Die Optimalitätstheorie (, im weiteren OT) ist ein Modell der theoretischen Linguistik. Als Forschungsprogramm zielt OT darauf ab, die grammatikalischen Realisierungen von Einzelsprachen anhand sprachspezifischer Rangfolgen von universellen Beschränkungen (englisch constraints) zu erklären.
Die Theorie geht davon aus, dass es für jeden sprachlichen Ausdruck viele verschiedene Möglichkeiten gibt, diesen zu realisieren. Dazu treten alle diese Realisierungen in einen Wettbewerb. Anhand der Grammatik einer Sprache, die durch eine Rangfolge von Beschränkungen definiert wird, werden nach und nach alle Möglichkeiten ausgeschlossen, die nicht zu dieser Grammatik passen. Die Realisierung, welche am Ende als optimale Erfüllung der Beschränkungen übrig bleibt, erfüllt die Grammatik am besten im Vergleich zu allen anderen Möglichkeiten. Diese Realisierung ist also optimal im Hinblick auf die Grammatik.
Das Modell mini|240px|Schematische Darstellung der OT. Legende: GEN = Generator, CAND = Candidates, EVAL = Evaluation, C = Constraints
In der Grammatiktheorie geht man davon aus, dass alle Sprachen der Welt denselben Prinzipien unterliegen. Was die Theorie konkret erklären soll, ist, wie die Unterschiede zwischen diesen Sprachen zustande kommen und wie die Theorie parametrisiert sein muss, dass sie genau die Strukturen ableitet, die in einer Sprache grammatisch sind. Der Begriff der Grammatikalität bezieht sich dabei auf die Formen, die in einer gesprochenen Sprache wirklich vorkommen, ein ungrammatischer Ausdruck wäre im weiteren Sinne ein solcher, der entweder in der Sprache nicht vorkommt oder der vom Sprecher nicht verstanden würde.
Die Grammatik einer Sprache wird in der OT definiert als eine geordnete Menge von so genannten Beschränkungen (englisch Constraints). Das sind Regeln, die genau festlegen, welche Eigenschaften ein Ausdruck nicht haben soll. Wenn eine Realisierung eine dieser „verbotenen“ Eigenschaften hat, spricht man davon, dass sie die entsprechende Beschränkung verletzt.
Die Beschränkungen sind universell, das heißt, sie gelten für alle Sprachen. Eine Einzelsprache – genauer ihre Grammatik – unterscheidet sich von einer anderen dadurch, dass diese Beschränkungen unterschiedlich stark gewichtet sind. Die Ordnung vom wichtigsten zum unwichtigsten Constraint wird als Ranking bezeichnet. In der OT sind die Prinzipien, denen alle Sprachen zugrunde liegen, die Beschränkungen, die Parameterbelegung wäre das Ranking, welches in jeder Einzelsprache spezifisch ist.
Ein Ausdruck wird in der OT als Input bezeichnet, die Menge der möglichen Realisierungen dieses Ausdruckes heißt Output oder Kandidatenmenge. Zu jedem Input gibt es also eine Reihe von Kandidaten, von denen es denjenigen auszuwählen gilt, der den Input in Hinblick auf die Grammatik am besten – also optimal – erfüllt.
Die Auswahl des optimalen Kandidaten wird Evaluation oder Wettbewerb genannt. Dieser Prozess funktioniert im Wesentlichen wie folgt: Am Anfang steht der Input, je nach Auslegung der Theorie kann dies eine Tiefenstruktur, ein Wort, die logische Form eines Satzes oder Ähnliches sein. Zu diesem Input wird nun die Kandidatenmenge generiert, also eine Menge von Möglichkeiten, wie der Input realisiert werden könnte, also zum Beispiel Oberflächenstrukturen, die phonetische Form eines Wortes, der konkrete Satzbau oder Anderes. Jeder dieser Kandidaten zeichnet sich dadurch aus, dass er bestimmte Beschränkungen verletzt. Zunächst werden alle Kandidaten aus dem Wettbewerb geworfen, welche die höchste Beschränkung verletzen. Von den übrig gebliebenen Kandidaten werden nun die rausgeworfen, die das nächstniedrigere Constraint verletzen und so weiter. Dies geht solange, bis nur noch ein Kandidat übrig ist, dieser ist dann der optimale Kandidat und repräsentiert einen in einer Sprache grammatischen Ausdruck.
Woher der Input konkret kommt, hängt in hohem Maße von dem betrachteten Problem ab. Im Falle der Phonologie, in der es zu einem großen Teil um Sprachproduktion geht, kommt der Input beispielsweise aus dem mentalen Lexikon, optimiert wird letztlich die phonetische Realisierung des Lexems. In anderen Ansätzen kann der Input auch der optimale Kandidat einer vorangegangenen Evaluation sein, man spricht hier von der so genannten „lokalen Optimierung“ (siehe auch den Abschnitt Weitere Anmerkungen). In der Syntax wird auf einen Input meist gänzlich verzichtet, da man hier versucht, die Struktur einer Sprache unabhängig von ihrem Gebrauch zu beschreiben. Die Entscheidung, ob eine Struktur in einer Sprache wohlgeformt ist, ergibt sich hier einzig aus dem Ranking der Constraints.
Tableaus Ein wichtiges Hilfsmittel bei optimalitätstheoretischen Analysen sind so genannte Tableaus, das sind Tabellen, die den Evaluationsprozess grafisch veranschaulichen sollen.
Dabei steht im oberen linken Feld des Tableaus der konkrete Input der Evaluation. Daneben sind die Beschränkungen, von links nach rechts entsprechend ihrem Ranking, aufgelistet. Eine in der Literatur häufig verwendete Schreibweise für das Ranking (die Reihenfolge) der Beschränkungen ist: C » C » … » C, wobei C » C bedeutet, dass C höher gerankt ist als C. In den Tableaus würde also C stets links von C stehen.
In der ersten Spalte des Tableaus stehen die einzelnen Kandidaten, welche aus dem Input in GEN generiert wurden. Verletzt ein Kandidat eine Beschränkung, wird jede Verletzung im entsprechenden Feld einzeln mit jeweils einem Asterisk (*) gekennzeichnet. Wird ein Kandidat suboptimal, das heißt, verletzt er eine Beschränkung, die ein anderer sich noch im Wettbewerb befindlicher Kandidat nicht oder nicht so oft verletzt, so wird sein „Ausscheiden“ mit einem Ausrufezeichen (!) hinter dem * gekennzeichnet. Die entscheidende Verletzung nennt man „fatal“. Wie im folgenden Beispiel zu sehen ist, kann es auch vorkommen, dass alle Kandidaten dieselbe Beschränkung verletzen (Das ist der Fall in der Beschränkung C). Da es in diesem Falle keinen optimalen Kandidaten gibt, entscheiden die nächstniedrigeren Verletzungen. Der optimale Kandidat wird mittels des so genannten „Pointing Finger“, einer zeigenden Hand (☞) markiert. Die Graufärbung ist ein zusätzliches visuelles Hilfsmittel, um die suboptimalen Kandidaten hervorzuheben.
T T INPUT C C C C ☞ CAND * * CAND **! * CAND * **! CAND *! * *** INPUT C C C C CAND *! * CAND *! ** CAND *! * * ☞ CAND * * ***
Was die beiden Tableaus T und T unterscheidet, ist allein das Ranking der Beschränkungen C und C. Es wird deutlich, dass durch das Umordnen dieser Beschränkungen der Kandidat CAND optimal wird, obwohl er insgesamt mehr Beschränkungen verletzt als die übrigen Kandidaten.
Arten von Beschränkungen Eine Beschränkung im Sinne der OT ist eine Bedingung, die ein Kandidat entweder erfüllt oder nicht. Wenn ein Kandidat eine Bedingung nicht erfüllt, gilt die entsprechende Beschränkung als verletzt. Es ist dabei nicht ausgeschlossen, dass eine Beschränkung von einem Kandidaten mehrfach verletzt wird, siehe dazu auch das Beispiel aus der Syntax. Es werden generell zwei Arten von Beschränkungen unterschieden: Treue- und Markiertheitsbeschränkungen.
Treuebeschränkungen (T) beziehen sich dabei direkt auf die Interaktion zwischen Input und Kandidat. Generell lässt sich sagen, dass Treuebeschränkungen immer dann verletzt sind, wenn Merkmale eines Kandidaten von denen des Inputs abweichen.
Markiertheitsbeschränkungen (M) dagegen kennzeichnen Besonderheiten, die ein Kandidat haben muss, um in einer Sprache optimal sein zu können. Für jede dieser M gibt es dabei Treuebeschränkungen, die seine Wirkung aufheben. So lässt sich erklären, warum in einer Sprache eine Besonderheit vorherrscht (M»T), während diese in anderen Sprachen ungrammatisch ist (T»M).
