mini|Ste-Marie-Madeleine, Fassade mit romanischen und gotischen Elementen, 2019 renoviert
Die Basilika Sainte-Marie-Madeleine ist eine romanische Kirche mit frühgotischem Umgangschor und die ehemalige Abteikirche des einstigen Benediktinerklosters in Vézelay im Département Yonne in Burgund. Der Standort der Kirche geht auf eine erste karolingische Klosterkirche zurück, die auf dem 250 Meter hoch gelegenen Hügel der kleinen Gemeinde Vézelay (mit 448 überwiegend katholischen Einwohnern, Stand 1. Januar 2021) in der heutigen Region Bourgogne-Franche-Comté errichtet worden war. Die Kirche Sainte-Marie-Madeleine trägt seit 1925 den Titel einer Basilica minor.Basilique Sainte-Marie-Madeleine auf gcatholic.org Der Hügel und die Kirche von Vézelay zählen seit 1979 zum kulturellen UNESCO-Welterbe. Seit 1998 ist die Kirche auch als Teil des UNESCO-Welterbes „Jakobsweg in Frankreich“ ausgezeichnet.
Geschichte mini|Südseite des Langhauses mit Kreuzgang mini|Chor und Vierung mini|Luftaufnahme Die heutige Basilika Sainte-Marie-Madeleine ist nicht die erste Kirche an diesem Ort, zuvor stand hier eine karolingische Kirche. Abt Artaud ersetzte den karolingischen Chor durch einen romanischen, er wurde 1104 geweiht. Im Jahre 1120 wurde das karolingische Kirchenschiff durch einen Brand beschädigt. Daraufhin begann man mit der Errichtung des heutigen Hauptschiffs und seiner Fassade mit den drei figürlich gestalteten Portalen. Spätestens gegen 1140, vielleicht auch schon 1132 (für dieses Jahr ist die Weihe einer ecclesia peregrinorum in Anwesenheit des Papstes überliefert), waren die Arbeiten am Schiff und der Fassade beendet. Anschließend (1145–50) folgte die Vorhalle (Vorschiff), der sog. Narthex, mit einer eigenen Fassade nach außen hin. Die heutige, monumentale und nach außen hin geschlossene Anlage ist dabei erst der zweite Plan, zuvor war eine offene und deutlich niedrigere Vorhalle geplant. Die Abtei von Vézelay war ein wichtiges Zentrum der Christenheit. Die Abtei und später die Basilika wurde zum Ziel einer aufblühenden Wallfahrt zum angeblichen Grab der Maria Magdalena, das man der Überlieferung nach ab der Mitte des 12. Jahrhunderts hier verortete und welches weitere Reliquien bergen soll, die Maria Magdalena zugeschrieben werden; hingegen soll sich der Schädel der Wegbegleiterin von Jesu in einem Schrein in der unvollendeten Basilika Sainte-Marie-Madeleine in Saint-Maximin-la-Sainte-Baume befinden und nicht in Vézelay. Dieser Ort wurde auch Ausgangspunkt von einer der vier wichtigsten Pilgerstraßen nach Santiago de Compostela zum angeblichen Grab des Jakobus der Ältere. Die Stiftungen der Pilger sorgten für einen stetigen Fluss von Geld in die Kassen der Abtei, während die politische Unabhängigkeit von lokalen Autoritäten (dem Bischof von Autun, dem Graf von Nevers) ihre lokale Machtstellung sicherte. Die Relevanz der Abtei lässt sich daran ablesen, dass sie als Schauplatz zahlreicher Ereignisse von welthistorischer Bedeutung diente: 1146 etwa wurde in Vézelay der zweite Kreuzzug ausgerufen.
Franz von Assisi ließ seine Franziskaner, in Frankreich Cordeliers genannt, abseits der heutigen Basilika bei der Kapelle Ste.-Croix ein Kloster namens La Cordelle errichten, das später bis auf die Kapelle etwas verfiel; um diesen Ort sind Franziskaner-Mönche noch immer ansässig.
Bernhard von Clairvaux, Begründer des Zisterzienserordens, rief in Vézelay den Zweiten Kreuzzug aus. Er war rhetorisch gewandt und warb bei einflussreichen Persönlichkeit in ganz Europa für den Kreuzzug. Er konnte den deutschen König Konrad III. im Dom zu Speyer im Jahr 1146 dafür überzeugen. Internetseite Stift Heiligenkreuz Zisterzienserabtei "Wer war der heilige Bernhard? ", abgerufen am 18. April 2024.
Nach erneutem Brand wurden 1185–1215 der Chor und das Querschiff in bereits frühgotischem Stil errichtet. Noch später (1260) folgten der Südwestturm (St. Michel) mit einer 15 m hohen hölzernen Spitze und die hochgotische Westfassade. Der Nordturm wurde nicht weiter aufgebaut. In den Revolutionsjahren 1789 bis 1799 wurde durch die Garden das Westportal baulich beschädigt. 1819 brannte die Turmspitze ab. Der Architekt und beamtete Bauinspektor (franz. Titel: ‘‘Inspecteur général des édifices diocésains‘‘) Viollet-le-Duc restaurierte die stark baufällige Kirche ab 1840 bis in das Jahr 1842 und wurde sodann abberufen und mit der vier Jahre währenden Restaurierung der Basilika minor Saint-Andouche in Saulieu beauftragt. Internetseite zu Architekt Viollet-le-Duc "Ziff, 4 und 5 Die Quellen", abgerufen am 19. April 2024. Die wesentlichen Restaurierungsarbeiten an der sehr baufällig gewordenen Kirche in Vézelay führte aber über die sechsjährigen Bauarbeiten der Werksinspektor François-Nicolas Comynet durch, der zwei Jahre nach Fertigstellung in Saint-Père-sous-Vézelay verstarb.[https:// data.bnf.fr/fr/15033720/francois-nicolas_comynet] Internetseite zu François-Nicolas Comynet "Lebensdaten vom Buchhändler zum Bauinspektor", abgerufen am 19. April 2024. Unter der Leitung von Viollet-le-Duc und Comynet wurde unter anderem das äußere Westportal, das wahrscheinlich das Weltgericht mit einer Majestas Domini zeigte und in der französischen Revolution fast vollständig zerstört worden war, durch eine Neuschöpfung ersetzt. Internetseite zu Westportal und zu den Portalen im Allgemeinen, abgerufen am 21. April 2024. Für solche von der ursprünglichen Gestaltung abweichende Neugestaltungen im Wege „denkmalpflegerischer Rekonstruktion“ wurde Eugène Viollet-le-Duc von anderen Fachleuten im Bereich des Denkmalschutzes in Frankreich stark kritisiert. Dies gilt auch für das Wirken von Viollet-le-Duc bei Restaurierungsarbeiten an anderen Objekten wie Kirchen und denkmalgeschützten Bauwerken. Internetseite zur "Kritik am Wirken von Eugène-Emmanuel Viollet-le-Duc", abgerufen am 21. April 2024.
Die Kirche wurde 1993 vom Ortsbischof an die französischen Brüder- und Schwesterngemeinschaft Fraternité de Jérusalem zur Nutzung übergeben. Vézelay ist weltberühmt für die Kapitelle der Säulen, die biblische Geschichten veranschaulichen, sowie für das Hauptportal.
Hauptkirche
mini|Grundrißauszug der Basilika mini|Kreuzgratgewölbe und zweifarbige Bögen des romanischen Schiffs mini|hochkant=0.7|Westportal mit Saint-Michel-Turm um 1836
Die Kirche Sainte Marie-Madeleine ist eine dreischiffige Basilika mit einer Außenlänge von 120 m und mit sehr lang gezogenem Langhaus (zehn schmalrechteckige Travéen), einem kaum auskragenden Querhaus und einem Umgangschor mit Kranzkapellen. Das 1120–1140 errichtete Langhaus zeigt rein romanische Formen. Die von 1145 bis 1260 (Südwestturm) gestaltete Westfassade befindet sich im Übergang von der Romanik zu Gotik. Der von 1185 bis 1215 geschaffene Chor ist frühgotisch mit leichten romanischen Reminiszenzen.
Die Herkunft der für den Bau der Abtei und Basilika Ste. Marie Madeleine verwendeten Gesteine, aus denen die Natursteinquader und das Säulenmaterial gewonnen wurde, ist unbekannt. Für die Restaurierungsarbeiten von 1840 bis 1946 ergründete Architekt Viollet-le-Duc mehrere infrage kommende Steinbrüche, deren Gesteinsvorkommen dem ursprünglichen Material am nächsten kamen, wobei für die Auswahl nicht nur die Farbe, sondern auch die Gesteinshärte eine bedeutende Rolle spielte. Ein grobes, hartes Gestein konnte in einem Steinbruch sowohl in der Nähe von Vézelay und aus dem Steinbruch La Mance als auch in der Region Courson-les-Carrières gewonnen werden. Der erstgenannte Steinbruch dürfte ein entscheidender Grund für die ursprüngliche Auswahl eines Standortes für das Kirchenbauvorhaben in Vézelay gespielt haben. Für die Restaurierungsarbeiten von Pfeilern und monolithischen Säulen, insbesondere im Chor-Bereich, wurde harter, gelblich-weißer Kalkstein aus dem Steinbruch Coutarnoux gewählt. Dieser Kalkstein ist fein polierbar, was für das Kircheninnere von Bedeutung ist. Internetseite Gestein für das Kirchenbaumaterial "Ziff. 7 bis 18" Entscheidungen von Viollet-le-Duc für das Gestein, abgerufen am 19. April 2024.
