Lebensqualität ist ein Sammelbegriff für all jene Faktoren, welche die Lebensbedingungen eines Individuums oder der Mitglieder einer Gesellschaft ausmachen.
Üblicherweise versteht man unter der Qualität des Lebens vor allem den Grad des subjektiven Wohlbefindens einer Person oder einer Gruppe von Menschen. Ein wichtiger Faktor ist hierbei der materielle Lebensstandard. Weitere Faktoren mit einem Einfluss auf Glück und Zufriedenheit sind z. B. Bildung, Berufschancen, sozialer Status, körperliche und psychische Gesundheit, Zugang zur Natur und andere. Diese werden in dem Begriff immaterieller Wohlstand zusammengefasst.
Lebensqualität stellt ein grundlegendes Thema in Philosophie, Medizin, Religion, Wirtschaft und Politik dar. Die eigene Lebensqualität lässt sich einerseits nach sehr subjektiven Kriterien einschätzen. Das individuelle Glücksempfinden könnte aber auch je nach Temperament weitgehend einem vorgegebenen Maß entsprechen (), zu dem das Individuum nach kurzfristigen Veränderungen zurückkehre.Renate Frank: Therapieziel Wohlbefinden: Ressourcen aktivieren in der Psychotherapie. Springer, 2007, ISBN 978-3-540-71621-1, S. 11 ff.; books.google.de Die Forschung der letzten Jahre erkennt zunehmend starke statistische Zusammenhänge zwischen Lebenszufriedenheit und den oben genannten äußeren Faktoren.
Somit könnte die subjektiv wahrgenommene Lebensqualität durch Verbesserung äußerer Faktoren gesteigert werden,Richard Layard: . und dies zumindest bei einigen Personen auch langfristig. Zudem sei sie auch durch die Art der individuellen Aufmerksamkeit beeinflussbar.
Begriff
Begriffsentstehung Der Begriff quality of life wurde erstmals in den 1920er Jahren von Arthur Cecil Pigou verwendet. Der US-Präsident Lyndon B. Johnson benutzte ihn 1964 in seinem Präsidentschaftswahlkampf und später in einer Rede zur Lage der Nation.Alban Knecht: Lebensqualität produzieren. Eine Ressourcentheorie und Machtanalyse. VS-Verlag, Wiesbaden 2010, S. 18. Populär wurde der Begriff erst in den 1970er Jahren. Im deutschen Sprachraum gehörte der ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt den Quellen zufolge zu den ersten, die ihn öffentlich benutzten, und zwar in einer Regierungserklärung.
In der Medizin spielt er seit den 1980er Jahren eine größere Rolle. In den USA verband Tibor Scitovsky im Jahr 1976 die Entwicklung eines steigenden Konsums ohne eine entsprechend zunehmende Zufriedenheit der Menschen in Wohlstandsgesellschaften mit dem Begriff joyless economyT. Scitovsky: The Joyless Economy: The Psychology of Human Satisfaction. Oxford University Press, Oxford 1976. (freudlose Wirtschaft). Seine Arbeiten galten vorwiegend der Beziehung zwischen Konsum und Lebensfreude.
Begriffsdiskussion Die Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezieht die subjektiven Aspekte des Individuums mit ein und lautet: „Lebensqualität ist die subjektive Wahrnehmung einer Person über ihre Stellung im Leben in Relation zur Kultur und den Wertsystemen, in denen sie lebt und in Bezug auf ihre Ziele, Erwartungen, Standards und Anliegen.“ Zur Messung dieser Konzeptauffassung wurde der WHOQOL Fragebogen entwickelt, welcher in seiner vollständigen Variante oder in der Kurzform (WHOQOL-BREF) in verschiedenen Wissenschaften Einsatz findet. Eine Studie aus 2026, in der 21 Länderversionen des Fragebogens analysiert wurden, stellte jedoch erhebliche Abweichungen zwischen diesen fest, darunter uneinheitliche Messzeiträume, fehlende Anweisungen und Übersetzungsfehler, die so gravierend waren, dass die Antworten auf bestimmte Fragen nicht aussagekräftig länderübergreifend verglichen werden konnten.
