mini|hochkant|Nikolai Bucharin (vor 1930) Nikolai Iwanowitsch Bucharin (, wiss. Transliteration ; *  in Moskau; † 15. März 1938 ebenda) war ein russischer und sowjetischer Politiker, marxistischer Wirtschaftstheoretiker und Philosoph. Er nahm an den Revolutionen von 1905 sowie 1917 teil und wurde im Zuge der Stalinschen Säuberungen erschossen.

Leben Kindheit und Jugend Nikolai Bucharin wurde 1888 als zweiter Sohn von Ljubow Iwanowna Ismailowa und Iwan Gawrilowitsch Bucharin in Moskau geboren. Er hatte zwei Brüder. Die Eltern unterrichteten beide an einer Grundschule in Moskau., sein Vater fand später eine Anstellung als Steuerprüfer. Den größten Teil seiner Kindheit verbrachte Nikolai in Moskau, vier Jahre auch in Bessarabien.

Schon als 16-jähriger Schüler eines Moskauer Gymnasiums radikalisierte er sich infolge des Russisch-Japanischen Krieges (1904–1905) und der russischen Revolution 1905. 1906 wurde er Mitglied der illegalen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR)/Bolschewiki. Nachdem er 1907 das Gymnasium mit ausgezeichneten Noten abgeschlossen hatte, studierte er an der Universität Moskau Wirtschaftswissenschaft. Gemeinsam mit Grigori Sokolnikow organisierte er die nationale Jugendkonferenz 1907 in Moskau.

Im Exil Durch seine politischen Aktivitäten in der kommunistischen Jugendbewegung, aus der später der Komsomol hervorging, und seine Tätigkeit in der Moskauer Parteileitung ab 1909 wurde die Geheimpolizei (Ochrana) des Zarenregimes auf ihn aufmerksam. In dieser Zeit lernte er auch seine spätere Lebensgefährtin Nadjeschda Michailowna Lukina kennen. Nach einem kurzen Gefängnisaufenthalt 1911 wurde er nach Onega im Gebiet Archangelsk deportiert.

Er floh jedoch zunächst nach Deutschland und über Österreich, die Schweiz, Schweden, Norwegen und Dänemark in die USA. Im Westen setzte er sein begonnenes Wirtschaftswissenschaftsstudium fort, begann Philosophie und Soziologie zu studieren und setzte sich mit den philosophischen Schriften des Empiriokritizisten Alexander Malinowski (bekannt als Alexander Bogdanow) auseinander. 1922 sollte dazu seine Arbeit Theorie des historischen Materialismus entstehen, in der er Bogdanows Empiriokritizismus von einem deterministisch-materialistischen Standpunkt aus kritisiert.

1913 lernte er in Wien auch Josef Stalin kennen, dem er als Dolmetscher half. Gemeinsam mit Nikolai Krylenko und Elena Rosmirowitsch gab er bald nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges eine russische Zeitung namens Swesda (Stern) heraus und später, in den USA, gemeinsam mit Leo Trotzki und Alexandra Kollontai die Zeitung Nowy Mir (Neue Welt).

In Wien beschäftigte er sich mit einer systematischen Kritik an der Wiener Schule der Nationalökonomie und der von dieser vertretenen Grenznutzentheorie. Daraus resultierte sein Buch Die politische Ökonomie des Rentners (1914). Außerdem entwickelte er 1914/15 seine Imperialismustheorie und verfasste das Manuskript zu seinem wohl bedeutendsten Buch Imperialismus und Weltwirtschaft, das aber erst 1917, nach der Oktoberrevolution, mit einem Vorwort von Lenin veröffentlicht wurde.

Oktoberrevolution und danach Bei einem Aufenthalt in Schweden wurde Bucharin verhaftet, seine Manuskripte wurden konfisziert. Nach der Februarrevolution durfte er im März 1917 nach Moskau zurückkehren.

Als bereits anerkannter marxistischer Theoretiker wurde er bald in das Zentralkomitee der Bolschewiki gewählt. Von 1917 bis 1929 war er Herausgeber der Parteizeitung Prawda (Wahrheit). Nach der Oktoberrevolution und 1918, zur Zeit der Unterzeichnung des Friedensvertrags von Brest-Litowsk, führte er die linksradikale Opposition, die den Friedensvertrag mit Deutschland ablehnte, innerhalb der Bolschewiki an. Er war 1920/21 erstmals Mitglied des Politbüros, des mächtigsten Gremiums der Kommunistischen Partei Russlands.

