Die Neue Galerie ist ein Museum in Kassel. Das Gebäude liegt an der sogenannten „Schönen Aussicht“ zwischen Rathaus und Karlsaue. Die Neue Galerie zeigt Kunst vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart mit dem Schwerpunkt Malerei.
Das als Gemäldegalerie errichtete Gebäude entstand in den Jahren von 1871 bis 1877 nach Plänen des Architekten Heinrich von Dehn-Rotfelser im Stil der Neorenaissance. Es beherbergte ursprünglich die Gemäldesammlung „Alte Meister“. Nach Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg wurde diese Sammlung in das Landesmuseum und später in das Schloss Wilhelmshöhe verlagert. 1976 eröffnete die Neue Galerie mit neuem Konzept und unter ihrem heutigen Namen. Seit den 1960er Jahren wird das Gebäude auch als temporärer Ausstellungsort der documenta genutzt.
Baugeschichte miniatur|Grundrisse Obergeschoss und Erdgeschoss (Planung um 1870) miniatur|Schnitt Eingangsbereich mit Treppe ins Obergeschoss (Planung um 1870) miniatur|Baustelle (1873)
Ein Vorgängerbau war von François de Cuvilliés d. Ä. in den Jahren 1749 bis 1752 an der Schönen Aussicht erbaut worden. Dieses für Landgraf Wilhelm VIII. errichtete Gebäude nahm dessen Gemäldesammlung auf. Während der französischen Besatzung unter Jérôme Bonaparte wurde dort eine Zwischendecke eingezogen, um das Ausstellungsgebäude als Stadtresidenz zu nutzen. Damit waren die für damalige Verhältnisse fortschrittlichen Oberlichtsäle entfallen. Nach der Annexion des Kurfürstentums Hessen durch Preußen, 1866, waren die umfangreichen Sammlungen der Landgrafen und späteren Kurfürsten in staatliche Verwaltung übergegangen. Der vom preußischen König ernannte Oberpräsident Eduard von Möller setzte sich für einen Neubau ein, um die berühmte Sammlung von Wilhelm VIII. in angemessenen Räumen und unter besseren Lichtverhältnissen präsentieren zu können.Absatz nach Marianne Heinz: Ein Haus für die Moderne. 25 Jahre Neue Galerie 1976-2001. Staatliche Museen Kassel, 2001, S. 7 und 8
Im August 1869 war der Bauplatz festgelegt worden: neben dem Palais Bellevue und mit Blick über die Karlsaue. Heinrich von Dehn-Rotfelser, Baurat und Professor für Architektur an der Akademie in Kassel, legte kurz darauf seine Planungen vor und im Sommer 1871 wurde mit den Arbeiten begonnen. Die Eröffnung erfolgte am 28. Dezember 1877.
Als bauliches Vorbild gilt die von Leo von Klenze geplante und 1826 bis 1836 errichtete Alte Pinakothek in München. Dehn-Rotfelser verkleinerte bei seinem Kasseler Galeriegebäude deren Dimensionen und reduzierte die Ausdehnung der Eckpavillons. Die Gemäldegalerie Kassel besitzt einen zentralen Mitteltrakt in Erdgeschoss und Obergeschoss. Die zentralen Säle im Obergeschoss wurden als Oberlichtsäle konzipiert. An den Mitteltrakt sind Seitenlichtkabinette angeschlossen. Im Obergeschoss findet sich nach Südosten, zur Karlsaue hin, eine Loggia. Gemälde sollten nach den Vorstellungen des Architekten nur im Obergeschoss präsentiert werden. Für das Erdgeschoss sah er, neben Verwaltungs- und Depoträumen, die Präsentation der Naturaliensammlung vor. Dazu kam es aber nicht, im Erdgeschoss wurden letztendlich nicht antike Gipsabgüsse und die kunstgewerbliche Sammlung (Porzellan, Majolika, Glas) ausgestellt.
Dehn-Rotfelsers Galeriegebäude hatte eine Länge von 89,3 m. Die Breite der Pavillons betrug 24 m, die des Mittelbaues 22 m. Das Dach begann in einer Höhe von 15 Metern. Das Erdgeschoss war mit seinem Gurtgesims 6 m hoch, das Obergeschoss, mit Kranzgesims, 7,60 m hoch. Die drei Oberlichtsäle im Mittelbau waren 8,63 m breit und bis zum Rand der Lichtöffnung in der Decke 8 m hoch. Der mittlere Saal war mit 17,72 m der längste, die beiden daneben waren 11 m lang. Der vierte Oberlichtsaal, im westlichen Pavillon gelegen, war 15,53 m lang, 10 m breit, und bis zum Rand der Lichtöffnung 8,60 m hoch.Absatz nach Heinrich von Dehn-Rotfelser: Geschichte und Beschreibung des neuen Gemäldegallerie-Gebäudes zu Cassel in Verzeichniß der in der Neuen Gemälde-Galerie zu Cassel befindlichen Bilder, Kassel, 1878
Ausstattungsprogramm Die Gemäldegalerie besaß, zeittypisch und angelehnt an die Münchner Pinakothek, ein umfangreiches Dekor an der Gebäudeaußenseite und im Inneren.
