Die Osteuropaabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek (BSB) betreut den Sammelschwerpunkt Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa in enger Zusammenarbeit mit den anderen Abteilungen der BSB. Sie dient der Münchner und bayerischen Osteuropaforschung und nimmt im Rahmen des Sondersammelgebiets-Systems der Deutschen Forschungsgemeinschaft auch nationale Aufgaben wahr. Aufgrund ihres reichen und differenzierten Bestandes besitzt sie internationales Ansehen: Die Osteuropasammlung der Bayerischen Staatsbibliothek umfasst derzeit (Juli 2009) knapp eine Million Bände. Hinzu kommen ca. 4000 laufende Print-Zeitschriften und zahlreiche elektronische Medien. Hervorzuheben ist eine europaweit einzigartige Sammlung mikroverfilmter Materialien zur Geschichte Russlands, der Sowjetunion und anderer ehemaliger „Ostblockstaaten“.

Erwerbung Die Osteuropaabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek (BSB) betreut das Sondersammelgebiet (SSG) „Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Im Einzelnen sind das die osteuropäischen Länder Russland, Belarus, Ukraine und Moldawien, die ostmitteleuropäischen Länder Polen, Tschechien und Slowakei sowie die südosteuropäischen Länder Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien, Montenegro, Makedonien, Albanien, Kosovo, Bulgarien und Rumänien.

Aus den genannten Ländern fallen vor allem Medien zur Geschichte, zur Politik, zum Bildungs- und Informationswesen und zu verwandten Themengebieten in den Bereich des Sammelgebiets. Der Erwerbung der relevanten Literatur wird von den verschiedenen Abteilungen der BSB arbeitsteilig bewältigt. Die Erwerbungskosten teilen sich die Bayerische Staatsbibliothek und die Deutsche Forschungsgemeinschaft.

Ein weiteres von der BSB betreutes und im Kontext der Osteuropasammlung zu nennendes Sondersammelgebiet ist Byzanz.

Seit dem Jahr 2009 werden von der BSB (wieder) drei weitere osteuroparelevante Sondersammelgebiete betreut: Rumänische Sprache und Literatur, Albanische Sprache und Literatur und Neuzeitliches Griechenland (inklusive Sprache und Literatur und inklusive Zypern). Diese Sondersammelgebiete waren schon bis 1997 an der BSB beheimatet gewesen und wurden dann im Zuge der Einbindung der neuen Bundesländer in das SSG-System an andere Bibliotheken übertragen. In diesem Kontext wurden auch die Sondersammelgebiete „Slawische Philologie und Volkskunde“ sowie das Baltikum abgegeben.

Die nicht (mehr) zu einem Sondersammelgebiet gehörenden Medien zu Osteuropa werden von der BSB aus Eigenmitteln erworben. Hierbei liegt der traditionelle Schwerpunkt auf den Geistes- und Sozialwissenschaften. Es wird (neben Geschichte und Politik u. ä.) zum Beispiel viel Wert auf Fächer wie Sprache und Literatur, Theologie und Kunstgeschichte gelegt. Zur Osteuropasammlung gehören zusätzlich zu den als Sondersammelgebiet betreuten Staaten folgende Länder: Armenien, Aserbaidschan, Estland, Finnland, Georgien, Kasachstan, Kirgisistan, Lettland, Litauen, Tadschikistan, Turkmenistan, Ungarn und Usbekistan.

Die Bayerische Staatsbibliothek ist die Bibliothek der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und tritt auch selbst häufig als Herausgeber von buch- und bibliothekskundlichen Schriften auf. Hieraus ergibt sich auch die Möglichkeit eines Schriftentausches mit osteuropäischen Partnerinstitutionen. Dieser ist besonders bedeutend, da der Anteil an grauer, nicht oder nur schwer im Buchhandel erhältlicher Literatur in den osteuropäischen Ländern oft einen bedeutenden Anteil der Publikationstätigkeit ausmacht.

Bisweilen erhält die Osteuropasammlung der Bayerischen Staatsbibliothek auch Schenkungen, sei es in Form der Übereignung privater Sammlungen von Osteuropaforschern oder auch durch die kostenlose Überlassung neu verfasster Bücher durch die Autoren.

Insgesamt bereichern jedes Jahr ca. 20000 Neuerwerbungen die Sammlung. Darüber hinaus werden über 4000 Print- und ca. 800 elektronische Zeitschriften gehalten (Stand: Juli 2009).

