miniatur|Ludwig Finckh
Ludwig Finckh (* 21. März 1876 in Reutlingen; † 8. März 1964 in Gaienhofen) war ein deutscher Schriftsteller und Arzt. Neben eigenen schriftstellerischen Erfolgen ist er bekannt durch seine Freundschaft mit Hermann Hesse, von der eine umfangreiche Korrespondenz erhalten ist.
Leben Der Apothekersohn Ludwig Finckh absolvierte das Abitur am Gymnasium in Reutlingen. Er studierte zunächst Rechtswissenschaften in München und Tübingen, brach aber das Studium kurz vor dem Examen ab. Stattdessen begann er ein Studium der Medizin an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Als Student befreundete er sich 1897 mit Hermann Hesse, der zu dieser Zeit eine Buchhändlerlehre in Tübingen machte. 1904 wurde Finckh im Freiburg im Breisgau zum Dr. med. promoviert.Gotthold Wurster: Der deutsche Finckh. Leben und Werk. 2. Auflage. Deutscher Volksverlag, München 1943.Katalogkarte der Dissertation, Dissertationenkatalog der Universitätsbibliothek Basel, abgerufen am 15. Oktober 2016. Nach einer kurzen Zeit als Assistenzarzt in Aachen zog er 1905 nach Gaienhofen, wo Hesse bereits seit 1904 lebte. Finckh ließ sich hier als freier Schriftsteller nieder und gründete eine Familie.
Durch seinen in volkstümlicher Sprache verfassten Roman Der Rosendoktor begannen 1906 Finckhs schriftstellerische Erfolge. Der Basler Grafiker Max Bucherer entwarf den vom Jugendstil geprägten Bucheinband wie auch bei den beiden anderen, 1906 erschienenen Büchern – Rosen (Gedichte) und Biskra (Reiseerzählung); ferner das im gleichen Stil gehaltene erste Finckh-Exlibris.Max Bucherer: Exlibris, mit einer Einführung von Ludwig Finckh und 15 Original-Holzschnitten. Gedruckt in 200 Exemplaren, Carl Fried. Schulz, Frankfurt a. M. 1906. 1909 schloss sich der Roman Rapunzel an, der in einer Sonderausgabe 100.000 Mal verkauft wurde. Auch die Reise nach Tripstrill wurde 1911 zum Erfolg. Seine literarischen Werke demonstrieren die „Entwicklung vom Heimat- zum völkischen Blut- und Boden-Dichter.“Jana Rogge: Ludwig Finckh – der rassistische Ahnenforscher. In: Rolf Düsterberg (Hrsg.): Dichter und das „Dritte Reich“. Biografische Studien zum Verhältnis von Literatur und Ideologie. Band 3: 9 Autorenporträts und eine Skizze über das Deutsche Kulturwerk Europäischen Geistes. Aisthesis, Bielefeld 2015, S. 84.
Infolge seines großen Engagements gegenüber den Auslandsdeutschen, denen er ihr „Deutschtum“ ins Gedächtnis rufen und die er für seine Ahnenforschung begeistern wollte, wurde er „Vater der Auslandsdeutschen“ genannt.Jana Rogge: Ludwig Finckh – der rassistische Ahnenforscher. In: Rolf Düsterberg (Hrsg.): Dichter und das „Dritte Reich“. Biografische Studien zum Verhältnis von Literatur und Ideologie. Band 3: 9 Autorenporträts und eine Skizze über das Deutsche Kulturwerk Europäischen Geistes. Aisthesis, Bielefeld 2015, S. 86; Deutscher Volksverlag München (Hrsg.): Gesamtverzeichnis Ludwig Finckh. Deutscher Volksverlag, München 1935, S. 1; Ernst Loewy: Literatur unterm Hakenkreuz. Das Dritte Reich und seine Dichtung. Eine Dokumentation. Hain, Frankfurt am Main 1990, S. 312. Ihnen widmete er den 1924 erschienenen Roman Der Vogel Rock, in dem er „bereits Gedanken zur planmäßigen Züchtung von Menschen und zur Euthanasie“Jana Rogge: Ludwig Finckh – der rassistische Ahnenforscher. In: Rolf Düsterberg (Hrsg.): Dichter und das „Dritte Reich“. Biografische Studien zum Verhältnis von Literatur und Ideologie. Band 3: 9 Autorenporträts und eine Skizze über das Deutsche Kulturwerk Europäischen Geistes. Aisthesis, Bielefeld 2015, S. 88; vgl. Manfred Bosch: Ludwig Finckh – Dichter, Arzt, Naturschützer. 1876–1964. In: Bernd Ottnad (Hesg.): Baden-Württembergische Biographien. Band II. Kohlhammer, Stuttgart 1999, S. 134. formuliert: „Aufzucht machen in einer Richtung […]. Geringes ausschalten, es gäb einen schlechten Stamm. Und man muß wissen, wohin man will.“Ludwig Finckh: Der Vogel Rock. DVA, Stuttgart 1924, S. 44, zitiert nach Rogge (2015), S. 88.
mini|Finckhs ehemaliges Wohnhaus in Gaienhofen, erbaut 1907. Architekt: Hans Hindermann mini|Handschriftliche Widmung Finckhs im Buch Der Ahnenhorst (1923), an den NS-Rassenforscher Achim Gercke, Gaienhofen, 16. Juli 1933.
