Als Marschlager Holsterhausen (trivial auch als „Römerlager“ bezeichnet) wird eine Anhäufung von römischen Marschlagern aus der Zeit zwischen 11 v. u. Z. und 9 u. Z. bezeichnet, also aus der Zeit der augusteischen Offensiven gegen die unbesetzte Germania magna. Die archäologischen Befunde liegen im Dorstener Stadtteil Holsterhausen, im nordrhein-westfälischen Kreis Recklinghausen. Ihre Ausgrabungen in den Jahren 1999 bis 2006 waren die größten Flächengrabungen, die jemals in Westfalen stattgefunden haben.
Lage und Forschungsgeschichte Die ehemaligen Militärlager und heutigen Bodendenkmale liegen auf der Terrasse des Flusses Lippe, die als logistische Route für den Nachschub vom Legionslager Vetera (bei Xanten) aus nach Osten diente. Die Lippe bildet auch die südliche Begrenzung des Fundgebietes. Dessen östlichster Punkt liegt im Bereich der Erich-Klausener Realschule, während die westliche Grenze von einem inzwischen trocken gefallenen Bachlauf unmittelbar westlich der Straße Am Kreskenhof gebildet wird. Die nördliche Grenze des archäologischen „Ballungsraums“ liegt im Bereich der Freiheitsstraße, wenn man einmal von einer kleineren „Befundexklave“ östlich des Buerboomwegs/Bruchwegs absieht.
Aufmerksamkeit erregte die Gegend durch den Fund einer römischen Amphore vom Typus Haltern 71 im Jahr 1952, was zu den Ausgrabungen der Jahre 1952/1953 durch August Stieren und Wilhelm Winkelmann führte, in deren Rahmen das rund 54/56 Hektar große Doppellegionslager entdeckt wurde.August Stieren: Das neue römische Lager in Westfalen. In: Germania. Band 32.3, 1954, S. 165–170.Wilhelm Winkelmann: Auf den Spuren der Römer in Westfalen (1953). In: Beiträge zur Frühgeschichte Westfalens. Münster 1990, S. 24–29. In den darauf folgenden Jahren kam es noch zu kleineren Untersuchungen, so 1970 durch Hans Aschemeyer und 1997 durch Johann-Sebastian Kühlborn, bevor zwischen 1999 und 2006, bedingt durch anstehende Großbauprojekte eine 160.000 m² große Flächengrabung unter Wolfgang Ebel-Zepezauer stattfand, die zu den größten provinzialrömischen Untersuchungen ihrer Art in Deutschland zählt.Wolfgang Ebel-Zepezauer: Die augusteischen Marschlager in Dorsten-Holsterhausen. In: Germania. Band 81, 2003, S. 539–543 (doi:10.11588/ger.2003.92922).Wolfgang Ebel-Zepezauer: Holsterhausen, Stadt Dorsten, Kreis Recklinghausen (= Römerlager in Westfalen. Band 2). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2014², S. 2–6 (Digitalisat).
Vorrömische Geschichte und Archäologie Singuläre Funde aus der Region reichen bis in die Zeit des späten Paläolithikums zurück. Mit ersten, saisonal genutzte Siedlungen kann ab dem späten Mesolithikum/frühen Neolithikum gerechnet werden, und ab dem frühen 4. Jahrtausend v. u. Z. muss schon von einer landwirtschaftlich genutzten Kulturlandschaft gesprochen werden, was bis zu den latènezeitzeitlichen Sugambrern kurz vor der Ankuft der Römer so blieb.Wolfgang Ebel-Zepezauer: Holsterhausen, Stadt Dorsten, Kreis Recklinghausen (= Römerlager in Westfalen. Band 2). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2014², S. 12–25 (Digitalisat).
