Der biologische Pflanzenschutz ist in der Literatur nicht einheitlich definiert. Wissenschaftlich definiert man biologischen Pflanzenschutz als "die Nutzung bzw. die Verwendung lebender Organismen (einschließlich Viren) sowie biologischer Wirkstoffe und Prinzipien". Dazu zählen die Erhaltung, Förderung, Ansiedlung und Ausbringung von Nutzorganismen (biologische Maßnahmen), die Nutzung von Pheromonen (biotechnische Verfahren), und in einigen Definitionen auch die Nutzung von Naturstoffen, organischen und anorganischen Substanzen als Pflanzenschutz- und Stärkungsmittel.
Eine breitere Definition setzt biologischen Pflanzenschutz mit dem Ökologischen Pflanzenschutz gleich und versteht darunter den nicht chemischen Pflanzenschutz von Kulturpflanzen vor Schadorganismen und anderen destruktiven Einflüssen.Manfred Fortmann: Das große Kosmosbuch der Nützlinge. Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart 2000, ISBN 3-440-06588-X. S. 272. Diese breitere Definition umfasst auch physikalische und kulturtechnische Maßnahmen sowie den Einsatz nicht chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel. Dabei gilt es, die Bedürfnisse von Pflanzen, Tieren, Boden, Klima und Luft (biotische und abiotische Ökofaktoren) und deren Wechselwirkungen untereinander zu berücksichtigen und ein stabiles Gleichgewicht anzustreben. In diesem Sinne orientiert man sich an natürlichen, stabilen Ökosystemen und Eingriffe sollen im biologischen Pflanzenschutz Ökosysteme möglichst nicht stören und ohne Gift erfolgen. Der Schutz ist vorrangig präventiv und auf die Stärkung der Pflanzen und der Nutzorganismen ausgerichtet, erst sekundär sind direkte Maßnahmen gegen Schaderreger vorzunehmen.Marie-Luise Kreuter: Der Bio-Garten. BLV, München 1983, S. 15, 28.Otto Schmid, Silvia Henggeler: Biologischer Pflanzenschutz im Garten. 7. Auflage. Verlag Wirz Aarau, ISBN 3-85983-033-3. S. 14. Der Pflanzenschutz im Ökolandbau stellt eine gesetzlich definierte Form des Ökologischen Pflanzenschutzes dar, für den über die allgemeinen Prinzipien hinaus genaue Bestimmungen hinsichtlich der zugelassenen Pflanzenschutzmittel gelten.
Bedeutung Der biologische Pflanzenschutz hat großes Gewicht im integrierten Pflanzenschutz, wo biologische, chemische und physikalische Maßnahmen kombiniert werden, und auch in der ökologischen Landwirtschaft, wo chemische Maßnahmen nicht erlaubt sind.Johannes A. Jehle: Institut für Biologischen Pflanzenschutz. Abgerufen am 20. Oktober 2010.
Biologischer Pflanzenschutz inklusive biologischer Schädlingsbekämpfung gewinnen als Alternative für Pestizide wieder an Bedeutung. Letztere hinterlassen aufgrund ihrer Persistenz Rückstände in der Natur und führen zu Akkumulation schädlicher Substanzen, die sich negativ auf die menschliche und ökologische Gesundheit auswirken. Außerdem können Schädlinge resistent gegenüber Giften werden.Ulrich Weber, Süßen (Hrsg.): Biologie Oberstufe, Gesamtband. 1. Auflage. Cornelsen Verlag, Berlin 2001, ISBN 978-3-464-04279-3. S. 338. Nach der Behandlung von Lebensmitteln mit Pestiziden muss zudem eine Karenzzeit eingehalten werden, damit sich die Konzentrationen der schädlichen Stoffe abbauen können.Paul Gerhard Wilhelm: Das Gartenbuch für jedermann. Eugen Ulmer Verlag, Stuttgart 1979, ISBN 3-8001-6092-7. S. 215. Werden unspezifisch wirkende Pestizide angewandt, kann das außerdem zur Folge haben, dass gemäß der dritten Volterra-Regel die Population von Schädlingen schneller wächst als die ihrer Fressfeinde, was das Gleichgewicht ungünstig verschieben kann.Ulrich Weber, Süßen (Hrsg.): Biologie Oberstufe, Gesamtband. 1. Auflage. Cornelsen Verlag, Berlin 2001, ISBN 978-3-464-04279-3. S. 337. Vielen Nützlingen kommt außer der Schädlingsbekämpfung noch die Aufgabe der Bestäubung oder der Bodenverbesserung zu. Darüber hinaus sind Ökosysteme umso stabiler, je mehr verschiedene Organismen und Arten auf diese einwirken.Otto Schmid, Silvia Henggeler: Biologischer Pflanzenschutz im Garten. 7. Auflage, Verlag Wirz Aarau, ISBN 3-85983-033-3. S. 13; 18. Infolgedessen leisten auch Schädlinge ihren Beitrag zum Gleichgewicht, da sie nicht zuletzt die Nützlinge ernähren. Der Einsatz von Nützlingen wirkt im Gegensatz zu Gift gezielter, ist aber auch aufwendiger als das Sprühen mit Gift.Ulrich Weber, Süßen (Hrsg.): Biologie Oberstufe, Gesamtband. 1. Auflage. Cornelsen Verlag, Berlin 2001, ISBN 978-3-464-04279-3. S. 339. Eine Langzeitstudie in Kenia, durchgeführt vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) und dem staatlich-kenianischen Agroforschungsinstitut ICIPE und unterstützt von der Stiftung Biovision zeigt, dass Biolandwirtschaft mit niedrigeren Input-Kosten die Erträge und höheren Preisen auf dem Markt die Einkommen der Bäuerinnen und Bauern nachhaltig erhöht.
Präventive Maßnahmen Pflanzenmilieu, Kulturtechnik und Pflege der Pflanzen mini|Baumschutz in Japan mittels Bambus
Schaderreger befallen in erster Linie schwache Pflanzen. Demnach werden Schädlinge als Bioindikatoren für schwache Pflanzen an ungünstigen Standorten oder bei unsachgemäßer Pflege verstanden.
Sortenwahl: Bestimmte Sorten sind gegen Krankheiten wie zum Beispiel Mehltau resistent. Bei der Auswahl muss aber auch darauf geachtet werden, dass eine Sorte auch nachteilige Eigenschaften bezüglich zukünftigem Standort und Bewirtschaftungsmethode mit sich bringen kann. Es können sich auch Rassen von Schaderregern entwickeln, gegen die Resistenzen nicht mehr wirksam sind.Otto Schmid, Silvia Henggeler: Biologischer Pflanzenschutz im Garten. 7. Auflage, Verlag Wirz Aarau, ISBN 3-85983-033-3. S. 16.
Standortbedingungen: Saattermine, Pflanzenabstände und Standortwahl beeinflussen die Wachstumsbedingungen der Pflanze und ihre Anfälligkeit gegenüber Schaderregern. Auch kann man mit korrekter Saatzeit der Flugzeit von Schädlingen ausweichen. Der Schutz beginnt daher mit der Auswahl der richtigen Sorte und dem richtigen Standort zur rechten Zeit. Melioration soll die Wachstumsbedingungen der Pflanzen auf ungünstigen Standorten verbessern. Temperaturen in Gewächshäusern haben nicht nur Einfluss auf die Pflanzengesundheit, sondern auch auf Populationsentwicklungen von Schädlingen und Nützlingen. So können Bodenheizungen eingeschleppte, tropische Nematodenarten fördern.Martin Koller und Martin Lichtenhahn (FiBL): Pflanzenschutzempfehlungen Biogemüsebau 2010. Herausgabe und Vertrieb: Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), CH-5070 Frick, ISBN 978-3-03736-005-7. S. 47. Nematodeneinschleppung kann über verseuchte Erde, beispielsweise solche an Maschinen, geschehen.Martin Koller und Martin Lichtenhahn (FiBL): Pflanzenschutzempfehlungen Biogemüsebau 2010. Herausgabe und Vertrieb: Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), CH-5070 Frick, ISBN 978-3-03736-005-7. S. 29.
Pflanzengerechte Düngung stärkt die Pflanze und sie kann eigene Abwehrstoffe gegen Schädlinge bilden. Aus diesen Gründen verzichtet man im biologischen Anbau weitgehend auf leichtlösliche Mineraldünger, die leicht von der Pflanze aufgenommen werden und zu Überdüngung und Aufschwemmung des Pflanzengewebes und folgender Anfälligkeit für Krankheiten und Schädlingen führen kann.Otto Schmid, Silvia Henggeler: Biologischer Pflanzenschutz im Garten. 7. Auflage, Verlag Wirz Aarau, ISBN 3-85983-033-3. S. 15. Nährstoffe aus organischem Dünger wie Pflanzenjauche, tierischem oder pflanzlichem Dünger wie Gründüngung sind dagegen meist langsamer verfügbar.
