 6. Juni 1942.

Gesamtbilanz Bei den Angriffen kamen in den fünf Städten insgesamt 1637 Zivilpersonen ums Leben, 1760 wurden verletzt. Mehr als 50.000 Gebäude wurden zerstört oder schwer beschädigt. Bekannte Gebäude waren die Guildhall in York und die Assembly Rooms in Bath.A. C. Grayling: Among the Dead Cities. Bloomsbury Publishing PLC 2006, ISBN 0-7475-7671-8, S. 52.The Open University (Hrsg.): Whose heritage? Stories of Britain’s changing attitudes to heritage. The Open University, o. O. (London) 2009, S. 4–5 1.255 kB, abgerufen am 8. September 2013.

Über die Verluste der deutschen Luftwaffe werden unterschiedliche Angaben gemacht. Einige Berichte geben an, dass die unverteidigten Städte leichte Ziele waren und es kaum zu Abschüssen oder sonstigen Verlusten kam, andere bezeichnen die Verluste als „schwer“. Die Angriffe auf schwach verteidigte kleine Städte wurden als Zeichen dafür gewertet, dass die deutsche Luftwaffe zu großen Angriffen auf bedeutende Ziele wie London nicht mehr fähig sei. Die britische Propaganda feierte einerseits den großen Erfolg ihrer Angriffe auf Lübeck und Rostock, gerade in Bezug auf die zerrüttete Moral der Bevölkerung, hob aber andererseits hervor, dass die deutschen Baedeker-Angriffe keine derartige Wirkung entfachten und den Durchhaltewillen der eigenen Bevölkerung nur steigerten. Die deutsche Propaganda vertrat die entgegengesetzte Position.Williamson Murray: Strategy for Defeat. The Luftwaffe 1933–1945. Third Printing. Air University Press, Maxwell Air Force Base AL 2000, ISBN 1-58566-010-8 20,4 MB, abgerufen am 17. Mai 2023.ohne Verfasser: Notes of the week. Second front in the air. In: The Economist, 2. Mai 1942, S. 598.

Neben diesen eigentlichen Baedeker-Angriffen werden weitere, spätere Bombardierungen gelegentlich als Baedeker-Angriffe bezeichnet. Die Ziele lagen alle in Ostengland, es handelte sich um die Städte Bury St Edmunds, Cambridge, Yarmouth und Ipswich. Bei diesen Angriffen wurden vergleichsweise wenige Flugzeuge eingesetzt und Bomben abgeworfen, so dass diese Angriffe von Historikern nicht zu den Baedeker-Angriffen gezählt werden.

Namensgebung mini|Baedeker-Reiseführer Großbritannien von 1937

Der von Historikern als Befehl zu den Baedeker-Angriffen angesehene Führerbefehl datiert vom 14. April 1942, darin wird keinerlei Bezug auf die Zerstörung von Kulturgütern genommen. Es werden lediglich die Intensivierung der Angriffe und „Terrorangriffe“ auf andere Städte als London, mit dem Ziel möglichst empfindlicher Störungen des öffentlichen Lebens, befohlen. Am Vormittag des 24. April 1942, dem Tag nach dem ersten Angriff auf Exeter, sagte der Vortragende Legationsrat Gustaf Braun von Stumm während einer Pressekonferenz im Auswärtigen Amt, dass die deutsche Luftwaffe nun jedes Gebäude in Großbritannien mit drei Sternen im „Baedeker“ bombardieren werde.Basil Collier: Defence of the United Kingdom. London: Her Majesty's Stationery Office 1957, S. 512 (Appendix XXXVI) Online

