Der Begriff Makrobiotik (von „groß“, und „das Leben betreffend“) entstand in der Antike und bezeichnet eine Lebensweise, die zu einem gesunden, langen Leben führen soll.
Die neuzeitliche Makrobiotik als „Lehre von einem langen Leben“ wurde im Wesentlichen 1797 durch das Werk von Christoph Wilhelm Hufeland geprägt.Josef N. Neumann: Makrobiotik. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 885 f.
Geschichte und Entwicklung der Makrobiotik
Der Begriff makróbios (μακρόβιος) wurde schon von Herodot und Hippokrates von Kos verwendet.Herodot Historien 3,23.114; Corpus Hippocraticum De aeribus 4.7, Epidemien 2,6,1, De diaeta 32 Sie bezeichneten damit Menschen, die gesund sind und sehr alt werden. Aristoteles und andere klassische Autoren beschrieben einen Lebensstil als Makrobiotik, der auf einer einfachen Ernährungsweise fußt und Gesundheit und ein langes Leben verspricht. Im deutschen Sprachraum taucht die Bezeichnung 1796 in Christoph Wilhelm Hufelands Hauptwerk „Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern“ auf.
Eine neuere Form von Makrobiotik wurde im Wesentlichen von dem Japaner Georges Ohsawa begründet. Sie ist eine auf taoistischen Lehren und asiatischen Traditionen basierende Ernährungs- und Lebensweise, die nach dem Zweiten Weltkrieg im Rahmen der New-Age-Bewegung auch in der westlichen Welt zahlreiche Anhänger fand. Nach dem Tod von Ohsawa wurde seine Lehre von einigen seiner Schüler modifiziert und weiterentwickelt.
Sagen Ishizuka und die Shoku-Yo-Bewegung („Heilung durch Essen“)
Die Wurzeln eines ebenfalls Makrobiotik genannten Konzeptes liegen in Japan. Der japanische Militärarzt Sagen Ishizuka (, 1850–1910) entwickelte Ende des 19. Jahrhunderts eine Theorie, welche die traditionelle fernöstliche Philosophie mit den westlichen Wissenschaften Biologie, Chemie und Medizin vereinen sollte. Die Ergebnisse veröffentlichte Ishizuka in seinen beiden Hauptwerken, „Theorie der Langlebigkeit“ (1897) und „Ernährung zur Gesundheit“ (1898). Im Jahr 1909 gründeten die Anhänger Ishizukas in Japan die Bewegung Shoku-Yō („Heilung durch Essen“), die ein Gegengewicht zum damaligen japanischen Zeitgeist bilden wollte, der sich ihrer Auffassung nach zu stark an europäischen Werten und den Naturwissenschaften orientierte. Anhänger der Shoku-Yo-Bewegung kritisierten die Übernahme des modernen westlichen Lebensstils, insbesondere die symptomorientierte Medizin und die Ernährungsgewohnheiten. Stattdessen wurde die traditionelle japanische Ernährung aus ganzen, unverarbeiteten Lebensmitteln empfohlen, ohne Verwendung von Milch und anderen tierischen Produkten. Die Heilkunst des Arztes Sagen Ishizukas beruhte auf fünf zentralen Annahmen: Die Ernährung sei die Grundlage für Glück und Gesundheit. Natrium und Kalium seien die wichtigsten Determinanten, deren Gleich- beziehungsweise Ungleichgewicht die Qualität eines Lebensmittels bestimme (vgl. Yin und Yang). Vollkorngetreide sei das der Menschheit angemessene Hauptnahrungsmittel. Die Nahrungsmittel sollten ganz und natürlich belassen verzehrt werden. Es sollten nur Nahrungsmittel aus der Region zur jeweiligen Saison verwendet werden.
Georges Ohsawa
Der Japaner Georges Ohsawa (eigentlich Sakurazawa Nyoichi, , 1893–1966), der als Jugendlicher unter Tuberkulose litt und bereits seine Mutter und mehrere Geschwister durch diese Krankheit verloren hatte, hörte von Ishizukas Heilungsansatz und befolgte dessen Ratschläge. Als er meinte, seine vollständige Gesundheit aufgrund der Empfehlungen von Ishizuka wiedererlangt zu haben, trat er der Shoku-Yo-Gemeinschaft bei und wurde schließlich deren Präsident. Ohsawa, der Ishizuka nicht persönlich kannte, entwickelte dessen Philosophie und die zugehörigen Ernährungsregeln weiter. Unter dem alten Namen „Makrobiotik“, den er von Hufeland übernommen hatte, machte Ohsawa seine Lehre in Japan, Europa und den Vereinigten Staaten bekannt.
Michio Kushi und andere Ohsawa-Schüler
Nach Ohsawas Tod entwickelten einige seiner Schüler (u. a. Aveline und Michio Kushi, Cornellia und Herman Aihara) die moderne Makrobiotik weiter, ergänzten sie und passten sie den westlichen Lebensverhältnissen an. Michio Kushi (1926–2014) kam 1949 zum Studium in die Vereinigten Staaten. Er bemerkte, dass viele der Nahrungsmittel, die er empfahl, dort nicht zu bekommen waren. Gemeinsam mit seiner Frau Aveline gründete er deshalb einen der ersten Naturkost-Vertriebe des Landes (Erewhon). Sein Geschäft entwickelte sich schnell zum führenden Anbieter von Naturkost und makrobiotischen Erzeugnissen. Michio und Aveline Kushi gründeten mit der sogenannten East-West-Foundation und dem Kushi-Institut zwei Einrichtungen zur weiteren Verbreitung ihrer Lehre und riefen die Monatszeitschrift East West Journal ins Leben, die weltweit verbreitet wird. Kushis Hauptinteresse, geprägt von seinen Eindrücken während des Zweiten Weltkriegs, gilt der Frage, ob und wie Lebensstil und Ernährung einen Einfluss auf das friedliche Zusammenleben der Völker haben. Sein zentrales Buch zu dieser Frage ist „One Peaceful World“ (1986), sein Hauptwerk zur Ernährungslehre ist „Die Kushi-Diät“ (1984).
Die Lehre Ohsawas
Ohsawas Lebenswerk bestand in der Weiterentwicklung und Vermittlung der Makrobiotik, die er für den einzigen Weg zur Erlangung von Glück, Gesundheit und einem langen Leben hielt.Ohsawa: Praktischer Leitfaden der makrobiotischen Heilkunde des Fernen Ostens, 1990, S. 11–12
Weltanschauliche Grundlagen
Seine Lehre begründet Ohsawa in den „großen Religionen des Fernen Ostens“, deren Grundanliegen er darin sah, den Menschen zu Glück und Gesundheit hier auf Erden zu verhelfen und nicht erst in ferner Zukunft.S. 40 Hierbei berief er sich insbesondere auf den Zen-Buddhismus beziehungsweise die makrobiotische Ernährung in Zen-Klöstern.ZEN Makrobiotik 1978, S. 6 Die Gesundheit und Langlebigkeit der Zen-Mönche und - Nonnen führt er als Beispiel für die heilsame Wirkung der Makrobiotik an.
Er bedauerte den Autoritätsverlust der Religionen in der Moderne, wodurch seiner Auffassung nach die „Prinzipien des Lebens und der Natur“ nicht mehr ausreichend Beachtung finden. Den wichtigsten religiösen Aspekt sieht er im daoistischen Prinzip (chin. 道教, dàojiào „Lehre des Weges“) von Yin und Yang. Nach Ohsawas Meinung konnte nur durch Befolgen dieser Lehre individuelles Lebensglück erreicht werden:
„Für diejenigen, die das praktische Paradoxon des Yin/Yang-Denkens verstehen, ist das Leben eine ständige Ausbildung an der größten aller Universitäten, Unterricht frei und ohne Gebühren. Für diejenigen, die nichts von Yin und Yang wissen, kann das Leben die Hölle sein.“ZEN Makrobiotik 1978, S. 61
Seine eigene Lehre bezeichnete er als das „einzige Prinzip“, einen Schatz und zugleich ein wertvolles Geschenk an die westliche Welt.S. 59
Glück und Gesundheit
Glück und Gesundheit bedingen nach Ohsawa einander unmittelbar. Er benennt in Anlehnung an die „alten Weisen“ fünf Glücksmerkmale, die sich auch in kleinsten Einzelheiten des täglichen Lebens zeigen und von ihm als individueller Ausdruck von Göttlichkeit und Ordnung des Universums angesehen werden:S. 43 Die Fähigkeit zur Freude in einem langen und interessanten Leben mit tollen Erfahrungen Das Freisein von Angst und Sorge bezüglich Geld Eine instinktive Überlebensfähigkeit zur Vermeidung von Unfällen, Krankheit und frühzeitigem Tod Die Fähigkeit zu lieben, verbunden mit dem Verständnis und der Annahme der unendlichen Ordnung des Universums zu allen Zeiten und auf allen Ebenen Eine angeborene Selbstlosigkeit sowie gute Manieren. Hierzu gehört auch, niemals zu versuchen, der Erste zu sein, aus Angst der Letzte zu werden.S. 41
Nach Ohsawa kann ein Mensch durch das Befolgen der makrobiotischen Richtlinien einen Zustand vollkommener Gesundheit erlangen. Zur Überprüfung des eigenen Gesundheitszustandes empfahl er unter Berufung auf „die östliche Weisheit“ folgende Kriterien:
Freisein von Ermüdung: Da Müdigkeit ein Zeichen von Krankheit ist, wird der wirklich gesunde Mensch niemals müde. Auch heißt er überraschend auftretende Situationen stets willkommen und ist immer bereit, unerwartet auftauchende Schwierigkeiten zu überwinden. Guter Appetit: Ein gesunder Mensch erfreut sich an einfachen Nahrungsmitteln, die er mit tiefer Dankbarkeit für den Schöpfer genießt. Sexueller Appetit ist ebenfalls ein Zeichen für Gesundheit. Tiefer Schlaf: Nach Ohsawas Auffassung deutet ein schlechter Schlaf auf grundlegende Gesundheitsmängel hin. Ein gesunder Mensch kann unabhängig vom jeweiligen Ort binnen weniger Minuten einschlafen, hat einen traumlosen Schlaf und spricht auch nicht im Schlaf. Weiterhin kann er zu einer zuvor gewünschten Zeit erwachen. Vier bis sechs Stunden Schlafdauer genügen. Gutes Gedächtnis: Als „grundlegender Lebensfaktor“ ist ein schlechtes Gedächtnis ebenfalls ein Zeichen schlechter Gesundheit. Gute Laune: Ein gesunder Mensch verbreitet durch heitere Stimmung und Freundlichkeit gute Laune und ist niemals ärgerlich. Er zeigt Bewunderung für Menschen und auch kleine Dinge und lernt von Feinden, „selbst wenn sie grausam und stark sind“. Genauigkeit im Denken und Handeln: Gesunde Menschen sind instinktiv und schnell und können sichere Urteile fällen. Auch fallen sie auf durch ihre Fähigkeit, Schönheit zu schaffen.S. 41–43
Sanpaku
Mit dem japanischen Wort Sanpaku bezeichnet Ohsawa die allgemeine Situation des westlichen Menschen. Dieser Begriff steht sowohl für eine Krankheit des Körpers wie auch für einen gefährlichen Zustand von Geist und Seele. Den Sanpaku-Menschen sieht er als völlig aus dem Gleichgewicht geraten. Insbesondere bestehe eine große Anfälligkeit für Unfälle und Krankheiten.S. 2
Wörtlich übersetzt bedeutet Sanpaku drei (san) Weiß (paku). Damit ist ein Aussehen eines Auges gemeint, bei dem die Iris von drei weißen Flächen umgeben ist, wenn es entspannt geradeaus schaut und sich unterhalb der Iris eine deutliche weiße Fläche befindet. Bei einem Neugeborenen ruht der untere Rand der Iris noch unter dem unteren Augenlid, die Iris schaut aus wie eine auf- oder untergehende Sonne. Wird der Mensch alt oder krank, verändert das Auge dieser Auffassung gemäß sein Aussehen hin zum typischen Sanpaku-Zustand.
Ohsawa berichtet, dass die Menschen des Fernen Ostens seit Jahrtausenden gegenseitig die Augen nach diesem gefährlichen Zeichen absuchten.S. 47–48 Aufsehen erregte er in den Vereinigten Staaten, die für ihn ein „Sanpaku-Land“ waren,S. 44 in dem er bei vielen westlichen Menschen Sanpaku-Augen zu erkennen glaubte, durch seine Vorhersage, dass verschiedene Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens mit Sanpaku-Augen in große Schwierigkeiten geraten würden. Namentlich erwähnte er Marilyn Monroe, Brigitte Bardot, Karim Qasim, Präsident Diem und Präsident Kennedy. Nach dem Tod von Kennedy führte seine Vorhersage zu einer entsprechenden öffentlichen Resonanz, welche er folgendermaßen kommentierte:
Krankheit
Ohsawa zufolge gibt es nur eine wirkliche Krankheit:
Für ihn wird „jede Krankheit durch ein Ungleichgewicht von Yin und Yang verursacht“.S. 75
Folgerichtig hielt Ohsawa unheilbare Krankheiten für eine überhebliche menschliche Erfindung, weil sie göttliche Schuld an die Stelle menschlicher Eigenverantwortung setzt. Er war sich sicher, dass es keine Krankheit auf der Welt gibt, einschließlich Paralyse, Diabetes, Lepra, Epilepsie, Krebs, Asthma, die nicht durch die richtige medizinische Philosophie, gepaart mit der richtigen Lebenshaltung, ausgemerzt werden könnte: