mini|300px|Der Tall Zirāʿa im Frühjahr 2010
Der Tall Zirāʿa (; Tell Zerāʿa im jordanisch-arabischen Dialekt; deutsch etwa „Hügel der Landwirtschaft“) ist eine bedeutende historische Siedlungsstätte im Norden Jordaniens am Dreiländereck zu Syrien und Israel. Seit über 5000 Jahren war der Hügel immer wieder besiedelt; dabei haben sich Kulturschichten von bis zu 16 Metern Höhe aufgebaut. Seit 2001 wird im Rahmen des Gadara Region Project die Geschichte des Tall und der Region archäologisch erforscht.
Topografie mini|Das Wadi el-ʿArab mit dem Tall Zirāʿa 2007 Der Tall Zirāʿa liegt im Norden Jordaniens etwa 20 km nordwestlich der Großstadt Irbid und 10 km südöstlich vom See Genezareth. Der Siedlungshügel hatte in der Bronze- und Eisenzeit eine wirtschaftlich günstige Lage im Wadi el-ʿArab, das sich von den Höhen des Ostjordanlands zum Jordan hinzieht. Als Teil einer alten Handelsroute von Ägypten bis nach Mesopotamien ermöglichte es mit seinem bequemen Anstieg die Überwindung des Höhenunterschieds von 290 Metern unter Seeniveau im Jordantal bis 550 Meter über den Meeresspiegel im Ostjordanischen Hochland. Die Region war vom Paläolithikum bis zur islamischen Zeit besiedelt. Mehr als hundert Fundstätten (Kanäle, Wassermühlen, Zisternen, Ölpressen, Weinkelter, Wachttürme, Grabanlagen und Siedlungen) legen davon Zeugnis ab. Katja Soennecken/Patrick Leiverkus, Tall Zirāʿa. The Gadara Region Project (2001-2011), VIII/1-2. Wādī al-ʿArab Survey, Gütersloh 2021
Der Tall ist ein fast kreisrunder Siedlungshügel mit einem Durchmesser von zirka 240 Metern an seiner Basis und etwa 160 Metern auf seinem Plateau. Seine Oberfläche liegt 17 Meter unter dem Meeresspiegel. Er erhebt sich (je nach Himmelsrichtung 22 bis 45 Meter) über die ihn umgebende Landschaft und beherrscht das gesamte zerklüftete Tal des Wadi el-ʿArab an der Einmündung des benachbarten Wadi ez-Zaḥar. Im Zentrum des Hügels befindet sich eine artesische Quelle. Damit war früh und auf Dauer eine besonders gute Voraussetzung für eine Ansiedlung gegeben.
Name In jüngster Vergangenheit wurde der Tall Zirāʿa nur noch landwirtschaftlich genutztDieter Vieweger, Jutta Häser: …sechzig große Städte, ummauert und mit eisernen Riegeln. In: Antike Welt. 38/1, 2007, S. 66., wovon er seinen Namen erhielt: zaraʿa heißt säen, anbauen, pflanzen, Tall Zirāʿa also Hügel des Ackerbaues, der Landwirtschaft. Seit Beginn der Ausgrabungen ist der Getreideanbau auf dem Plateau eingestellt. Im Frühjahr wird es noch von Schaf- und Ziegenherden der Beduinenfamilien, die am Fuß des Talls traditionell in ihren Zelten leben, beweidet.
Während des Neuen Reiches war die Region (Kanaan) unter ägyptischer Herrschaft. Deshalb wurden Hinweise zum Namen der spätbronzezeitlichen Stadt auf dem Tall in ägyptischen Inschriften untersucht. Einen szenischen Bericht mit Ortsnamen ließ Pharao Sethos I. (1290–1279 v. Chr.) im Tempel in Karnak über seine Feldzüge in Palästina anbringen, bei denen er unter anderem Bet Sche’an eroberte, das 20 km südwestlich vom Tall Zirāʿa auf der rechten Seite des Jordans liegt. Eine weitere Quelle mit Ortsnamen der Region ist eine in Bet Sche’an entdeckte Stele. In diesem Zusammenhang wird eine Stadt qa-dú-rù genannt, was im Klang „Gadara“ entspricht. Bei Ausgrabungen in der gut vier Kilometer nördlich des Tall gelegenen hellenistischen Gründung Gadara wurde keine bronzezeitliche Vorgängersiedlung festgestellt. Einige Forscher vermuten daher, dass qa-dú-rù in der Bronzezeit die befestigte Stadt auf dem Tall Zirāʿa bezeichnete und der Name sich in der Region gehalten hat.Jan Dijkstra, Meindert Dijkstra, Karel Vriezen: The Gadara-Region-Project: Preliminary report of the Sondage on Tall Zar'a (2001–2002) and the Identification of Late Bronze Age Gadara. In: Annual of the Department of Antiquities of Jordan. 49, 2005, S. 182–187.
Forschungsgeschichte 1885 erkundete der Ingenieur Gottlieb Schumacher das Ostjordanland und erkannte dabei die archäologische Bedeutung des Wadi el-ʿArab. Er beschreibt das Tal als sehr wasserreich und berichtet von mehreren Ruinen wasserbetriebener Mühlen. In dieser Zeit war die Region nur schwach besiedelt und das Wadi, wie ihm Beduinen berichteten, zu „einem beliebten Zufluchtsort für allerlei Flüchtlinge und verbrecherisches Gesindel“ verkommen. Von Schumacher stammt die erste Mitteilung über den Tall Zirāʿa, seine Lage und die Quelle in seinem Zentrum. Er schildert auch Mauerzüge und Reste einer Befestigung auf dem Plateau.Nach: Carl Steuernagel: Der ’Adschlun. In: Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins. 49, 1926, S. 80–83.
Nelson Glueck kam 1942 durch das Wadi el-ʿArab. Er nennt den und erwähnt die Quelle auf dem Plateau als Nelson Glueck: Exploration in Eastern Palestine, IV. In: Annual of the American Schools of Oriental Research. 25–28, New Haven 1951, S. 182–183.
Im Zuge der Staatsgründung Israels und des Sechstagekrieges im Jahr 1967 wurden Teile des Tales zum militärischen Sperrgebiet. Erst 1994 nach dem zwischen Jordanien und Israel geschlossenen Friedensvertrag wurde es wieder allgemein zugänglich. Von 2001 bis 2026 fand die Erforschung des Tall Zirāʿa im Rahmen des Gadara Region Project statt.
mini|Ausgrabungsarbeiten auf dem Tall Zirāʿa 2006 Eine erste Sondage auf dem Tall Zirāʿa führte ein niederländisches Team unter der Leitung von Karel Vriezen in den Jahren 2001 und 2002 durch. Dabei wurde an der westlichen Hügelkante ein Testschnitt von sechs mal sieben Metern geöffnet.Jan Dijkstra; Meindert Dijkstra; Karel Vriezen: The Gadara-Region-Project: Preliminary report of the Sondage on Tall Zar'a (2001–2002) and the Identification of Late Bronze Age Gadara. In: Annual of the Department of Antiquities of Jordan. 49, 2005, S. 177–179.
Bei einem ausführlichen Survey wurde 2001 die gesamte Oberfläche des Talls in 127 Quadrate von 20 Metern Kantenlänge aufgeteilt, die einzeln gründlich nach Keramikscherben und anderen Oberflächenfunden abgesucht wurden. Alle Scherben wurden zeitlich bestimmt. Die Zuordnung der Scherbenmengen aus den verschiedenen Epochen zum Quadratraster ergab an bestimmten Stellen deutliche Häufungen für die Keramik einer Epoche. Damit konnten Voraussagen über die zu erwartenden Architekturreste gemacht werden. Auch die geophysikalische Prospektion brachte über Widerstandsmessungen im Boden Aussagen über Strukturen in der Erde. Beides wurde für die Planung der Ausgrabungen herangezogen.Dieter Vieweger, Jutta Häser: Der Tell Zera'a im Wadi el-’Arab. Das „Gadara Region-Project“ in den Jahren 2001 bis 2004. In: Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins. 121, 2005, S. 4–11.
Im Herbst 2003 begann das Biblisch-Archäologische Institut Wuppertal (BAI) mit seiner ersten Ausgrabungskampagne. Die dabei erzielten umfangreichen Ergebnisse bewogen das BAI und das Deutsche Evangelische Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes (DEIAHL) in Amman, im Jahr 2004 eine Kooperation einzugehen, um das Projekt in den folgenden Jahren gemeinsam in größerem Stil fortzusetzen. Dieser Arbeit schloss sich 2006 auch das DEIAHL in Jerusalem an. Das Projekt steht seit 2004 unter der gemeinsamen Leitung von Dieter Vieweger und Jutta Häser. Jeweils im Frühjahr und im Sommer fanden mehrwöchige Ausgrabungskampagnen statt.Tall Zirāʿa-Homepage, Grabungskampagnen.
Archäologische Bedeutung Die Geschichte Nordjordaniens von der frühen Bronzezeit bis in die islamische Neuzeit – und damit ein Zeitraum von mehr als fünf Jahrtausenden (3200 v. Chr.–1900 n. Chr.) – kann am Tall Zirāʿa erstmals an einem einzigen Siedlungsplatz untersucht werden. Der Siedlungshügel liefert sowohl einen Einblick in die frühbronzezeitliche Stadtkultur wie auch in die Periode der Re-Urbanisierung nach dem Niedergang städtischer Lebensweise gegen Ende der Frühbronzezeit (um 2150 v. Chr.)Bronze- und Eisenzeit-Daten für Palästina nach: Dieter Vieweger: Archäologie der Biblischen Welt. 1. Aufl. Göttingen 2003, ISBN 3-8252-2394-9, S. 382–392.. Die städtische Kultur der mittleren (2150–1550 v. Chr.) und späten (1550–1200 v. Chr.) Bronzezeit ist hier – wie der Stufenschnitt am Westhang (Areal I) zeigt – im nordjordanischen Bereich zum ersten Mal durchgängig greifbar. Nach biblischen und außerbiblischen Mitteilungen wird diese Zeit meist als „kanaanäische Epoche“ bezeichnet.Dieter Vieweger, Jutta Häser: Siedlungen aus fünf Jahrtausenden. In: Welt und Umwelt der Bibel. Nr. 42, 2006, S. 64–65; Dieter Vieweger; Jutta Häser (ed.): Tall Zirāʿa. The Gadara Region Project (2001-2011), I. Introduction, Gütersloh 2017.
mini|Areal I im Frühjahr 2008 Grundsätzlich interessiert bei der archäologischen Erforschung des Talls, wie die Bewohner im Verlaufe der Jahrtausende mit recht unterschiedlichen klimatischen Bedingungen ihre Überlebensstrategien an die naturgegebenen Voraussetzungen des Talls anpassten bzw. wie sie auf die Veränderungen ihrer Ressourcen reagierten. Hierzu gehört eine Untersuchung der technischen Möglichkeiten der Bewohner des Talls durch die 5000 Jahre seiner Besiedlung, insbesondere im Bereich der Herstellung von Keramik, Glas, Fayence und Quarzfritte sowie der Metallverarbeitung. Außerdem werden die landwirtschaftlichen Voraussetzungen, Flora und Fauna sowie die Geologie (Wasser, Gesteinsformationen und Bodenarten) des Wadisystems erforscht.
Am Tall Zirāʿa ist auch der tief greifende Einschnitt von der Bronze- zur Eisenzeit nachzuvollziehen, in dessen Verlauf die ägyptische Oberherrschaft zerbrach, Stadtstaatengesellschaft sich auflöste und Seevölker in die südliche Levante kamen. Der Neubeginn nach diesem Umbruch veränderte während der Eisenzeit I und II die Siedlung auf dem Tall Zirāʿa. Während in der Eisenzeit I (1200–1000 v. Chr.) eine nur lockere Bebauung auf eine kleine Ansiedlung schließen lässt, entstand in der Eisenzeit II (1000–520 v. Chr.) wieder eine ummauerte Stadt.
Im Anschluss an die Zerstörung dieser Stadt scheint es nach den bisherigen Grabungsergebnissen eine Siedlungspause gegeben zu haben, ehe in hellenistisch-frührömischer Epoche wieder eine geschlossene Siedlung entstand. Bis in die Spätantike (d. h. byzantinische Zeit) war die gesamte Oberfläche des Talls besiedelt; selbst in der umayyadischen Epoche blühte noch eine christliche Gesellschaft mit einer Kirche und Mosaik(inschriften) in einem Kloster. Die Erdbeben zwischen 747 und 749 n. Chr. setzten dieser Siedlung ein jähes Ende. Die nachfolgenden islamischen Zeiten waren durch bäuerliche Höfe und Felder auf dem Tall geprägt.
Ausgrabungen 2001 bis 2026 mini|Areal II im Frühjahr 2008 (825 m²) Auf dem Tall Zirāʿa wurden vier Grabungsbereiche geöffnet (Areale I-IV), die ganz verschiedenen Erkenntniszielen dienen. Während in Areal I die allgemeinen Wohnbereiche und insbesondere dabei die Produktionsstätten der Handwerker des Talls erkundet wurden, standen in Areal II (seit der Frühjahrskampagne 2006) vor allem die administrative Bebauung und in Areal III (seit Sommer 2008) ein (römisch-)byzantinischer Repräsentationsbau im Mittelpunkt des Interesses.Tall Zirāʿa-Homepage, Sommerkampagne 2008. Zu den bereits geöffneten Grabungsbereichen kam 2025 und 2026 auch die artesische Quelle (Areal IV) hinzu.
Im Ganzen wurden 25 Strata unterschieden und in den zehn Bänden der Endpublikation ausführlich beschrieben. Letztlich ist die Erkundung des Tall Zirāʿa und seines Umfeldes eine Aufgabe für mehrere Generationen von Forschern, wobei das BAI Wuppertal gemeinsam mit dem DEI Amman und Jerusalem den Grundstein hierfür legte.
Ergebnisse nach Epochen
Die Frühe und Mittlere Bronzezeit (Strata 25-16)