Lebensstandard drückt das reale Niveau des Besitzes und Konsumierens von Gütern und Dienstleistungen aus und ist als quantitative Größe objektiv messbar. Demnach wird damit der materielle Wohlstand und das physische Wohlbefinden für einen Menschen, eine soziale Gruppe, einer sozialen Schicht, eines bestimmten Gebietes oder eines Staates vergleichbar gemacht.Horst W. Opaschowski: Wohlstand neu denken: Wie die nächste Generation leben wird. Gütersloher Verlagshaus, 2009.Angelika Mennad: Lebensqualität anstatt Wohlstand – soziale Indikatoren. Fachhochschule für Wirtschaft Berlin, Books on Demand, 2008, S. 11.Michael Effenberger: Lebensqualität und Wohlstand auf dem Prüfstand: Warum die Deutschen so reich und dennoch so arm sind. Diplomica Verlag, Hamburg 2011, S. 13 f.
Wird der Bezugsrahmen auf nicht-wirtschaftliche und schwer messbare Bedürfnisse wie soziale Zugehörigkeit oder Selbstverwirklichung erweitert, spricht man von Lebensqualität (aus Sicht der Gesellschaft) oder Wohlbefinden (aus Sicht des Einzelnen).
Messung von Lebensqualität
Lebensqualität ist nach allgemeiner wissenschaftlicher Auffassung ein multidimensionales Konstrukt, das nicht direkt erfasst, sondern nur in seinen Teilbereichen über Indikatoren abgebildet werden kann.
Zur Messbarkeit von Lebensqualität gibt es unterschiedliche theoretische Ansätze. „Die Objektivisten gehen von der Grundannahme aus, dass es identifizierbare Grundbedürfnisse gibt, deren Befriedigung das Wohlbefinden bestimmt. Die beobachtbaren Lebensverhältnisse können von Außenstehenden nach wissenschaftlichen beziehungsweise moralischen Standards bewertet werden.“ Diese Theorie hat Eingang in die Politik der so genannten Wohlfahrtsstaaten gefunden. Die Subjektivisten betonen dagegen die individuelle Wahrnehmung der eigenen Lebenssituation. „Die amerikanische Quality of Life-Forschung ist der Auffassung, dass Lebensqualität im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung zunehmend durch immaterielle Werte bestimmt wird. Da Glück, Zufriedenheit und Ängste aber nur durch die Bürger selbst beurteilt werden können, muss auch die Messung der Lebensqualität durch deren Befragung erfolgen.“ Diese Befragung kann z. B. sogenannte Glücksindikatoren ermitteln, mit denen das subjektive Wohlempfinden in eine über Zeit und Ort vergleichbare Zahl gebracht wird.
Auch ein weiterer Aspekt der Lebensqualität, der Zeitwohlstand, der die zur freien Verfügung stehende Zeit einschließt, wird in diesem Zusammenhang untersucht. Er kann über objektive Faktoren wie die Wochen- und Jahresarbeitszeit und das Ausmaß der familialen Verpflichtungen gemessen werden, oder auch durch Befragungen zu subjektiven Faktoren wie dem Empfinden von Zeitnot.Manfred Garhammer: Arbeitszeit und Zeitwohlstand im internationalen Vergleich. In: WSI Mitteilungen. 4/2001. (boeckler.de (PDF; 0,1 MB) PDF; abgerufen am 27. Januar 2008; 154 kB). Lebensqualität im Sinne selbst bestimmter Zeit wird bisweilen als der „wahre Luxus“ des modernen Mitteleuropäers bezeichnet.
Lebensqualität kann individuell und kollektiv gemessen werden. Dazu müssen die Parameter der Lebensqualität ausreichend definiert sein. Sowohl ihre Bestimmung wie auch die vorbereitende Festlegung entsprechender Normen sind Gegenstand von Konflikten der Menschen. Das Oral Health Impact Profile zum Beispiel ist ein Fragebogen zur Messung der mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität. Ein Grund für Schwierigkeiten bei der Messung ist die hohe Zahl möglicher Parameter mit verschiedener Gewichtung. Aber auch für solche Datenlagen gibt es Auswertungsverfahren.
Zwei Leitlinien des Handelns von Statistikämtern in der EU sind die “GDP and Beyond” Communication und der Stiglitz-Sen-Fitoussi Commission report. Innerhalb von Eurostat arbeitet eine 'Sponsorship Group on Measuring Progress, Well-being and Sustainable Development’ unter anderem daran, die Statistiken an sich wandelnde Informationsbedürfnisse anzupassen und ihre Aussagekraft hinsichtlich Wohlergehen und Nachhaltige Entwicklung zu erhöhen.Übersicht mit zahlreichen Links bei .