Am Außenbau wurden die 6 Giebelfelder der Eckpavillons mit Reliefs versehen, deren Darstellungen sich auf die Funktion des Gebäudes beziehen. An der Eingangsseite wurden oberhalb des Zugangs zwei Nischenfiguren in die Fassade integriert: „Rembrandt“ und „Rubens“. Entworfen wurden Giebelfelder und Nischenfiguren vom Bildhauer Karl Hassenpflug. Das Südportal, zur Karlsaue hin, wurde durch zwei Karyatiden (Stützfiguren) aus Sandstein eingerahmt. Diese stammten von Karl Echtermeier und wurden durch Franz Schwarz ausgeführt.Absatz nach Marianne Heinz: Ein Haus für die Moderne. 25 Jahre Neue Galerie 1976-2001. Staatliche Museen Kassel, 2001, S. 9.
1875 schrieb der Kunsthistoriker Jacob Burckhardt über das weitgehend fertiggestellte Bauwerk: „Das im Bau fertige, innen noch unvollendete neue Museum in Kassel ist endlich ein wirklich schönes und edles Gebäude – nur leider an der Tür hat der Architekt die gottverdammten Karyatiden wieder nicht verheben können.“Jacob Burckhardt in einem Brief an Max Alioth. Zitiert nach Klaus-Jörg Ruhl: Kassel in alten und neuen Reisebeschreibungen. Düsseldorf 1991, S. 160.
Im Inneren galt insbesondere die von Carl Echtermeier gestaltete Statuengruppe auf der Balustrade der Treppenbrüstung als bemerkenswert. Die lebensgroßen weiblichen Gewandfiguren bildeten Personifikationen der europäischen Kunstländer. Sie waren aus Carrara-Marmor gearbeitet und hoben sich damit deutlich vom Nassauer Marmor der Fußböden und der Treppenbalustrade ab. Reich ausgestattet war insbesondere auch die Loggia im Obergeschoss: In die Rundbogennischen der Rückwände waren Sitzbänke integriert, deren Seitenwangen als Löwen-Sphingen nach Entwürfen Echtermeiers aus sächsischem dunkelgrau-grünem Granatserpentin gearbeitet worden waren. Oberhalb der Bänke waren auf Konsolen ruhende Marmorbüsten berühmter Künstler angebracht. Diese Büsten, welche stellvertretend für die unterschiedlichen Maler- und Bildhauerschulen standen, waren von Karl Hassenpflug gearbeitet worden.
Sammlung der Gemäldegalerie Ausstellungshöhepunkt der Gemäldegalerie war die Sammlung der niederländischen Alten Meister, Arbeiten von Malern wie Rembrandt, Paulus Potter, und Philips Wouwerman. Besuchern wurde die Bedeutung dieser Sammlung durch den königlichen Galeriedirektor Oskar Eisenmann, Sammlungsleiter bis 1908, nahegebracht: „Die berühmte Gemälde-Galerie, wohl der grösste Schatz der Stadt Kassel, wurde im Herbst des Jahres 1877 aus den ungenügenden Räumen des Bellevueschlosses in ihr neues Heim übergeführt, welches am höchsten und schönsten Aussichtspunkte der Bellevue [Schönen Aussicht] gelegen ist. Gegründet ist die Sammlung von Landgraf Wilhelm XIII., welcher als Gouverneur von Breda und Maastricht im ersten und zweiten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts [...] mehrere ausgezeichnete Privatsammlungen Hollands und auch bedeutende einzelne Gemälde aufkaufen liess. Wohl der qualitativ wichtigste Kauf war derjenige der Sammlung Reuver in Delft, [...1749...]. Es befanden sich darunter allein 8 Stücke von Rembrandt, 3 von Potter, 6 von Wouwerman u. s. w., im ganzen vorwiegend holländische Meister, was charakteristisch für die Zusammensetzung der ganzen Sammlung ist, deren Hauptstärke überhaupt in den niederländischen Schulen beruht. Durch spätere kleinere und minder werthvolle Erwerbungen, namentlich italienischer Bilder und Berücksichtigung auch einheimischer, speciell hessischer Künstler wurde der Bestand der jetzigen Galerie zusammengebracht. [...]“Zitiert nach Oskar Eisenmann im Vorwort zu Kurzes Verzeichnis der Gemälde in der Königlichen Gallerie zu Cassel, Dritte Auflage. Kassel, 1890
