mini|hochkant=1.5|Kurt Kleefeld (stehend, rechts) im Präsidium des Hansa-Bundes bei einer Tagung im November 1912 in Berlin. Neben ihm steht links Hartmann von Richthofen. Sitzend, von links: Franz Heinrich Witthoefft, Jakob Riesser und Albert Hirth Kurt von Kleefeld (bis zur Erhebung in den Adelsstand am 12. November 1918 Kurt Kleefeld; * 16. Oktober 1881 in Kassel; † 28. Oktober 1934 in Berlin-Karlshorst) war Jurist, Verwaltungsbeamter, Verbandsfunktionär, Industrieller und Gutsbesitzer. Er war ein Schwager von Gustav Stresemann.

Von 1909 bis 1916 war Kleefeld Geschäftsführer des HansabundsWerner Bührer: Einleitung, in: ders. (Hrsg.), Henry Axel Bueck: Mein Lebenslauf. Hrsgg. und mit einer kommentierenden Einl. von Werner Bührer (Beiträge zur Unternehmensgeschichte Bd. 95 = Neue Folge Bd. 1). Frank Steiner Verlag, Stuttgart 1997, S. 24; unter Bezugnahme auf Siegfried Mielke: Der Hansa-Bund für Gewerbe, Handel und Industrie, 1909–1914: der gescheiterte Versuch einer antifeudalen Sammlungspolitik. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1976, S. 196 (Anlagen).Eberhard Kolb: Gustav Stresemann. Beck, München 2003, S. 26 f. und von 1914 bis 1932 fürstlich hohenlohe-oehringischer Verwalter und Generalbevollmächtigter der hohenlohischen Gruben und Industrieunternehmen.

Kurt von Kleefeld war der letzte während des Kaiserreichs geadelte Deutsche.

Leben Herkunft und Werdegang Kleefeld stammte aus einer assimilierten jüdischen Unternehmerfamilie und wurde auf Wunsch der Eltern evangelisch getauft. Die relativ wohlhabende Familie zog im Dezember 1882 nach Berlin. Sein Vater Adolf (auch Arthur,DNB: Kleefeld, Adolf (idn=1082046078). eigentlich Aaron) Kleefeld (1856–1902) betrieb gemeinsam mit seinem älteren Bruder Hermann ein Baumwollgeschäft und engagierte sich später im Braunkohlebergbau. Nach seinem frühen Tod blieb die Mutter Antonie, Tochter des Pferdehändlers Julius Heinemann aus Lankwitz im Kreis Teltow bei Berlin, mit Kurt und seinen drei sehr gutaussehenden jüngeren Schwestern auf sich gestellt. Er studierte in Berlin, Leipzig und Freiburg im Breisgau. Mit einer Arbeit über die Tierhalterhaftung erwarb Kleefeld 1904 den juristischen Doktorgrad. Nach dem Studium bestand er 1905 das Staatsexamen als Regierungsassessor mit einer rechtswissenschaftlichen Studie über Die Theaterzensur in Preussen und trat in den preußischen Verwaltungsdienst ein. 1910 wurde er stellvertretender Landrat in Briesen in Westpreußen. Seine Schwester Käte (1883–1970) war seit 1903 mit Gustav Stresemann verheiratet, der wie Kleefeld der Leipziger Reformburschenschaft Suevia angehörte.

