Muršili II. (hurritischer Geburtsname: Tašmi-Šarruma) war ein hethitischer Großkönig. Während seiner Herrschaft weitete er das Reich nach Arzawa hin aus, unternahm Feldzüge nach Syrien und gegen die Kaškäer. Das so militärisch gefestigte Hethiterreich wurde weiterhin von einer Seuche gepeinigt, die im Laufe der Regentschaft Muršilis langsam abebbte. In Pestgebeten bat Mursili um das Ende dieser Seuche und zeigte immer weniger Verständnis für diese Plage.
Geschichte mini|Ungefähre Ausdehnung des Hethiterreichs und anderer Reiche/Kulturen um 1300 v. Chr.
Muršili war der Sohn des Großkönigs Šuppiluliuma I. Sein genaues Geburtsdatum ist unbekannt, man nimmt an, dass er bei seiner Thronbesteigung etwa 20 Jahre alt war. Als Šuppiluliuma I. um 1321 v. Chr. starb, wurde Muršilis Bruder Arnuwanda II. Herrscher. Seine älteren Brüder Šarri-Kušuḫ und Telipinu sorgten als Vizekönige in Karkemiš bzw. Ḫalpa für Stabilität im Reich, waren aber, wohl aufgrund ihres Amtes, von der Thronfolge ausgeschlossen. Während Arnuwandas Herrschaft blieben die Assyrer, wie bereits unter Šuppiluliuma I., vermutlich Feinde, da sie auch bei Regierungsantritt Muršili als feindlich angesehen wurden. Von Muršili ist während der Herrschaft Arnuwandas nur eine Aktion im Westen überliefert: Aus dem Land am Fluss Šeḫa war der Königssohn Manapa-Tarḫunta durch seine Brüder vertrieben worden und nach Karkiša geflohen, wo ihm sein Besitz abgenommen wurde. Arnuwanda und Muršili sandten nun Geschenke an die Stadt und erreichten damit, dass diese Manapa-Tarḫunta beschützte.
Zur Zeit des Regierungsantritts Mursilis wütete eine nicht näher bekannte Seuche im Land, an der schon Šuppiluliuma I. gestorben war, und der bald darauf auch Arnuwanda und dessen Sohn erlagen. Letzterer war ursprünglich als Thronfolger vorgesehen, starb jedoch noch vor seinem Vater. Muršili wurde nun um 1321 v. Chr. Großkönig.
1.–2. Regierungsjahr
Die Kaškäer griffen im 1. Jahr von Muršilis Regierungszeit das Land Ḫatti an. Der gegen sie nach Išupitta geschickte Ḫannutti war auf dem Weg dorthin verstorben. Muršili feierte zu dieser Zeit Feste zu Ehren der Sonnengöttin von Arinna, die sein Vater versäumt hatte. Anschließend zog er nach Norden, zerstörte die Kaškäerstädte Ḫalila und Dudduška und kehrte nach Ḫattuša zurück. Nun verweigerten Kaškäer aus Išupitta Waffenhilfe, zu der sie verpflichtet waren. Während des 2. Jahres der Regierung Muršilis griff Assyrien Karkemiš an und drang ins Untere Land vor. Muršili kämpfte mit Šarri-Kušuḫ gegen Arzawa. Weiterhin attackierte Muršili die Kaškäer in Tipiya, welche obligatorische Truppensendungen unterlassen hatte. Die Stadt Katḫaidwa wurde durch ihn zerstört, worauf er wiederum nach Ḫattuša zog. Ehemalige Untertanen Muršilis, Pazzanna und Nunnuta, rebellierten nun in Išupitta. Der Großkönig unternahm einen weiteren Feldzug nach Norden und verfolgte die beiden Rebellen. Hierbei plünderte und brandschatzte er Palḫwišša und sandte erobertes Getreide in die Hauptstadt. Pazzanna und Nunnuta flohen nach Kammamma. Muršili verlangte ihre Auslieferung und bedrohte die Stadt mit Zerstörung. Daraufhin wurden Pazzanna und Nunnuta getötet und Kammamma unterwarf sich. Muršili überwinterte in Ankuwa.
3.–4. Regierungsjahr Muršili und Šarri-Kušuh eroberten Ḫuwaššanašša und eine andere Stadt, deren Name nicht überliefert ist. Allerdings flüchteten Bewohner dieser Städte nach Arzawa im Westen. Dieses hatte noch unter Muršilis Vater den Thronfolger Mašḫuiluwa vertrieben, der in Ḫattuša aufgenommen wurde. Šuppiluliuma hatte ihm seine Tochter Muwatti zur Frau und das Versprechen gegeben, dass er Arzawa für ihn zurückerobern werde. Muršili scheint beabsichtigt zu haben, dieses Versprechen einzulösen. Mašḫuiluwa beherrschte zu diesem Zeitpunkt lediglich etwa die Hälfte des Gebiets von Mira–Kuwaliya. Muršili forderte von dessen König Uḫḫaziti, einem Bruder Mašḫuiluwas, die Auslieferung der Flüchtigen, die dieser ablehnte. Er verbündete sich mit Millawanda, Ḫapalla, Wiluša, der anderen Hälfte von Mira und Kuwaliya und mit Manapa-Tarḫunta, der inzwischen im Land am Šeḫa herrschte. Gulla und Mallaziti führten ein hethitisches Heer gegen Milluwanda und besiegten es. Sie kehrten anschließend nach Ḫattuša zurück und Uḫḫaziti griff das von Mašḫuiluwa regierte Impaya an, eine Besetzung gelang jedoch nicht, worauf er Ḫapanuwa bekämpfte.
