mini|Die Dionysiaka in der 1280 geschriebenen Handschrift Florenz, Biblioteca Medicea Laurenziana, Plut. 32,16, fol. 92r Die Dionysiaka („Geschichten von Dionysos“) sind ein in der Spätantike verfasstes griechisches Epos, das das Leben und den Triumph des Dionysos und vor allem seine militärischen Siege in Indien und seine Triumphzüge durch Städte des Nahen Ostens beschreibt. Der Autor ist Nonnos von Panopolis, der im fünften Jahrhundert, wahrscheinlich in Ägypten, lebte. Umstritten ist, ob Nonnos zum Abfassungszeitpunkt des Werkes bereits Christ war.
Der Schauplatz des an Epitheta und Metaphern reichen Epos ist die ganze damals bekannte Welt. Nonnos legt darin seinen Hexametern strengere Regeln zugrunde als seine Vorgänger.
Überlieferung Der Text des Werkes ist nur in einem Exemplar überliefert, dem Codex Laurentianus 32.16. Das Manuskript entstand um 1280 in Byzanz und wurde 1423 von Francesco Filelfo erworben. Der Name des Autors wird im Manuskript nicht genannt und ist zunächst auch unbekannt geblieben. Erst Angelo Poliziano (1489) und Gerhard Falkenburg (1569) ordneten den Text aufgrund von Agathias (Historien 4,23) Nonnos von Panopolis zu. Diese Herkunft wurde 1907 durch den Papyrus Berlin 10567 bestätigt.Siehe die Ausgabe von A. Ludwich 1909.
Die Dionysiaka wurden erstmals herausgegeben in Antwerpen im Jahr 1569 von Gerhard Falkenburg auf der Grundlage eines Manuskripts aus dem Besitz des Arsenios Apostolios, der im 16. Jahrhundert Erzbischof von Monemvasia war. Der ungarische Humanist Johannes Sambucus hatte es Falkenburg zur Verfügung gestellt.
Eine weitere Fassung wurde von Cyriacus von Ancona 1444 bei einem Besuch der Klosterbibliotheken auf dem Berg Athos katalogisiert. Es scheint sich bei dem verloren gegangenen Manuskript um eine von dem im Laurentianus-Codex überlieferten Text unabhängige Fassung gehandelt zu haben.Exzerpt des Katalogs in MS Vat. Lat. 52502 fol. 19v. Siehe auch: Aubrey Diller: A Lost Manuscript of Nonnus' Dionysiaca. In: Classical Philology. Band 48, Nummer 3, 1953, S. 177
Inhalt miniatur|hochkant|Typhon (etrurisches Fresko)
Die Dionysiaka sind in 48 Bücher bzw. Gesänge gegliedert. Mit über 21.000 HexameternDie Verszahlen der einzelnen Gesänge sind: 1: 534 – 2: 712 – 3: 444; 4: 463 – 5: 621 – 6: 388; 7: 368 – 8: 418 – 9: 321; 10: 430 – 11: 521 – 12: 397; 13: 568 – 14: 437 – 15: 422; 16: 405 – 17: 397 – 18: 368; 19: 348 – 20: 404 – 21: 345; 22: 401 – 23: 320 – 24: 348; 25: 572 – 26: 378 – 27: 341; 28: 330 – 29: 381 – 30: 326; 31: 282 – 32: 299 – 33: 387; 34: 358 – 35: 391 – 36: 480; 37: 778 – 38: 434 – 39: 407; 40: 580 – 41: 427 – 42: 542; 43: 449 – 44: 318 – 45: 358; 46: 369 – 47: 741 – 48: 978 – insgesamt 21.286, zusammen mit den Widmungsdistichen 21.382 Verse. ist es das längste erhaltene Epos der Antike. Die Zahl der in zwei Gruppen à 24 aufgeteilten Bücher entspricht der von Homers großen Werken, Ilias und Odyssee, zusammen. Eingangs werden die Entführung der Europa, die Schlacht zwischen Zeus und Typhon und die mythische Geschichte Thebens beschrieben. Erst im achten Buch wird Dionysos geboren. Es folgt die Schilderung der Jugend des Gottes, bis in den Büchern 13 bis 24 sein Zug nach Indien und seine Kämpfe dort (24-40) dargestellt werden. Die letzten Bücher behandeln den Rückzug nach Europa.
Im Folgenden eine Zusammenfassung:
1. Gesang: Anrufung der Muse. Zeus entführt Europa. Ihr Bruder Kadmos sucht nach ihr und hilft Zeus im Kampf gegen Typhon, der diesem die Blitze geraubt hat.
2. Gesang: Typhon wird von dem als Hirte verkleideten Kadmos durch Schalmeienspiel eingeschläfert. Es gelingt Zeus, die Blitze wieder an sich zu bringen. Typhon wird besiegt und unter den Ätna gebannt. Die vor Typhon nach Ägypten geflohenen Götter kehren wieder in den Olymp zurück.
3. Gesang: Auf der Suche nach Europa kommt Kadmos nach Samothrake, wo Harmonia, die Tochter von Ares und Aphrodite, von der Plejade Elektra erzogen wird. Kadmos erbittet Harmonia zur Frau.
miniatur|hochkant|Cadmus tötet den Drachen (Hendrick Goltzius) 4. Gesang: Kadmos segelt mit Harmonia nach Griechenland und bringt den Griechen die Kenntnis der Buchstabenschrift und der Astrologie. Nach einem Besuch des Orakels von Delphi erlegt er am Ort des zukünftigen Theben einen Drachen, aus dessen Zähnen die Sparten sprießen, bewaffnete Männer, die sogleich gegeneinander kämpfen.
5. Gesang: Mit den fünf überlebenden Sparten gründet Kadmos Theben. Er feiert Hochzeit mit Harmonia in Anwesenheit aller Götter. Seine Tochter Autonoë verheiratet er mit Aristaios. Deren Sohn Aktaion wird von Artemis in einen Hirsch verwandelt und von seinen eigenen Hunden zerrissen. Seine zweite Tochter Ino verheiratet Kadmos mit Athamas. Beginn des Berichts von der Zeugung des Bakchos-Zagreus durch Zeus, welcher Persephone, der Tochter seiner Schwester Demeter, in Gestalt eines Drachen beiwohnt.
6. Gesang: Demeter, die um die Zukunft ihrer Tochter fürchtet, lässt sich von Astraios aus den Sternen ihr Schicksal lesen. Davor gewarnt, dass Persephone Nachstellungen drohen, verbirgt sie diese in einer von Drachen bewachten Höhle. Zeus aber dringt dort in Gestalt einer Schlange ein, die Frucht der Vereinigung mit seiner Tochter ist Zagreus, der aber schon bald nach der Geburt von Titanen ermordet wird. Erzürnt über den Mord, sendet Zeus eine Sintflut auf die Erde.
7. Gesang: Auf Zureden Aions plant Zeus die Zeugung des Dionysos, des zweiten Bakchos, der durch das Geschenk des Weins den Menschen ihr schweres Los erleichtern soll. Vom Pfeil des Eros getroffen, nähert er sich der badenden Semele, einer weiteren Tochter des Kadmos, in Gestalt eines Adlers.
miniatur|hochkant|Apotheose der Semele (Antoine Caron, 1585) 8. Gesang: Phthonos, die Personifikation des Neides, hetzt Hera und Athene auf, sich an der von Zeus schwangeren Semele für dessen Untreue zu rächen. In Gestalt der alten Amme des Kadmos beredet sie Semele von Zeus zu verlangen, dass er sich ihr so zeige wie bei seiner Hochzeit mit Hera. Zeus erfüllt diesen Wunsch und erscheint von Blitzen umgeben vor Semele, davon verbrennt sie. Das ungeborene Kind jedoch rettet sein Vater.
9. Gesang: Zeus näht Dionysos in seinen Schenkel ein, um so die Schwangerschaft zu vollenden (siehe Schenkelgeburt). Der neugeborene Dionysos wird von Hermes zu Ino, Semeles Schwester gebracht, die ihn mit ihrer Magd Mystis aufzieht. Schließlich wird er nach Lydien zur Göttermutter Rhea gebracht, die zur Amme des Dionysosknaben wird. Durch den Zorn der Hera fällt Ino in Wahnsinn und rast als Bakche durch die Wälder des Parnass, wo sie die Pythia und die Jungfrauen vom Altar des delphischen Orakels vertreibt. Schließlich wird sie von Apollon geheilt.
10. Gesang: Die Rache der Hera ist jedoch noch nicht vollendet. Ino und ihre Söhne Learchos und Melikertes fallen dem Wahnsinn ihres Vaters Athamas zum Opfer. Währenddessen wächst Dionysos in Lydien in bukolischer Umgebung auf. Er verliebt sich in den gleichaltrigen Ampelos, dessen Schönheit in reichen Farben geschildert wird.
11. Gesang: Ampelos schmückt einen Stier und versucht ihn zu reiten. Der Stier aber wirft ihn ab und Ampelos bricht sich das Genick. Dionysos verfällt über den Verlust des Geliebten in tiefe Trauer. Eros versucht in Gestalt eines Silens, Dionysos durch die Erzählung von Kalamos und Karpos zu trösten. Die Horen der vier Jahreszeiten begeben sich zum Haus des Helios.
miniatur|hochkant|Helios (Silbermünze aus Rhodos) 12. Gesang: Im Haus des Helios untersuchen die Horen der Jahreszeiten und die Horen der 12 Monate auf astrologischem Weg die Bestimmung der Weinrebe und finden heraus, dass sie die Pflanze des Dionysos sein soll. Dionysos wird durch die Verwandlung des Ampelos in eine Rebe getröstet und erfindet den Wein, an dem sich der Chor der Satyrn berauscht.
13. Gesang: Zeus befiehlt dem Dionysos, einen Feldzug gegen die Inder zu unternehmen, um sich den Weg zum Olymp zu bahnen. Rhea veranlasst Pyrrhichos, einen der Korybanten, ein Heer aufzustellen. Es werden die einzelnen Abteilungen des Heeres nach ihren Völkern, Wohnsitzen und Führern aufgezählt.
14. Gesang: Rhea bemüht sich, für das Heer des Dionysos auch Götter zu rekrutieren. V. 17-227 enthält eine Aufzählung. Ab V. 221 wird der Auszug des Heeres und die Ausrüstung der einzelnen Abteilungen geschildert. Hera nimmt die Partei der Inder, die die Gesandtschaft des Dionysos vertreiben. V. 329-410 enthält eine Schilderung der folgenden Schlacht am Ufer des astakischen Meerbusens. Schließlich verwandelt Dionysos das Wasser des Meeres in Wein, wodurch seine Gegner betrunken und kampfunfähig werden.
15. Gesang: Die Gegner vollführen im Rausch allerlei Tollheiten. Nachdem sie in Schlaf gesunken sind, werden sie auf Befehl Dionysos’ gefesselt. Ab V. 169 bis Ende wird die idyllisch-bukolische Geschichte der Liebe des Berghirten Hymnos zur Jägerin Nikaia geschildert. Hymnos wird von der jungfräulichen Jägerin abgewiesen. Er bittet sie darum, ihn zu töten, um so seinen Liebesqualen ein Ende zu machen. Nikaia erfüllt ihm die Bitte und erschießt ihn. Der Gott Eros ist über die kaltherzige Tat erzürnt und schwört, Nikaia der Gewalt des Dionysos zu unterwerfen. Die Geschichte spielt in den Bergwäldern nahe dem astakischen Meerbusen.
16. Gesang: Dionysos wird vom Pfeil des Eros getroffen, als er Nikaia beim Baden beobachtet. Er verfolgt sie zunächst als schmachtender Liebhaber. Als eine Nymphe ihn darauf hinweist, dass sein Vater Zeus bei seinen Liebschaften auch nicht lange nach Einwilligung gefragt habe, ändert Dionysos die Strategie: Er verwandelt das Wasser einer Quelle, aus der Nikaia trinkt, in Wein. Wie die Inder, wird auch Nikaia betrunken und sinkt in betäubten Schlaf, in dem sie von Dionysos vergewaltigt und geschwängert wird. Als sie erwacht, bemerkt sie voll Verzweiflung, was ihr geschehen ist und versucht sich das Leben zu nehmen.
miniatur|hochkant|Mänade mit Thyrsos (rotfigurige Schale, ca. 480 v. Chr.) 17. Gesang: Dionysos zieht weiter. Er trifft den Bauern Brongos, den er die Kunst des Weinbaus lehrt. Astraeis, der als einziger des indischen Heeres nicht trank und entkommen ist, berichtet dem Orontes, dem Onkel des Inderkönigs Deriades, von der Gefangennahme des Heeres. Orontes stellt sich dem Dionysos zur Schlacht. Als im Einzelkampf mit dem Gott sein Panzer von Dionysos’ Thyrsos gespalten wird, stürzt er sich in sein Schwert und versinkt in dem Fluss, der von da an seinen Namen trägt.
18. Gesang: Der assyrische König Staphylos hört vom heranziehenden Heer des Dionysos und bittet den Gott, sein Gast zu sein. Bei einem Gastmahl im Palast des Staphylos werden die Assyrer von dem ihnen unbekannten Wein sämtlich betrunken. Staphylos erzählt die Geschichte vom Kampf des Zeus mit dem Untier Kampe. Dionysos zieht weiter, kehrt aber noch einmal zurück und erfährt vom plötzlichen Tod des Staphylos. Die Namen des Königs und seiner Familie sind sprechend: Staphylos bedeutet „Weinstock“, seine Frau heißt Methe („Trunkenheit“) und der Sohn Botrys („Traube“).
19. Gesang: Methe und Botrys erklären sich zu Anhängern des Dionysos. Zu Ehren des Staphylos werden Leichenspiele mit Gesang, Leierspiel und Tanz veranstaltet. Dabei besiegt Oiagros, der Vater des Orpheus, den Athener Erechtheus. Silen strauchelt beim Tanz und wird in einen Fluss verwandelt.
miniatur|hochkant|Hephaistos übergibt Thetis den für Achilles gefertigten Schild (rotfiguriger Kylix, 490–480 v. Chr.)