mini|Anetta Kahane (2016) Anetta Kahane (geboren am 25. Juli 1954 in Ost-Berlin) ist eine deutsche Publizistin sowie Gründerin und langjährige Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung.
In der Bürgerrechtsbewegung der DDR wirkte sie am Zentralen Runden Tisch mit. Seither engagiert sie sich gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. Kahane war die erste und zugleich letzte Ausländerbeauftragte des Ost-Berliner Magistrats. Nach der Wiedervereinigung baute sie die Regionale Arbeitsstelle für Ausländerfragen in Berlin mit auf und setzte sich für eine interkulturelle Bildung an Schulen in den neuen Bundesländern ein. Ende 1998 initiierte sie die Amadeu Antonio Stiftung und war bis März 2022 deren hauptamtliche Vorsitzende.
Von 1974 bis 1982 war sie Inoffizielle Mitarbeiterin (IM) der DDR-Staatssicherheit, was nach Bekanntwerden 2002 öffentliche Debatten auslöste.
Kahane war öfter Ziel rechtspopulistischer und rechtsextremer Angriffe und aufgrund ihrer jüdischen Herkunft auch antisemitischer Anfeindungen.
Biografie
Familie Anetta Kahane ist das jüngste von drei Kindern des kommunistischen Journalisten Max Kahane und der Künstlerin Doris Kahane. Beide Eltern waren säkulare Juden und flohen vor dem nationalsozialistischen Regime aus Deutschland. Der Vater kämpfte als Interbrigadist ab 1938 im spanischen Bürgerkrieg für die Zweite Spanische Republik, dann in der französischen Résistance.Annette Leo: Kahane, Max Leon. In: Helmut Müller-Enbergs, Jan Wielgohs, Dieter Hoffmann, Andreas Herbst, Ingrid Kirschey-Feix (Hrsg.): Wer war wer in der DDR? 5. Auflage. Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4 (bundesstiftung-aufarbeitung.de). Die Mutter schloss sich 1940 in Frankreich der Résistance an.Ulla Plener (Hrsg.): Frauen aus Deutschland in der französischen Résistance. Eine Dokumentation. Edition Bodoni, Berlin 2005, ISBN 3-929390-90-6, S. 284 Sie war 1944 bis zur Befreiung im Sammellager Drancy interniert.Rita Thalmann: Jewish Women exiled in France After 1933. In: Sibylle Quack (Hrsg.): Between Sorrow and Strength. Women Refugees of the Nazi Period. Cambridge University Press, Cambridge 2002, ISBN 0-521-52285-4, S. 55–56. Nach Kriegsende kehrten die Eltern nach Berlin zurück.Heribert Prantl: Anetta Kahane. Den Mond nach Berlin holen. In: Heribert Prantl: Was ein Einzelner vermag. Politische Zeitgeschichten. Heidelberg 2018, S. 206. Einer der Brüder Anetta Kahanes ist der Filmregisseur Peter Kahane.Laurence Duchaine-Guillon: La vie juive à Berlin après 1945. CNRS Éditions, Paris 2012, ISBN 978-2-271-07262-7, S. 211, Fn. 2015.
Kindheit und Jugend Sie wurde in Berlin-Pankow geboren,Peter Schneider: Anetta Kahane und die Antonio Amadeo Stiftung. In: Peter Schneider: An der Schönheit kann’s nicht liegen …. München 2016, S. 230. wo die jüdische Familie ihrer Mutter seit mehreren Generationen ansässig gewesen war,Max Kahane: Doris Kahane – eine Künstlerin im Lager Drancy. In: Inge Lammel (Hrsg.): Jüdische Lebenswege. Ein kulturhistorischer Streifzug durch Pankow und Niederschönhausen. Überarbeitete und erweiterte Neuausgabe. Hentrich & Hentrich, Berlin 2007, ISBN 978-3-938485-53-8, S. 48–49. und verbrachte dort den größten Teil ihrer Kindheit und Jugend. Der Vater war Mitglied der SED. Als er 1957 der erste Auslandskorrespondent der Nachrichtenagentur ADN der DDR in Indien wurde, lebte die Familie drei Jahre in Neu-Delhi und Anetta Kahane ging in eine indische Vorschule. 1961 wurde sie in Berlin eingeschult und kam zu den Jungen Pionieren. 1963 zog die Familie für neun Monate nach Rio de Janeiro, wo Max Kahane für die DDR-Zeitung Neues Deutschland als Auslandskorrespondent arbeitete.Kahane, Max (SED). In: Michael Minholz, Uwe Stirnberg: Der Allgemeine Deutsche Nachrichtendienst (ADN). Saur, München u. a. 1995, ISBN 3-598-20557-0, S. 413. In Ost-Berlin besuchte sie die Erweiterte Oberschule, die sie 1973 mit der Hochschulreife abschloss.Anetta Kahane: Vorsitzende Amadeu Antonio Stiftung im Gespräch mit Jochen Kölsch, ARD-alpha, br.de, 24. April 2014 (PDF)
Wie andere Kinder der Holocaust-Nachfolgegeneration wuchs Anetta Kahane unter dem prägenden Eindruck der Traumata ihrer Eltern auf.„Ich war nicht gemacht für die DDR“. Anetta Kahane. Interview mit Sabine am Orde. In: Taz, 30. August 2004Philippe Gessler: Der neue Antisemitismus. Hinter den Kulissen der Normalität. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2004, ISBN 978-3-451-05493-8, S. 42f Während ihrer Schulzeit begann sie sich laut ihrer Autobiografie gegen den Willen ihrer Eltern öffentlich als Jüdin zu bekennen und wurde daraufhin angefeindet.Mary Fulbrook: The People’s State. East German Society from Hitler to Honecker. Yale University Press, New Haven 2005, ISBN 978-0-300-14424-6, S. 264.