Währenddessen wurde Palḫwišša von Pišuru wiederaufgebaut und von Muršili erneut niedergebrannt. Ein Überfall der Kaškäer auf Kuzaštarina wurde durch die Rückeroberung desselben und Besetzung von Anziḫiša durch Muršili beantwortet.
Nachdem die Kaškäer auf diese Weise vorläufig besiegt waren, beteiligte sich Muršili am Krieg gegen Arzawa. Als er mit seiner Armee den Berg Lawaša erreichte, ereignete sich ein Omen:
„Der mächtige Wettergott, mein Herr, zeigte seine göttlich rechte Kraft und schleuderte einen Donnerbolzen. Alle meine Truppen sahen den Donnerbolzen. Das ganze Land von Arzawa sah den Donnerbolzen. Der Donnerbolzen passierte (uns) und schlug das Land von Arzawa. Er schlug Uḫḫazitis (Hauptstadt) Apaša. Er ließ sich in Uḫḫazitis Knien nieder und er wurde krank.“ (Annalen des Muršili §17)
In Šallapa vereinigte sich Muršili mit Šarri-Kušuḫ, der Unterstützung aus Karkemiš brachte, in Aura traf er Mašḫuiluwa. Uḫḫazitis Sohn Piyama-Kurunta wurde nahe Walma am Fluss Aštarpa geschlagen und floh nach Apaša, wo sich auch Uḫḫaziti aufhielt. Von dort flohen die beiden nach Aḫḫiyawa. Uḫḫaziti starb im nächsten Jahr.
Andere Geflüchtete besiegte Muršili nach einer Belagerung im Arinnanda-Gebirge, da er dort seine Streitwagen nicht einsetzen konnte. Er soll von diesem Ort 15.500 Gefangene nach Hattuša gebracht haben. Nachdem die Stadt Puranda eine Übergabe verweigert hatte, verbrachte er den Winter am Aštarpa und feierte ein Fest. Im folgenden Jahr belagerte Muršili die Flüchtlinge in Puranda, dessen Wasserzufuhr abgeschnitten wurde. Im Frühling war Uḫḫazitis Sohn Tapalazunauli aus dem Exil in diese Stadt zurückgekehrt. Nachdem auch Purunda erobert worden war und Muršili 65.000 Gefangene (die Zahl ist nicht gesichert) gemacht hatte, floh Tapalazunauli mit seinen Kindern und anderen, woraufhin der Großkönig sie verfolgte. Den Hethitern gelang es, seine Kinder zu fangen, während Tapalazunauli nach Aḫḫiyawa entkam. Muršili verlangte vom König von Aḫḫiyawa seine Auslieferung und hatte Erfolg. Tapalazunauli wurde nach Ḫatti gebracht.
Muršili marschierte nun in das Land am Fluss Šeḫa, um Manapa-Tarḫunta zu bekriegen. Dieser bat in einem Brief um Schonung, doch Muršili ignorierte ihn. Erst als Manapa-Tarḫunta seine alte Mutter und andere alte Frauen zu ihm sandte, damit Muršili ihn als Vasall akzeptiere, gab dieser nach. Er gliederte die eroberten Länder ein. In Mira wurde Mašḫuiluwa, der eine Art Oberherrschaft über die anderen Vasallen ausübte, Herrscher. Ḫapalla ging an Targašnalli und Manapa-Tarḫunta bekam das Land am Šeḫa und Appawiya. Außerdem schloss er einen Vertrag mit Alakšandu von Wiluša. In Ḫapalla wurden Truppen stationiert.
Schätzungsweise siedelte Muršili in seinen ersten Regierungsjahren 100.000 Menschen um, die wohl in – infolge der Seuche – dünn bevölkerten Gebieten angesiedelt oder in die Armee integriert wurden. Insbesondere das hethitische Kernland benötigte Menschen, da die Seuche immer noch nicht abgeklungen war.
5.–6. Regierungsjahr Muršili zog erneut gegen die Kaškäer, die Ašharpaya besetzt hatten und dadurch den Weg nach Pala blockierten. Dieses Land wurde erobert und der Großkönig hielt sich zeitweilig in Šamuḫa auf. Das Land Arawanna, dem Muršili vorwarf, Kiššiya überfallen zu haben, wurde ebenfalls erobert. Wieder machte er viele Gefangene. Im darauf folgenden Jahr besiegte Muršili die Kaškäer in Ziḫarriya und Tarikarimu, die seit den Zeiten seines Vaters Überfälle durchführten, und verschleppte die Bevölkerung.
