mini|250px|Skulptur vor dem Palatinum Büste:römischer Ursprung des Ortes Torkonstruktion mit männlichem Torso:industriebezogener Standort und Männer durch Flachs-Hechel laufende Frau:Frauen und Flachsanbau Das Großdorf Mutterstadt in der historischen Kurpfalz ist ein Zentrum des Rhein-Pfalz-Kreises und hat in seiner wechselvollen Geschichte alle Ereignisse der Region mitgemacht.
Vorzeit Menschliches Leben lässt sich im Raum Mutterstadt bereits für die Steinzeit (vor 600.000 bis 4.000 Jahren) nachweisen. Die ältesten Funde stammen von Menschen, die als Jäger und Sammler Rastplätze mit weitem Ausblick bevorzugten. Diese fanden sich auf den dünenähnlichen Bodenwellen, die sich in der Altsteinzeit bis zu 6 Meter über dem Niveau der Landschaft erhoben. Die ältesten Funde sind plumpe Steinabschläge wie eine kurze, vielseitig verwendbare Breitklinge. Während der letzten großen Vereisung mussten die dem Neandertaler verwandten Urbewohner anderen Rassen weichen. Von diesen sind Kleinstwerkzeuge, so genannte Mikrolithe, überliefert, die einer Sonderstufe des Moustérien angehören, die hier erstmals in Deutschland gefunden wurden.
Im Jahr 1955 wurde in einer Sandgrube ein mittelsteinzeitlicher Fund gemacht. Dort lag in einer Tiefe von 80 Zentimetern im Sand auf einer Kalkplatte ein Skelett in Schlafstellung. Holzkohlereste unter den Unterschenkeln ließen auf ein Reinigungsfeuer schließen. Als einzige Grabbeigabe wurde ein Steinabschlag aus rötlichbraunem Porphyrit vom Donnersberg geborgen. Ein 1955 entdeckter Werkplatz eines mittelsteinzeitlichen Werkzeugmachers ergab allein 1.855 Fundstücke. Insgesamt wurden sechs größere Wohnplätze und einige kleinere Rastplätze der Mittelsteinzeit entdeckt. In fast allen Teilen der Gemarkung wurden Funde geborgen, die der Jungsteinzeit angehören. Die große Anzahl der Funde aus der Jungsteinzeit lassen den Schluss zu, dass Mutterstadt vor etwa 5.000 Jahren dicht besiedelt war.
Bronze- und Eisenzeit Um 2000 vor Christus kam in Mutterstadt die Metallverarbeitung auf. Mit Bronze ließen sich Schmuckstücke herstellen. Daneben tauchen aber auch Anhänger aus Gold und Bernstein auf. Von der Religiosität der Menschen der Bronzezeit zeugen Scheiben, Spiralen und Räder, die als Sonnensymbole gedeutet werden. Die Grabstätten wurden nach gewissen Richtlinien angelegt und reich ausgestattet. Reine Siedlungsplätze wurden jedoch nicht entdeckt. Aus einem durch Nachbestattung gestörten Grab wurden die säuberlich wieder ins Grab gegebenen ursprünglichen Beigaben geborgen.
Die Menschen der Eisenzeit waren zumeist Viehzüchter, die in einfachen Holzhäusern wohnten. In der frühen Eisenzeit waren dies oft nur flache Gruben, die kaum einem Menschen Raum boten. Die Wände der Hütten bestanden aus leichtem, mit Lehm verstrichenem Flechtwerk, das Dach aus Schilf und Reisern.
Die Hallstatt A-Zeit (etwa 1200 bis 750 vor Christus) hinterließ nur ein Bronzehohlbeil. Die späteren Hallstattzeiten (etwa 750 bis 450 vor Christus) lieferten dafür umso reicheres Fundmaterial. Rodungsarbeiten in den 1770er und den 1870er Jahren haben allerdings Hunderte von Grabhügeln vernichtet. Die Toten dürften aus einem weiteren Umkreis herbeigebracht worden sein.
Aus der Latènezeit stammen die ersten urkundlichen Nachrichten, die sich alle in römischen Quellen finden.
Römerzeit mini|Skulptur vor dem Palatinum, die an die Römer erinnern soll An der Ortsgrenze zog die römische Rheintalstraße als Fernstraße von Italien über Basel nach Mainz vorbei. Ein römischer Leugenstein stand an der Civitasgrenze zwischen Worms (Borbetomagus) und Speyer (Noviomagus) (VIII. Stein).
Römische Siedlungen lassen sich an mehreren Stellen in Dorf und Flur nachweisen. Auf dem Medardusbuckel befand sich ein ausgedehntes Dorf der Römerzeit. Noch um 1900 waren die dortigen Äcker in einer Ausdehnung von 300 auf 400 Metern übersät von Steinbrocken, Bruchstücken römischer Dachziegel und römischer Gefäße. Selbst im Jahr 1966 kamen bei Brunnenbohrungen Bruchstücke römischer Ziegel zutage. 1874 wurde ein Brunnen freigelegt, der römische Dachziegel, Bruchstücke von Amphoren, Waffen und anderes Gerät enthielt.
