mini|Heinrich Zimmer (1933) Heinrich Robert Zimmer (* 6. Dezember 1890 in Greifswald; † 20. März 1943 in New Rochelle, New York) war ein deutscher Indologe.
Leben Heinrich Zimmer wuchs als zweiter Sohn des Keltologen und Universitätsprofessors Heinrich Friedrich Zimmer (1851–1910) und seiner Ehefrau Martha (geb. Hirt) bis 1901 in Greifswald auf. Mit dem Umzug der Familie nach Berlin, wo sein Vater den ersten deutschen Lehrstuhl für keltische Sprachen übernahm, wechselte er an das Kgl. Joachimsthalsche Gymnasium, das er Ostern 1909 mit dem Abitur verließ. Während sein Bruder Ernst sich 1906 für das Lehramt und später zunehmend das Fach Physik entschieden hatte, besuchte Heinrich 1909 für ein Sommersemester Sanskrit-Vorlesungen an der Universität München und studierte ab Herbst 1909 für acht Semester an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin Germanistik und Indologie; Schwerpunkte waren Philologie und vergleichende Sprachwissenschaft, einschließlich Altgermanischer Dialekte, Alt-Persisch und Sanskrit. Darüber hinaus hörte er bei Heinrich Wölfflin Malerei und Architektur sowie bei Andreas Heusler Nordische Philologie.
1914 wurde er bei den von ihm sehr geschätzten Professoren Heinrich Lüders (Sanskrit, Philologie) und Wilhelm Schulze (vergleichende Sprachwissenschaft) mit seinen Studien zur Geschichte der Gotras promoviert. Dem Studium war ab 1. Oktober 1913 der Wehrdienst als Einjährig-Freiwilliger und seit Beginn des Ersten Weltkrieges der vierjährige Kriegseinsatz gefolgt, beginnend als Dolmetscher im Gefreiten-Rang, später als Nachrichtenoffizier an der Westfront.Abschrift Lebenslauf im Universitätsarchiv Greifswald, UAG Kurator Nr. 889, Bl. 194–196. Nach der Entlassung im Dezember 1918 setzte er 1919 seine Studien in Berlin fort, seit April 1919 als Assistent bei der Orientalischen Kommission der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Im Juli 1920 habilitierte er sich an der Universität GreifswaldÖffentliche Probevorlesung über Die Klassische Kunstdichtung der Inder am 31. Juli 1920. Universitätsarchiv Greifswald, UAG Kurator Nr. 889, Bl. 189. und war dort zwei Jahre lang als Privatdozent für Indische Philologie tätig. Nach dem Freiwerden der Stelle von Bruno Liebich wechselte Zimmer im Sommer 1922 als Privatdozent an die Universität Heidelberg, wo er im Frühjahr 1926 zum außerordentlichen Professor für Indische Philologie ernannt wurde; allerdings geriet er damit in eine direkte und problematische Konkurrenz zu Max Walleser.Siehe Franz Peschke: Der Heidelberger Indologe und Buddhologe Prof. Dr. Walleser und das Problem seines Ich. Eine Biographie. CrossAsia-Repository, Heidelberg 2017, Walleser_10102017_End.pdf (uni-heidelberg.de)
Am 14. Juni 1928 heiratete er Christiane von Hofmannsthal (1902–1987), die Tochter des österreichischen Dichters und Schriftstellers Hugo von Hofmannsthal. Aus dieser Ehe gingen vier Söhne hervor: Christoph Heinrich Hugo (1929–1931), Andreas Peter (1930–2003), Clemens (1932–1955) und Michael Johannes (1934–2008).
Vom Januar 1924 bis zu seinem Tod verband Heinrich Zimmer zudem eine „Lebensliebe“Siehe Katharina Geiser in Geschichten wie aus dem Roman Heinrich und Christiane Zimmer, Eugen und Mila Esslinger. mit Emilie „Mila“ Esslinger, geb. Rauch (1886–1972). Mit ihr zeugte er drei Kinder: Elisabeth Maja (später: Maya Rauch, 1925–2008), Ernst Michael (1926–1945) und Lukas Hannes (1932–2012). Von dieser Gemeinschaft zeugt die äußerst umfangreiche Korrespondenz von 1924 bis Ende 1941. Durch den Eintritt Amerikas in den Zweiten Weltkrieg wurde der Briefwechsel abgeschnitten. Noch vor seiner Emigration hatte Zimmer diese drei Kinder offiziell als die seinen anerkannt, womit ihnen eine Verfolgung als „Halbjuden“ (Eugen Esslinger, bis 1939 der Ehemann von Mila, war ein homosexueller Jude) erspart blieb.Zur Problematik der (ab 1941 weiter verschärften) Lebensbedingungen für „Mischlinge“ siehe das Kapitel Vom „Nichtarier“ zum „Ehrenarier“? (Schein)-Möglichkeiten zur Veränderung des Verfolgtenstatus in Beate Meyer: „Jüdische Mischlinge“. Rassenpolitik und Verfolgungserfahrung 1933–1945. Dölling und Galitz Verlag, München – Hamburg 1999 (Studien zur jüdischen Geschichte Band 6). Katharina Geiser hat für ihren 2015 erschienenen Roman u. a. 17 00 Briefe des Liebespaares Mila Esslinger und Heinrich Zimmer gesichtet.
Nach dem Kriegsende korrespondierte Christiane Zimmer weiter mit der Familie von Mila Esslinger und unterstützte sie materiell wie finanziell. Nachkommen beider Familien leben sowohl in den USA als auch in der Schweiz.
Bereits 1933 galt Zimmer politisch als „linksgerichtet“ verdächtig, so dass es zu polizeilichen Ermittlungen kam. Eine schon vollständig organisierte Reise nach Indien musste 1936/37 kurzfristig wieder storniert werden, da ihm die Genehmigung behördlich versagt wurde. Im Zuge der nationalsozialistischen Rassengesetze wurde er wegen „nicht-arischer Versippung“ („jüdisch versippt“)Der Vater von Christiane, Hugo von Hofmannsthal, galt nach der Ersten Verordnung zum Reichsbürgergesetz von 1935 als „Mischling zweiten Grades“, die Mutter Gertrud (geb. Schlesinger) war eine konvertierte Jüdin. im Februar 1938 von seinem Lehrauftrag „freigestellt“, womit ihm sein Heidelberger Lehrstuhl (zwar nur mit Privatdozenten-Stipendium) praktisch endgültig entzogen war. 1939 nutzte er die Einladung zu (unvergüteten) Vorträgen am Balliol College der Oxford University um zunächst nach England zu emigrierenRaymond Klibansky vermittelte die Einladung nach Oxford, Ava Alice Muriel Astor, Tochter von John Jacob Astor IV und 1933–1939 verheiratet mit Christianes Bruder Raimund von Hofmannsthal, übernahm die notwendige finanzielle Bürgschaft für die Familie; vgl. Ilse Gudden & Katharina Geiser in Ostdeutsche Biografie (Kulturportal West-Ost)., im Mai 1940 übersiedelte er in die USA. Unter dem Namen Henry R. Zimmer auf Englisch publizierend und durch Spenden finanzierte Gastvorträge haltend, begann er seiner Familie in New Rochelle, einem Vorort von New York City, eine neue Existenz aufzubauen. Zusammen mit Mary Conover Mellon, Ehefrau des Mäzens Paul Mellon, gehörte er zu den Mitbegründern der Bollingen Foundation.Vgl. William McGuire: Zimmer and the Mellons – in: Margaret H. Case (1994), S. 31–42. Der Name Bollingen war nach dem Wohnort C. G. Jungs gewählt worden. Im März 1943 starb er an einer Lungenentzündung, wenige Wochen bevor er an der Columbia University einen Gastlehrstuhl für Indische Philosophie und Religion hätte übernehmen sollen; die Vortragsreihen von 1942 und 1943 bildeten jedoch noch eine Basis für ein (posthum erschienenes) Standardwerk der Indologie des 20. Jahrhunderts: Philosophies of India.
Werk Neben der familiären – wissenschaftlichen wie auch sprachlichen und musischen – Prägung zählte Heinrich Zimmer zu seinen bedeutenden Einflüssen Jan Jakob Maria de Groot, dessen Sinologie-Vorlesungen er in Berlin hörte, weiterhin die Werke zum Hinduismus des britischen Gelehrten Sir John Woodroffe (alias Arthur Avalon) und die Schriften von Johann Jakob Bachofen hinsichtlich der Deutung von Mythen und Symbole. Die Begegnung mit Carl Gustav Jung führte zu einem freundschaftlichen und intensiven Gedankenaustausch, der sich – ähnlich wie bei Richard Wilhelm – als gegenseitiger Einfluss in ihren Arbeiten niederschlug. Zimmer nahm an mehreren Treffen des Eranos-Kreises teil und hielt 1933 den Eröffnungsvortrag der ersten Eranos-Tagung in Ascona mit dem Titel Zur Bedeutung des indischen Tantra-Yoga; bereits von England aus fand seine letzte Teilnahme 1939 statt. Er pflegte persönliche Kontakte zu vielen Intellektuellen seiner Zeit, u. a. zu Hermann Hesse, Emil Nolde, Karl Jaspers, Max KommerellZimmer wurde zu einem Vorbild für Kommerells Roman Der Lampenschirm aus den drei Taschentüchern; siehe auch Christian Weber: Max Kommerell. Eine intellektuelle Biographie. Walter de Gruyter, Berlin – New York 2011. und Carl Jacob Burckhardt. Thomas Mann, mit dem er in Verbindung stand, verwendete Passagen der ihm geschenkten Die indische WeltmutterHeinrich Zimmer: Die indische Weltmutter. Projekt Gutenberg. https://www.projekt-gutenberg.org/zimmer/indmutte/chap001.html als eine Vorlage für die Erzählung Die vertauschten Köpfe (1940). Nach dem Tode von Hugo von Hofmannsthal 1929 fungierte Zimmer als dessen literarischer Nachlassverwalter.Siehe z. B. Hugo von Hofmannsthal: Dramatische Entwürfe aus dem Nachlass. Verlag der Johannes-Presse, Wien 1936. Vgl. auch den Abschnitt IV. Die Hofmannsthal-Rezeption im Dialog mit Heinrich Zimmer (1930–1940) in: Christian Weber: Max Kommerell. Eine intellektuelle Biographie. Walter de Gruyter, Berlin – New York 2011, S. 131–193.
Bei einem Treffen von Mitgliedern des C. G. Jung ClubsAnalytical Psychology Club of New York – A Gathering Place for Self-Discovery (jungclubnyc.org) mit Swami Nikhilananda in New York lernte er Joseph Campbell kennen, woraus sich eine für beide wichtige Mentor- und Freundschaft entwickelte.„The relationship between Zimmer and Campbell was complex. Certainly the main flow was from Zimmer to Campbell; Campbell repeatedly acknowledged Zimmer as his guru. But Zimmer also learned from Campbell during their brief acquaintance; Campbell may have encouraged Zimmer to change into someone more acceptable to Americans. There was as much of the chameleon about Zimmer as there was about Campbell.“ Wendy Doniger: The King and the Corpse and the Rabbi and the Talk-Show Star: Zimmer’s Legacy to Mythologists and Indologists. – in: Margaret H. Case (1994), S. 50. Campbell redigierte mehrere Werke seines Freundes und gab sie posthum heraus„In many ways Campbell was the ideal person to perform those tasks: he had empathy with the content and style of what his teacher – his guru, in effect – was saying and writing, and he was near enough to him to write down what he had heard in lectures and conversations, something no one can now do.“ Gerald Chappie: Heinrich and Henry R. Zimmer: The Translator Translated. – in Margaret H. Case (1994), S. 80–81., umgekehrt war sein Der Heros in tausend Gestalten deutlich von Zimmer (und Jung) beeinflusst; dieses Buch und seine weiteren Forschungen über die Heldenreise, die sich als dramaturgisches Grundmuster in vielen Abenteuererzählungen, Mythen und Kinofilmen herauskristallisiert hat, machten ihn selber weithin bekannt.Uwe Walter: Die Heldenreise – Fachgespräch mit Martin Weyers der Joseph Campbell Foundation. Youtube-Video, 3. April 2021