Die Missionswissenschaft ist ein Gebiet der Theologie, das sich mit der systematischen Erforschung der Geschichte und Praxis der christlichen Mission im Zusammenhang ihrer vielfältigen Kontexte beschäftigt.
Ihre Anfänge reichen bis ins Mittelalter zurück. Teil der universitären Forschung und Lehre wurde sie allerdings erst im 19. Jahrhundert. Heute ist sie innerhalb vieler protestantischer und katholischer theologischen Fakultäten mit Lehrstühlen und besonderen Instituten vertreten.
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wurden missionswissenschaftliche Vereinigungen begründet, wie etwa die Deutsche Gesellschaft für Missionswissenschaft (gegründet 1918). Heute gibt es solche Vereinigungen weltweit, neben Europa und Nordamerika auch in Indien, Australien, Neuseeland, Südkorea und vielen weiteren Ländern und Regionen.Henning Wrogemann: Missionstheologien der Gegenwart. Globale Entwicklungen, kontextuelle Profile und ökumenische Herausforderungen. Lehrbuch Interkulturelle Theologie / Missionswissenschaft, Band 2, Gütersloh, 265–273.
Im Bereich deutscher theologischer Fakultäten wurde die Missionswissenschaft verschiedentlich entweder der Praktischen Theologie oder der Systematischen Theologie zugeordnet. Als Doppelfach „Missionswissenschaft und Religionswissenschaft“ hat es sich heute jedoch vielerorts als eigenständiges Fach etabliert. Diese Eigenständigkeit findet ihren Ausdruck auch in der Bezeichnung der entsprechenden Fachgruppe innerhalb der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Theologie (WGTh). Der Name der Fachgruppe lautet „Religionswissenschaft und Interkulturelle Theologie“.
Geschichte miniatur|Raimundus Lullus miniatur|Gisbert Voetius miniatur|Johann Baptist von Hirscher miniatur|Karl Graul miniatur|Gustav Warneck Bereits in der mittelalterlichen apologetischen Auseinandersetzung mit dem Islam stellten einzelne Theologen, wie z. B. Petrus Venerabilis (1092–1196) und Raimundus Lullus (1235–1316), grundsätzliche missiologische Überlegungen an. Von Lullus stammt eine eigenständige Missionstheologie, die er 1272 im Rahmen seiner Ars generalis ultima veröffentlichte.Peter Beyerhaus: „Missionswissenschaft.“ In: Helmut Burkhardt, Uwe Swarat (Hrsg.): Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde. Bd. 2, R. Brockhaus, Wuppertal 1993, S. 1349. In ihr forderte er (allerdings ergebnislos), an den großen Universitäten seiner Zeit Abteilungen für die Ausbildung von Missionaren einzurichten.Max Warran: Artikel Missionswissenschaft in der theologischen Ausbildung, in: Lexikon zur Weltmission (herausgegeben von Stephen Neill, Niels-Peter Moritzen, Ernst Schrupp), Wuppertal und Erlangen 1975, ISBN 3-7974-0054-3, ISBN 3-7974-0054-3, S. 364.
Erste umfassende missionswissenschaftliche Schriften lassen sich für das ausgehende 16. und das beginnende 17. Jahrhundert nachweisen.Die Angaben des folgenden Abschnitts beziehen sich, wenn nicht anders vermerkt, auf Josef Glazik: Artikel Missionswissenschaft (katholisch und protestantisch), in: Lexikon zur Weltmission (herausgegeben von Stephen Neill, Niels-Peter Moritzen, Ernst Schrupp), Wuppertal und Erlangen 1975, S. 365 f. Um 1588 verfasste der Jesuit José de Acosta seine Schrift De promulgatione Evangelii apud barbaros sive de procuranda Indorum salute, in der er sich systematisch mit der Missionsarbeit unter den frisch bekehrten Ureinwohnern Amerikas beschäftigte. Um 1613 folgte das missionswissenschaftliche Werk De procuranda salute omnium gentium des Karmeliten Thomas a Jesu, in dem unter anderem die unmittelbare Verantwortung des Papstes für die Ausbreitung des Evangeliums gefordert wurde. Eine der Nachwirkungen dieser Schrift war die durch Papst Gregor XV. 1622 vollzogene Gründung der Congregatio de Propaganda Fide.Andrew F. Walls: Artikel Mission VI, in: Theologische Realenzyklopädie (Studienausgabe, Teil II; herausgegeben von Gerhard Krause und Gerhard Müller), Berlin und New York 1994/2000, ISBN 3-11-016295-4, S. 46. Diese setzte sich ab dem 17. Jahrhundert auch mit den durch die Akkommodation des Christentums an die einheimischen religiösen Kulturen entstehenden Problemen in Indien und China auseinander, was seinen Niederschlag in verschiedenen prinzipiellen Instruktionen fand.Peter Beyerhaus: „Missionswissenschaft.“ In: Helmut Burkhardt, Uwe Swarat (Hrsg.): Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde. Bd. 2, R. Brockhaus, Wuppertal 1993, S. 1349 f.
Im Protestantismus gilt der niederländische reformierte Theologe Gisbert Voetius (1589–1676) als der erste Missiologe.Jan. A. B. Jongeneel: Voetius’ zendingstheologie, de eerste comprehensieve protestantse zendingstheologie, in: De onbekende Voetius (herausgegeben von J. van Oort u. a.), Kampen (Niederlande) 1989, S. 117–147. In der Zeit der holländischen Kolonialmission in Indonesien definierte er die Ziele der Mission in seiner Politica Ecclesiastica in dreifacher Hinsicht „als Bekehrung der Heiden, Pflanzung der Kirche und Verherrlichung der göttlichen Gnade.“Peter Beyerhaus: „Missionswissenschaft.“ In: Helmut Burkhardt, Uwe Swarat (Hrsg.): Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde. Bd. 2, R. Brockhaus, Wuppertal 1993, S. 1350.
