mini|hochkant=1.5|Drei Zeilen aus der vatikanischen Handschrift Urb.lat. 440 saec. xi, f. 9r, bekannt als Istoria Veneticorum, entstanden um 1000: „Post dicessum cuius omnis Veneticorum frequentia simul collecta quendam civem Heraclianae civitatis, Mauricium nomine, peritissimum seculari studio, ducatus honore apud Metamaucensem insulam sublimavit. Qui dum sapienter“. Dies sind die ersten Zeilen der Chronik aus der Feder des Johannes Diaconus, wohingegen die gleichfalls bis 2018 diesem Autor zugewiesenen Abschnitte, die die Geschichte vor 764 schildern, aus einer anderen vatikanischen Handschrift erst im 13. Jahrhundert entstanden. Es handelt sich um die Handschrift Vat. lat. 5269, f. 1r–40v saec. xiii. mini|hochkant|Angebliches Wappen des „Mauritio Caballio“ nach den Vorstellungen des frühen 17. Jahrhunderts. Bei den Wappen frühmittelalterlicher Dogen handelt sich um bloße Rückprojektionen neuzeitlicher Familienwappen. Die Heraldik setzte erst im 3. Viertel des 12. Jahrhunderts ein. Später wurden auch Wappen an die frühen Dogen vergeben, die nie ein Wappen geführt hatten („fanta-araldica“); dies diente dazu, die Familien dieser Epoche mit möglichst frühen Dogen in ein verwandtschaftliches Verhältnis zu setzen, was ihnen Ansehen sowie politischen und gesellschaftlichen Einfluss verschaffte.Es wurden also die Wappen der sehr viel späteren Nachfahren dieser Dogen, vor allem seit dem 17. Jahrhundert, auf die angeblichen oder tatsächlichen Mitglieder der (angeblich) seit 697 in Venedig herrschenden Familien zurückprojiziert: „Il presupposto di continuità genealogica su cui si basava la trasmissione del potere in area veneziana ha portato come conseguenza la già accennata attribuzione ai dogi più antichi di stemmi coerenti con quelli realmente usati dai loro discendenti“ (Maurizio Carlo Alberto Gorra: Sugli stemmi di alcune famiglie di Dogi prearaldici, in: Notiziario dell'associazione nobiliare regionale veneta. Rivista di studi storici, n. s. 8 (2016) 35–68, hier: S. 41). Maurizio Galbaio (* 730er Jahre in Heracleia; † 797 in Metamaucum) war nach der venezianischen historiographischen Tradition der 7. Doge der Republik Venedig. Mauritius oder Mauricius, wie er in den früheren Quellen heißt, regierte demnach von 764 bis 787. In der modernen Forschung wird sein Ableben in das Jahr 797 datiert. Während seiner langen Herrschaft geriet der Dukat Venedig in den Konflikt zwischen dem Frankenreich unter Karl dem Großen, der 774 das Langobardenreich erobert hatte, und dem Byzantinischen Reich, zu dem der Dukat formal noch immer gehörte. 785 veranlasste Papst Hadrian I. Karl dazu, den venezianischen Händlern den Zugang zur Pentapolis und ins Ravennatische zu untersagen.

Dabei war Metamaucum – später häufig, dennoch fälschlicherweise mit Malamocco gleichgesetzt – noch immer die Residenz der Dogen, dort war Mauritius von der Volksversammlung gewählt worden, also am Ostrand der Lagune von Venedig. In den laut der Chronik des Andrea Dandolo 23 Jahren seiner Regierung wurden wesentliche Weichen zu Venedigs Aufstieg und politischer Unabhängigkeit gestellt, zugleich interne Konflikte zwischen den Familien und den politischen Interessengruppen abgemildert und die dezentrale Machtausübung der Tribunen endgültig beendet. Jeweils zwei von ihnen stellten ein erstes Beratergremium dar, so dass diese Konstruktion als Ergebnis eines unter Mauritius’ Vorgänger erreichten Kompromisses gilt, der von großer Dauerhaftigkeit war. Dieser Kompromiss konnte jedoch nicht verhindern, dass das Dogenamt, das eher auf administrativ-militärische Ursprünge zurückging, seinen Charakter veränderte, seinen Amtscharakter einbüßte. Es nahm unter Mauritius zudem zentralistischere Züge an, die Familie der Galbaii neigte außerdem als erste Familie zur Bildung einer Dynastie.

Dies erwies sich ab 785, als der Doge seinen Sohn Johannes zu einer Art Mitregenten erhob, was wiederum die Opposition der Großen verstärkte, und noch mehr, als auch der Enkel Mauritius (II.) zum Dogen avancierte. Zugleich entstand in Olivolo (später Castello genannt) im Osten des heutigen historischen Zentrums von Venedig, das erste Bistum. Diese Bistumsgründung betrachtete Heinrich Kretschmayr als „ersten Gründungsakt“ Venedigs, das erst im frühen 9. Jahrhundert zum Herrschaftskern der Lagune avancierte. Darüber hinaus setzte Mauritius durch, dass der Doge erstmals darüber bestimmte, wer im Dukat Venedig Bischof wurde – eine Art des Umgangs mit höchsten kirchlichen Ämtern, die geradezu kennzeichnend für Venedig wurde. Damit gelangten einerseits Rechte und Einnahmen in die Hand der von ihm erwählten Männer, andererseits konnte diese Amtsvergabe dem Ausgleich zwischen den Interessen der tribunizischen Familien und damit dem Machtgleichgewicht dienen.

Historiographisch von Bedeutung ist die Tatsache, dass mit seiner Amtszeit erst die um 1000 entstandene Istoria Veneticorum des Johannes Diaconus einsetzt, während die Zeit seiner Vorgänger zwar auch zu den Abschriften der Istoria Veneticorum gehört, jedoch erst im 13. Jahrhundert vorangestellt worden ist.

Die Herrschaft des Mauritius Machtkonstellation bis zum Ende des Langobardenreiches (764–774) Mit Mauritius, der laut der um 1000 entstandenen Istoria Veneticorum des Johannes Diaconus aus Heracleia stammte,Giovanni Monticolo (Hrsg.): Iohannes Diaconus, Cronaca veneziana (Cronache veneziane antichissime, I), Rom 1890, S. 98. was das Testament des Dux Giustiniano Particiaco von 829 bestätigt,Andrea Castagnetti: Famiglie e affermazione politica, in: Storia di Venezia, Bd. I: Origini-Età ducale, Rom 1992, S. 613–644, hier: S. 614. wurde ein byzanzfreundlicher Doge gewählt. Hingegen waren die Familien Metamaucums, des Residenzortes der Dogen, eher Anhänger der Franken. Mauritius rechnete daher auch bei seinen Auseinandersetzungen mit dem Papst, der sein Territorium zu Lasten Venedigs erweitern wollte, auf Unterstützung durch Kaiser Leo IV., der ihn nach der Wahl zum Magister militum (Heermeister) und Ipato (Konsul) ernannt hatte. In einem Brief des Patriarchen Johannes von Grado an Papst Stephan III. aus dem Jahr 770 sah sich der Patriarch mit „Mauricio, consuli et imperiali duci huius Venetiarum provinciae“ einig.Roberto Cessi (Hrsg.): Documenti relativi alla storia di Venezia anteriori al Mille, 2 Bde., Padua 1940 und 1942, Bd. 2, n. 30, S. 46–49, hier: S. 49. Mauritius trug also nicht nur den Titel eines ‚Konsuls‘, sondern auch den eines ‚kaiserlichen Dux‘ der Provinz. Der Titel war in den Augen des Papstes offenbar noch Ausfluss kaiserlicher Autorität. mini|Langobardischer, unter König Desiderius aufgelegter Tremissis aus der Münzprägestätte Treviso Die Ernennung zum Ipato provozierte den langobardischen König Desiderius. Mauritius wurde bald in die Machtkämpfe zwischen dem Langobardenkönig auf der einen, sowie dem Papst und den Frankenkönigen Pippin und vor allem dessen Sohn Karl I. auf der anderen Seite verwickelt. Um seinen Einfluss in der Lagune zu sichern, nahm Desiderius Johannes, den Sohn des Dogen, der in der späteren Geschichtsschreibung Giovanni Galbaio genannt wurde, gefangen. Johannes hatte an der Seite der Byzantiner auf Istrien gegen die Langobarden gekämpft. Nun diente er Desiderius wohl ab 772/773 als Geisel. Die Geiselnahme wird allerdings nur im Liber pontificalis erwähnt, während die venezianischen Quellen diesen Vorgang verschweigen. In einem Brief an den Papst beklagte ein anderer Johannes, der Patriarch von Grado, die Unterdrückung der Istrier durch die Langobarden, die die Halbinsel besetzt hatten, und die Tatsache, dass sie damit seiner kirchlichen Jurisdiktion entzogen werde. In einem anderen Brief hob er den lobenswerten Widerstand des Dogen Mauritius hervor.

Nun versuchte Byzanz seine im Jahr 751 an die Langobarden verlorenen Gebiete zurückzugewinnen. Doch der Papst wandte sich einem anderen Beschützer zu. Im Jahr 754 überquerte Papst Stephan II. dazu die Alpen und begab sich an den fränkischen Hof, nicht nach Konstantinopel. Der Grund für diese Reise bestand in den Übergriffen des Langobardenkönigs Aistulf, der 750/751 das byzantinische Exarchat von Ravenna erobert hatte. Kaiser Konstantin V., der erfolgreich an der Ostgrenze gegen muslimische Heere kämpfte und dort gebunden war, musste für einige Zeit auf ein Eingreifen im Westen verzichten. Unter diesen Umständen wandte sich der Papst an König Pippin um Hilfe.

Seine Anwesenheit erregte erhebliches Aufsehen, denn es war das erste Mal, dass sich ein Papst ins Frankenreich begab. Beim Treffen in der Pfalz von Ponthion schlossen Stephan und König Pippin ein Freundschaftsbündnis (amicitia). Der König sagte dem Papst Unterstützung gegen die Langobarden zu. Pippin konnte seinerseits auf diese Weise sein junges Königtum legitimieren, denn er hatte 751 den letzten Merowingerkönig gestürzt. So wurden die Frankenkönige zu Schutzherren des Papstes.

Trotz dieser veränderten Lage blieb Konstantinopel nicht untätig. 761 gelang es Kaiser Konstantin V., mit Desiderius eine Allianz zu schließen. Die kaiserlichen Themen des Südens, dazu Sizilien und wahrscheinlich auch die Lagune sollten dazu Hilfe bereitstellen. Doch mit dem Anspruch der Franken und der 774 erfolgten Eroberung des Langobardenreiches endete der letzte kaiserliche Versuch, das spätestens 751 verlorene Exarchat Ravenna zurückzuerlangen.Nicola Bergamo: Costantino V, Il Cerchio, Rimini 2007, S. 98.

Folgen der fränkischen Eroberung des Langobardenreichs mini|Fränkische Eroberungen zwischen 768 und 816; venezianisches Territorium mini|Alpenüberquerungen während des Langobardenfeldzugs der Franken im Jahr 773 Der Langobardenfeldzug Karls, der seine Herrschaft im Frankenreich gefestigt hatte, endete mit der Unterwerfung des Desiderius und der Okkupation weiter Teile des Langobardenreiches einschließlich der Hauptstadt Pavia. Karl selbst ließ sich 774 die Langobardenkrone in Pavia aufsetzen. Auf sein Betreiben wurde der Dogensohn aus der langobardischen Gefangenschaft freigelassen.

Trotz dieser Geste sah sich Venedig nun einer noch stärker expansionistischen Macht unmittelbar gegenüber. Als 775/776 ein Aufstand aufflackerte, verschwanden auch die letzten langobardischen duces aus ihren Ämtern, die Herzogtümer wurden in Grafschaften umgewandelt. Auch der Herzog von Friaul wurde ersetzt.Stefan Weinfurter: Karl der Große. Der heilige Barbar, Piper, München und Zürich 2015, S. 90 f.

Viele flohen in das verbliebene langobardische Herzogtum Benevent, unter ihnen der bedeutende Chronist Paulus Diaconus, der mindestens bis 787 an seiner Langobardengeschichte arbeitete, die eine der wichtigsten Quellen für Italien und auch für die frühe venezianische Geschichte darstellt. 781 bot er sich König Karl als Schreiber an – er verfasste dort ein Werk, das den Ahnherrn der Dynastie Karls feierte (Liber de episcopis MettensibusPauli Warnefridi. Liber de episcopis Mettensibus, hrsg. von Georg Heinrich Pertz in: Monumenta Germaniae Historica Scriptorum tomus II, pp. 260–270, Hannover 1829 (Digitalisat bei archive.org).) – und lebte im Frankenreich, wodurch er wohl 785/786 seinen Bruder aus fränkischer Gefangenschaft befreien konnte. Die Brüder konnten nach Süditalien zurückkehren.

Rückhalt bei Byzanz, Versuch der Dynastiebildung Mauritius versuchte einen Gegenpol zu den übermächtigen Franken zu schaffen, indem er die alten Bindungen an das Kaiserreich festigte, dem Venedig formal immer noch angehörte. Es gelang ihm, die Bestätigung seines Sohnes als Nachfolger im Dogenamt durch den byzantinischen Kaiser zu erhalten. Sein Ziel dürfte es gewesen sein, die Wahl des Dogen durch die Veneter abzuschaffen und das Amt erblich zu machen, eine Politik, die die inneren Machtkämpfe in den Städten der Lagune in den nächsten Jahrzehnten bestimmen sollte.