Auf Vermittlung seines Schwagers wurde Kurt Kleefeld 1909 zunächst ehrenamtlich und ab 1912 hauptamtlich Geschäftsführer des liberalen Wirtschaftsinteressenverbands Hansabund.Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit: . Daraus: In seinem Präsidium [dem des 1909 gegründeten Hansabundes] waren mehrheitlich freisinnige und nationalliberale Politiker vertreten, erster Präsident wurde der Jurist und Bankier Jacob Riesser (1853–1932), später nationalliberaler Reichstagsabgeordneter; erster Geschäftsführer Gustav Stresemanns Schwager Kurt von Kleefeld (1881–1934). Auf Empfehlung von Albert Ballin wurde er im Frühjahr 1914 zum Kammerpräsidenten (d. h. Leiter der Güter- und Finanzverwaltung) des Fürsten Christian Kraft zu Hohenlohe-Oehringen ernannt, eines der reichsten Adeligen Deutschlands, der sich jedoch seit einigen Jahren in geschäftlichen Schwierigkeiten befand. Fürst Christian Kraft gründete in der Reichshauptstadt Berlin, wo er auch selbst wohnte, eine Generalverwaltung für die weit verstreuten Besitzungen seines Hauses und übertrug Kleefeld die Leitung.Landesarchiv Baden-Württemberg, Hohenlohe-Zentralarchiv Neuenstein: Beständeübersicht Berliner Generalverwaltung (Oe 145): Inhalt und Sonstiges (abgerufen am 11. Februar 2016). Das Fürstenhaus verfügte neben großen land- und forstwirtschaftlichen Besitzungen über erheblichen Bergbau- und Industriebesitz. Immerhin entfielen auf die Kohlegruben des Hauses um 1900 etwa 7 % der Gesamtfördermenge in Deutschland. Die Zinkhütten produzierten 5 % der Weltproduktion. Allerdings hatte sich der Fürst durch zahlreiche unsystematische Investitionen finanziell übernommen. Kleefeld sollte den Besitz wieder sanieren. Er errechnete Schuldverpflichtungen von 160 Millionen Goldmark. Durch gute Beziehungen zu Hjalmar Schacht gelang es Kleefeld, das notwendige Kapital aufzubringen, um die Schuldverpflichtungen abzulösen. Danach machte der alternde Fürst Kleefeld zu seinem engsten Berater und Wegbegleiter, schenkte ihm volles Vertrauen und überließ ihm über Jahre hinweg alle Geschäfte seines Hauses.Kurt Koszyk: Gustav Stresemann: Der kaisertreue Demokrat. Eine Biographie. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1989, S. 81 f.

Während des Ersten Weltkrieges leistete Kleefeld außerdem Lazarettdienste in Belgien und wurde neben verschiedenen weiteren zivilen Verdienstorden auch mit dem Eisernen Kreuz für Nichtkombattanten ausgezeichnet.Kurt Koszyk: Gustav Stresemann. Köln 1989, S. 161; 183; Abb. 6.

Adelstitel, Heirat, Güter Kurt Kleefeld war die letzte Person, die in Deutschland einen Adelstitel erwarb. Er wurde auf Antrag seines Dienstherrn, Fürst Christian Kraft zu Hohenlohe-Öhringen, Herzog zu Ujest, „in Anerkennung der diesem geleisteten langjährigen treuen Dienste“ von Fürst Leopold IV. zur Lippe noch am 12. November 1918, dem Tag seiner Abdankung, in den lippischen Adelsstand erhoben. Hintergrund war, dass das Kleefeld als Anerkennung für seine Tätigkeit für den Fürsten Kraft in Aussicht gestellte Ritterkreuz I. Klasse des württembergischen Friedrichs-Ordens seit 1913 nicht mehr mit der Erhebung in den Personenadel verbunden war, weshalb die Nobilitierung durch den Fürsten zur Lippe als Ausweg erschien.Kurt Koszyk: Gustav Stresemann. Köln 1989, S. 183. Damit gelang Kleefeld der Aufstieg in den Adel genau in dem Augenblick, als dieser unterging: Zur Vornahme von Standeserhebungen berechtigte Fürsten gab es in Deutschland nicht mehr, und mit Inkrafttreten der Weimarer Verfassung am 14. August 1919 wurden alle Standesvorrechte abgeschafft.

Für einen jüdischstämmigen Geschäftsmann wie Kurt Kleefeld bedeutete die Nobilitierung im deutschen Kaiserreich nicht nur einen gesellschaftlichen Aufstieg, sondern die soziale Anerkennung als gleichwertiger Leistungsträger. Der Stresemann-Biograph Kurt Koszyk bezeichnet sie als „in einer latent antisemitischen Gesellschaft für einen getauften Juden wie Kleefeld eine Art Schutz.“ Adelserhebungen von Juden und jüdischstämmigen Bürgern wurden in vielen deutschen Staaten, vor allem in Preußen und Sachsen, systematisch verweigert. Selbst anderenorts erfolgte Standeserhebungen wurden vom preußischen Heroldsamt nur ungern anerkannt. Einige süddeutsche Länder sowie Kleinststaaten wie Lippe waren hierin weniger streng und eröffneten auf diese Weise Schlupflöcher, wie sie Kleefeld nutzte.Kai Drewes: Jüdischer Adel: Nobilitierungen von Juden im Europa des 19. Jahrhunderts. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2013, Seite 273 u. ö. Speziell zu Kleefeld vgl. ebda. Seite 104 f., Anm. 280.

