mini|David Harvey 2013 in Zagreb David W. Harvey (* 31. Oktober 1935 in Gillingham, Kent) ist ein US-amerikanisch-britischer Humangeograph und Sozialtheoretiker. 1973 wurde er durch sein Werk Social Justice and the City zu einem führenden Verfechter neomarxistischer Ideen in der Geographie. Etwa seit Anfang/Mitte der 1980er-Jahre ist er der meistzitierte Geograph der Welt.Henry W. Yeung: Deciphering citations. In: Environment and Planning A. Band 34, Nr. 12, 2002, S. 2093–2102. Die Angabe bezieht sich auf den Zeitraum 1981–2002. Allein The Condition of Postmodernity. macht über die Hälfte an Zitationen aus.Andrew R. Bodman: Weavers of Influence. The Structure of Contemporary Geographic Research Author(s). In: Transactions of the Institute of British Geographers. Band 16, Nr. 1, 1991, S. 21–37. Im Zeitraum 1984–1988 überholte Harvey Brian Berry. Harvey kritisiert neoimperialistische Entwicklungen, die er als „Akkumulation durch Enteignung“ bezeichnet.
Die geographischen Forschungen Harveys bestanden zu Beginn seines Wirkens in regionalhistorischen Untersuchungen. Bald darauf wandte er seine Interessen in Richtung der Methodik und Philosophie der Geographie. Spätestens seit 1969 ist der Name Harveys verbunden mit der geographischen Analyse sozialer Gerechtigkeit und der Natur des kapitalistischen Systems. Seine akademische Karriere führte Harvey in dieser Zeit von Cambridge über Bristol nach Baltimore (USA). Trotz zahlreicher Engagements in Oxford oder an der London School of Economics und der City University of New York kann Baltimore als neue Heimat des Wissenschaftlers gelten. Immer wieder ist es auch diese früher so von der Stahlindustrie und Metallverarbeitung geprägte Ostküstenstadt, die Harvey in seinen zahlreichen Publikationen als Beispiel zur Illustrierung seiner Thesen zur Entwicklung urbaner Räume und zum wirtschaftlichen Strukturwandel anführt. Harvey selbst sieht den Großteil seiner Arbeit „dem Versuch gewidmet, den Prozess zu verstehen, wie Kapital zu einem bestimmten Zeitpunkt eine geographische Landschaft nach seinem eigenen Bild formt, nur um sie später wieder zerstören zu müssen, um in ihr die ihm eigene Dynamik endloser Kapitalakkumulierung, starken technologischen Wandels und heftiger Klassenkämpfe unterbringen zu können.“David Harvey: Spaces of Capital: Towards a Critical Geography. 2001.
Die Analyse nach der Methodik Karl Marx’ ist Harvey bei seinen Untersuchungen stets der entscheidende Wegweiser geblieben. Als Begründung hierfür wird nicht etwa auf eine der Marxschen Theorie von vornhinein innewohnenden Überlegenheit abgestellt (auch wenn der bekennende Marxist Harvey immer wieder seine grundsätzliche Zuneigung zu deren Forderung nach Wandel betont). Grund sei vielmehr, dass er keinen anderen Weg finden könne, in seiner Analyse das zu erreichen, was er sich vorgenommen habe, oder das zu verstehen, was verstanden werden müsse.David Harvey: Social Justice and the City. 1973 (Introduction)
Werk Soziale Prozesse und räumliche Formen Der Raumbegriff Harveys Zu Beginn seiner Hinwendung zur Erforschung der Natur des Kapitalismus stellte Harvey fest, dass soziale Prozesse und räumliche Formen bisher meist in getrennter Form behandelt worden waren. Sein Ziel wurde es, die Untersuchung beider Aspekte zusammenzuführen. Der grundlegende Beobachtungsgegenstand ergab sich für ihn aus der Tatsache, dass keine philosophischen Antworten auf die Frage nach der Natur von Räumen möglich seien. Die Antworten lägen allein in der Praxis des Menschen. Auch bei der Frage nach der in seinem Werk immer wieder auftauchenden „social justice“ belastet sich Harvey nicht durch eine philosophische Bestimmung dieses Begriffs. Es gehe ihm vielmehr darum, zu zeigen, dass sich Konzepte sozialer Gerechtigkeit und Moral auf die menschliche Praxis beziehen und sich aus dieser ergeben, anstatt über die ewigen Wahrheiten dieser Konzepte zu referieren. Denn nach Marx sei ein jeder Akt der Beobachtung bereits auch schon ein Akt der Bewertung und eine Trennung der beiden Betrachtungsweisen eine künstliche Unterscheidung, die in Wirklichkeit gar nicht existiere. Der Raumbegriff, den Harvey seinen Untersuchungen zugrunde legt, sieht den Raum aus Objekten zusammengesetzt, die nur dann existieren, wenn sie Beziehungen zu anderen Objekten in sich enthalten und repräsentieren. Zusammengenommen ergäben all diese Objekte eine Totalität, die über die Summe ihrer Einzelteile hinausgeht und eine von diesen unabhängige Existenz besitzt. Die Totalität trachte danach, alle Teile so auszurichten, dass sie für die Erhaltung der Existenz und der Struktur des Ganzen funktionieren. Der Kapitalismus beispielsweise trachte danach, alle Elemente und Beziehungen in sich so zu formen, dass der Kapitalismus als fortlaufendes System erhalten bleibe.David Harvey: Social Justice and the City. 1973, S. 288f.
Die „Geopolitik des Kapitalismus“ Voraussetzungen der Kapitalzirkulation
Wichtigste Voraussetzung für die Erhaltung des kapitalistischen Systems ist für Harvey die Aufrechterhaltung der Zirkulation des Kapitals durch die ununterbrochene Produktion und Vermarktung von Gütern im Hinblick auf Profit. Die konstante Sorge im Kapitalismus sei deshalb die Schaffung sozialer und physischer Infrastruktur, welche diese Zirkulation ermöglichen. Hieraus resultiert nach Harvey eine „Geopolitik des Kapitalismus“. Harvey postuliert (nach Marx) die 10 Kernpunkte der Zirkulation des Kapitals:David Harvey: Spaces of Capital: Towards a Critical Geography. 2001, S. 313–316.
Ideologie des Wirtschaftswachstums: Die ständige Steigerung des Wertes der produzierten Güter ist dem Kapitalismus immanent und erfolgt ohne Rücksicht auf ökologische, menschliche oder geopolitische Konsequenzen. Wachstum durch Anwendung menschlicher Arbeit in der Produktion: Menschliche Arbeitskraft ist die exklusive Quelle der Wertschöpfung. Profit: Aus der Ausbeutung der Arbeitskraft in der Produktion erwächst der Profit. Klassenrelationen: Die Trennung in Käufer und Verkäufer etabliert Klassenbeziehungen aller Art. Klassenkampf: Das Bestehen von Klassenrelationen bedingt Widerstand, Gegnerschaft und Auseinandersetzung. Technologischer Wandel: Durch den innerkapitalistischen Wettbewerb und zur besseren Kontrolle der Arbeitskraft ist der Kapitalismus notwendigerweise technologisch dynamisch. Mittel: Es müssen Wege gefunden werden, Kapital und Arbeitskraft zu produzieren und zu reproduzieren, um die für das Überleben des Kapitalismus notwendige technologische Dynamik zu ermöglichen. Die Zirkulation des Kapitals ist instabil: Das System expandiert durch die Ausbeutung von Arbeitskraft, während die technologische Dynamik die Arbeitskraft, die wahre Basis des Wachstums, aus der Produktion hinausdrängt. Wachstum und technischer Fortschritt sind daher, obwohl beide für den Kapitalismus notwendig, Gegenspieler. Dieser Widerspruch resultiert in periodischen Krisen bis hin zur zeitweiligen Unterbrechung der Zirkulation des Kapitals. Überakkumulation: Die Krisen zeigen sich typischerweise als Zustand, in dem die für das System notwendigen Überschüsse an Kapital und Arbeit nicht länger mehr absorbiert werden können. Entwertung: Überschüsse, die nicht in die Zirkulation des Kapitals absorbiert werden können, werden entwertet oder sogar vernichtet.
Etablierung einer immobilen Infrastruktur
Der Kapitalismus steht Harvey zufolge vor dem Problem, seine Überschüsse an Kapital und Arbeit in die Kapitalzirkulation einfließen lassen zu müssen, um diese aufrechtzuerhalten und die Entwertung der Überschüsse zu verhindern. Eine Lösungsmöglichkeit bestehe daher in der Erschließung neuer Räume durch den Kapitalismus, in denen die Absorption des Kapitals noch nicht durch die Überakkumulation gefährdet ist. Der Kapitalismus nutze dabei seine Möglichkeiten, über den Raum zu verfügen und aus räumlichen Unterschieden Profit zu schlagen. Ziel sei es dabei, durch technischen und organisatorischen Fortschritt eine Reduzierung der Zeit und der Kosten für Mobilität zu erreichen und so für die Verwendung des Kapitals eine immer größere Freiheit von geographischen Einschränkungen zu erlangen. Voraussetzung hierfür sei aber eine Mobilität des Kapitals, die sich nur durch die Etablierung einer immobilen Infrastruktur in den zu erschließenden Räumen erreichen lässt. Als Beispiel für solche Infrastruktur führt Harvey Einrichtungen für die (Tele-)Kommunikation, den Transport und die Reproduktion von Arbeitskraft ebenso an wie das Vorhandensein eines auf staatliche, Finanz- und gesetzliche Einrichtungen gestütztes Kreditsystem, einer Währungspolitik und -sicherheit und von notwendigen Dienstleistungen aller Art.David Harvey: Spaces of Capital: Towards a Critical Geography. 2001, S. 325–332. Um die Beweglichkeit des Kapitals zu gewährleisten, wird also ein Teil des Gesamtkapitals und der Gesamtarbeitskraft in Form dieser Infrastruktur fest im Raum verankert: „Die Fähigkeit [des Kapitals] Raum zu überwinden, beruht auf der Produktion von Raum.“David Harvey: Spaces of Capital: Towards a Critical Geography. 2001, S. 332.
Entstehung von „regional spaces“ Durch die Errichtung einer immobilen Infrastruktur wird die Geographie der Produktion in unterschiedliche räumliche Gegebenheiten zerteilt. Es entstehen so „“, in denen Produktion und Konsum, Angebot und Nachfrage, Klassenkampf und Akkumulation sowie Kultur und Lebensstil innerhalb der Gesamtheit der Produktionsfaktoren und sozialen Beziehungen als „“ zusammenhängen. Durch „“ können diese „“ immer größer werden. Durch Staatenbildung und die Formung von Klassenallianzen (bis hin zum Nationalismus) können diese Räume zudem eine gewisse Stabilität erreichen. Grundsätzliches Merkmal des kapitalistischen Systems ist jedoch nach Harvey, dass die einst neu aufgebauten Räume durch die ständige Suche nach neuen Absorptionsmöglichkeiten für das Kapital und die technologische Dynamik früher oder später wieder zerstört und neu aufgebaut werden: „Der Kapitalismus strebt ewig danach, eine soziale und physische Landschaft nach seinem eigenen Bild zu schaffen und diese zu einem bestimmten Zeitpunkt nach seinen Bedürfnissen auszustatten, nur um diese Landschaft zu einem späteren Zeitpunkt genauso sicher zu untergraben, auseinander zu nehmen oder gar zu zerstören.“ “Die inneren Widersprüche des Kapitalismus werden durch die ruhelose Bildung und Auflösung von geographischen Landschaften ausgedrückt.”.David Harvey: Spaces of Capital: Towards a Critical Geography. 2001, S. 333.
Konfliktpotentiale Harvey sieht diese ständigen Wandlungsprozesse nicht konfliktfrei ablaufen. Sie würden vielmehr immer durch Krisen und Auseinandersetzungen geprägt. Teilweise seien die destruktiven Kräfte, die dabei freigesetzt würden, Folge von Maßnahmen der betroffenen Räume, denen eine externe Lösung ihrer Probleme als ein Ausweg erscheinen könne, um ihre „structured coherence“ zu retten. Teilweise seien Krise und Zerstörung jedoch auch notwendige Etappen in der Eröffnung neuer Räume und neuer Absorptionsmöglichkeiten für das Kapital.