Als sich abzeichnete, dass die russische Revolution isoliert bleiben würde, änderte er seine Meinung. Er wurde ein wichtiger Vertreter der „Neuen Ökonomischen Politik“, in der er die Möglichkeit des Aufbaus einer staatssozialistischen Wirtschaft verwirklicht sah.

Nach dem Tode Lenins wurde er 1924 erneut Mitglied des Politbüros. In der Partei und im Politbüro war ein theoretischer Kampf um die Zukunft der Partei, der neu gegründeten UdSSR und der „Neuen Ökonomischen Politik“ entbrannt. Er unterstützte Stalin und war sein wichtigster Vordenker und Vertreter der Theorie zum Aufbau des „Sozialismus in einem Land“. Ab 1926 wurde er zum Vorsitzenden der Kommunistischen Internationale (Komintern) berufen. 1926 wurden mit seiner Unterstützung die „Linken“ Kamenew, Sinowjew und Trotzki aus dem Politbüro entfernt.

Opposition gegen Stalin, Tod Ab 1928 opponierte Bucharin gegen Stalins Maßnahmen zur Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, woraufhin er am 17. November 1929 aus dem Politbüro und dann als Vorsitzender der Komintern entfernt wurde. Ab 1929 führte Bucharin gemeinsam mit dem US-Amerikaner Jay Lovestone die Internationale Vereinigung der Kommunistischen Opposition (IVKO) an, auch bekannt unter dem Namen Rechte Opposition. Er durfte aber, anders als viele Trotzkisten, in der Partei bleiben und wurde Direktor des Instituts für industrieökonomische Forschungen. 1934 widerrief er seine ideologische Position und wurde von Stalin rehabilitiert. Er war bis zum Januar 1937 Herausgeber der sowjetischen Tageszeitung Iswestija (Nachrichten). Außerdem arbeitete er 1936 am Entwurf der sowjetischen Verfassung mitSöndgen, K. (1995). Bucharinismus und Stalinisierung: Zur politischen Bedeutung N. I. Bucharins in der Übergangsperiode 1927–1929. Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, 43(1), neue Folge, 78–96..

Im März 1937 wurde er unter dem Vorwurf der Spionage, des Kontaktes zur österreichischen und schwedischen Polizei und der Beteiligung an einem Komplott gegen Stalin verhaftet. Noch aus dem Gefängnis schrieb er an Stalin: Im dritten Moskauer Schauprozess gegen den „Block der Rechten und Trotzkisten“ wurde er am 13. März 1938 zum Tode verurteilt und erschossen. Hingerichtet wurde er gemeinsam mit dem früheren Geheimdienstchef Genrich Jagoda und anderen ehemaligen Spitzenfunktionären. NKWD-Chef Nikolai Jeschow persönlich beaufsichtigte die Exekution. Er ließ Bucharin zusehen, wie die anderen Verurteilten vor ihm erschossen wurden.Nikita Petrow: Palatschi. Oni wypolnjali sakasy Stalina. Moskau 2011, S. 199.

Wirken Die politische Ökonomie des Rentners Von 1912 und 1914 wollte Bucharin in Wien eine „systematische Kritik der theoretischen Ökonomie der neuesten Bourgeoisie“ erarbeiten. Dazu studierte er die Literatur der Theoretiker der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, hier vor allem Eugen Böhm von Bawerk, der gerade in Wien lehrte. Er besuchte einige Vorlesungen zum Thema der Grenznutzentheorie. Das Ergebnis dieser systematischen Kritik – die Manuskripte zu seinem Buch Die politische Ökonomie des Rentners – wurde von den österreichischen Ordnungshütern bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges konfisziert. Bucharin musste fliehen.

In Lausanne setzte er seine Arbeit fort und brachte schließlich doch sein Buch heraus. Die politische Ökonomie des Rentners galt als Handbuch des Marktmechanismus. Sein Anliegen: Die systematische Kritik der Grenznutzentheorie. Er schildert und kritisiert darin auch die „sozial überflüssige“ Lebensweise der „Rentnerbourgeoisie“.

In der Sowjetunion Nikolai Bucharin war laut Lenin nicht nur der „Liebling der ganzen Partei“, sondern auch ein „überaus wertvoller und bedeutender Theoretiker“.

Diesen Ruf verdankte er vor allem seinen Werken zur Ökonomie vor der Oktoberrevolution 1917: Die politische Ökonomie des Rentners. Die Wert- und Profittheorie der österreichischen Schule (1913/14) und Imperialismus und Weltwirtschaft (1914/15).

In dieser Zeit veröffentlichte er seine bedeutendsten Werke, die ein Zeugnis von seinem politischen Umschwung vom extremen voluntaristischen, linksradikalen Flügel zum extremen anti-voluntaristischen, rechten Flügel der Partei, ablegen. Die aktuelle politische Lage im Russland des Bürgerkriegs, aber vor allem Bucharins Methode eines mechanistischen Marxismus dienten als Angelpunkt für seine Wandlung.

Auch nach der russischen Revolution und der Bürokratisierung der Partei war Bucharin ein bedeutender Theoretiker, nunmehr im Dienste Stalins. In seiner Studie „Ökonomie der Transformationsperiode“ empfahl Bucharin aber schon 1920 „außerwirtschaftliche Zwangsmaßnahmen“ wie Erschießen „als Methode um aus dem Menschenmaterial der kapitalistischen Epoche die kommunistische Menschheit herauszuarbeiten“.vgl. „Nikolai Bucharin“ in Der Spiegel Nr. 52/1987, S. 113.

Bedeutende Schriften aus dieser Zeit sind: Zur Neuen Ökonomischen Politik: Die Ökonomik der Transformationsperiode (1920) und The Present Period and the Basis of Our Policies (1925), in dem er die Möglichkeit des Sozialismus in einem Land als Theorie für Stalin vorbereitet. Die Artikelserie Nieder mit der Fraktionsmacherei (1924, 1925), in der er die Zerschlagung der Demokratie und die Bürokratisierung der Partei unterstützte. Theorie des historischen Materialismus als gemeinverständliches Lehrbuch der Marxistischen Soziologie (1922).

Nachwirkungen Rückblicke auf die Schriften von und über Bucharin haben eine Rolle in der Neuschreibung der Geschichte der UdSSR gespielt. Seine Werke von 1924 bis 1929 zur Entwicklung des Marktes sollten eine Alternative darstellen zum Stalinismus und zum Trotzkismus. Ab Mitte der 1980er Jahre, als die Kommunistische Partei der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow die Umstrukturierung der Wirtschaft (Perestroika) einleitete, wurden seine Arbeiten neu publiziert, um als theoretisches Fundament für die Öffnung der bis dahin sozialistischen Wirtschaft zu dienen.

Zum Werk: Imperialismus und Weltwirtschaft Nach dem Streit in der Zweiten Internationalen in der Frage der Unterstützung des Ersten Weltkrieges, war Bucharins Werk Imperialismus und Weltwirtschaft ein wichtiger Beitrag zur marxistischen Theorie.

Die Theoretiker der Zweiten Internationalen wie Rudolf Hilferding und Karl Kautsky, argumentierten, dass der ausgebrochene Weltkrieg nur eine Abweichung der normalen Entwicklung des Kapitalismus sei. Der Sozialismus könne nur in friedlichen Zeiten erreicht werden, bis dahin müssten die Arbeiter zum Schutz ihres eigenen Vaterlandes antreten. Imperialismus war für sie keine ökonomische Phase, sondern eine kurze Phase der kapitalistischen Politik, die gegen den ökonomischen Trend verlaufe. Diese Politik werde jedoch aufgrund der normalen und friedlichen Entwicklung des Kapitalismus bald durch die kapitalistische Entwicklung zum „Ultraimperialismus“ ersetzt werden, in dem große Kriege zwischen den Nationalstaaten aufgrund der Internationalisierung der Vergangenheit angehören würden.

Kautsky argumentierte: „Für die Fortsetzung des Rüstungswettlaufs nach dem Weltkrieg gibt es keine ökonomische Notwendigkeit, auch nicht vom Standpunkt der kapitalistischen Klasse selbst, mit Ausnahme von gewissen Rüstungsinteressen. Im Gegenteil, die kapitalistische Wirtschaft wird genau durch diese Auseinandersetzungen ernsthaft bedroht. Jeder weitsichtige Kapitalist muss heute seinen Kameraden zurufen: Kapitalisten aller Länder, vereinigt Euch!“

Bucharin begegnete dieser Argumentation und behauptete, dass Imperialismus eine in der Natur des Kapitalismus liegende Fortführung des kapitalistischen Konkurrenzkampfes auf Weltmaßstab ist. Die Weltwirtschaft kann nach Bucharin „als ein System von Produktionsverhältnissen und entsprechenden Austauschverhältnissen im internationalen Ausmaß definiert werden.“

Bucharin machte in dieser zwei Prozesse aus: Die Internationalisierung und die Nationalisierung des Kapitals: