mini|Der Anfang des Menexenos in der Erstausgabe, Venedig 1513

Der Menexenos () ist ein in Dialogform verfasstes Werk des griechischen Philosophen Platon. Den Inhalt bildet ein fiktives, literarisch gestaltetes Gespräch zwischen Platons Lehrer Sokrates und dessen Schüler Menexenos, einem jungen Athener von vornehmer Abstammung. Ihr Thema ist nicht philosophisch, sondern politisch: Kritisch beleuchten sie manipulative Aspekte des athenischen Politikbetriebs.

Der ehrgeizige Menexenos will Politiker werden und in Athen Regierungsmacht ausüben. Dazu ist in der Attischen Demokratie vor allem ein imponierendes Auftreten als öffentlicher Redner erforderlich. Sokrates steht jedoch der Redekunst und insbesondere den Lobreden, die auf Ausnutzung der Eitelkeit basieren, sehr skeptisch gegenüber. Er hält die Rhetorik für eine Manipulationstechnik und beschreibt sie mit drastischer Ironie als Schwindel. Nach seinen Worten verdankt er seine Sachkenntnis auf diesem Gebiet Aspasia, der Lebensgefährtin des berühmten Staatsmanns und glänzenden Redners Perikles. Um zu zeigen, wie leicht man mit schönen Worten wirkungsvoll auftreten kann, trägt er eine Lobrede auf die Heimat und die gefallenen Krieger vor, wobei er behauptet, Aspasia sei die Verfasserin. Letzteres glaubt ihm Menexenos allerdings nicht. Abschließend stellt Sokrates seinem Schüler weitere derartige Staatsreden in Aussicht.

Ort, Zeit und Teilnehmer mini|Sokrates (römische Büste, 1. Jahrhundert, Louvre, Paris)

Das Gespräch spielt sich in Athen an einem öffentlichen Ort ab, wohl auf der Straße oder auf einem Platz. Eine Datierung der fiktiven Handlung ist nicht möglich, da die chronologischen Angaben widersprüchlich sind.Michel Narcy: Ménexène. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Bd. 5, Teil 1, Paris 2012, S. 784–788, hier: 784. Allerdings meint Debra Nails, die ein chronologisch unstimmiges Textstück für unecht hält und als Interpolation aus dem Text entfernen möchte, die Handlung falle in den Winter 401/400 v. Chr.Debra Nails: The People of Plato, Indianapolis 2002, S. 319f.

An dem Dialog sind nur Sokrates und Menexenos beteiligt. Ihre Begegnung ist frei erfunden, und Menexenos ist außerhalb von Platons Werken nirgends bezeugt, doch wird in der Forschung nicht bezweifelt, dass er eine historische Person ist. Platon lässt ihn auch in seinem Dialog Lysis auftreten. Im Lysis ist er noch ein Knabe, im Dialog Phaidon wird er unter den beim Tod des Sokrates Anwesenden erwähnt. In dem nach ihm benannten Dialog ist er ein Jüngling aus einer traditionell einflussreichen Familie, der vor seinem Eintritt ins öffentliche Leben steht und sich einen politischen Aufstieg erhofft. Der historische Menexenos war möglicherweise mit Sokrates verwandt; dafür spricht, dass Sokrates einem seiner drei Söhne den seltenen Namen Menexenos gegeben hat.Debra Nails: The People of Plato, Indianapolis 2002, S. 202f. Vgl. zum historischen Menexenos Stavros Tsitsiridis (Hrsg.): Platons Menexenos, Stuttgart 1998, S. 53–56.

Platons Dialogfigur Sokrates ist eine literarische Gestalt. Inwieweit seine Ansichten mit denen des historischen Sokrates übereinstimmen, ist schwer zu ermitteln und in der Forschung stark umstritten. Im Gespräch mit Menexenos ist sein Auftreten von einem spielerischen, bisweilen komödienhaften Ton geprägt.Stavros Tsitsiridis (Hrsg.): Platons Menexenos, Stuttgart 1998, S. 57f.

Inhalt Das Einleitungsgespräch Sokrates ist in der Stadt unterwegs und trifft zufällig seinen Schüler Menexenos, der gerade von der Agora – dem Markt- und Versammlungsplatz – kommt, wo er einer Ratsversammlung beigewohnt hat. Sogleich beginnt Sokrates den jungen Mann zu necken: Menexenos sei wohl bei einem solchen politischen Anlass anzutreffen, weil er nun nach dem Abschluss seiner Schulbildung glaube, er habe ausgelernt und sei jetzt berufen, über die ältere Generation zu herrschen, wie es einer Tradition seiner Familie entspreche. Menexenos gibt seinen politischen Ehrgeiz zu, er strebt ein Regierungsamt an, will aber diesen Weg nur mit dem Einverständnis des Sokrates einschlagen. Er erzählt, dass er in der Ratsversammlung war, weil er erfahren wollte, wem die Aufgabe übertragen wird, die öffentliche Rede bei der Leichenfeier zu Ehren der im Kampf gefallenen Athener zu halten. Damit gibt er sein großes Interesse an Staatsreden zu erkennen.Platon, Menexenos 234a–b.

Sokrates reagiert ironisch mit spöttischen Bemerkungen über die enkomiastische Rhetorik, das Lobredewesen. Er stellt den Tod auf dem Schlachtfeld als Glücksfall dar: Es muss etwas Schönes sein, so zu sterben, denn dann bekommt man auch als Armer ein prunkvolles Staatsbegräbnis.Siehe dazu Robert Clavaud: Le Ménexène de Platon et la rhétorique de son temps, Paris 1980, S. 111. Dabei wird man – auch wenn man zu Lebzeiten ein Taugenichts war – von einem vorzüglichen Rhetor in einer mitreißenden Grabrede verherrlicht. Ein solcher Redner weiß, wie man eine Versammlung bezaubert. Er preist nicht nur den Staat, die Gefallenen und die Vorfahren, sondern die Athener insgesamt, bezieht also sein Publikum in das Lob ein. So vermittelt er den Bürgern das erhebende Gefühl einer besonderen Erhabenheit ihrer Stadt und einer Würde, die auch ihnen selbst zukommt aufgrund der bloßen Tatsache, dass sie Athener sind. Den Zuhörern erscheint dann die ganze Stadt wundervoller als zuvor und sie selbst kommen sich größer und edler vor. Auch in den Augen auswärtiger Gäste gewinnen sie als Bürger einer so vortrefflichen Stadt an Statur. Da man somit als Athener ein bedeutender Mensch ist, stellt sich ein entsprechendes Selbstbewusstsein ein. Er selbst, erzählt Sokrates ironisch, genießt nach einer solchen Rede eine noch tagelang anhaltende Euphorie. Er glaubt dann auf den paradiesischen Inseln der Seligen zu leben, bis ihn der Alltag wieder einholt.Platon, Menexenos 234c–235c.

Menexenos kennt schon die Gewohnheit des Sokrates, über die Redner zu spotten. Er weist aber darauf hin, dass diesmal auf den vom Rat ausgesuchten Rhetor eine besondere Herausforderung zukomme, da ihm nur wenig Zeit zur Vorbereitung bleibe. Dagegen wendet Sokrates ein, jeder Rhetor habe für solche Anlässe vorbereitete Reden zur Verfügung, und sogar wenn man improvisieren müsste, wäre das nicht schwierig. Nur wenn die Vorzüge von Ausländern darzustellen wären, würde ein guter Redner benötigt; wenn das Lob den Anwesenden selbst gelte, sei es leicht, ihren Beifall zu finden. Daraufhin will Menexenos wissen, ob Sokrates sich selbst zutrauen würde, diese Aufgabe zu meistern, falls der Rat sie ihm übertrüge. Sokrates bejaht das mit großer Sicherheit: Er habe die Redekunst bei Aspasia gelernt, der Lebensgefährtin des Staatsmanns Perikles, des besten Redners von ganz Griechenland. Auch Perikles verdanke seine rhetorische Überzeugungskraft dem Unterricht, den Aspasia ihm erteilt habe. Außerdem sei eine erstklassige Ausbildung für eine erfolgreiche Lobrede nicht einmal nötig; auch als Schüler eines weniger bedeutenden Rhetoriklehrers könne man das Publikum beeindrucken, wenn man vor Athenern die Athener lobe.Siehe dazu Carl Werner Müller: Platon und der Panegyrikos des Isokrates. In: Carl Werner Müller: Kleine Schriften zur antiken Literatur und Geistesgeschichte, Stuttgart 1999, S. 440–462, hier: 453f. Aspasia habe ihm am Vortag aus dem Stegreif ein Beispiel einer Gefallenenrede vorgetragen. Das dabei verwendete Material habe sie wohl schon zusammengestellt, als sie die Gefallenenrede des Perikles geschrieben habe. Mit dieser beiläufigen, abschätzigen Bemerkung macht Sokrates Aspasia zur wahren Urheberin einer der bekanntesten rhetorischen Leistungen der Antike.Siehe dazu Ernst Heitsch: Thukydides, Aspasia und Platons Menexenos. In: Philologus 153, 2009, S. 229–236; Madeleine M. Henry: Prisoner of History, New York 1995, S. 35. Auf Bitten des Menexenos erklärt er sich bereit, Aspasias Ausführungen aus der Erinnerung wiederzugeben.Platon, Menexenos 235c–236d.