Die Architektur der Westfassade macht deutlich, dass ein Kirchenbauwerk mit zwei westlich ausgerichteten Türmen beabsichtigt war; das Fehlen des nordwestlichen Turmes macht eine für französische Kirchen ungewohnte Asymmetrie in der Fassadenfront aus. Der rechte, südwestliche Saint-Michel-Turm ist rechteckig ausgebildet und besitzt eine Höhe von nur noch 38 m, da bei der Restaurierung die höhere Turmspitze nicht wieder hergestellt worden war. Die Kirche verfügt an der Nordseite über einen Vierungsturm, den Saint-Antoine-Turm mit einer Höhe von 35 m.
Langhaus mini|Kirchenschiff mit Blickrichtung zum Chor (Foto mit Genehmigung für WP von François Walch) mini|Chorumgang mit Kreuzrippengewölben und Chor mit Empore
Im Langhaus von Vézelay sind Mittelschiff wie Seitenschiffe mit rundbogigen Kreuzgratgewölben gedeckt, entsprechend den klassischen Formen der überregionalen Romanik. Demgegenüber wird in Vézelay nur der Rundbogen verwendet, der Wandaufbau ist zweigeschossig und das Langhaus ist mit einem Kreuzgratgewölbe überdeckt. Als Vorbild dieser Baustruktur gilt die Kirche in Anzy-le-Duc. Vergleichbar ist auch St. Lazare im benachbarten Avallon. Der farbige Wechsel der Steinschichten in Arkaden und Gurtbögen hat Vorbilder bis in die Karolingerzeit, beispielsweise in der zwischen 795 und 803 nach byzantinischen Vorbildern errichteten Aachener Pfalzkapelle oder der näher gelegenen, um 1020 begonnenen Abteikirche Saint-Philibert in Tournus. Der Aufriss der Mittelschiffswand ist zweizonig, die einzelnen kreuzgratgewölbten Travéen werden von einem differenzierten System von Wandvorlagen voneinander geschieden. Im Mittel- und den Seitenschiffen befinden sich zahlreiche aufwändige, figürlich oder floral gestaltete Kapitelle.
mini|Rechtes Nebenportal: Geburt und Anbetung Jesu
Damit nimmt Vézelay im Burgund eine Sonderstellung ein. Die romanische Architektur der Kirche folgte dem Vorbild der seit 1088 errichteten (dritten) Kirche der mächtigen Benediktinerabtei Cluny. Das cluniazensische Architektursystem, noch gut in der Prioratskirche Sacré-Cœur in Paray-le-Monial und der Kathedrale St. Lazare in Autun zu erkennen, unterscheidet sich von der übrigen Romanik durch die Verwendung des Spitzbogens in den Arkaden und in den Tonnen- und Kreuzgratgewölben, nicht aber in den Fenstern, und einem dreiteiligen Wandaufbau aus Arkaden, Triforium und Obergaden. Eine auffällige Gemeinsamkeit des Langhauses von Vézelay mit dem (verlorenen) Langhaus von Cluny III ist die Verwendung von Strebebögen, die gerne als Kennzeichen gotischer Basiliken gesehen werden, schon in der Romanik.
Die Abmessungen des Langhauses betragen 62,5 m in der Länge des Kirchenschiffs und 50 m in der Breite (19 m in der Breite des Mittelschiffs und je 12 m bei den Seitenschiffen). (Abschnitt "Angaben") Die Angaben zur Innenhöhe variieren von 18,6 m Gewölbehöhe im Mittelschiff bis zu 22 m. Internetseite Kirchenbau.de Vézelay "Kenndaten Innenhöhe", abgerufen am 19. April 2024.
Bei der Restaurierung ab 1840 vom Rahmen-, Binder- und Tragwerk aus Holz einschließlich dessen für Gerüste achtete Viollet-le-Duc sehr auf wirtschaftliche Auswahl der Holzarten und der Ausbeute aus Rundholz. Die einst bevorzugte getrocknete Eiche kam wegen des Holzpreises nicht in die alleinige Auswahl; es wurden je nach konstruktiven Anforderungen Kombinationen aus Eiche und sogenanntes Grünholz aus Tanne und Pappel verwendet. Für die Ausbeute aus angekauftem Stammholz legte der Architekt strenge Maßstäbe an, wobei sich in Vézelay 7/8 effektiver Holzausbeute für Nutzholz nicht halten ließen, so dass man 1/5 Verlust in Kauf nehmen musste. Internetseite Kirchenbaumaterial "Ziff. 30 bis 32" Entscheidungen von Viollet-le-Duc für die Holz-Verwendung, abgerufen am 19. April 2024.
Umgangschor mini|Chor-Grundriss Basilika Sainte-Marie-Madeleine