miniatur|Stanisław Jerzy Lec Stanisław Jerzy Lec () (* 6. März 1909 als Baron Stanisław Jerzy de Tusch-Letz in Lemberg, Königreich Galizien und Lodomerien/Österreich-Ungarn; † 7. Mai 1966 in Warschau) war ein polnischer Lyriker und Aphoristiker.
Leben Kindheit und Jugend in Lemberg und Wien Lec stammte aus einer großbürgerlich-jüdischen, ob ihrer Verdienste geadelten Familie, die in Czortków in Galizien (heute Чортків in der Ukraine) ansässig gewesen war. Stanisław war das einzige Kind von Baron Benno Letz de TuschDeutsch-österreichische Quellen geben den Vornamen mit der Kurzform Benno an, slawische mit Benon; das Adressbuch von Lemberg (1913) führt ihn mit Benjamin, die Gesher Galicia (All Galicia Database) mit Benjamen Eleazer. Zusätzlich zu seinem Familiennamen Letz zum Baron de Tusch erhoben, dem Familiennamen Tusch der väterlich-großmütterlichen Seite entsprechend (nach dem Adelsaufhebungsgesetz von 1919 nur noch als Namenszusatz de Tusch verwendbar)., eines Großgrundbesitzers und BankdirektorsKsięga adresowa Król. Stoł. Miasta Lwowa Rocznik 17. 1913 = Adress u. Geschäfts-Handbuch von Lemberg. 17. Jg. 1913, S. 246: Letz Benjamin, dyr. kasy fakturow. 3-go Maja 4., und seiner Ehefrau Adéle, die als Tochter von Jan de Safrin von sephardischen Juden abstammte. Die Schreibweise Letz entspricht den k.u.k. Urkunden, in den 1920er Jahren wurde sie zu Lec polonisiert. Beide Eltern konvertierten zum Protestantismus. Die privilegierte Familie, die Ländereien in Podolien und der Bukowina besaß, lebte in Lemberg, der damals viertgrößten Stadt Österreich-Ungarns, die zugleich Hauptstadt des teilweise mit Autonomierechten versehenen Kronlandes „Königreich Galizien und Lodomerien“ war.
Meine größte Seinsfrage ist, warum ich ausgerechnet für diese Jahre eingeplant worden bin, wo doch die ganze Ewigkeit zur Verfügung stand.Spätlese unfrisierter Gedanken nach Ausgabe Sämtliche unfrisierte Gedanken. Sanssouci, München 2007, S. 285. Dies könnte, wie viele seiner Aphorismen, für einen Satz aus seiner Autobiographie stehen – geschrieben mitten in einem Jahrhundert, das von Kriegen, Vertreibungen, Bevölkerungs- und Völkermorden in einem bis dahin unvorstellbaren Ausmaß geprägt wurde.
Die behütete Kindheit begann sich 1914 mit dem Ersten Weltkrieg zu ändern. Als die Kaiserlich Russische Armee die Schlachten in Galizien gewann, was zur Besetzung von Ostgalizien und einem antisemitischen Pogrom in Lemberg führte, floh die Familie nach Wien. Der Vater starb dort im Oktober 1915 mit nur 43 JahrenSiehe Grabsteininschrift auf Benno Letz (unbekannt-1915) – Find a Grave Gedenkstätte. an Herzversagen, der Geschäftsbankrott ruinierte die Familie teilweise. Für Stanisław blieb Wien trotzdem zeitlebens ein Sehnsuchtsort, einschließlich einer ironischen Verklärung der Habsburgischen Monarchie. Erst nach dem Kriegsende kehrten Mutter und Sohn zurück nach Lemberg, das zwischenzeitlich zur Westukrainischen Volksrepublik gehört hatte, nach dem Polnisch-Ukrainischen Krieg aber im November 1918 Teil der Zweiten Polnischen Republik geworden war. Die Stadt hieß nun Lwów und wurde ab 1921 Hauptstadt der gleichnamigen Woiwodschaft. Die Latifundien der Familie waren enteignet worden oder mussten in der Folgezeit stückweise verkauft werden. Aber sie selbst waren den Kriegen und dem erneuten Pogrom von Lwów (1918)Vgl. Josef Bendow [Joseph Tenenbaum]: Der Lemberger Judenpogrom (November 1918 – Jänner 1919). M. Hickl, Wien 1919., an dem sich auch die Zivilbevölkerung beteiligte, entgangen.Zur Situation siehe Christoph Mick: Kriegserfahrungen in einer multiethnischen Stadt: Lemberg 1914–1947. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2010. Weiterhin Chr. Mick: Kollektive Gewalt in Lemberg 1918–1939. – In: Friedrich Lenger, Elisabeth Müller-Luckner (Hrsg.): Kollektive Gewalt in der Stadt. Europa 1890–1939. Oldenbourg Verlag, München 2013, S. 149–166.