Die Forderung, der Missiologie im theologischen Fächerkanon einen eigenen Platz zuzuweisen, wurde erst im 19. Jahrhundert gestellt. Auf evangelischer Seite geschah dies zuerst durch Friedrich Schleiermacher (1768–1834), in der römisch-katholischen Kirche durch Johann Baptist von Hirscher (1788–1865). Beide ordneten die Missionswissenschaft der Praktischen Theologie zu. Innerhalb der russisch-orthodoxen Kirche verlangte der Linguist, Bibelübersetzer und Laienmissionar Nikolai Iwanowitsch Ilminski (1822–1891) eine theologisch-wissenschaftliche Grundlegung der orthodoxen Missionstätigkeit.
Eine bereits seit Schleiermacher umstrittene Frage ist, ob die Missionswissenschaft als eigenständige Disziplin der Theologie aufgefasst werden sollte oder als integraler Aspekt der verschiedenen theologischen Hauptfächer. Letzteres wurde mangels nötiger Spezialkenntnis meist nur ansatzweise verwirklicht, z. B. von Karl Heim. Durch den zunehmenden Wissensstoff wurde eine fachspezifische Konzentration unverzichtbar, so dass auch besondere missionswissenschaftliche Lehraufträge erteilt wurden, 1801 erstmals an Johann Friedrich Flatt (1759–1843) in Tübingen.Peter Beyerhaus: „Missionswissenschaft.“ In: Helmut Burkhardt, Uwe Swarat (Hrsg.): Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde. Bd. 2, R. Brockhaus, Wuppertal 1993, S. 1350.
Doch erst mit Karl Graul (1814–1864) kam es zur Einrichtung eines ersten eigenen Lehrstuhls. Der lutherische Theologieprofessor und Dozent für Missionslehre Graul gilt somit als erster deutscher Missiologe. Seine Habilitationsschrift Über Stellung und Bedeutung der Mission im Ganzen der Universitätswissenschaften war Grundlegung und Initialzündung für die missionswissenschaftliche Forschung im universitären Rahmen. Eigentlicher Begründer der deutschen evangelischen Missionswissenschaft ist jedoch der Hallenser Honorarprofessor Gustav Warneck (1834–1910). 1874 gründete er die Allgemeine Missions-Zeitschrift, die in der Folgezeit zum Sammelpunkt der verschiedenen missionswissenschaftlichen Bestrebungen wurde. Seine dreibändige Evangelische Missionslehre wurde mehrfach aufgelegt und war bis Anfang des 20. Jahrhunderts das missiologische Standardwerk im deutschsprachigen Raum.
Für die Entwicklung der Missionswissenschaft in Großbritannien war die 1867 erfolgte Einrichtung eines Lehrstuhls für Evangelistik an der Edinburger Universität bedeutsam. Sein erster Inhaber war der schottische Geistliche Alexander Duff (1806–1878). Im Katholizismus gelten Max Meinertz (1880–1965) und Joseph Schmidlin (1876–1944) zu den Begründern der Missionswissenschaft. Während Meinertz mit seiner Studie Jesus und die Heidenmission (erschienen 1908 in erster und 1925 in zweiter Auflage) die Grundlage der missiologischen Forschung legte, nahm Schmidlin dessen Anregungen auf und rief 1911 die Zeitschrift für Missionswissenschaft ins Leben und wurde zum ersten Ordinarius für Missionswissenschaft an der Universität Münster berufen. 1917 gab er die Einführung in die Missionswissenschaft heraus und 1919 die Katholische Missionslehre. Beide Bücher waren über Jahrzehnte hinweg Standardwerke der katholischen Missiologie.
Der Professor für Missionswissenschaft an der Berliner Universität Julius Richter (1862–1940) gehörte zu den Begründern der Ökumene und Organisatoren der ersten Weltmissionskonferenz 1910 in Edinburgh und hat Verdienste auf dem Gebiet der Missionsgeschichtsschreibung.Julius Richter (Hrsg.): Allgemeine evangelische Missionsgeschichte. 5 Bände. C. Bertelsmann, 1906–1932.
Gegenwart Für die deutsche Fachgeschichte ist von grundlegender Bedeutung, dass der Begriff „Interkulturelle Theologie“ im Jahr 2005 durch Vertreter der Fachgruppe innerhalb der WGTh und Mitglieder des Verwaltungsrates der DGMW als Erläuterung des Begriffs Missionswissenschaft eingeführt wurde.Missionswissenschaft als Interkulturelle Theologie und ihr Verhältnis zur Religionswissenschaft. Papier der Fachgruppe Religions- und Missionswissenschaft der Gesellschaft für Wissenschaftliche Theologie und Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Missionswissenschaft, in: ZMiss (2005), S. 376–382 Seither wird der Begriff Interkulturelle Theologie im Blick auf seinen Bezug zum Begriff Missionswissenschaft ebenso lebhaft wie kontrovers diskutiert, wie aus einer Reihe neuerer Publikationen zu entnehmen ist.Klaus Hock: Einführung in die Interkulturelle Theologie, Darmstadt 2011; Volker Küster: Einführung in die Interkulturelle Theologie; Henning Wrogemann: Interkulturelle Theologie und Hermeneutik. Grundfragen, aktuelle Beispiele, theoretische Perspektiven. Lehrbuch Interkulturelle Theologie / Missionswissenschaft, Band 1, Gütersloh 2012