Das Historische Museum der Pfalz erhielt 1842 neun römische Münzen aus Mutterstadt, darunter eine Goldmünze von Valentinian III., im Jahr 1909 erhielt es sogar 22 römische Münzen.
Mittelalter Im Jahr 450 fielen Hunnen unter der Führung Attilas in das linksrheinische Land ein und entvölkerten es. In den frei gewordenen Raum drangen nun von Süden her die Alemannen, von Norden die Franken ein. Um 500 fiel die Entscheidung zugunsten der Franken.
Die Orte mit der Namensendung „-heim“, die Mutterstadt nördlich in großem Bogen umschließen, (Assenheim, Schauernheim, Fußgönheim, Ruchheim, Oggersheim, Maudach = Maudacheim, Mundenheim, Rheingönheim, Waldsee = Walesheim) sind Zeugen der ersten fränkischen Siedlungstätigkeit.
Am Rande des Waldgebietes gibt es aber auch eine Reihe von Siedlungen, deren Namen auf „-stadt“ enden. Mutterstadt und Dannstadt liegen am Nordrand des Waldes, Schifferstadt auf dem Ausläufer des Höhenrückens, der sich in den Wald einschiebt; Otterstadt gibt die Linie an, auf der die fränkischen Siedler den Wald von Osten einkreisten. Diese Orte sind vermutlich etwas später entstanden, als die fränkische Oberschicht durch neue Siedler Verstärkung erhielt und an die Nutzung des Waldes ging.
mini|Erste Erwähnung im Lorscher Codex Erste urkundliche Erwähnung der fränkischen Siedlung aus dem 7./8. Jahrhundert war im Jahr 767 (oder 768) als Mutherstather marca im Lorscher Codex. Dort findet sich eine Schenkung des Ehepaars Fricho und Hiltrud, die dem Kloster in der „Mutherstather marca“ (Mutterstadter Gemarkung) eine Hube und dreißig Morgen Ackerland vermachten. Da die Schenkung auf den 26. November des 16. Jahres der Regentschaft des Königs Pippin des Jüngeren datiert wird, sollte es sich um den 26. November 767 handeln, ist aber nicht abschließend zu klären. In den Weißenburger Überlieferungen lautet der Ortsname: Muoterestat, Muoterstat oder Muterestat. Im Lorscher Codex heißt der Ort dagegen Mutherstath und in der Hubenliste Mutherestat sowie 774 Muderstath und 801 Muterstat.
Dieser Ortsname ist auf einen Personennamen zurückzuführen und bedeutet: Wohnstätte des Muothari (oder Muther). Über einen Träger dieses Namens berichtet ein Eintrag aus dem Jahr 790 als ein gewisser Meginher für die Seelenrettung seines Verwandten Muther (lateinisch: pro remedio animae germani Mutheri) 5 Morgen Land in Mutherstath spendete. Das Christentum hatte gerade Fuß gefasst, so dass es Muther zu seinen Lebzeiten verschmäht haben mag, sich die Kirche durch Geschenke zu verpflichten, während sein Verwandter (lateinisch: germanus) Meginher nach Muthers Tod das Versäumte nachholte.
Bis 1331 blieb Mutterstadt Reichsgut und unterstand zuletzt der Landvogtei Speyer, danach wurde es durch Kaiser Ludwig den Bayer an die Pfalzgrafen Rudolf II. und Ruprecht I. verpfändet.
Neuzeit Dreißigjähriger Krieg Der Dreißigjährige Krieg vernichtete den Ort völlig und entvölkerte ihn total. Im Jahr 1621 quartierten sich die Spanier ein, 1622 kam Tilly, 1631 und 1632 die Schweden, 1634 kehrten die kaiserlichen Truppen wieder, 1635 rückten die Franzosen ein. 1637 wütete die Pest. 1639 kehrten Franzosen und weimarische Truppen wieder. Misshandlungen und Krankheiten rafften die Bevölkerung hinweg, die Flur lag unbebaut. Das Unheil begann, als „die Pfalz nach Böhmen ging“, Kurfürst Friedrich V. die böhmische Königskrone annahm und nun die verbündeten katholischen Fürsten zu Gegnern hatte. Nur wenige Bauern wagten sich aufs Feld, um die Ernte einzuholen.
Das Jahr 1622 brachte die ersten Verwüstungen. Nun flohen die Bewohner zum ersten Mal hinter die Stadtmauern von Speyer und Frankenthal. Im Frühjahr zogen sie wieder nach Hause, um ihre Felder zu bestellen. Jetzt mussten sie sich aber mit spanischen Kriegskontributionen auseinandersetzen. Jeder schätzungspflichtige Bürger musste monatlich die Hälfte der in Friedenszeiten erhobenen Jahresschatzung entrichten.
Nach dem Ende des Krieges wurde der Ort durch ehemalige Bewohner und Zuwanderer der verschiedensten Nationalitäten bevölkert. Von den Familien, die vor dem Kriege im Dorfe gelebt hatten, erscheinen nur wenige wieder. Neue Familien stammen zum Teil aus deutschen Landen. Andere kommen aus Holland, Frankreich, Schweiz und Italien. Von den 49 nachgewiesenen Schweizern, die Ende des 17. Jahrhunderts nach Mutterstadt einwanderten, stammen 22 aus dem Zürcher Gebiet, sieben aus Bern und 9 aus dem Waadtland.Heinz R. Wittner: Schweizer (Einwanderer) in der Vorder- und Südpfalz (= Schriften zur Bevölkerungsgeschichte der Pfälzischen Lande 25). Ludwigshafen o. J., S. 62. Aus dem Jahr 1670 wird berichtet, dass die französische Gemeinde zu Mutterstadt aus 27 Familien bestehe.
Der Wiederaufbau nach dem Dreißigjährigen Kriege wurde zunächst durch den Wildfangstreit verzögert.
Pfälzischer Erbfolgekrieg Der Pfälzische Erbfolgekrieg (1688–1697) brachte weiteres Unheil. Neue Einwanderer kommen in das abermals entvölkerte Dorf. Es sind diesmal Franzosen. Einen weiteren Auftrieb erhält die Einwanderung aus Frankreich durch die 1685 erfolgte Aufhebung des Ediktes von Nantes, das den Protestanten in Frankreich Duldung zugesichert hatte. Nun flüchteten über 500.000 Hugenotten, viele von ihnen in die Kurpfalz. Mutterstadt wurde allerdings vor dem Schlimmsten bewahrt. Zwar war die Einwohnerschaft auf die Hälfte gesunken, der Ort aber war noch bewohnbar und bot sogar Zuflucht für geflüchtete Ruchheimer.
Spanischer Erbfolgekrieg Im Spanischen Erbfolgekrieg (1701–1714) wird Mutterstadt „nicht nur grausam fouragiert, sondern auch total geplündert“. Außerdem bleiben die Truppen zum Winterquartier im Dorf. Wieder flieht ein Teil der Bevölkerung. 1714 bringt eine französische Fouragierung Mutterstadt an den Rand des Verderbens.
Der Wiederaufbau des 18. Jahrhunderts wurde dreimal durch kriegerische Handlungen verzögert, ohne allzu nachhaltig dadurch gehemmt zu werden. Als nach 1710 ruhigere Zeiten kamen, setzte eine neue Zuwanderung ein. Abermals erschienen französische (wallonische) Zuwanderer (du Jardin, in Gärtner verdeutscht, Magin, Tabernie und andere). Aus den Niederlanden (Flory). Die Schweiz wurde von vielen Zuwanderern als Heimat angegeben. Weitere Einwanderer kamen aus verschiedenen innerdeutschen Herrschaftsgebieten. Unter den Zuwanderern fanden sich Zimmerleute; Maurer; Wagner und Schreiner. Daneben kamen Leinenweber, Schuhmacher, Schneider sowie ein Chirurgus. Die Einwohnerzahl für das Jahr 1719 gibt der katholische Pfarrer von Dannstadt so an: 57 reformierte Familien 9 lutherische Familien 6 gemischte Familien 3 „wiedertäuferische“ Familien 30 katholische Familien 1 jüdische Familie Insgesamt waren das 106 Familien, was einer Einwohnerzahl von etwa 600 bis 700 Personen entsprochen haben wird. Im folgenden Jahrzehnt der Zuwanderung stieg die Einwohnerzahl im Jahr 1731 auf 714 Protestanten, 280 Katholiken und 7 Juden (1001 Einwohner). Das nächste Jahrzehnt brachte keinen Zuwachs mehr, denn es setzte bereits Auswanderung nach Amerika ein. Ihr Entschluss beruhte wohl auf der Enttäuschung über das verwüstete Land. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts setzte auch eine Auswanderung nach dem europäischen Osten ein.
Französische Herrschaft mini|Gebäude der Kantonsverwaltung Im Besitz der Kurpfalz und unter Verwaltung des Oberamtes Neustadt blieb Mutterstadt bis zur Übernahme der Herrschaft durch Frankreich im Jahr 1797. Mutterstadt wurde 1798 Hauptort (chef-lieu) des gleichnamigen Kantons im Département Donnersberg.
Einziges Zeugnis dieser Zeit ist das ehemalige Kantonsgefängnis im früheren „Arrestegässel“.
Bayerische Pfalz