mini|Bild von Carl Offterdinger mini|Illustration in Die Gartenlaube, 1865 Dornröschen ist ein Märchen (ATU 410). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm ab der 1. Auflage von 1812 an Stelle 50 (KHM 50) und geht durch mündliche Weitergabe über Marie Hassenpflug auf Charles Perraults La belle au bois dormant (‚Die schlafende Schöne im Wald‘) zurück. Bei Perrault erschien es 1697 in Contes de ma Mère l’Oye und vorher 1696. Ludwig Bechstein übernahm das Märchen in sein Deutsches Märchenbuch als Das Dornröschen (1845 Nr. 63, 1853 Nr. 52).

Inhalt bei Perrault mini|Druck von Gustave Doré zu Perraults La belle au bois dormant, 1867 Ein Königspaar bekommt endlich ein Kind. Zur Taufe sollen sieben Feen der Tochter Gaben wie Schönheit und dergleichen verleihen. Da kommt eine alte, vergessene Fee dazu, beleidigt, weil kein Goldbesteck übrig ist, verflucht sie das Kind, am Stich einer Spindel zu sterben. Doch eine der jungen Feen hat ihren Wunsch aufgespart und mildert den Tod zu hundertjährigem Schlaf, aus dem ein Prinz sie erwecken wird. Der König verbannt alle Spindeln. Nach 15 oder 16 Jahren findet das Kind einen Schlossturm, wo eine freundliche Alte spinnt, greift nach der Spindel und sinkt zu Boden. Man legt sie aufs Bett. Damit sie beim Erwachen nicht allein ist, lässt die Fee alle im Schloss auch schlafen und Bäume dicht umher wachsen, dass niemand sie stört. Nach 100 Jahren jagt dort ein Prinz und wundert sich über die Türme im Wald. Die meisten meinen, da hause ein Menschenfresser, nur ein alter Bauer weiß von der schlafenden Schönheit. Die Bäume, Brombeeren und Dornbüsche machen dem Prinzen Platz, er findet alle schlafend, schließlich die Prinzessin. Sie erwacht und spricht lange mit ihm, es gibt ein Festmahl mit Trauung. Die Mutter des Prinzen schöpft Verdacht, doch er hält die Ehe geheim. Nach zwei Jahren stirbt sein Vater, da holt der Prinz (nun neuer König) seine Frau und zwei Kinder namens Mörgenröte und Tageslicht heim. Als er im Krieg ist, will seine Mutter nacheinander die beiden Kinder und seine Frau schlachten lassen, um sie zu essen, doch der Haushofmeister nimmt stattdessen ein Lämmchen, ein Zicklein und eine Hirschkuh. Eines Abends verrät der Bub sich durch lautes Weinen. Die Böse erkennt den Betrug, bereitet die Hinrichtung vor. Der König kommt dazu, sie richtet sich selbst. Perrault moralisiert: Kein Mädchen warte heute so brav auf die Ehe.

Inhalt bei Grimm mini|Illustration von Joseph Albert, 1869 Ein Königspaar wünscht sich lange ein Kind. Endlich weissagt ein Frosch (bis 2. Auflage: ein Krebs) im Bad der Königin die Geburt. Zum Fest holt man auch zwölf Feen, das Mädchen zu segnen, eine dreizehnte übergeht man, für sie ist kein Goldteller mehr da. Die platzt dann herein und verflucht es zum Tod durch Stich einer Spindel im fünfzehnten Jahr. Doch hat eine Fee ihren Segen noch nicht gesprochen und mildert den Tod zu hundertjährigem Schlaf. Der König lässt alle Spindeln verbrennen. Mit fünfzehn Jahren, die Eltern sind aus, findet das Mädchen in einem Schlossturm eine alte Frau beim Spinnen, greift nach der Spindel, sticht sich und fällt schlafend hin. Alle Menschen und alles im Schloss schläft auch, dichte Dornen wachsen ringsum. Man hört von der Prinzessin als dem Dornröschen, doch Prinzen, die es suchen, sterben jämmerlich in den Dornen. Als hundert Jahre um sind, hört wieder ein Prinz davon, die Dornen sind Blumen und lassen ihn ein. Dornröschen erwacht von seinem Kuss, alles erwacht und feiert die Hochzeit.

Literarische Bearbeitung mini|Bild von Alexander Zick, 1875 mini|Bild von Walter Crane, 1876 Jacob Grimms handschriftliche Urfassung von 1810 beruht offenbar auf Marie Hassenpflugs Kindheitserinnerung an Perraults Märchen, das sie sehr weitgehend schrumpfen ließ. Bei Perrault verheimlicht der Prinz die Liebschaft vor seiner Mutter, die dann seine Kinder und Frau zu fressen versucht, als er im Krieg ist. Dieser brutale zweite Teil fehlt hier. Schon das Hängenbleiben der Freier ist nur kurz erwähnt.Heinz Rölleke (Hrsg.): Die älteste Märchensammlung der Brüder Grimm. Synopse der handschriftlichen Urfassung von 1810 und der Erstdrucke von 1812. Herausgegeben und erläutert von Heinz Rölleke. Cologny-Geneve 1975 (Fondation Martin Bodmer, Printed in Switzerland), S. 106–111, 359. Die Pointe, dass eine Fee ihren Wunsch noch übrig hat, wurde zur Druckfassung 1812 wieder ergänzt, im Übrigen die kurze Handlungsskizze nun in Wilhelm Grimms Sinne ausgestaltet. Hans-Jörg Uther bemerkt die leitmotivhafte Wiederholung von Dornröschens Schönheit.Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. de Gruyter, Berlin 2008, ISBN 978-3-11-019441-8, S. 118.

Die Handlung änderte sich zwischen den verschiedenen Druckauflagen kaum. Die zur 2. Auflage eingefügte Redensart „daß der König vor Freuden sich nicht zu lassen wußte“ stand zuerst in Grimms Der gestiefelte Kater, Der junge Riese, ähnlich in Schnabels Insel Felsenburg.Lothar Bluhm und Heinz Rölleke: „Redensarten des Volks, auf die ich immer horche“. Märchen – Sprichwort – Redensart. Zur volkspoetischen Ausgestaltung der Kinder- und Hausmärchen durch die Brüder Grimm. Neue Ausgabe. S. Hirzel Verlag, Stuttgart/Leipzig 1997, ISBN 3-7776-0733-9, S. 83. Die Schilderung wird länger, gegenständlicher, mit mehr wörtlichen Reden. Offenbar versehentlich fehlt dabei in der Aufzählung die elfte der „weisen Frauen“, wie die Feen nun wohl zur Absetzung von französischen Feenmärchen heißen. Die Wünsche nennen auch Reichtum. Dass der Koch den Küchenjungen an den Haaren zieht, wird erklärt, dieser habe „etwas versehen“. Im Land geht die „Sage“ von Dornröschen, der alte Mann rät dem Helden ab. Die Blumen werden nun hinter ihm nicht mehr zu Dornen. Die Erwachten sehen sich mit großen Augen an, ihre Aufzählung erhält klaren Rhythmus, wie ein Abzähltext (etwa Das Birnli will nit fallen). Der Krebs im Bad (wie in d’Aulnoys Die weiße Hindin) ist ab der 3. Auflage ein Frosch. Der Schlüssel ist verrostet, statt nur gelb. Das Königspaar liegt beim Thron. Die 4. Auflage korrigiert das Fehlen der elften Frau, der Auftritt der Dreizehnten ist ausführlicher. Neu ist auch: „Und der Wind legte sich, und aus den Baum vor dem Schloß regte sich kein Blättchen mehr“, zur 5. Auflage „Da giengen sie zusammen herab …“, zur 6. Auflage „… ehe ein Jahr vergeht, wirst du eine Tochter zur Welt bringen.“ Im Turm steht grade ein Bett. Heinz Rölleke beobachtet, wie der Ausspruch „ich fürchte mich nicht“ zur 6. Auflage im Sinne des Helden Sigurd eingefügt wurde. Die Brüder Grimm waren eben von Anfang an überzeugt, in dem Text die Spur des germanischen Mythos vor sich zu haben, weshalb er auch trotz seiner französischen Herkunft in der Sammlung blieb.Heinz Rölleke, Albert Schindehütte: Es war einmal …. Die wahren Märchen der Brüder Grimm und wer sie ihnen erzählte. Eichborn, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-8218-6247-7, S. 263–266. So spricht auch Grimms KHM 193 Der Trommler („Was ich will, das kann ich“) oder in KHM 197 Die Kristallkugel („ich scheue keine Gefahr“). Auch ihre Anmerkungen bemühen gern Brünhilds Befreiung (KHM 60, 92, 93).Grimms Anmerkung zu KHM 60 Die zwei Brüder, KHM 92 Der König vom goldenen Berg, KHM 93 Die Rabe (Wikisource). Geschichte Dorn-Röschens hieß zuerst Antoine d’Hamiltons Feenmärchen L’histoire d’épine in Bertuchs deutscher Übertragung Blaue Bibliothek aller Nationen, 1790, ist aber ein ganz anderes Märchen. Walter Scherf mutmaßt, ein Dornenröschen könnte dort und in anderen Dornröschen-Fassungen als Teil einer magischen Flucht wie in KHM 51 Fundevogel vorkommen. Nach seinem Eindruck wurde der Text wieder Perrault angenähert, sein höfischer Prunkstil aber verbürgerlicht.Walter Scherf: Das Märchenlexikon. Band 1. C. H. Beck, München 1995, ISBN 978-3-406-51995-6, S. 172–177. So wird aus Heilbädern die häusliche Badewanne. Die 13 passt nicht nur als Unglückszahl, in bürgerlicher Vorstellung hatte eine Aussteuer zwölf Teller. Das Einschlafen und Aufwachen ist für Heinz Rölleke eine besondere Meisterleistung Wilhelm Grimms, die auch von der Verkürzung der Kussszene ablenkt.Heinz Rölleke, Albert Schindehütte: Es war einmal …. Die wahren Märchen der Brüder Grimm und wer sie ihnen erzählte. Eichborn, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-8218-6247-7, S. 263–266.

Märchenforschung mini|Aquarell von Henry Meynell Rheam, 1899 Die Anmerkung der Brüder Grimm vermerkt „Aus Hessen“ (von Marie Hassenpflug), sie vergleichen die Schlafende mit Brunhild in der Liederedda „Sämundar 2, 186“, Sigurd weckt sie im Flammenwall, Othin stach sie mit dem Schlafdorn, nennen Giambattista Basiles Pentameron V,5 Sonne, Mond und Talia, Perraults La belle au bois dormant und KHM 53 Schneewittchen. Sie nennen zu Basiles und Perraults Schluss ihr im Anmerkungsband wiedergegebenes Fragment Die böse Schwiegermutter.Grimms Anmerkung zu Dornröschen. (Wikisource) Die Anmerkung der 1. Auflage nannte auch KHM 82a Die drei Schwestern, zur Spindel den Knochen in Basiles III,3 Viso.Dornröschen (1812), Anhang (Wikisource) Vgl. zum Schlaf auch II,8 La schiavottella, KHM 62 Die Bienenkönigin. Das Spinnen – als typisch weibliche Fertigkeit – kommt in vielen Märchen vor, KHM 9, 14, 24, 49, 55, 65, 67, 79, 128, 156, 181, 179, 188, auch verwunschene Schlösser, KHM 92, 97, 121, 137, 163, 197, 130a. Die verborgene Spinnstube mag auch an eine verbotene Kammer wie in KHM 3, 46, 62a und in Grimms Anmerkung zu Rapunzel denken lassen. Grausame Stiefmütter wie bei Perrault kennen wir etwa aus Grimms Die sechs Schwäne, Schneewittchen, De drei Vügelkens, Bechsteins Die Knaben mit den goldnen Sternlein.

Als älteste Belege zu Erzähltyp ATU 410 gelten die Geschichte von Troylus und Zellandine in Perceforest (um 1330, Buch 3, Kap. 46, 48, 55), der zweite Teil des katalanischen Gedichts Blandin de Cornoualba und das ebenfalls katalanische Gedicht Frayre de Joy e Sor de Plaser. Den Todesschlaf und den in früheren Fassungen von ATU 410 eine Rolle spielenden Helfervogel kennen im Mittelalter verschiedene Erzähler, so Marie de France in Eliduc und in Yonec. Auf die Sigrdrífomál der Edda wies Grimms Anmerkung schon hin. Zeus versteckt Thalia vor Hera, sie kriegt Zwillinge.Harold Neemann: Schlafende Schönheit. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 12. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2007, S. 13–19. Basiles Sonne, Mond und Talia spielt wohl darauf an und ist die erste Märchenfassung des Typs. Rudolf Schenda sah in Dornröschen „eines der sprechendsten Beispiele für die Überlieferungskette Basile – Perrault – Grimm.“Giambattista Basile: Das Märchen der Märchen. Das Pentamerone. Herausgegeben von Rudolf Schenda. C.H. Beck, München 2000, ISBN 3-406-46764-4, S. 613 (nach dem neapolitanischen Text von 1634/36, vollständig und neu übersetzt). Vgl. später Motive in Johann Wilhelm Wolfs Das weiße Hemd, das schwere Schwert und der goldene Ring, Deutsche Hausmärchen, Ulrich Jahns Duurn’nroesken, Volksmärchen aus Pommern und Rügen, Nr. 41.

Interpretation mini|Illustration, 1900 mini|Illustration von Otto Ubbelohde, 1909 mini|Bild von Edmund Dulac, 1910 mini|Bild von Jessie Willcox Smith, 1911