Eine weitere Art von Beschränkungen wird in der Prosodie oder bei der Analyse von Tonsprachen verwendet. Hier legen so genannte Alignment-Constraints (wörtlich: „Ausrichtungsbeschränkungen“) fest, in welche Richtungen beispielsweise Töne mit ihren entsprechenden Segmenten assoziiert werden sollen.
Beispiele Ein nicht-linguistisches Beispiel Die drei Männer Hans, Karl und Peter wollen sich je ein Auto kaufen. Jeder hat dabei genaue Vorstellungen: Hans’ Auto soll besonders sparsam sein und eine helle Farbe haben, sein Budget beläuft sich auf 12.000 €. Karl dagegen möchte ein schnelles Auto, wobei ihm die Farbe egal ist und er etwa 20.000 € zur Verfügung hat. Peter möchte unbedingt ein blaues Fahrzeug erwerben. Für ihn ist die Hauptsache, dass es fährt, da er das KFZ sowie den Unterhalt dafür von seinem reichen Onkel geschenkt bekommt, spielt Geld für ihn keine Rolle.
Der Autohändler hat jedoch ein nur sehr begrenztes Sortiment im Angebot: Einen Kleinwagen mit 45 PS in Dunkelblau für 8.000 €, Einen roten Sportwagen 120 PS für 25.000 € sowie Einen weißen Kombi mit 90 PS für 12.000 €. Der Autohändler erklärt, dass die (hypothetische) Faustregel gilt: „Je mehr PS ein Auto hat, desto schneller ist es und desto teurer ist es im Unterhalt“, demnach wäre der Kleinwagen als „sparsam“ anzusehen, der Sportwagen als „schnelles“ und damit teures Auto. Der Kombi ist konventionell ebenfalls als „schnelles“ Auto anzusehen und demnach „nicht sparsam“. Darüber hinaus wäre es kein Problem, ein Modell nachzubestellen, sollten sich zwei oder mehr Kunden für dasselbe Fahrzeug entscheiden.
Die Entscheidung, wer welches Auto kauft, gleicht einem optimalitätstheoretischen Prozess: jeder der drei Männer hat genaue Vorstellungen (Input) und drei Modelle zur Auswahl (Kandidaten). Aus der gegebenen Situation lassen sich für alle drei Kunden geltende Beschränkungen postulieren: Die Farbe soll mit des Kunden Vorstellung übereinstimmen (kurz: Farbe) Das Fahrzeug sollte nicht teurer sein, als der Kunde Geld hat (Preis) Das Fahrzeug entspricht der Vorstellung des Kunden von Sparsamkeit und Geschwindigkeit (PS) Je nach Kunde sind diese Beschränkungen unterschiedlich stark gewichtet: Für Hans ist PS am wichtigsten, gefolgt von einer hellen Farbe. Die Geldfrage steht bei ihm zuletzt. Er wird sich für das erste Auto entscheiden, auch wenn es nicht seiner Farbvorstellung entspricht, da die anderen beiden Modelle nicht sparsam genug sind. Karls Prioritäten liegen ähnlich, auch für ihn ist die Eigenschaft PS am wichtigsten in Bezug auf Geschwindigkeit. Da sein Budget begrenzt ist, kommt diese Beschränkung an zweiter Stelle, die Farbe an letzter. Er wird sich für den Kombi entscheiden, da er ebenfalls als „schnell“ bezeichnet und der Sportwagen zu teuer ist. Peters Anforderungen an sein Auto sind wie folgt gewichtet: Im Vordergrund steht die Farbe, der Rest ist ihm egal. Er wird das erste Auto kaufen, da es vollständig seinen Vorstellungen entspricht.
Jeder der drei Käufer hat nun das Auto gekauft, welches er als das passendste erachtet, also das, welches ihm unter den gegebenen Umständen (Budget, Angebot und Vorstellungen) optimal erscheint.
Beispiele aus der Linguistik Im Folgenden sind zwei Beispiele aus den linguistischen Teilbereichen Phonologie und Syntax aufgeführt.
Phonologie In der Phonologie des Deutschen existiert ein Phänomen, welches Auslautverhärtung genannt wird. So wird das Wort Lied im Deutschen [] ausgesprochen. In der OT wird angenommen, dass auch die Aussprache [li:d] eine mögliche Aussprache des Deutschen ist, zumal sie mit der zugrunde liegenden Form // identisch ist. Deutlich wird diese zugrundeliegende Form an flektierten Formen des Wortes, beispielsweise im Plural [], bei denen der Plosiv /d/ nicht mehr am Ende einer Silbe steht und deshalb nicht der Auslautverhärtung unterliegt, also stimmhaft ausgesprochen wird.