7. Regierungsjahr Muršili bekämpfte Piḫḫuniya, den ersten und letzten bekannten König der Kaškäer. Dieser hatte verschiedene kaškäische Stämme geeint und überfiel das Untere Land und die Stadt Ištitina. Muršili verlangte in einem Schreiben Pihhunijas Rückzug, den jener ablehnte. Daher vertrieb Muršili ihn aus dem Unteren Land und brannte Städte in Tipiya nieder, worauf sich Piḫḫuniya unterwarf. Muršili begab sich ins Untere Land und baute einige von den Kaškäern zerstörte Städte, darunter Ištitina, wieder auf.
Der Großkönig forderte hiernach vom Herrscher von Azzi-Ḫajaša, Anniya, die Auslieferung einiger unter seinem Vater zu diesem geflohener Menschen und griff nach Anniyas Absage das Land Azzi-Ḫajaša an.
Im Gebiet von Kinza (Kadesch) brach ein offenbar von Ägypten unterstützter Aufstand aus, dem sich wohl auch Tette von Nuḫašše anschloss (eventuell fand die Rebellion auch erst im 9. Jahr stattvgl. Elena Devecchi – Jared L. Miller: Hittite-Egyptian Synchronisms and their Consequences for Ancient Near Eastern Chronology. In: Jana Mynářová (Hrsg.): Egypt and the Near East – The Crossroad. Proceedings of an International Conference on the Relations of Egypt and the Near East in the Bronze Age. Prague, September 1-3, 2010. Prag 2011, S. 140, besonders auch Anm. 1.). Diese Situation nutzten die Ägypter aus und zogen in das Krisengebiet. Muršili konnte den ägyptischen Angriff in einer Schlacht bei Karkemiš abwehren, so dass Nordsyrien weiter unter hethitischer Kontrolle blieb.Die Erwähnung des 16. Regierungsjahr des Haremhab auf einer Steinschale, in der ein Feldzug nach Syrien erwähnt wird, verursachte kontroverse Diskussionen über die Datierung von Muršilis Regierungszeit. Redfort bezieht sich auf die Sonnenfinsternis 1335 v. Chr. im 10. Regierungsjahr Muršilis und setzt dessen Thronbesteigung auf 1344 v. Chr. sowie Haremhabs Beginn auf 1353 v. Chr.; Wente dagegen nennt 1332 v. Chr. als Haremhabs Akzessionsjahr und 1317 v. Chr. für den Feldzug im 16. Regierungsjahr; für Muršilis Beginn 1323 v. Chr.; TUAT 1 (Alte Folge) weist das Jahr 1338 v. Chr. für das 7. Regierungsjahr und ebenfalls 1344 v. Chr. für Muršilis Regierungsantritt zu. Mittlerweile wird die Sonnenfinsternis des Muršilis zumeist mit einer totalen Sonnenfinsternis am 24. Juni 1312 in Verbindung gebracht, was mit einer Synchronisation des 16. Regierungsjahres Haremhabs mit dem siebten Regierungsjahr Muršilis II. unvereinbar wäre. Siehe hierzu u. a. Gernot Wilhelm: Muršilis Konflikt mit Ägypten und Haremhabs Thronbesteigung. WdO 39, 2009, S. 108–116, besonders S. 114 ff. (mit weiteren Belegen) online bei Academia.edu-
Šarri-Kušuḫ besiegte in diesem Jahr einen Feind, der wahrscheinlich mit Nuḫašše in Verbindung stand. Während Muršili Feldzüge im Norden führte, versuchte Tette, ein König von Nuḫašše, die hethitische Oberhoheit abzuschütteln. Hilfe fand er bei EN-urta von Barga, während Abi-radda von Barga die Hethiter unterstützte. Möglicherweise intervenierten auch die Ägypter zugunsten Nuḫaššes, wurden aber besiegt. Aufgrund seiner militärischen Gebundenheit schlug Muršili dem Bruder Tettes, Šummittara, einen Staatsstreich gegen diesen vor, der mit seiner Anerkennung als König von Nuḫašše verbunden sein sollte. Summittara willigte ein und warf seinen Bruder ins Gefängnis. Die restlichen Aufständischen wurden besiegt. Da Tette jedoch nicht, wie es üblich gewesen wäre, nach Ḫattuša gebracht worden war, setzte er nach dem hethitischen Abzug Summittara ab und führte den Aufstand fort. Der General Kantuzzili wurde dem Vizekönig von Karkemiš, Muršilis Bruder Šarri-Kušuḫ, zu Hilfe gesandt, der den Aufstand niederwerfen sollte. Der König von Ugarit verweigerte ihm allerdings seine Unterstützung
8. Regierungsjahr