Nützlingsförderung und Bodenleben: Gründüngung bietet auch Platz für Nützlinge, so auch Unkraut, das nicht restlos entfernt werden sollte. Letzteres bedeckt und schützt darüber hinaus den Boden und weist als Zeigerpflanze auf die Bodenbeschaffenheit hin. Die Düngung soll vor allem zur Ernährung der Bodenlebewesen beitragen, die den Boden einerseits durch ihre Ausscheidungen mit Nährstoffen anreichern, andererseits zur Durchlüftung und Lockerung der Erde beitragen. Eine Mulchschicht trägt zusätzlich dazu bei, Boden und Bodenlebewesen zu schützen. Die Bodenbedeckung hat den Waldboden zum natürlichen Vorbild und kann insoweit vorteilhaft sein, dass sie das Aufkommen von Unkraut verhindert, darf aber nicht zu hoch sein, um Luftzirkulation zu garantieren und kein Obdach für Wühlmäuse zu bieten. Die Schicht schützt aber vor allem gegen Sonnenstrahlen und vor Austrocknung, was eine höhere Besiedlung der Bodenlebewesen und einen lockereren Boden nach sich zieht und somit dem Stoffwechsel der Pflanze förderlich ist. Feuchte Erde wird infolgedessen auch nicht vom Wind verweht.
Fruchtfolge: Vorbeugend verzichtet man auf Monokulturen, die eine einseitige Vermehrung von Schädlingen begünstigen. Mischkulturen erschweren dagegen einerseits die Nahrungssuche für Schädlinge, andererseits vermindern sie den Konkurrenzdruck unter den Pflanzen. In Mischkulturen wird außerdem die Wirkung von Allelopathie ausgenutzt.Manfred Fortmann: Das große Kosmosbuch der Nützlinge. Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart 2000, ISBN 3-440-06588-X. S. 308. Werden Pflanzen zu häufig am selben Ort angebaut, begünstigt dies den Befall von Krankheiten und Schädlingen, womit mit Fruchtwechsel abgeholfen werden kann.
Die Bodenbearbeitung beeinflusst entscheidend, inwieweit Schädlinge im Boden überdauern (z. B. Drahtwürmer), Erntereste zersetzt werden oder Krankheitserregern weiter Nahrung bieten (viele Pilzkrankheiten), und auf den Beikrautdruck.
Die Widerstandskraft der Pflanzen wird weiterhin durch eine hohe Qualität des Saatgutes, Pflanzenstärkungsmittel und korrekte Schnitt- und Erziehungsmaßnahmen erhöht.
Technische und physikalische Maßnahmen Diese Maßnahmen werden in der Literatur manchmal von der Biologischen Schädlingsbekämpfung abgegrenzt.
Bauliche Einrichtungen tragen ebenfalls vorbeugend zum Pflanzenschutz bei: Umzäunungen von Grundstücken oder einzelnen Bäumen schützen vor Wildfraß (Höhe mindestens 1,5 mOtto Schmid, Silvia Henggeler: Biologischer Pflanzenschutz im Garten. 7. Auflage, Verlag Wirz Aarau, ISBN 3-85983-033-3. S. 216.), Schneckenzäune halten Schnecken fern. Gewächshäuser schützen vor Witterung und erlauben eine exakte Steuerung von Luftfeuchtigkeit und Temperatur.Dank High-Tech ganzjährig Bio-Tomaten produzieren. Abgerufen am 15. Juni 2010. Mit groben Netzen über Pflanzen kann Vogelfraß vorgebeugt werden. An Stanniolstreifen und Farbbänder gewöhnen sich die Vögel allerdings. Vögel können auch mit akustischen Maßnahmen vertrieben werden.Brockhaus Enzyklopädie. Brockhaus, Mannheim 2006, Band 4, S. 337
Frostschutz für nicht winterharte Pflanzen kann über verschiedene Maßnahmen erreicht werden. Mit Hecken werden empfindliche Pflanzen vor Wind und Emissionen wie Luftschadstoffen nahegelegener Straßen geschützt. Schnitt von auf diese Weise belasteten Hecken sollte nicht kompostiert oder als Mulch verwendet werden.Otto Schmid, Silvia Henggeler: Biologischer Pflanzenschutz im Garten. 7. Auflage. Verlag Wirz Aarau, ISBN 3-85983-033-3. S. 53.
Mit Kragen aus Karton oder Kunststoff kann die Eiablage der Kohlfliege am Wurzelhals von Kohlgewächsen verhindert werden.Otto Schmid, Silvia Henggeler: Biologischer Pflanzenschutz im Garten. 7. Auflage. Verlag Wirz Aarau, ISBN 3-85983-033-3. S. 98.
Direkte Bekämpfung von Schaderregern