Ausbildung und Tätigkeiten bis 1990 Anetta Kahane absolvierte ein Volontariat in der Lateinamerika-Redaktion des Senders Radio Berlin International. Von Herbst 1974 bis 1979 studierte sie Lateinamerikanistik an der Universität Rostock. Nach dem Diplomabschluss war sie von 1980 bis 1983 an der Humboldt-Universität zu Berlin als Sprachlehrerin tätig.
Im Alter von 19 Jahren wurde sie vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) angeworben. Das MfS führte sie von 1974 bis 1982 unter dem selbstgewählten Decknamen „Victoria“.Helmut Müller-Enbergs: Zusammenfassende gutachterliche Stellungnahme zu Frau Anetta Kahane und die DDR-Staatssicherheit. (PDF; 7,4 MB) Amadeu Antonio Stiftung, 26. November 2014, S. 6. Die ihr perspektivisch zugedachte Aufgabe war es, Diplomaten und Journalisten auszuforschen.Thomas Rogalla: Eine Stasi-Debatte, die nicht beendet wurde. In: Berliner Zeitung, 2. April 2003, S. 19; zitiert in: Roger Engelmann: Die herbeigeschriebene «Legitimationskrise». Anatomie einer Kampagne gegen die Stasi-Unterlagen-Behörde. In: Deutschland Archiv. 6/2007, S. 1071–1078 und Fußnote 31.Helmut Müller-Enbergs: Zusammenfassende gutachterliche Stellungnahme zu Frau Anetta Kahane und die DDR-Staatssicherheit, S. 7 und 10. Während ihres Studiums in Rostock hat sie nach eigenen Angaben ihren Führungsoffizier Heinz MölneckThomas Rogalla: Eine Stasi-Debatte, die nicht beendet wurde. In: Berliner Zeitung, 2. April 2003.Vgl. auch Juristische Hochschule des MfS: Absolventenverzeichnis. etwa alle vier bis sechs Wochen in Berlin getroffen.Anetta Kahane: Ich sehe was, was du nicht siehst. Meine deutschen Geschichten. Rowohlt, Berlin 2004, ISBN 3-87134-470-2, S. 98. Nach Aussagen ihres Führungsoffiziers berichtete Kahane belastend über Personen aus ihrem näheren Umfeld, darunter Freunde und Studienkollegen, und gab über südamerikanische Bürger Auskunft. Sie soll dabei allerdings auch Sachverhalte verschwiegen haben und sei „schwierig zu führen“ gewesen.Helmut Müller-Enbergs: Zusammenfassende gutachterliche Stellungnahme zu Frau Anetta Kahane und die DDR-Staatssicherheit. S. 7.
Im Jahr 1979 durfte sie als Dolmetscherin für Portugiesisch im Auftrag der Staatlichen Plankommission der DDR in São Tomé und Príncipe (Westafrika) arbeiten. 1981 begleitete sie Tiefbauingenieure in Mosambik. Den Umgang der DDR-Vertreter mit der Bevölkerung erlebte sie nach eigenen Angaben als rassistisch und paternalistisch.Anetta Kahane: Ich sehe was, was du nicht siehst. Meine deutschen Geschichten. Rowohlt, Berlin 2004, ISBN 3-87134-470-2, S. 19. Darin habe sie, so Martin Jander, das Versagen und die Verlogenheit des staatlich verordneten Antifaschismus erkannt.