In den Medien der westlichen Alliierten wurde der Begriff Baedeker raids rasch gebräuchlich. In der britischen „The Times“ erschien am 29. April 1942 ein Artikel, in dem unter Berufung auf „Korrespondenten neutraler Zeitungen“ ein ungenannter deutscher Beamter mit den Worten „Now the Luftwaffe will go for every building which is marked with three stars in Baedeker“ („Jetzt wird die Luftwaffe jedes Gebäude mit drei Sternen im Baedeker angreifen“) zitiert wird. In den späteren Presseberichten über deutsche Angriffe auf Exeter, Norwich und York wurden diese Luftangriffe dann als Baedeker raids bezeichnet.C. R. Ames: Baedeker Raids. In: Notes and Queries, vol. 183, nr. 3, , S. 78 (Ausgabe vom 1. August 1942, Frage zur erstmaligen Verwendung des Begriffs, ursprünglich in der amerikanischen Ausgabe Juni 1942 abgedruckt) und Anonym („A. J. H.“): Baedeker Raids. In: Notes and Queries, vol. 183, nr. 6, , S. 173 (Ausgabe vom 12. September 1942, Antwort).

Von Stumms Äußerung war in der Sache falsch, da die Vergabe von drei Sternen in Baedeker-Reiseführern gar nicht vorkam, auch nicht bei der 1937 erschienenen letzten Auflage des Reisehandbuchs für Großbritannien vor 1945. Touristisch und künstlerisch wichtige Sehenswürdigkeiten konnten einen Stern erhalten. Zwei Sterne wurden nur für wenige, herausragende Besuchsziele vergeben. Exeter, Bath und Norwich gehörten ebenso wenig in diese Kategorie wie Bury St. Edmunds, Great Yarmouth und Ipswich. Der deutsche Propagandaminister Joseph Goebbels soll über die Stumm’sche Wortprägung laut seinem Tagebucheintrag vom 2. Mai 1942 äußerst verärgert gewesen sein und den Verantwortlichen „scharf gerügt“ haben.Elke Fröhlich (Hrsg.) Die Tagebücher von Joseph Goebbels. K. G. Saur, München, Teil II Diktate 1941–1945. 15 Bde. 1993–1996, ISBN 3-598-21920-2. Band 4, S. 219 f. 2. Mai 1942 und S. 227, 3. Mai 1942.

Militärhistorischer Hintergrund Allgemeine militärische und politische Lage Nach dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion war von Seiten Stalins, aber auch aus der militärischen und politischen Führung der übrigen Alliierten, wiederholt die Forderung nach einer „zweiten Front“ in Europa erhoben worden, einer großen militärischen Intervention der Westalliierten in Nordwesteuropa, um den Abzug deutscher Kräfte von der Ostfront zu erzwingen. Es bestand die Sorge, dass die Allianz den Krieg gegen Hitlerdeutschland durch eine Niederlage im Osten insgesamt verlieren würde. Im Frühjahr 1942 versprach Franklin D. Roosevelt dem sowjetischen Außenminister Molotov eine zweite Front. Der Begriff der „zweiten Front“ tauchte ab 1942 immer wieder in den alliierten Medien auf, in der politischen Berichterstattung wie auch in zahlreichen Karikaturen. Dort wurde immer wieder das Gespenst der „zweiten Front“ dargestellt, das Hitler den Schlaf raubt.

Zur gleichen Zeit erklärte Churchill gegenüber dem Stabschef der Luftwaffe, dass Bombardierungen nicht entscheidend seien, aber besser als nichts zu unternehmen. Die Versenkungen alliierter Handelsschiffe durch deutsche U-Boote im Atlantik stiegen dramatisch an, bis sie im Juni 1942 ihren Höhepunkt erreichten, und das deutsche Afrikakorps war seit Anfang 1942 wieder eine Bedrohung für den strategisch überaus bedeutsamen Sueskanal. Die Aufwertung des britischen Bomber Command und die beabsichtigte Ausweitung des Bombenkriegs durch die britischen Seite wurde erstmals bei den Angriffen auf Lübeck und Rostock sichtbar, die mit den „Baedeker-Angriffen“ beantwortet wurden.Roger Beaumont: The Bomber Offensive as a Second Front. In: Journal of Contemporary History, vol. 22, no. 1, 1987, doi:10.1177/002200948702200101, S. 3–19.Peter William Gray: The strategic leadership and direction of the Royal Air Force Strategic air offensive against Germany from inception to 1945. Dissertation, University of Birmingham, Birmingham 2009 Online PDF 2.630 kB, abgerufen am 7. September 2013.

Bombardierung ziviler Ziele als Strategie