Historischer Hintergrund Von der Zeitstellung und ihrer Funktion her gehören die Marschlager von Holsterhausen in den Kontext der großen augusteischen Offensiven gegen das Germanien jenseits des Rheins, namentlich der Drusus-Feldzüge (12 bis 8 v. u. Z.) und des Immensum bellum (1 bis 5 u. Z.), die erst von der Clades Variana im Jahre 9 u. z. vorläufig unterbrochen wurden. Hierbei war die Lippe (lateinisch: Lupia) eine natürliche Aufmarschlinie in die Mitte und den Osten des zu erobernden Landes, wo man schon im Spätsommer 11 v. u. Z. die Weser erreicht hatte. So entstand längs des Flusses die Kette der sogenannten Lippelager mit den (von West nach Ost) Marschlagern von Holsterhausen, den verschiedenen militärischen Anlagen in Haltern, dem Versorgungslager Olfen, dem Uferkastell Beckinghausen, dem Mehrlegionenlager Oberaden und dem Legionslager Anreppen.Wolfgang Ebel-Zepezauer: Grenzerfahrungen. Kulturelle Entwicklungen zwischen Maas und Weser im Angesicht des Limes. In: Erich Claßen, Michael M. Rind, Thomas Schürmann, Marcus Trier: Roms fließende Grenzen. WGB Theiss, Darmstadt 2021, ISBN 978-3-8062-4428-1, S. 433–443.Johann-Sebastian Kühlborn: Auf dem Marsch in die Germania Magna. Roms Krieg gegen die Germanen. In: Martin Müller, Hans-Joachim Schalles, Norbert Zieling (Hrsg.): Colonia Ulpia Traiana. Xanten und sein Umland in römischer Zeit. Zabern, Mainz 2008, ISBN 978-3-8053-3953-7, S. 67–91.Michel Reddé: Germany. In: Yann Le Bohec: The Encyclopedia of the Roman Army. Volume II: Eas - Pol. Wiley, Chichester 2015, ISBN 978-1-4051-7619-4, S. 431–443, insbesondere S. 432–434.Bettina Tremmel: Die Lager an der Lippe. Historische und archäologische Hintergründe zu den Lippelagern sowie Neuentdeckungen. In: Erich Claßen, Michael M. Rind, Thomas Schürmann, Marcus Trier: Roms fließende Grenzen. WGB Theiss, Darmstadt 2021, ISBN 978-3-8062-4428-1, S. 447–451.
Archäologische Befunde
Bei allen Militärlagern von Holsterhausen handelt es sich um temporäre Anlagen, die nur tage- bis maximal wochenlang genutzt wurden. Ein dauerhaftes Lager entwickelte sich dort nie. Sie besaßen auch nur ein einfaches Befestigungssystem aus Wall und Graben ohne Ummauerung. Auch im Inneren gab es keine feste Bebauung, die Soldaten schliefen in Lederzelten. An Befunden gab es dort nur Abfallgruben, wenige niedergebrannte Hütten und rund 270 Feldbacköfen. Dennoch scheint Holsterhausen ein strategisch nicht unbedeutender Punkt, mit Furt durch die Lippe und an einer von Westen nach Osten verlaufenden Militärstraße gewesen zu sein.
Ausgrabungen 1952/1953: Zwei Doppellegionslager
Aufgrund geringer finanzieller Mittel, mangelnden Personals und bereits vorhandener, relativ dichter Überbauung konnte das große Lager nicht großflächig ausgegraben, sondern musste mit 144 schmalen Sondierungsschnitten untersucht werden. Dennoch gelang es, den Grundriss des Militärlagers bis auf seine Südseite zu dokumentieren. Die Südseite war nicht zugänglich, da sie sich auf dem Betriebsgelände der Steinkohlenzeche Baldur befand (heute ein Gewerbegebiet). In der Südostecke zeigten sich insofern Anomalitäten, als dort der Lagergrundriss von der üblichen Geradlinigkeit und der Rechteckform abwich. Die Lagergrenze verlief dort sehr unregelmäßig, was vermutlich auf topographische Bedingungen zurückgeführt werden kann. Das erste Marschlager war annähernd 890 m mal 650 m groß und nahm eine Fläche von über 54 Hektar in Anspruch. Gesichert wurde es von einem Wall-/Grabensystem, dessen Spitzgraben eine Breite von vier Metern und eine Tiefe von 2,50 m aufwies. Seine Nordgrenze verlief etwas nördlich der Martin-Luther-Straße, sein östliches Ende befand sich auf dem Gelände der Erich-Klausener Realschule und seine westliche Begrenzung lag im Bereich der Einmündung der Mühlenstraße in die Pliesterbecker Straße.