Erschließung Die Mitarbeiter der Osteuropaabteilung katalogisieren in Arbeitsteilung mit den Kollegen der anderen Abteilungen die erworbenen Medien aus und über Osteuropa in westlichen, slawischen und anderen osteuropäischen Sprachen (Formal- und Sachkatalogisierung). Die Osteuropabestände sind fast vollständig im Online-Katalog der Bayerischen Staatsbibliothek verzeichnet. Hierbei ist zu beachten, dass die aus Retrokonversionsprojekten eingebrachten Datensätze (Quartkatalog (QK) 1841–1952 sowie Katalog im Internationalen Format (IFK) 1953–1981) oftmals nicht dieselbe Erschließungstiefe aufweisen wie Originalkatalogisate ab 1982.

Besonders wichtig zu wissen ist es, dass eine sachliche Suche (Schlagwortsuche) im Onlinekatalog meist erst ab dem Jahr 1982 möglich ist. Für weiter zurückgehende Recherchen müssen die Altkataloge der BSB, welche noch nicht online zur Verfügung stehen, herangezogen werden (zum Beispiel Alter Realkatalog 1501–1981, Systematik im Internet aufrufbar). Diese Kataloge weisen oftmals ein hohes Erschließungsniveau auf und decken auch den Bereich Osteuropa voll ab.

Die Lesesaalbestände der Osteuropaabteilung sind im Online-Katalog der Bayerischen Staatsbibliothek nachgewiesen. Daneben stehen im Lesesaal selbst die alten Kartenkataloge zur Verfügung: Zum einen existiert ein alphabetisch, zum anderen ein nach Magazinsignatur geordneter Katalog. Dieser beinhaltet auch jeweils die Lesesaalsignatur und dient somit als Konkordanz – im Online-Katalog ist für den Altbestand teilweise nur die Magazinsignatur verzeichnet, dies wird sich jedoch mittelfristig ändern.

Die Osteuropaabteilung der BSB besitzt des Weiteren noch einige interessante Altkataloge – zum Beispiel den Russica-Katalog der Slawischen Abteilung der Universitätsbibliothek Helsinki.

Benutzung Wie in der gesamten Bayerischen Staatsbibliothek ist auch in der Osteuropaabteilung die Benützung des Lesesaals und der Magazinbestände sowie die fachliche Beratung für die Besucher kostenlos § 12 Allgemeine Benützungsordnung der Bayerischen Staatlichen Bibliotheken (ABOB).

Der „Ostlesesaal“ im dritten Stock der BSB vereint die Handbestände der Osteuropa- (ca. 30000 Bände) mit denen der Orient- (ca. 8000 Bände) und Ostasienabteilung (ca. 10000 Bände). Gerade im Schnittpunkt dieser drei Großregionen ergeben sich hierbei für die Nutzer interessante Forschungsmöglichkeiten und Synergieeffekte.

Der Lesesaal bietet 56 Arbeitsplätze mit WLAN und teilweise Stromanschlüssen für die Benutzer-Laptops. Er verfügt über zwei Rechner mit Katalog- und vier Rechner mit Internetzugang. Darüber hinaus sind die technischen Möglichkeiten vorhanden, Mikroformen und CD-ROMs einzusehen.

Der Osteuropahandbestand ist nach einer eigenen Systematik aufgestellt (geographische Hauptgruppen und sachliche Untergruppen). Eine Übersicht liegt im Saal aus. Eine weitere Besonderheit im Osteuropalesesaal ist die jeweils gesonderte Aufstellung der Enzyklopädien und Wörterbücher.

Für eine erfolgreiche Benutzung der Osteuropabestände ist es wichtig zu wissen, dass im Lesesaal ausschließlich Nachschlagewerke, Bibliographien, Standardwerke und andere grundlegende Werke bereitgehalten werden. Der Großteil der Bestände befindet sich in den Magazinen der Bayerischen Staatsbibliothek und kann von dort in einen der Lesesäle oder ggf. auch für die häusliche Benutzung bestellt werden. Die aktuellen Ausgaben von Zeitungen und Zeitschriften aus dem und über den osteuropäischen Raum befinden sich nicht im Osteuropalesesaal, sondern liegen im Allgemeinen im Zeitschriftenlesesaal der Staatsbibliothek auf.

Ein interessantes und gerne genutztes Angebot für alle an den aktuellen wissenschaftlichen Entwicklungen im und zum Osten Europas interessierten Benützer ist die monatliche Ausstellung der Neuerwerbungen, die schon seit 1953 stattfindet. Die Literatur wird – geografisch aufgestellt – im Allgemeinen vom 1. – 10. des Monats im Lesesaal präsentiert. Das virtuelle Pendant dieser Ausstellung ist das Informationssystem „Neuerwerbungen“ der Osteuropaabteilung auf der Homepage der Staatsbibliothek, welches via Internet verschiedene Recherchemöglichkeiten bietet.

Das Team des Lesesaals bietet seinen Benutzern ein qualifiziertes Informationsangebot und ist auch telefonisch zu den Öffnungszeiten erreichbar. Die Bayerische Staatsbibliothek nimmt am kooperativen, Internet-basierten schriftlichen Auskunftssystem QuestionPoint teil. Hierbei ist die Osteuropaabteilung für Fragen aus ihrem Sachgebiet verantwortlich.

Geschichte Von der Gründung bis zur Säkularisation Schon in der Sammlung von Johann Albrecht Widmannstetter, welche im Auftrag des bayerischen Herzogs Albrecht V. im Jahr 1558 erworben wurde, befanden sich einige wertvolle Slavica (zum Beispiel das Alttschechische Wörterbuch von Sigismundus Gelenius von 1537).

Das Ringen um die Erneuerung der Kirche im 16. Jahrhundert führte zu einer signifikant steigenden Buchproduktion. Aus dieser Zeit besitzt die Bayerische Staatsbibliothek wertvolle Drucke kroatischer und slowenischer Reformatoren Tübinger und Wittenberger Provenienz.

Nicht überschätzbar ist die Bedeutung der Säkularisation in Bayern 1802/1803 für das Wachstum des Osteuropabestandes der damaligen Hofbibliothek. Hierbei ist zu bedenken, dass die bayerische Kirche seit frühester Zeit in engem Kontakt mit dem ostmittel- und südosteuropäischem Raum stand und daher ein großer Bedarf an entsprechender Literatur existierte. Dieses überaus bedeutsame Erbe des kulturellen Austausches altbayerischer, schwäbischer und fränkischer Klöster wurde nach deren Aufhebung bevorzugt nach München überführt. Herausragende Bedeutung besitzen zum Beispiel die „Freisinger Denkmäler“ aus der Freisinger Dombibliothek und der „Serbische Bilderpsalter“ des Regensburger Klosters Sankt Emmeram.

Vom Umzug in das neue Gebäude bis zum Zweiten Weltkrieg Auch nach dem Umzug der Bibliothek in das 1832–1843 errichtete neue Gebäude in der Ludwigstraße wurde die Bearbeitung osteuropäischer Literatur organisatorisch nicht aus dem allgemeinen Arbeitsablauf ausgegliedert, erfuhr jedoch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts trotzdem ein ruhiges, kontinuierliches Wachstum. Die Aufstellung berücksichtigte mit Fächern wie „Polonia“ oder „Russia“ den osteuropäischen Raum. Die Gründung eines Lehrstuhls für Slawische Philologie an der nahen Universität München führte dann zu Beginn des 20. Jahrhunderts (1911) zu einer weiteren Intensivierung der Erwerbungsbemühungen.

Nach dem Ersten Weltkrieg erfolgte mit der Gründung der „Slawischen Sammlung“ die organisatorische Trennung der Osteuropa betreffenden Arbeiten. Trotz der teilweise schwierigen Situation zwischen den Weltkriegen sowohl in Deutschland als auch im osteuropäischen Raum gelang es, die Erwerbung in diesem Bereich kontinuierlich fortzuführen.

Mit der Einführung der „Numerus-Currens-Signaturen“ im Jahre 1936 endete – auch für die Osteuropa betreffende Literatur – die Aufstellung der Bestände nach einzelnen Fächern. Von den alliierten Bombardements des Zweiten Weltkriegs wurden das Schriftgut der Bayerischen Staatsbibliothek – und damit auch die hierin integrierten Bestände der Slawischen Sammlung – schwer getroffen. Besondere Verluste erlitten die Fächer „Turcia“ (darin enthalten südosteuropäisches Schrifttum) und Academica (mit osteuropäischen Akademieschriften). Die Auswirkungen des Krieges machen die Erwerbung neuer Literatur und schließlich nach Bombeneinwirkung und Bestandsauslagerung auch die Benützung der noch vorhandenen Bestände bald unmöglich.

Nachkriegszeit Auch nach Ende des Krieges gestaltet sich die Situation äußerst schwierig: Die Bibliothek war großteils zerstört, die Bestände verstreut, das Geld fehlte an allen Ecken und Enden. Es sollte bis 1952 dauern, bis die ausgelagerten Osteuropa-Bestände wieder vollständig zurückgeholt werden konnten.