Nach Schulbesuchen in Wien und in der Evangelischen Oberschule zu Lemberg machte Lec 1927 am deutschsprachigen, koedukativen „Jozefa S. Goldblatt-Kamerling“-Privatgymnasium von Lemberg das Abitur und studierte bis 1933 an der dortigen Jan-Kazimierz-Universität ein Jahr Polonistik und danach Jura, mit einem Abschluss als „Magister iuris“.
Erste schriftstellerische Tätigkeiten in Lemberg und Warschau Um 1929 gründete er zusammen mit Studienkollegen und Freunden wie Leon Pasternak (1910–1969) und Jan Śpiewak (1908–1967) eine Gruppe junger linker Dichter; ihre Monatszeitschrift Tryby (Getriebe) bekam schon nach der ersten Ausgabe 1931 Probleme mit der Zensur und wurde von den Behörden verboten. 1933 erschien sein erster Gedichtband Barwy (Farben), der u. a. düstere Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg widerspiegelt und ironische Gesellschaftskritik enthielt. Aufgrund seiner sozialpolitischen bzw. sozialistischen Ansichten„Die Armut der Bauern und Tagelöhner, mit der er in der Provinz, nicht zuletzt in den Ländereien seiner Eltern, in Berührung kam, und die sich zuspitzenden Konflikte in der Vielvölkerstadt Lemberg hatten ihn zu einem Sozialisten gemacht.“ Marta Kijowska (2009), S. 19., die sich z. B. in seinen Gerichts-Kolumnen unter seinem Pseudonym „Stach“ in der Zeitung Dziennik Popularny (Volksblatt, 1936–1937, dann verboten) niederschlugen, wurde er von der Polizei als „unzuverlässig“ betrachtet. In einem seiner späteren Aphorismen hieß es: Wie beurteilt man einen Staat am gerechtesten? Einfach – auf Grund seiner Gerichtsbarkeit.Neue unfrisierte Gedanken nach Ausgabe Sämtliche unfrisierte Gedanken. Sanssouci, München 2007, S. 86. Angesichts der 1934 propagierten „Jagd auf Linke“ verließ er rechtzeitig seine Heimatstadt und ging nach Warschau. Leon Pasternak kam währenddessen per Verfügung in das berüchtigte politische Gefängnis Bereza Kartuska.
Nach Pasternaks Freilassung gründeten beide 1936 in Warschau das literarische Kabarett „Teatr Pętaków“ (Theater der Knirpse), auch „Teatr Krętaczy“ (Theater der Spinner) genannt, das nach nur acht Vorstellungen von den Behörden geschlossen wurde. Als Lyriker und als Satiriker schrieb Lec für verschiedene Blätter wie Szpilki (Nadeln, Nadelstiche, mit Unterbrechungen 1935–1994, regelmäßig zensiert), Sygnały (Signale, 1933–1939), Lewar (WagenheberIm Polnischen ein Wortspiel mit Lewi Artystów = Links-Künstler bzw. Lewica Artystyczna = Künstlerische Linke., 1933–1936, mehrfach durch die Zensur beschlagnahmt), Lewy Tor (Linkes Gleis, 1935–1936, mehrfach durch die Zensur beschlagnahmt), Cyrulik Warszawski (Der Barbier von Warschau, 1926–1934, dann verboten) und Czarno na Białem (Schwarz auf Weiß, 1937–1939), die teils der linken intellektuellen Szene zuzuordnen sind. Noch wichtiger als ein Abdruck in der Zeitschrift Skamander (1920–1939)Monatsschrift der Gruppe Skamander, siehe hier Skamander: miesięcznik literacki (11) 1937, S. 242. war es für ihn, den Kreis der „Skamandriten“ wie Julian Tuwim und Jarosław Iwaszkiewicz kennenzulernen. Oder im berühmten Café „Ziemiańska“ den Stammtisch mit literarischen Größen wie Witold Gombrowicz teilen zu können. 1935 wurde in Warschau sein zweiter Gedichtband unter dem Titel Zoo: wiersze satyryczne (Zoo: satirische Gedichte) veröffentlicht, mit den 1936 folgenden Satyry patetyczne (Pathetische Satiren) erreichte er seinen damaligen stilistischen Höhepunkt. Mit dem Verbot der Dziennik Popularny 1937 befürchtete Lec erneut Verhaftung, so dass er für kurze Zeit in die mittlerweile rumänische Bukowina und nach Podolien, schließlich dann wieder nach Warschau ging, pro forma weiterhin als Applikant einer Anwaltskanzlei in Czortków registriert. Sein zeitweiser Aufenthalt in Podilla, der Heimat seiner Mutter, schlug sich im Manuskript von Ziemia pachnie (Die Erde riecht) nieder, doch der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verhinderte das Erscheinen.
Überleben zwischen den Fronten und Widerstand im Zweiten Weltkrieg