Malamocco ist ein Ort mit knapp 1000 Einwohnern auf dem Lido, der die Lagune von Venedig von der Adria abtrennt. Er bildet einen Stadtteil von Venedig, der zum Stadtbezirk Lido-Pellestrina gehört. Malamocco liegt nahe beim porto di Malamocco, einem der drei Durchlässe, durch welche die Gezeitenbewegung in der Lagune gesichert und deren Verlandung verhindert wird, die aber vor allem für den Schiffsverkehr von großer Bedeutung sind.
Ende 2024 hatte der im frühen 11. Jahrhundert gegründete Ort 975 Einwohner.
Geschichte mini|250px|Lagune von Venedig mit dem Lido und dem Porto di Malamocco
Vorgängerstadt Metamaucum Metamaucum war neben Torcello, Caorle, Jesolo, Heracleia und Murano eine der Inselkommunen des frühen Venetiens. Kirchliches Oberhaupt dieser Kommunen war der Patriarch von Grado, politisch unterstanden diese Gemeinden dem oströmischen Kaiserreich, wie die gesamte Republik Venedig.
Die ersten Dogen Venedigs waren in Heracleia ansässig, bevor der Dogensitz Mitte des 8. Jahrhunderts nach Metamaucum verlegt wurde – der Tradition zufolge im Jahr 742 unter dem Dogen Deusdedit, der kurzzeitig als magister militum und von etwa 742 bis 755 als Doge seine Residenz in Metamaucum nahm. Er wurde durch Galla gestürzt.Johannes Diaconus, Istoria Veneticorum, I, 17. Nach dessen Sturz kaum ein Jahr später folgte ihm Domenico Monegario, diesem Mauritius und dessen Sohn Johannes im Amt. Diese versuchten eine Dynastie zu gründen.
Die Auseinandersetzungen zwischen dem Frankenreich und Byzanz brachten entsprechende Fraktionen in Metamaucum hervor, Kämpfe, aus denen zunächst Obelerio Antenoreo 804 als profränkischer Sieger hervorging. Dieser wurde jedoch 810 gestürzt, wobei er bezeichnenderweise um 829 versuchte, mit Hilfe seiner Anhänger in Metamaucum noch einmal den inzwischen in Rialto residierenden Dogen zu stürzen. Diesen Umzug hatte entweder sein Bruder und Mitdoge Beatus oder der Doge Agnello Particiaco zu Anfang seiner Regierungszeit um 810 durchgesetzt.
Metamaucum blieb zwar weiterhin Hafen und Handelsplatz, hatte aber keine politische Bedeutung mehr. Das galt insbesondere nach dem Versuch des Obelerius, die Macht noch einmal zurückzugewinnen, nach der Zerstörung der Stadt während des Angriffs der Franken unter Pippin, einem der Söhne Karl des Großen, sowie der Zerstörung durch Ungarn um 900. 1106/07 wurde der Ort durch eine verheerende Sturmflut so stark geschädigt, dass er aufgegeben werden musste. Ein früher hier bestehendes Bistum wurde 2018 als Titularbistum Methamaucum wiedererrichtet, das Bistum wurde nach Chioggia verlegt.
Neugründung: Malamocco, Zerstörung durch Genuesen um 1380 Das in der Folge neu gegründete Malamocco entstand, vielleicht weiter westlich, neu.Diego Calaon: Prima di Venezia. Terre, acque e insediamenti. Strumenti GIS per una comprensione delle trasformazioni territoriali tra tarda antichità e altomedioevo, tesi di dottorato, Venedig 2005, S. 53. Diese 1159 in den Quellen als Malamocco nuova genannte Siedlung wurde während des Chioggia-Krieges am Ende des 14. Jahrhunderts von den in die Lagune eingedrungen Genuesen zerstört.
Die venezianische Flotte unter Vettor Pisani besiegte zwar am 30. Mai 1378 die Genuesen unter Luigi Fieschi, doch verlor er im Mai des nächsten Jahres 15 Galeeren. Daraufhin besetzte die genuesische Flotte Malamocco, Poveglia und am 6. August auch Chioggia. Außerdem blockierten die Carrara vom Festland her die Lebensmittelzufuhr. Nun verlangte man die Freilassung Vettor Pisanis, der am 22. Dezember wieder 40 Schiffe kommandierte, hinzu kamen 18 Galeeren unter Carlo Zen aus der Levante. Am 24. Juni 1380 mussten die Genuesen 19 Galeeren zurücklassen. Der Krieg zog sich noch bis ins nächste Jahr hin.
Auseinandersetzung mit dem Bistum Chioggia, frühneuzeitliche Kleinstadt Die kleine Stadt sah sich 1622 bis 1626 in einen Prozess mit dem Bischof von Chioggia verwickelt, an dessen Ende die Reliquien der Heiligen, die sich seit Jahrhunderten in der Kirche Santi Felice e Fortunato befanden, nach Chioggia verbracht wurden.Roberto Buzzanca: La Comunità di Malamocco nel XVII e XVIII Secolo, Corso di Laurea Magistrale in Scienze Storiche, Universität Padua 2021/2022, S. 24. Von Bedeutung war neben der Gemeindekirche das Kloster S. Maria dell'Orazione o delle Grazie, das gegenüber der Kirche lag, die ab dem 16. Jahrhundert den Namen S. Maria dell'Orazione trug. Um 1500 hatte man den Nonnen gegen den Widerstand des örtlichen Priesters eingeräumt, in das baufällige Hospital einzuziehen. 1511 und 1537 schrieb eine päpstliche Bulle und ein Ducale des Senats die Klausur vor. 1635 zählte man 20 Nonnen, von denen nur eine aus Malamocco, die übrigen aus Venedig kamen, und 16 Konversen. Die Frauen entstammten den Onorati Mercanti, dürften zum Teil ins Kloster abgeschoben worden sein, weil die Familie ihre Ausstattung für den Fall einer Ehe nicht finanzieren konnte oder wollte. Sie stellten jährlich 1.500 Kleidungsstücke für die Ruderer venezianischer Schiffe her.Roberto Buzzanca: La Comunità di Malamocco nel XVII e XVIII Secolo, Corso di Laurea Magistrale in Scienze Storiche, Universität Padua 2021/2022, S. 26. Das Verhältnis zu den Pfarrern der Gemeinde war bis zum Ende der Republik von Streitigkeiten geprägt.
Gegenreformation Die Priesterschaft hatte im Zuge der Gegenreformation die Aufgabe, die Rechtgläubigkeit der Bevölkerung zu prüfen und sie durch regelmäßige Rituale, Unterricht und Schauspiele zu stärken. Jüdischen Händlern wurde der dauerhafte Aufenthalt in Malamocco strikt untersagt.Sergio Perini: Diocesi di Chioggia, Giunta Regionale del Veneto, Gregoriana Libreria Editrice, Venedig 1992, S. 301. Nur selten lassen sich Äußerungen des Aberglaubens fassen, zumal die Überwachung durch den Klerus so dicht war, dass das Risiko, diese zu praktizieren, hoch war. Andererseits neigten öffentliche Rituale dazu, das Ansehen der Beteiligten steigern zu wollen: bei Beerdigungen durch oft beklagtes, überlanges Läuten der Glocken, durch möglichst viele Kerzen; bei Prozessionen durch möglichst viele Teilnehmer und eine strikte Reihenfolge. So wurde die jährliche Prozession zu Ehren der Heiligen von den Mönchsorden eröffnet, gefolgt vom Weltklerus und dem Baldachin mit den Heiligenfiguren, von vier Brüdern getragen; dann folgten die Sänger und die Kanoniker. Bei den beiden Marienfesten vom 8. bis 12. August und vom 1. bis 15. September besuchte der Bischof, der mit einer Barke übersetzte, die Stadt. Auch hier versuchten die Kleriker die in ihren Augen allzu ausufernden Festivitäten zu unterbinden.
Ab 1546 wurden zur Kontrolle der Gemeinden Visitationen durchgeführt, zu denen der Bischof von Chioggia persönlich erschien. Ihre Protokolle sind zum Teil erhalten.Roberto Buzzanca: La Comunità di Malamocco nel XVII e XVIII Secolo, Corso di Laurea Magistrale in Scienze Storiche, Universität Padua 2021/2022, S. 39. So entstanden Kompendien mit zahlreichen Feststellungen zum materiellen Zustand der Gemeinden, aber auch zu deren Mitgliedern. mini|Ansicht des Hafens, 1819 oder wenig später
Podestà und lokale Verhältnisse Vor der Pest existierten in Venedig 427 Gärten, die Mehrzahl auf Sant’Erasmo, an 14 Stellen wurde Wein angebaut.Mauro Pitteri: Alimentazione in laguna, in: Donatella Calabi, Ludovica Galeazzo (Hrsg.): Acqua e Cibo a Venezia, Marsilio, Venedig 2015, S. 49 f. Mit der wieder anwachsenden Bevölkerungszahl leisteten auch andere Inseln, wie die Lidi, einen größeren Beitrag zur Versorgung der Stadt. Für Malamocco galt dies bereits im späteren 14. Jahrhundert. Weizen, das Grundnahrungsmittel schlechthin, musste fast gänzlich importiert werden. Die Wasserversorgung, in einer Stadt im lagunaren Wasser mit seinem Salzanteil ein gravierendes Problem, wurde durch die Pozzi genannten Brunnen gelöst, die auch in Malamocco auf den wichtigsten Plätzen gebaut wurden.
Zuständig für die örtlichen Konflikte war allerdings der Podestà, ein Adliger, der jeweils 16 Monate für Malamocco zuständig war, ohne dort residieren zu müssen. Er wurde vom Großen Rat im Dogenpalast gewählt, unterstützt wurde er von einem Notar und drei iudices. Damit erlangten die lokalen Honoratioren einen erheblichen Einfluss.Vincenzo Formaleoni: Descrizione topografica e storica del Dogado di Venezia, Venedig 1777, S. 65–67 (Google Books). Seit 1339 stellte Malamocco eine der neun Podesterie dar.Diese waren neben Malamocco Grado, Caorle, Cavarzere und Loreo, dann Torcello und Murano, Gambarare sowie Chioggia.
Vom ursprünglichen Privileg der Bewohner Malamoccos, das seinen Status als Hauptstadt der Lagune Anfang des 9. Jahrhunderts verloren hatte, vom Militärdienst befreit zu sein, finden sich keine Spuren mehr. Definiert werden musste, wer als Bürger Venedigs welche Lasten zu tragen hatte. Der Pfarrer von Santa Maria Assunta stellte eine Liste von Grundbesitzern auf, die entsprechenden Abgaben unterlagen. Gegen eine einmalige Zahlung von 300 Dukaten konnte man allerdings die Vorrechte der Cittadini erwerben, die auch auf ihre Erben ausgedehnt wurden. Diese Freistellungen erodierten allerdings gegen Ende der Republik, so dass auch sie Beiträge leisten mussten.
Die Produkte Malamoccos, etwa Gemüse oder Holz, wurden manchmal einer Abgabe, der decima, unterworfen, gegen die sich die ortolani wehrten. In den meisten Fällen wurden sie von dieser Abgabe befreit, sie profitierten also, wenn auch in geringem Maße, weiterhin von ihren alten Privilegien.
Deutlich schwerere Konflikte entstanden oftmals zwischen den Besatzungen der im Hafen liegenden Schiffe, für die gleichfalls der Podestà verantwortlich war. Seit die Hafeneinfahrt Lido oder San Nicolò aufgrund der Enge der Durchfahrt und des reduzierten Tiefgangs im Laufe des 17. Jahrhunderts für Handelsschiffe unpassierbar geworden war, hatte der Verkehr im Hafen von Malamocco stark zugenommen.
Der Große Rat der Gemeinde setzte sich neben dem Podestà und den Richtern, den Deputierten, früher giudici und massari genannt, die eine Art Nebenrat bildeten, aus den Cittadini von Malamocco zusammen. Glocken riefen die Angehörigen dieses Gremiums zu den Sitzungen im Palazzo d'ordine del Podestà. Im Jahr 1650 nahmen 103 Männer an der Ratssitzung teil, 1676 waren es 97. Die Gemeinde unterhielt einen eigenen Kanzler, der nicht nur die Dokumente führte, sondern entsprechende Kopien ohne Kosten den Betroffenen zukommen zu lassen hatte, wofür er wiederum 25 Dukaten erhielt, jedenfalls im Jahr 1760 – neben 35 weiteren Dukaten für seine Amtsführung.
Der örtliche Medicus, der sich drei Mal pro Woche in Malamocco einfinden musste, erhielt für seine ganzjährigen Dienste 200 Dukaten.Roberto Buzzanca: La Comunità di Malamocco nel XVII e XVIII Secolo, Corso di Laurea Magistrale in Scienze Storiche, Universität Padua 2021/2022, S. 47 f. 1754 standen auf der Soldliste zudem: 6 giudici, ein weiterer für Lido, 2 deputati, 2 provveditori für die Gemeindekirche und 2 für die Beata Vergine di Marina zuständige, 3 sindici, 2 contraditori (sie verteidigten die Beschlüsse der höheren Gremien und Gerichte der Republik), 3 stimadori (Schätzer) sowie ein capo di notte, eine Art Nachtwächter. Weitere Posten waren neben Kanzler und Kommandant, ein Organist, aber auch ein Uhrmacher oder ein Kantor. Wie üblich in Venedig, so kamen auch in Malamocco Prüfer für die Abrechnungen hinzu, eine Reihe von militärischen Posten usw. Um die Abgaben eintreiben zu können, fanden sich die Pflichtigen entweder auf dem Platz vor dem Sitz des Podestà ein, oder man registrierte sie Haus für Haus und suchte die Pflichtigen auf.