miniatur|Der Klang der Wörter Bahn und Bann im Vergleich. Bahn (oben) wird mit einem langen [a:] gesprochen, Bann (unten) mit einem kurzen [a].

Als Vokalquantität wird in der Sprachwissenschaft die Quantität, das heißt die Länge gesprochener Vokale bezeichnet. Vokale können in vielen Sprachen kurz oder lang gesprochen werden.

Das Vokaltrapez, das die Vokalqualität beschreibt, berücksichtigt die Merkmale „Vertikallage der Zunge“, „Horizontallage der Zunge“ und „Lippenstellung“. Mit der Vokalquantität kommt zu diesem Modell eine weitere Dimension hinzu.

Vokalquantität im Deutschen

Geschichte Eine Opposition von Kurz- und Langvokalen bestand bereits im Urindogermanischen und im Urgermanischen. Die romanischen, die slawischen und die baltischen Sprachen haben diese Opposition fast überall verloren, ebenso wie das Griechische, Armenische und Albanische. Auch das Ursemitische kannte dieselbe Opposition, die jedoch im Gegensatz zu den Indogermanischen Sprachen weitgehend erhalten blieb. Das Gleiche gilt für das Ur- oder Proto-Finnische.

In der wissenschaftlichen Literatur zum Germanischen werden Langvokale durch einen Überstrich oder einen Zirkumflex gekennzeichnet.

Althochdeutsch Am Übergang zum Althochdeutschen wurden im 7./8. Jahrhundert zwei der urgermanischen Diphthonge zu Langvokalen: ai wurde vor r, w, h zu ē, und au vor h oder Dentalen wurde zu ahd. ō. Beispiele: got. saiws, ahd. sē(o) „See“ got. rauþs, ahd. rōt „rot“

Umgekehrt wurden im 8./9. Jahrhundert zwei der urgermanischen Langvokale diphthongiert: ē wurde zu ahd. ia/ie, und ō zu ahd. uo. Beispiele: got. hēr, ahd. hiar/hier „hier“ got. brōþar, ahd. bruoder „Bruder“

Neben ē und ō erschienen im Althochdeutschen auch die Langvokale ā, ī und ū. Die Mehrzahl der Vokale wurde kurz gesprochen, Langvokale wurden in den meisten Handschriften nicht besonders gekennzeichnet. Vereinzelt wurde sie durch Doppelschreibung des Vokalbuchstaben, häufiger durch diakritische Zeichen wie Zirkumflex oder Akut markiert; in der modernen wissenschaftlichen Literatur dagegen werden Diakritika (meist Überstriche) systematisch gesetzt. Langvokale erschienen im Althochdeutschen nicht nur in Stammsilben, sondern sehr häufig auch in Affixen.

Mittelhochdeutsch Im Mittelhochdeutschen bestand die althochdeutsche Opposition zwischen langen und kurzen Vokalen im Wesentlichen fort. Mittelhochdeutsche Langvokale werden in der wissenschaftlichen Literatur meist mit Zirkumflex, seltener mit Überstrich gekennzeichnet.

Frühneuhochdeutsch Zu den wichtigsten Veränderungen, die der Vokalismus am Übergang zum Neuhochdeutschen durchgemacht hat, zählt die frühneuhochdeutsche Vokaldehnung in offener Silbe. Diese Vokaldehnung bildet die Grundlage der heutigen Opposition zwischen Kurz- und Langvokalen in Minimalpaaren wie Bahn [baːn] vs. Bann [ban]. Wie Aleksander Szulc aufgewiesen hat, war diese Veränderung im Mitteldeutschen bereits im 12. Jahrhundert zu beobachten.; Thomas Klein: Längenbezeichnung und Dehnung im Mittelfränkischen des 12. und 13. Jahrhunderts, in: Hans Fix (Hrsg.): Quantitätsproblematik und Metrik. Greifswalder Symposion zur germanischen Grammatik, Amsterdam, Atlanta, 1995, ISBN 90-5183-889-1, S. 41–72 (). Von dort breitete sie sich aus und erreichte im 14. Jahrhundert auch das Oberdeutsche. Die Vokaldehnung erfolgte bei allen Kurzvokalen, denen im Mittelhochdeutschen keine Geminate, sondern ein einfacher intervokalischer Konsonant folgte. Schreiblich wurde sie nicht gekennzeichnet. Da die Gemination sich zur selben Zeit verlor und die erhaltenen Kurzvokale nun regelmäßig vor verdoppelten Konsonantenbuchstaben standen, war eine Kennzeichnung der Langvokale auch nicht notwendig.

Ebenfalls seit dem 12. Jahrhundert wurden – wieder vom mitteldeutschen Sprachraum ausgehend – umgekehrt viele der noch aus dem Althochdeutschen bestehenden Langvokale verkürzt. Betroffen waren vor allem Langvokale vor Konsonantenclustern wie ht und r+Konsonant. Beispiele: mhd. brāhte → nhd. brachte mhd. lērche → nhd. Lerche mhd. hōrchen → nhd. horchen

Phonetik Bei der Vokalquantität des Deutschen sind drei Phänomene von besonderem Interesse: die Opposition langer geschlossener und kurzer offener Vokale (z. B. Pose/Posse bzw. /) die Opposition langer geschlossener und kurzer geschlossener Vokale (Gier/Giraffe bzw. [i:]/[i]) singuläre Kurzvokale, die kein langes „Gegenstück“ haben und ausschließlich in Reduktionssilben und Affixen vorkommen (, )

Vokallänge und Wortakzent In betonten Silben: lange geschlossene vs. kurze offene Vokale Vokallaute werden in betonten Silben lang oder kurz gesprochen. Eine Besonderheit des Deutschen liegt darin, dass der Wechsel der Vokalquantität die Wortbedeutung verändert oder auslöscht.

+ Lange und kurze Vokale in betonten Silben Langvokal Beispiel Kurzvokal Beispiel Anmerkungen [aː] Bahn [baːn] [a] Bann [ban] Einzelne Phonetiker haben bemerkt, dass auch der Vokal [a] einen Qualitätswechsel durchmache.Zum Beispiel Andreas Scheiner: Die deutsche Bühnenaussprache und unser Schuldeutsch. In: Gustav Fr. Schuller: Programm des Evangelischen Gymnasiums A.B. in Medgyes (Mediasch) für das Schuljahr 1902/03. S. 45 (). Zweifellos ist dies in einigen deutschen Mundarten der Fall, etwa im Bairischen. Beim Standarddeutschen gehen die meisten Autoren und auch das Aussprachewörterbuch der Duden-Reihe aber davon aus, dass Minimalpaare wie Bahn/Bann sich in puncto Vokalqualität nicht nennenswert unterscheiden. [ɛː] bäte [ˈbɛːtə] [ɛ] bette [ˈbɛtə] In großen Teilen des norddeutschen Sprachraums entfällt der lange [ɛː]-Laut. Das Wort Mädchen z. B. wird dort nicht [ˈmɛːtçən], sondern [ˈmeːtçən] gesprochen, also mit langem [eː].Stefan Müller-Dittloff: Interferenzen des Substandards im Westmitteldeutschen am Beispiel von Idar-Oberstein. Eine kontrast- und fehleranalytische Untersuchung, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2001, ISBN 3-515-07910-6, S. 104. [eː] bete [ˈbeːtə] [iː] Miete [ˈmiːtə] [ɪ] Mitte [ˈmɪtə] [oː] Polen [ˈpoːlən] [ɔ] Pollen [ˈpɔlən] [øː] Höhle [ˈhøːlə] [œ] Hölle [ˈhœlə] [uː] Buße [ˈbuːsə] [ʊ] Busse [ˈbʊsə] [yː] fühle [ˈfyːlə] [ʏ] fülle [ˈfʏlə]

Eine zweite Besonderheit besteht darin, dass der Kurzvokal sich gegenüber dem Langvokal auch in der Qualität verschiebt: die Zunge ist weniger hoch gewölbt und der Mund weiter geöffnet.

Phonologen haben immer wieder darüber gestritten, ob Minimalpaare wie die oben genannten primär durch die Opposition der Vokalquantität oder der Vokalqualität bestimmt seien. Eine grundlegende Klärung versprach das Silbenschnittmodell, das, weil es nicht empirisch untermauert werden konnte, Mitte des 20. Jahrhunderts verworfen, später u. a. von Theo Vennemann aber wieder ins Gespräch gebracht wurde.

Ob Vokale kurz oder lang gesprochen werden, hängt in vielen Fällen davon ab, wie viele und welche Konsonantenlaute am Silbenauslaut folgen:

+ Auftreten von langen und kurzen Vokalen in betonten Silben Langvokale Kurzvokale Vokale, die am Silbenende erscheinen, werden in betonten Silben regelmäßig lang gesprochen: da, Schnee, wie, wo, Schuh Vokale, auf die genau 1 Konsonantenlaut folgt, werden in einigen Wörtern lang, in anderen kurz gesprochen. Hier Beispiele für Langvokale: Tal [taːl], Meer [meːɐ̯], Lid [liːt], Dose [ˈdoːzə], gut [ɡuːt] Vokale, auf die ein Silbengelenk folgt, das aus den Konsonantenclustern [bl], [dl], [gl], [br], [dr], [gr] besteht, werden immer lang gesprochen: Koblenz, Adler, Iglu, Zebra, Hydra, Sigrid Weitere Konsonantencluster, die keine Vokalkürze erzeugen, können sich in Beugungs- und Ableitungsformen ergeben: malt, holst, gelebt, größte, Fahrt Vokale, auf die genau 1 Konsonantenlaut folgt, werden in einigen Wörtern lang, in anderen kurz gesprochen. Hier Beispiele für Kurzvokale: ab [ap], Ebbe [ˈɛbə], mit [mɪt], Sonne [ˈzɔnə], Kuss [kʊs] Vokale, die vor , oder bzw. erscheinen, werden meist kurz gesprochen: Frosch [fʀɔʃ], ich [ɪç], Sache [ˈzaχə]Eine Liste mit Ausnahmen von dieser Regel findet man im Wiktionary. Vokale, auf die mehrere verschiedene Konsonanten folgen, werden meist kurz gesprochen: Angst [aŋst], Mensch [mɛnʃ], Gipfel [ˈɡɪpfl̩], horchen [ˈhɔʁçn̩], Furcht [fʊʁçt]

In unbetonten Silben: geschlossene vs. offene Kurzvokale In unbetonten Silben herrschen Kurzvokale vor. Diese können geschlossen oder offen sein:

+ Kurzvokale in unbetonten Silben geschlossenerKurzvokal Beispiele offenerKurzvokal Beispiele [e] Menü [meˈnyː] [ɛ] Menthol [mɛnˈtoːl] [i] kriminell [kʀimiˈnɛl], Juli [ˈjuːli] [ɪ] Kristall [kʀɪsˈtal], Wagnis [ˈvaːknɪs], Ärztin [ˈɛːɐ̯ʦtɪn], ewig [ˈeːvɪç] [o] porös [poˈʀøːs], Auto [ˈaʊ̯to] [ɔ] Porträt [pɔʁˈtʀɛː] [ø] Ökologie [ˌøkoloˈɡiː] [œ] Östrogen [œstʀoˈgeːn] [u] Musik [muˈziːk], Tofu [ˈtoːfu] [ʊ] Muskat [mʊsˈkaːt], Übung [ˈyːbʊŋ], zusammen [ʦuˈzamən] [y] Hyperbel [hyˈpɛʁbl̩] [ʏ] Hypnose [hʏpˈnoːzə] - - [a] Tapete [taˈpeːtə], Tastatur [tastaˈtuːɐ̯]Der Laut [a] wird immer offen gesprochen.Duden: Das Aussprachewörterbuch. 6. Auflage. Duden, Mannheim 2005, ISBN 3-411-04066-1.

Geschlossen sind solche Vokale in der Regel dann, wenn kein oder höchstens ein einziger Konsonantenlaut folgt. Offen sind sie, wenn , ein Affrikat (wie [ks], [pf] oder [ts]) oder mehrere verschiedene Konsonantenlaute folgen. Auch in Suffixen kommen geschlossene Vokale nur ausnahmsweise vor.

Langvokale in unbetonten Silben Ausnahmsweise werden Vokale auch in unbetonten Silben lang gesprochen:Duden: Das Aussprachewörterbuch. 6. Auflage. Duden, Mannheim 2005, ISBN 3-411-04066-1, S. 69–107. in Komposita Alltag [ˈalˌtaːk], Lebwohl [leːpˈvoːl]

in Wörtern mit betontem Affix Präfix: Vortrag [ˈfoːɐ̯tʀaːk], unschön [ˈʊnʃøːn] Suffix: Raserei [ˌʀaːzəˈʀaɪ̯], Fahrerei [ˌfaːʀəˈʀaɪ̯], Schießerei [ʃiːsəˈʀaɪ̯]

in einigen unbetonten Suffixen und in Ableitungen von Wörtern mit diesen Suffixen in den Suffixen -bar, -sal, -sam, -mut und -tum wunderbar [ˈvʊndɐbaːɐ̯], Trübsal [ˈtʀyːpzaːl], einsam [ˈaɪ̯nzaːm], Demut [ˈdeːmuːt], Altertum [ˈaltɐtuːm] (aber: Datum [ˈdaːtʊm]); demütig [ˈdeːmyːtɪç], Reichtümer [ˈʀaɪ̯çtyːmɐ] in vielen Wörtern auf -in oder -ian Baldachin [ˈbaldaχiːn], Pavian [ˈpaːviːaːn]; Grobiänchen [ˈɡʀoːbi̯ɛːnçən] in vielen Wörtern auf -ar, -ir und -or Februar [ˈfeːbʀuaːɐ̯], Jaguar [ˈjaːɡu̯aːɐ̯] (aber: Oskar [ˈɔskaʁ]), Tapir [ˈtaːpiːɐ̯] (aber: Emir [ˈeːmɪʁ]), Autor [ˈaʊ̯toːɐ̯]; Korridörchen [ˈkɔʀidøːɐ̯çən] der Laut [i:] im hebräischen Plural -im Seraphim [ˈzeːʀafiːm] der Laut [i:] in deutschen Eigennamen auf -in Erwin [ˈɛʁviːn], Hölderlin [ˈhœldɐliːn]

gelegentlich am Wortende vor einem Konsonantenbuchstaben, sowie aus Ableitungen von solchen Wörtern Balsam [ˈbalzaːm], Heimat [ˈhaɪ̯maːt], Heirat [ˈhaɪ̯ˌʀaːt], Leichnam [ˈlaɪ̯çnaːm], Herzog [ˈhɛʁʦoːk], Kleinod [ˈklaɪ̯noːt], Bischof [ˈbɪʃo:f], (neben: [ˈbɪʃɔf]); Scheusäler [ˈʃɔɪ̯ˌzɛːlɐ], Kleinödchen [ˈklaɪ̯nøːtçən], Bischöfe [ˈbɪʃøːfə] (neben: [ˈbɪʃœfə]) selten in der mittleren Silbe Almosen [ˈalmoːzən] (vgl. Alkohol [ˈalkohoːl]) in Aussprachevarianten und Ableitungen von Wörtern, in denen die Silbe sonst betont und langvokalisch ist Schakal [ˈʃakaːl] (Standardaussprache: [ʃaˈkaːl]), passiv [ˈpasiːf] (vs. [paˈsiːf]), Vampir [ˈvampiːɐ̯] (vs. [vamˈpiːɐ̯]), alogisch [ˈaloːɡɪʃ] (vs. logisch [loːɡɪʃ]), Alkohol [ˈalkohoːl] (vs. [alkoˈhoːl])

Prüfbarkeit der Vokallänge Die Einteilung in kurze und lange Vokale ist nicht an eine bestimmte physikalische Dauer des Lauts geknüpft. Des einen Sprechers lange Vokale können kürzer sein als eines anderen Sprechers kurze Vokale. Zur Verständigung erforderlich ist nur, dass ein Sprecher überhaupt eine hörbare Unterscheidung zwischen kurzen und langen Vokalen macht. Bei Worten, in denen sich die Vokalquantität nicht durch paarweise Gegenüberstellung ermitteln lässt, greift Analogiebildung.