1919 heiratete Kurt von Kleefeld die 20 Jahre jüngere Gudrun Gräfin von Schwerin (1901–1988). Als Gutsbesitzer war Kleefeld Herr auf dem 28 Hektar großen Gut Alt-Hartmannsdorf, Kreis Beeskow-Storkow. Er ließ 1922 das Schlössle in Weißbach erbauen und erwarb 1929 die Ruine Forchtenberg, die er instand setzen ließ und einem Erbvertrag zufolge nach seinem Tod der Stadt Forchtenberg vermachen wollte. Die Burg blieb aber zunächst in Privatbesitz und ging endgültig erst 1989 in den Besitz der Stadt über.Informationsseite Burg Forchtenberg (burgenarchiv.de, abgerufen am 11. Februar 2016). Seine Witwe heiratete in zweiter Ehe 1939 in München den Juristen Rudolf Freiherr von Eickstedt (1904–1976), der ein Gut in Schlesien besaß; das Paar lebte in Bayern.

Verhältnis zu Stresemann Spannungen in der Umbruchszeit Obwohl national eingestellt, schloss sich Kleefeld 1918 der freisinnigen DDP an. Dafür war der Antisemitismus der weiter rechts stehenden Parteien offenbar ein Beweggrund.Kurt Koszyk: Gustav Stresemann. Köln 1989, S. 156. An den gescheiterten Einigungsverhandlungen zwischen Freisinn und Nationalliberalen im November 1918 war Kleefeld aufseiten der DDP beteiligt, sodass er und Stresemann (1919 Mitbegründer der nationalliberalen DVP) hier auf verschiedenen Seiten standen. Stresemann, der während des Krieges aggressive annexionistische Ziele vertreten hatte, blieb für die DDP inakzeptabel, was ihn verbitterte und in Briefen sogar zu antisemitischen Äußerungen veranlasste (in der DDP seien „ausschließlich Juden die Wortführer“, man strebe „die Herrschaft des mobilen Kapitals unter Führung des Judentums in Deutschland“ an). Kleefeld äußerte vernichtende Kritik am Verhalten Stresemanns im Kriege und betrachtete ihn in diesem Zusammenhang als seinen „arme[n], unglückliche[n], irregeleitete[n] Schwager“, wie Stresemann in sein Tagebuch notierte.Karl Heinrich Pohl: Gustav Stresemann: Biografie eines Grenzgängers. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015, S. 91; 179; 211. Kleefeld selbst war während des Krieges als entschiedener Befürworter der Ideen Arnold Rechbergs für einen Separatfrieden mit Frankreich in Erscheinung getreten.Gaines Post: The Civil-Military Fabric of Weimar Foreign Policy. Princeton University Press, New Jersey 1976, .

Bei derselben Gelegenheit sagte Kurt von Kleefeld offenbar auch, die neu gegründete Deutsche Demokratische Partei repräsentiere „eine neue politische Ethik“, was Stresemann in späteren Aufzeichnungen betont spöttisch kommentiert. Den Grund für Stresemanns Spott vermutet sein Biograph Jonathan Wright vor allem im Zeitpunkt dieses Bekenntnisses Kleefelds zur Demokratie (um den 15. November 1918): Nur wenige Tage zuvor hatte er sich in den Adelsstand erheben lassen!Jonathan Wright: Gustav Stresemann. Weimar's Greatest Statesman. Oxford University Press, Oxford 2002, S. 120 u. Anm. 26.

Den Krieg beurteilte Kleefeld schon frühzeitig sehr skeptisch. Während seine politischen Freunde noch über Kriegsziele debattierten, befürchtete er schon während des Krieges die deutsche Niederlage als wahrscheinliches Szenario und warnte für diesen Fall gesprächsweise vor der drohenden „Sudanisierung“ Deutschlands (womit er ein Besatzungs- und Suzeränitätsverhältnis nach dem Vorbild des Anglo-Ägyptischen Sudans meinte). Er wiederholte diese Warnung im Vorfeld der Unterzeichnung des Friedensvertrags von Versailles in einem Artikel im Berliner Acht-Uhr-Abendblatt vom 19. Mai 1919, diesmal als Appell an die Siegermächte formuliert, von denen er einen Frieden auf der Basis des 14-Punkte-Programms des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson verlangte und dazu aufrief, diesen Standpunkt konsequent in der internationalen Öffentlichkeit zu verbreiten, um das von gegnerischen Maximalisten betriebene Programm einer „Sudanisierung“ Deutschlands zu ächten.Der Artikel ist zusammen mit entsprechenden Gesprächsnotizen in Auszügen zitiert in: Georg Freiherr von Eppstein: Der Deutsche Kronprinz. Leipzig 1926, S. 211 f. (Eppstein war mit Kleefeld bekannt).

Mitarbeit in Stresemanns Netzwerk