Sie beendete die IM-Tätigkeit 1982 von sich aus. Ihr Führungsoffizier notierte, dass sie die Zusammenarbeit aufgrund von „politisch-ideologischen Problemen“ nicht fortsetzen wollte.Helmut Müller-Enbergs: Zusammenfassende gutachterliche Stellungnahme zu Frau Anetta Kahane und die DDR-Staatssicherheit, S. 8. Das MfS strich sie umgehend von der Reisekaderliste, so dass sie nicht mehr als Dolmetscherin im Ausland arbeiten durfte.Peter Schneider: Anetta Kahane und die Amadeu Antonio Stiftung. In: Peter Schneider: An der Schönheit kann’s nicht liegen, München 2016, S. 232. Britta Schellenberg: Die Rechtsextremismus-Debatte. Charakteristika, Konflikte und ihre Folgen. 2. Auflage, Springer VS, Wiesbaden 2013, ISBN 978-3-658-04176-2, S. 208, Fn. 844. Von 1983 bis 1989 war sie freiberuflich als Übersetzerin tätig. Sie stellte 1986 mit ihrem Ehemann einen Ausreiseantrag.Anetta Kahane: Ich sehe was, was du nicht siehst. Meine deutschen Geschichten. Rowohlt Verlag, Berlin, 2004, ISBN 3-87134-470-2, S. 134 und S. 138. Nach ihrer Trennung kam nach eigener Angabe eine gemeinsame Ausreise für sie nicht mehr infrage. Da sie alleinerziehende Mutter eines kleinen Kindes war, entschloss sie sich, in der DDR zu bleiben.Anetta Kahane: Ich sehe was, was du nicht siehst. Meine deutschen Geschichten. S. 141–142.
Vom Abbruch ihrer IM-Tätigkeit an behielt die Stasi sie im Auge, besonders nach ihrem Ausreiseantrag. Das MfS legte zwar keine Operative Personenkontrolle oder Operativen Vorgang an, gleichwohl gibt es laut dem Historiker Helmut Müller-Enbergs nach Aktenlage Anhaltspunkte, dass in den Jahren von 1983 bis 1988 wiederholt Ermittlungen veranlasst wurden und sie observiert wurde.Helmut Müller-Enbergs: Ergänzung zur zusammenfassenden gutachterlichen Stellungnahme zu Frau Anetta Kahane und die DDR-Staatssicherheit. (PDF; 3,5 MB) Amadeu Antonio Stiftung, 17. Januar 2017; abgerufen am 21. März 2020.
Kahane gehörte mit Salomea Genin, Barbara Honigmann, deren Mann Peter und weiteren ostdeutschen Intellektuellen jüdischer Herkunft der 1986 von Irene Runge gegründeten Gruppe Wir für uns in der Jüdischen Gemeinde in Ost-Berlin an. Die Gruppe begann die eigenen und die Geschichten der Flucht ihrer Eltern und Großeltern aus Deutschland 1933 und der Rückkehr 1945 aufzuarbeiten.Gerald Beyrodt: Stumme Ausgrenzung. Juden in der DDR. Deutschlandfunk Kultur, 6. November 2009.
In der aufkommenden Bürgerrechtsbewegung in der DDR setzte sie sich für Ausländer und Minderheiten ein. Sie war Mitglied am Runden TischSergey Lagodinsky: Deutschlands neues Judentum und das veränderte Verhältnis zu Israel. In: Olaf Glöckner, Julius H. Schoeps (Hrsg.): Deutschland, die Juden und der Staat Israel. Eine politische Bestandsaufnahme, Georg Olms Verlag, Hildesheim/Zürich 2016, ISBN 978-3-487-08580-7, S. 193 und nahm für das Neue Forum an der Arbeitsgruppe Ausländerfragen teil.Bundesarchiv (Hrsg.): DA 3/27 Sitzungen. – Protokolle und Vorlagen der 1. bis 10. Sitzung Jan. – März 1990. Teilnehmerliste der Sitzung AG-Ausländerfragen am 2. Jan. 1990. (Faksimile).Anetta Kahane: Kämpferin gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus. Interview von Sharon Adler mit Anetta Kahane. In: Deutschland Archiv, Bundeszentrale für politische Bildung, 6. Oktober 2021 Sie war mitverantwortlich für einen Antrag, der sich „Aufruf zur Aufnahme sowjetischer Juden in der DDR“ nannte. Er wurde am 12. Februar 1990 ohne Gegenstimmen angenommen und von der Regierung der DDR umgesetzt.Martin Jander: Anetta Kahane, Konrad Weiß und die „nachholende Revolution.“ Hagalil, 29. Oktober 2019.