Während der gemeinsamen Gaienhofener Zeit – Hesse zog 1912 nach Bern – verband Hesse und Finckh zunächst eine enge Freundschaft. Aufgrund unterschiedlicher Ansichten entfremdeten sie sich jedoch immer mehr. Zum einen vertrat Finckh ein Bild von Familie und Muttertum, das nicht Hesses künstlerischem Selbstverständnis entsprach. Zum anderen kritisierte Hesse Finckhs unkritische, nationalistische und antisemitische Haltung.
Zeit des Nationalsozialismus Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten gehörte Finckh im Oktober 1933 zu den 88 Schriftstellern, die das Gelöbnis treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler unterzeichneten.Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-10-039326-5, S. 153. Finckh trat zum 1. Mai 1933 in die NSDAP ein (Mitgliedsnummer 3.599.127)Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/8770713 und war aktives Parteimitglied (Kulturstellenleiter und Propagandaleiter in Gaienhofen). Als Referent für das Gebiet der „Sippenkunde und Vererbung“ hielt er in der Gaienhofener Gauschule des Nationalsozialistischen Lehrerbundes (auch Seeheim genannt) ab 1935 regelmäßig Vorträge über Ahnenforschung und Erbbiologie, das zentrale Thema mehrerer, auch bereits vor 1933 veröffentlichter Bücher Finckhs, die ihn als frühen Vertreter der nationalsozialistischen Eugenik bzw. Rassenhygiene-Ideologie ausweisen. Im Kontext der Umsetzung des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses besuchte er mit den Kursteilnehmern die Heil- und Pflegeanstalt Reichenau, die ihrerseits Vorträge und Schulungsveranstaltungen zum Thema organisierte. Seine „weltanschaulichen“ Vorträge hielt Finckh darüber hinaus vor der Hitlerjugend und Angehörigen der NSV, letztere in der Gauschule der NSV, Gauamt Württemberg-Hohenzollern, in Schloss Kapfenburg unter der Leitung von NSV-Gauhauptstellenleiter Ernst Benno Mutschler. Auch vor Absolventen der Waffen-SS-Unterführerschule in Radolfzell hielt Finckh nach 1941 solche Vorträge zu „lebensgesetzlichen“ und „ahnenkundlichen“ Themen.Zu Ludwig Finckhs Vortragstätigkeit an der NSLB-Gauschule Gaienhofen und an der Waffen-SS Unterführerschule Radolfzell: Markus Wolter: Dr. Ludwig Finckh – „Blutsbewusstsein“. Der Höri-Schriftsteller und die SS. In: Wolfgang Proske (Hrsg.): Täter, Helfer, Trittbrettfahrer, Band 5. NS-Belastete aus dem Bodenseeraum. Gerstetten 2016; ders.: Radolfzell im Nationalsozialismus. Die Heinrich-Koeppen-Kaserne als Standort der Waffen-SS. In: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung. 129. Jg. (2011), S. 247 ff.
Neben seinen Romanen versuchte Ludwig Finckh seiner Lesergemeinde seine dichterische Heimat, den Hegau und dessen Vulkanberge, zu erschließen.Ludwig Finckh: Der unbekannte Hegau, Konkordia, Bühl 1935. Als Verfechter einer nationalsozialistischen Naturschutz-Ideologie galten Finckh und die von ihm initiierte „Stoffler“-Bewegung als „Retter des Hohenstoffeln“, die sich – auch schon vor 1933 – lange für den Stopp des Basaltabbaus an diesem Hegauberg eingesetzt hatten, bevor der Hohenstoffeln 1935 zunächst unter das Reichsnaturschutzgesetz gestellt und der Basaltabbau per Dekret von Hermann Göring 1939 schließlich verboten wurde. Maßgebliche Unterstützung hatte Finckhs Bewegung zur „Rettung des Hohenstoffeln“ dabei durch die Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe und SS-Reichsführer Heinrich Himmler erhalten, die im Hintergrund tätig wurden.
Im Jahr 1938 zu dessen Ehrenmitglied ernannt, gehörte Finckh seit 1939 dem Hauptausschuss des Schwäbischen Albvereins unter Vorsitz von Georg Fahrbach an, der bereits um 1935 zu den „Stofflern“ gestoßen war.Ludwig Finckh: Himmel und Erde. Acht Jahrzehnte meines Lebens, Silberburg-Verlag, Stuttgart 1961, S. 143. Ein Wanderweg im Hegau, den wiederum der Schwarzwaldverein nach seinem Ehrenmitglied Finckh benennen ließ, und mehrere Gedenksteine bzw. Tafeln am Hohenstoffeln zeugen bis heute von Finckhs Engagement in Sachen Wander- und Naturschutzbewegung, ohne über dessen Kontext und Hintergrund kritisch zu informieren.
Nach Kriegsende wurde Finckh in Radolfzell festgenommen und im französischen Internierungslager Hüfingen festgehalten; sein Vermögen wurde von der französischen Militärverwaltung gesperrt. Aufgrund seiner Augenerkrankung wurde Finckh schon bald wieder entlassen. 1949 stufte man ihn im Spruchkammerverfahren als „Minderbelasteter“ ein, wobei insbesondere ein Leumundszeugnis Hermann Hesses von der Spruchkammer als „entlastend“ bewertet und berücksichtigt wurde. Alle Bewährungsauflagen wurden schon im November 1950 aufgehoben.
In den Jahren nach 1945 stellte Finckh seine Freundschaft mit Hesse in verschiedenen Schriften wie dem Aufsatz Schwäbische Vettern (1948), der Erzählung Verzauberung (1950), der Gaienhofener Idylle und insbesondere in seiner 1961 erschienenen Autobiographie Himmel und Erde dar. Diese war unter dem Eindruck einer sinkenden literarischen Bedeutung entstanden und umschrieb eine innige Verbundenheit der beiden Schriftsteller. Hesse, den Finckh nach 1945 unter anderem um Unterstützung in seinem Spruchkammerverfahren gebeten hatte, verwahrte sich gegen die Widmung des Gedichtbandes Rosengarten, weil sie bei den Lesern den Eindruck erwecke, als seien er und Finckh „im Denken und innersten Gewissen verbunden und einig“.Zitiert nach: Hermann Hesse: Gesammelte Briefe. Band 3. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1982, S. 509. Die Autobiographie bezeichnete Hesse schließlich als „das Buch eines alten vernagelten Nazi, der 12 Jahre lang ‚Heil Hitler‘ geschrieen hat und es am liebsten wieder täte“.Zitiert nach: Gerald Kronberger: Hesse und Ludwig Finckh. Der fremde „Freund“ aus Gaienhofen. In: Reutlinger General-Anzeiger. 2. Juli 2002 (PDF).
Mehrere von Finckhs Werken wurden in der Sowjetischen Besatzungszone und der Deutschen Demokratischen Republik auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.
1960 erschien die Biographie Konrad Widerholt, in der Finckh u. a. die Zeit des Dreißigjährigen Krieges am Bodensee beschreibt.
mini|„Leben heißt wandern“ – Inschrift auf dem Grabmal an der Achalm Ludwig Finckh starb am 8. März 1964 im Alter von 87 Jahren und wurde im Mai 1964 an der Achalm bei Reutlingen beigesetzt. Das Stadtarchiv Reutlingen bewahrt einen Großteil von Finckhs Nachlass. Er stellt durch die umfangreiche Korrespondenz mit gemeinsamen Freunden und Bekannten eine wichtige Quelle der Hesse-Forschung dar. mini|Die Gedenktafel von 1956 (erneuert 1964) am Geburtshaus, Hirsch-Apotheke in Reutlingen, Wilhelmstr. 53, wurde 2021 entfernt.
Kritische Aufarbeitung Die zu Finckhs Lebzeiten vorgenommenen Würdigungen und Ehrungen werden mit Blick auf seine NS-Belastung zwar zunehmend kritisiert, doch waren fast alle bisherigen Initiativen, nach Finckh benannte Straßen und Wege umzubenennen, bislang erfolglos oder die Entscheidung wurde vorbehaltlich einer umfassenden Aufarbeitung der NS-Geschichte der jeweiligen Stadt auf unbestimmte Zeit vertagt.So beispielsweise in Villingen-Schwenningen 2014; vgl. Madlen Falke: Ludwig Finckh bleibt vorerst da. In: Schwarzwälder Bote, 20. Februar 2014, abgerufen am 8. August 2019.
Bereits 1950 war der 1940 nach Finckh benannte Dr.-Ludwig-Finckh-Turm förmlich in Mettnau-Turm umbenannt worden, was allerdings nichts daran änderte, dass er in Radolfzell noch bis in die jüngste Vergangenheit als Finckh-Turm bezeichnet wurde.