Parallel östlich zur Eschenstraße gerade nach Norden verlaufend und dann südwestlich des Einmündungsbereichs Eschenstraße/An den Birken viertelkreisförmig nach Westen abbiegend, sowie noch einmal weiter westlich im Bereich zwischen Freiheitsstraße und Straute, wurde 1996 bei Baustellenbeobachtungen ein zweiter Spitzgraben identifiziert, auf den Siegmar von Schnurbein schon 1981 hingewiesen hatte. Dort scheint sich ein zweites Marschlager mit ähnlichen Dimensionen befunden zu haben.Stefan Berke: Holsterhausen. In: Bendix Trier (Hrsg.): 2000 Jahre Römer in Westfalen. Zabern, Mainz 1989, ISBN 3-8053-1100-1, S. 18–20.Martin Müller: Das Marschlager von Holsterhausen. In: Johann-Sebastian Kühlborn (Hrsg.): Germaniam pacavi – Germanien habe ich befriedet. Landschaftsverban Westfalen-Lippe, Münster 1995, S. 78–81Wolfgang Ebel-Zepezauer: Holsterhausen, Stadt Dorsten, Kreis Recklinghausen (= Römerlager in Westfalen. Band 2). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2014², S. 6–7 (Digitalisat).
Ausgrabungen 1999 bis 2006: Fünf bis sieben weitere Marschlager Lager A (?)
Lager A ist ein bislang nur vermutetes Lager, für das bestenfalls ein indirekter Nachweis existiert. Der indirekte Nachweis besteht in zwei Feldbacköfen, die vom Graben des Marschlagers B geschnitten wurden, also älter sein müssen als dieses. Ein Graben des Lagers A selbst konnte bisher archäologisch nicht belegt werden. Das Lager wurde auch nur einmal in einer Publikation des Jahres 2003 genannt, fehlt aber in späteren Veröffentlichungen.Wolfgang Ebel-Zepezauer: Die augusteischen Marschlager in Dorsten-Holsterhausen. In: Germania. Band 81, 2003, S. 543, doi:10.11588/ger.2003.92922.
Lager B
mini|Stratigraphische Verhältnisse der Lager B bis F untereinander Lager B manifestierte sich durch einen einzigen Spitzgraben, der über eine Länge von 249 m von der früheren Bahntrasse, dem heutigen Radweg, annähernd parallel zur Straße Zum Kleinen Aap bis fast zum Geländes des Vereins BVH-Tennis 1970 Dorsten verläuft. Bei einer erhaltenen Breite von 1,05 m, einer Tiefe von 0,65 m und einem Böschungswinkel von 50° konnte seine ursprüngliche Breite auf 2,10 m und seine ursprüngliche Tiefe auf 1,50 m hochgerechnet werden. Von dem Wall war nichts mehr erhalten. Es scheint sich also um eine eher schwächere Verteidigungsanlage gehandelt zu haben. Etwa in der Mitte des freigelegten Abschnitts befand sich eine 8,40 m breite Unterbrechung des Grabens, dort könnte sich ein Durchlass befunden haben.Durchlass des Lagers B ungefähr bei Mit nur diesem einen Graben und einer insgesamt nicht sehr üppigen Befundsituation ließ sich nicht klären, ob es sich um die Ost- oder die Westseite des Lagers handelt. Die Füllung des Grabens bestand aus Schwemmsanden, in denen sich einige augusteiische Funde bergen ließen, darunter ein Terra-Sigillata-Boden mit dem Töpferstempel ATTI, Fragmente eines Topfes des Typus „Haltern 57“ und ein Dupondius aus Nemausus (erste Prägeserie). Geschnitten wurde der Graben an jeweils zwei Stellen von den Gräben des Lagers E und von den Drainagegräben der römischen Straße.Wolfgang Ebel-Zepezauer: Die augusteischen Marschlager in Dorsten-Holsterhausen. In: Germania. Band 81, 2003, S. 543–544, doi:10.11588/ger.2003.92922.Wolfgang Ebel-Zepezauer: Holsterhausen, Stadt Dorsten, Kreis Recklinghausen (= Römerlager in Westfalen. Band 2). Altertumskommission für Westfalen, Münster 2014², S. 7–9 (Digitalisat).
Lager C