Gesellschaftlicher Leitwert Ab den 1970er Jahren setzte in einigen Staaten ein starker Trend der Individualisierung ein, der viele Optionen beinhaltet, dafür aber aufgrund des daraus entstandenen Werteuniversums wenig Orientierung bietet. Lebensqualität eignet sich als idealer Leitwert, weil es im Gegensatz zu den teilweise sehr ideologisch geprägten Werten die Fähigkeit hat zu verbinden (kollektiver Aspekt) und gleichzeitig individuelle Spielräume lässt.Andreas Giger: Lebensqualitäts-Märkte – Wege aus der Sättigungsfalle. 2004, ISBN 3-937131-16-7.
Forschungen von Richard A. Easterlin, gestützt auf Umfrageergebnisse in Nordamerika, wiesen darauf hin, dass die Hypothese eines langfristig individuell fest vorgegebenen Wertes der Lebensqualität (eines individuellen Sollwertes oder set point) relativiert werden müsse. So sei die Lebensqualität langfristig wenig durch ökonomische Faktoren beeinflusst, was darauf zurückzuführen sei, dass sich Menschen weitgehend an die neue Bedingungen nahezu vollständig anpassen würden; im Gegensatz dazu hätten Änderungen in Bezug auf die Gesundheit und die Familie langfristige Wirkung, da hier nur eine teilweise Anpassung an neue Bedingungen stattfinde. Easterlin schlussfolgerte daraus, dass Einzelpersonen gut daran täten, nach Möglichkeit mehr Zeit für Familie und Gesundheit einzusetzen. Ob jedoch tatsächlich ein Einfluss dieser Faktoren im Sinne einer Ursache-Wirkungs-Beziehung vorliegt, ist umstritten. S. 7 ff. (PDF; 0,2 MB)
Demokratie und Lebensqualität In föderalen und direktdemokratisch organisierten Gemeinwesen lässt es sich besser leben. Dies ergab eine Befragung von 6000 Schweizern. Die damit verbundene erhöhte Autonomie und Partizipation der Bürger steigert deren Lebensqualität beträchtlich. Interessant dabei ist: Die Möglichkeit zu partizipieren, der Prozessnutzen, ist für die Lebensqualität noch wichtiger als das Ergebnis des politischen Prozesses selbst. Zudem orientieren sich die Maßnahmen der Politiker aufgrund besserer Kontrolle und Verantwortlichkeit stärker an den Präferenzen der Bürger, was auch lebensqualitätserhöhend wirkt.Bruno Frey, Alois Stutzer: Happiness, Economics and Institutions. In: The Economic Journal, 2000, 110, 2000, S. 918–938.
Wirtschafts- und Sozialpolitische Relevanz Wirtschaftswachstum als Wohlfahrts- bzw. Lebensqualitätsindikator heranzuziehen kann zu verzerrten wirtschaftspolitischen Maßnahmen führen. Wirtschaftswachstum und steigende Einkommen bedeuten nämlich nicht zwangsläufig eine höhere Lebensqualität. Easterlin konnte nachweisen, dass im Westen zwar das Pro-Kopf-Einkommen in den letzten Jahrzehnten beträchtlich gestiegen ist, dass das aber wenig Einfluss auf das subjektiv empfundene Wohlbefinden der Bürger hatte (Easterlin Paradox). In Japan hat sich im Zeitraum von 1958 bis 1991 das Bruttoinlandsprodukt versechsfacht, die durchschnittliche Lebenszufriedenheit blieb konstant. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der USA stieg in der Zeit von 1970 bis Mitte der 1990er Jahre um 20 %, während das subjektive Wohlbefinden leicht gesunken ist.Jordis Grimm: Ergebnisse der Glücksforschung und was Regionen davon lernen können. SERI Background Papers No. 10, Sustainable Europe Research Institute (SERI), Wien 2006. Für ein Sample von zwölf europäischen Ländern konnte im Zeitraum 1975 bis 1991 kein signifikanter Zusammenhang zwischen BIP und Lebenszufriedenheit festgestellt werden. In China konnte in den Jahren 1994 bis 2005 das reale Pro-Kopf-Einkommen um den Faktor 2,5 gesteigert werden, die Lebenszufriedenheit ist aber gesunken. Lebensqualität als wirtschaftspolitische Leitgröße hätte das Potenzial einen Wachstumsschub vergleichbar mit jenem der Informations- und Kommunikationstechnologie auszulösen.Leo A. Nefiodow: Der sechste Kondratieff, Wege zur Produktivität und Vollbeschäftigung im Zeitalter der Information. Sankt Augustin 2001.Richard Hennessey, Roland Mangold: Mit Lebensqualität durch die Wirtschaftskrise. In: Wirtschaftspolitische Blätter, Wien, 2009, Nr. 2, S. 269–282;