Die Rede Die Vortrefflichkeit Attikas

Das Staatsbegräbnis ehrt die Gefallenen durch die Tat, doch auch durch das Wort soll ihnen die gebührende Ehrerbietung erwiesen werden. Dreierlei ist zu rühmen: ihre Abstammung, ihre Erziehung und die ihrer Herkunft würdigen Großtaten, die sie vollbracht haben. Was die Abstammung betrifft, zeichnen sie sich durch Wohlgeborenheit aus, denn sie sind nicht Nachkommen eingewanderter Fremder, sondern ihre Vorfahren waren die Ureinwohner Attikas, der Heimatregion der Athener. Daher ist Attikas Erde ihre Mutter, in deren Schoß sie nun nach dem Tode wieder ruhen. Dieses Mutterland verdient es, nicht nur von seinen Bewohnern, sondern von allen Menschen gepriesen zu werden. Es ist ein von den Göttern geliebtes Land. Während alle anderen Regionen der Welt wilde Tiere hervorgebracht haben, sind in Attika solche Tiere niemals heimisch gewesen; der Mensch hingegen, das einzige Vernunftwesen, ist ein Kind dieses Landes, hier ist der Ursprung der Menschheit. Daher zeichnet sich Attika auch dadurch aus, dass es als erstes Land Weizen und Gerste erzeugt hat, denn dies sind die besten Nahrungsmittel für den Menschen. So hat die attische Erde für ihre Kinder gesorgt; außerdem hat sie ihnen zur Erquickung den Ölbaum geschenkt.Platon, Menexenos 236d–238a.

Die athenische Staatsordnung

Dank göttlicher Unterweisung haben die Athener von Anfang an die aristokratische Staatsordnung gehabt, die bei ihnen noch immer besteht. Die Verfassung Athens wird zwar von manchen als demokratisch bezeichnet, denn die Entscheidungsbefugnis liegt hauptsächlich beim Volk, doch in Wirklichkeit ist sie aristokratisch in dem Sinne, dass die Tüchtigsten im Einvernehmen mit dem Volk regieren (Aristokratie heißt wörtlich „Herrschaft der Besten“).Siehe zu dieser aristokratischen Interpretation der Demokratie Ernst Heitsch: Thukydides, Aspasia und Platons Menexenos. In: Philologus 153, 2009, S. 229–236, hier: 232f. Das Volk vertraut die Führungsämter den Bürgern an, die es für die besten hält. Dabei wird niemand – wie in anderen Staaten – wegen eines körperlichen Mangels oder wegen Armut oder niedriger Herkunft diskriminiert; was zählt, ist allein die Qualifikation. Nur an diejenigen, die im Ruf der Weisheit und Tüchtigkeit stehen, werden Ämter vergeben. Es gibt keine willkürliche Machtausübung, keine Schichtung in Herrschende und Beherrschte, sondern alle Bürger sind vor dem Gesetz gleich, denn sie sind alle von gleicher Abstammung und daher Geschwister. Athener wachsen in aller Freiheit auf und ordnen sich nur denen unter, die wegen Tugend und Einsicht als herausragend gelten.Platon, Menexenos 238b–239a.

Die Athener als heldenhafte Vorkämpfer der Freiheit