Eisenmann erwähnt die Verluste während der napoleonischen Besatzung, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, und verweist darauf, dass dabei aus dem Erbe Joséphine de Beauharnais zahlreiche Kasseler Gemälde an den Hof von Alexander, des Zaren von Russland und damit in die Eremitage von Sankt Petersburg gerieten. Nichtsdestotrotz: „Doch ist des Trefflichen und Einzigen noch genug vorhanden, um den Ruhm der Galerie, an niederländischen Meistern des 17. Jahrhunderts nächst Dresden und München die reichste Deutschlands zu sein, unbestritten aufrecht zu erhalten. Was Rembrandt anbelangt, so überragt sie sogar an Zahl und Werth der Werke dieses grössten Malers alle Sammlungen der Welt mit Ausnahme der genannten zu Petersburg. [...]“
Kriegszerstörungen Als wichtiger Verkehrsknotenpunkt und Sitz von Rüstungsindustrie gehörte Kassel im Zweiten Weltkrieg zu den am schwersten von Luftangriffen betroffenen deutschen Städten. Im Herbst 1943 sorgten Brandbomben dafür, dass das Innere des Galeriegebäudes durch Feuer zerstört wurde, lediglich die Loggia im Obergeschoss war nicht von den Brandschäden betroffen. Später wurde die Nordwand des Ostpavillons, an der Frankfurter Straße, durch eine Sprengbombe aufgebrochen. Die Außenwände des Pavillons gerieten aus dem Lot und die Haupttreppe in das Obergeschoss stürzte zusammen. Wandgemälde in der Loggia wurden durch die Erschütterungen während der Bombardierung zerstört. Die restliche Ausstattung der Loggia – dazu gehörten zum damaligen Zeitpunkt auch die dort aufgestellten Treppen-Statuen von Echtermeier – blieb jedoch erhalten. Erhalten blieb auch die eiserne Dachkonstruktion des Gebäudes. Der Mittelbau des Galeriegebäudes wurde provisorisch als Standort der Post benutzt. Die Gemäldesammlung war rechtzeitig ausgelagert worden. Die 60 wichtigsten Werke befanden sich bei Kriegsende in Wien und kehrten erst 1956 nach Kassel zurück.Absatz nach Erich Herzog: Die Neue Galerie in Kassel – Gebäude und Sammlung bis zur Eröffnung 1976 - in Aus hessischen Museen, Band 3, 1983. II. Zerstörung und Wiederaufbau, S. 138 ff. sowie S. 136 zur Loggia.
Neukonzeption nach 1945 Auch andere Kasseler Museen waren von Kriegszerstörungen betroffen, umfangreiche Sammlungsbestände waren verlorengegangen. Vor diesem Hintergrund setzte eine Diskussion über den Wiederaufbau der Gebäude und die zukünftige Strukturierung der Sammlungen ein. Als wichtigste Frage galt dabei seit den späten 1940er Jahren die Unterbringung und Präsentation der Alten Meister. Im Rahmen der geplanten Neuordnung gab es kritische Stimmen zum Gebäude der Gemäldegalerie: Der historisierende Gesamtcharakter sei unzeitgemäß, die Anordnung der Räume sei zu starr und nicht flexibel nutzbar. Auch die Forderung nach dem sofortigen Abriss des beschädigten Gebäudes wurde gestellt. Weite Kreise in der Stadt Kassel und beim Land Hessen favorisierten den Ausbau von Schloss Wilhelmshöhe zum Standort der Gemäldesammlung.Absatz nach Marianne Heinz: Ein Haus für die Moderne. 25 Jahre Neue Galerie 1976-2001. Staatliche Museen Kassel, 2001, S. 10–15.
1961 legte sich das zuständige hessische Ministerium darauf fest, den Mittelbau von Schloss Wilhelmshöhe als Standort für die Antikensammlung, die Graphische Sammlung und die Gemäldesammlung zu nutzen. Die neue Nutzung des Galeriegebäudes an der Schönen Aussicht wurde im darauffolgenden Jahr von Erich Herzog, dem neuen Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel, vorgeschlagen. Seine Gesamtkonzeption zum schrittweisen Wiederaufbau der Kasseler Museumslandschaft aus dem Jahr 1962 fand die Zustimmung der Landesregierung. Herzogs Plan sah vor, die ehemalige Alte Galerie als Neue Galerie, als Galerie für die Moderne zu nutzen.
Erich Herzog schrieb später zu seinen damaligen Gedanken: