Johannes der Presbyter, auch bezeichnet als Johannes der Alte oder Johannes von Ephesus (bl. 90er Jahre des 1. Jahrhunderts), ist eine von einem Teil der Neutestamentler und Kirchenhistoriker seit Adolf von Harnack aus Erwähnungen bei Irenäus von Lyon und im Geschichtswerk des Eusebius von Caesarea erschlossene Persönlichkeit des frühen Christentums in Kleinasien. Mit dieser Annahme ist es möglich, altkirchlichen Traditionen über den Aufenthalt des Apostels Johannes, des Zebedaiden, in Ephesus einen historischen Kern zuzuschreiben.
Johannes der Presbyter wird als Zentralfigur einer in Ephesus beheimateten Johanneischen Schule und als Verfasser mehrerer neutestamentlicher Schriften diskutiert: des Evangeliums nach Johannes, der drei Johannesbriefe und der Offenbarung des Johannes. Ein Forschungskonsens besteht dabei aber nicht. Konservative Neutestamentler und Kirchenhistoriker halten die altkirchliche Tradition, dass der Zebedaide Johannes nach Ephesus kam und dort im hohen Alter starb, für historisch belastbar. Der Zebedaide sei auch der Verfasser der neutestamentlichen Johannes-Schriften. Gerade in neueren Einleitungen und Kommentaren werden diese Schriften oft als anonyme Werke behandelt und keiner Verfasserpersönlichkeit zugewiesen.
Erwähnung bei spätantiken Autoren Der aus der kleinasiatischen Hafenstadt Smyrna stammende Irenäus von Lyon († um 200) bezeichnete in Adversus haereses die Ortskirche von Ephesus als Gründung des Paulus von Tarsus. Dort habe „Johannes mit ihnen [den Presbytern] bis in die Zeit Trajans“ gelebt. Darum sei die Ortskirche von Ephesus eine glaubwürdige Zeugin der apostolischen Tradition.Irenäus: Adversus haereses 3,3,4, hier zitiert nach: Matthias Günther: Der Presbyter Johannes, Tübingen 2017, S. 255. Die Personaltradition, die Johannes mit Ephesus verband, wurde im späten 2. Jahrhundert auch durch Polykrates von Ephesus bezeugt: Demnach ist Ephesus der Sterbeort des Johannes.Polykrates von Ephesus, Brief an Viktor von Rom, zitiert in: Eusebius von Caesarea: Kirchengeschichte 5,24,3.
Eusebius von Caesarea († 339/340) zitierte aus einem verlorenen Werk des Papias von Hierapolis mit dem Titel Darstellung von Herrenworten ():
Dieser Presbyter Johannes habe, so fuhr Eusebius fort, wahrscheinlich „die unter dem Namen des Johannes umlaufende Offenbarung geschaut“, und ihn habe Papias persönlich kennengelernt, dem Apostel und Evangelisten Johannes sei Papias hingegen nicht mehr begegnet.
Verhältnis des Presbyters zum Apostel Johannes Adolf von Harnack betonte 1893, dass es nur eine frühchristliche Johannes-Tradition in Kleinasien gegeben habe:
Ähnlich argumentierte Wilhelm Bousset 1906 in seinem Kommentar zum Johannesevangelium, „daß es nur einen kleinasiatischen Johannes gab, der mit dem Presbyter Johannes des Papias, aber nicht mit dem Apostel und Zebedaiden identisch war;“Wilhelm Bousset: Die Offenbarung Johannis. 6. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1906, S. 46. (Digitalisat) sehr bald sei der Presbyter Johannes allerdings mit dem gleichnamigen Apostel verwechselt worden. Eine ähnliche Verwechslung unterlief den altkirchlichen Schriftstellern ja auch beim Diakon Philippus, der mit dem Apostel Philippus identifiziert wurde.
Zu den Forschungsproblemen des Neuen Testaments zählt die „johanneische Frage“ – sind Johannesevangelium und Johannesoffenbarung trotz auffälliger Unterschiede dem gleichen Verfasser zuzuordnen? Sie gewinnt an Komplexität, wenn man sowohl den Zebedaiden Johannes als auch den Presbyter Johannes als Kandidaten für eine Verfasserschaft in Betracht zieht: Die „schroffe“ Johannesoffenbarung zeigt dann vielleicht das aufbrausende Naturell des Zebedaiden, den Jesus ja den Beinamen „Donnersohn“ gegeben hatte (Mk 3,17). Das „abgeklärtere“ Johannesevangelium ließe sich dann dem Presbyter Johannes zuordnen, der einer jüngeren Generation angehörte. Auch die gegenteilige Lösung wird vertreten: das theologisch „wertvollere“ Evangelium zeige die Hand des Zebedaiden Johannes, die „eher suspekte“ Johannesoffenbarung mochte der gleichnamige Presbyter verfasst haben.Jörg Frey: Erwägungen zum Verhältnis der Johannesapokalypse zu den übrigen Schriften des Corpus Johanneum (Appendix). In: Martin Hengel: Die johanneische Frage, Tübingen 1997, S. 329.
Die folgende Übersicht zeigt, wie sich Einleitungswerke zum Neuen Testament in der Frage, ob Johannes der Presbyter eine oder mehrere neutestamentliche Schriften verfasst hat, positionieren: Verfasser oder HerausgeberTitelJahrIdentität mit dem Zebedaiden JohannesVerfasser JohannesevangeliumVerfasser 1. JohannesbriefVerfasser 2. und 3. JohannesbriefVerfasser Johannesoffenbarung Bemerkungen QuelleEinleitung in das Neue Testament42016nicht identifizierbarnicht identifizierbarS. 265: „Zwar nennt Papias ... einen Presbyter Johannes ..., aber von diesem wissen wir einfach zu wenig, um ihn mit dem Verfasser der kleinen Johannesbriefe identifizieren zu können.“ Das gilt ebenso auch für die Identifizierung mit dem Verfasser der Johannesoffenbarung; vgl. S. 692: Da man vom Presbyter Johannes kaum etwas weiß, „wäre der Erkenntnisgewinn der Identifizierung des Verfassers mit ihm für das Verständnis der Apokalypse auch gering.“ An Introduction to the New Testament22005neinneinneinneinneinDer Zebedaide Johannes schrieb Evangelium, Johannesbriefe und Offenbarung. Einleitung in das Neue Testament22013nicht identifizierbarJohannesevangelium und Johannesbriefe werden von Joachim Kügler kommentiert, die Offenbarung von Stefan Schreiber. Einleitung in das Neue Testament21918jajajajajaDie Papias-Notiz erwähnt nur einen Johannes, den Zebedaiden.S. 84 f.: „Schon Eusebius liest aus dieser Papiasstelle zwei Johannes heraus, den Apostel und den Presbyter, in der deutlich zutage tretenden dogmatischen Absicht, diesem Presbyter Joh. vielleicht die Apk. zuweisen zu können. ... Papias weiß nichts von zwei Johannes, den Apostel und den Presbyter, er kennt nur einen, den Apostel.“ Einleitung in das Neue Testament71931janeinneinneinneinDie Papias-Notiz erwähnt nur einen Johannes, den Zebedaiden.S, 400: „Die von Bousset, Delff, vHarnack und vielen anderen höchst geschickt vertretene Hypothese von dem kleinasiatischen Presbyter Johannes als dem Verf. der johanneischen Schriften kann sich auf Tradition fast gar nicht berufen; die Tradition kennt für Apk., Evgl., Brief, wenn sie überhaupt sich etwas merken läßt, nur einen einzigen Verf., den Zebedäussohn Johannes.“Einleitung in das Neue Testament211983neinunwahrscheinlichunwahrscheinlichunwahrscheinlichnoch unwahrscheinlicherS. 209: „Die Abfassung des Joh und der Johbr durch den Alten Johannes kann darum höchsten als eine Möglichkeit bezeichnet werden.“Einleitung in das Neue Testament41978unwahrscheinlichS. 284: Oft wird angenommen, der von Papias erwähnte Presbyter Johannes habe die Johannesoffenbarung geschrieben. „Da es aber keineswegs sicher ist, daß es diesen Presbyter je gegeben hat, ist diese Annahme problematisch.“Einleitung in das Neue Testament21954jajajajamöglichDie Papias-Notiz erwähnt nur einen Johannes, den Zebedaiden.Einleitung in das Neue Testament22013neinneinneinjaunwahrscheinlichS. 523: „Als Träger bzw. Gründer der joh. Tradition hat der Presbyter des 2.3 Joh ein hohes Ansehen genossen, und als besonderer Traditionsträger erscheint er auch bei Papias.“Geschichte der urchristlichen Literatur1975neinneinneinneinjaS. 502: Der Verfasser der Johannesoffenbarung „ist wohl der Johannes von Ephesus und hat mit dem ‚johanneischen Kreis‘ nichts zu tun.“Einleitung in das Neue Testament61973neinneinneinneinunwahrscheinlichDer gleiche anonyme Verfasser schrieb Evangelium und Johannesbriefe.Einleitung in das Neue Testament31924neinneinneinneinneinDer Zebedaide Johannes schrieb Evangelium, Johannesbriefe und Offenbarung.
Hypothesen zur Biografie des Presbyters Johannes Papias schrieb sein Werk Darstellung von Herrenworten in der Regierungszeit Kaiser Trajans (98–117). Da er das Material dafür über längere Zeit gesammelt hatte, werden die Kontakte mit Johannes dem Presbyter ungefähr in die 90er Jahre des 1. Jahrhunderts datiert.Matthias Günther: Der Presbyter Johannes, Tübingen 2017, S. 254. Der Name () war in der jüdischen Diaspora in Kleinasien ungebräuchlich, in Palästina dagegen häufig; daher liegt es nahe, dass Johannes aus Palästina stammte.Martin Hengel: Die johanneische Frage, Tübingen 1997, S. 275 f. Angenommen, dass er vor Beginn des Jüdischen Krieges in den 60er Jahren nach Kleinasien gekommen war, so hatte er dort allmählich großes Ansehen gewonnen, so dass man ihn allgemein als „den Ältesten“ bzw. „den Alten“ kannte.Matthias Günther: Der Presbyter Johannes, Tübingen 2017, S. 254.
Adolf von Harnack (1893) Adolf von Harnack schloss nicht aus, dass der Apostel und Zebedaide Johannes, wie andere Apostel auch, Kleinasien besucht habe; die prägende Gestalt des frühen Christentums dort sei aber der Presbyter Johannes gewesen: „ein Palästinenser, ein hellenistisch gebildeter Jude und im weiteren Sinne ein Herrnjünger. Er hat lange Zeit, bis zu den Tagen Trajan’s, in Ephesus gelebt; er hat gegen Ende der Regierung Domitian’s die Apokalypse herausgegeben und in dem Menschenalter zwischen c. 80 und c. 110 das Evangelium und die Briefe geschrieben, jenes wahrscheinlich zunächst für einen kleinen Kreis nahestehender Schüler und unter Anlehnung an Überlieferungen, die er von dem Apostel Johannes erhalten hatte, der als Jünger, den der Herr lieb hatte, ihm im Vordergrund der Jünger stand, und von dem er auch mündlich erzählt hat.“Adolf von Harnack: Geschichte der altchristlichen Litteratur bis Eusebius, Teil 2/1: Die Chronologie der Litteratur bis Irenäus, Leipzig 1897, S. 678.
Martin Hengel (1997) Martin Hengel nahm an, dass der Presbyter Johannes sowohl das Johannesevangelium als auch die drei Johannesbriefe und die Johannesoffenbarung verfasst habe. Er kam zu folgenden (nach eigener Einschätzung) „sehr hypothetischen Erwägungen“ zur Biografie dieser Persönlichkeit des frühen Christentums:Martin Hengel: Die johanneische Frage, Tübingen 1997, S. 324. Johannes wurde demnach um 15 n. Chr. in Jerusalem als Angehöriger der dortigen jüdischen Priesteraristokratie geboren. Er hatte in seiner Jugend Kontakte zur „Erweckungsbewegung“ Johannes des Täufers. Später erlebte er in Jerusalem das Auftreten und die Hinrichtung des Jesus von Nazareth mit und schloss sich dem weiteren Jüngerkreis an. In der Jerusalemer Urgemeinde stand er dem Zebedaiden Johannes nahe. Seine Bekanntschaft mit dem Diakon Philippus weckte sein Interesse daran, unter Samaritanern und Heiden Mission für die Jesusbewegung zu treiben. Vor Beginn des Jüdischen Krieges (66 n. Chr.) gerieten die Jerusalemer Judenchristen immer stärker unter Druck. Johannes verließ Palästina und zog nach Kleinasien, „wo er – etwa 50 Jahre alt – seine Schule gründete, die knapp 40 Jahre lang blühte. Unter den Anhängern in Kleinasien galt er in späteren Jahren als der ‚Alte‘ und als ein ‚Jünger des Herrn‘. Seine Autorität wuchs in dem Maße, als er die anderen Jünger überlebte.“Martin Hengel: Die johanneische Frage, Tübingen 1997, S. 325. In seinen letzten Lebensjahren verfasste Johannes jene Schriften, die später ins Neue Testament aufgenommen wurden: ein höchst originelles theologisches Werk, das eine Synthese von „ältere[n] jüdisch-palästinische[n] mit hellenistischen, enthusiastischen, ja selbst paulinischen Ansätzen“ bot.Martin Hengel: Die johanneische Frage, Tübingen 1997, S. 325. Er starb hochbetagt um das Jahr 100.
Matthias Günther (2017)