mini|Das St Christopher’s Hospice in Sydenham (London) ist Vorbild für viele Hospize mini|Kinderhospiz St. Petersburg
Hospiz (lateinisch hospitium „Herberge“, „Gastfreundschaft“) ist eine Einrichtung der Sterbebegleitung. Im deutschen Sprachraum der Gegenwart wird mit Hospiz meist eine stationäre Pflegeeinrichtung bezeichnet, die in der Regel über nur wenige Betten verfügt und ähnlich wie ein kleines Pflegeheim organisiert ist. Das erste stationäre Hospiz im Sinne der Palliative Care wurde 1967 im Vereinigten Königreich eröffnet (in Deutschland 1986), dort entstand auch 1982 das erste Kinderhospiz (in Deutschland 1998).
Die Bezeichnung „Sterbehospiz“Michael Stolberg: Die Geschichte der Palliativmedizin. Medizinische Sterbebegleitung von 1500 bis heute. Mabuse-Verlag, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-940529-79-4, insbesondere S. 17–19 und 192–231. wird von Trägern und Mitarbeitern dieser Einrichtungen nicht verwendet, da eines der Ziele der dortigen Arbeit ist, dass Sterbende nach Möglichkeit im häuslichen Bereich verbleiben oder dorthin zurückkehren können. Daher bezeichnet Hospiz im weiteren Sinne die bewusste Haltung, dass Sterben, Tod und Trauer zum Leben gehören. Aus dieser Hospizidee ging die Hospizbewegung hervor, die diese Themen auf verschiedene Weise wieder in den gesellschaftlichen Alltag, insbesondere in Medizin und Pflege, integriert.A. Kolbe: Sterbebegleitung. Urban & Fischer, München 2008, S. 12.J. C. Student, A. Mühlum, U. Student: Soziale Arbeit in Hospiz und Palliative Care. Ernst Reinhardt Verlag, München 2016, S. 13–15.
Grundlagen Hospize haben es sich zur Aufgabe gemacht, unheilbar Kranke in ihrer letzten Lebensphase im Sinne der Palliative Care zu versorgen. Es gibt ambulante, teilstationäre und stationär tätige Hospizvereinigungen, also Leistungserbringer im hospizlichen und palliativen Bereich.Leistungserbringer in den Bereichen Pflege, Hospiz- und Palliativ-Versorgung. stiftung-patientenschutz.de. Abgerufen am 18. April 2016. Eine Datenbank zur Recherche hospizlicher und palliativer Leistungserbringer stellt der Wegweiser Hospiz- und Palliativmedizin Deutschland bereit.wegweiser-hospiz-und-palliativmedizin.de. Abgerufen am 18. April 2016.
Bei einem Hospiz handelt es sich um eine Institution, die ein Konzept der Sterbe- und Trauerbegleitung verfolgt. Hospize wollen (nach Christoph Student, 2004) fünf Qualitätskriterien verwirklichen:
Der Kranke und seine Angehörigen stehen im Zentrum des Dienstes. Unterstützung erfolgt durch ein interdisziplinäres Team. Einbeziehung freiwilliger Begleitpersonen Palliative Care (Sorge um Schmerzfreiheit und Lebensqualität) statt Medical Cure (auf Heilung gerichtete Behandlung), kurz heißt das: Lebensqualität statt Lebensquantität Trauerbegleitung
Im Hospiz erhalten Sterbende und ihre Angehörigen Begleitung, Beratung und medizinisch-pflegerische Versorgung. Dabei spielt die Kontrolle der verschiedenen Symptome eine große Rolle, u. a. die Schmerztherapie. Bei allen pflegerischen und medizinischen Handlungen steht aber der (geäußerte oder mutmaßliche) Wille des Kranken an erster Stelle. Außerdem wird für Angehörige Trauerbegleitung angeboten.
Träger dieser Häuser der Sterbebegleitung sind zumeist gemeinnützige Vereine, aber auch Kirchen, gemeinnützige Organisationen und Stiftungen. Die medizinische Versorgung wird unterschiedlich gewährleistet. Einige stationäre Hospize stehen unter ärztlicher Leitung, andere arbeiten mit niedergelassenen Ärzten vor Ort zusammen, wobei der Patient sein Recht auf freie Arztwahl geltend machen kann. Dann ist es oft der langjährige Hausarzt des Kranken, der die medizinische und menschliche Begleitung seines Patienten bis zu dessen Lebensende übernimmt. Dazu bedarf es nicht unbedingt einer fachlichen Weiterbildung in Palliativmedizin, sie kann aber von Vorteil sein.
Ein stationäres Hospiz fällt in Deutschland rechtlich unter das Heimgesetz.Heimaufsicht.de. Abgerufen am 18. April 2016. Einige Paragraphen müssen im Hospiz aber nicht angewendet werden.Heimgesetz (HeimG) auf gesetze-im-internet.de. Abgerufen am 16. April 2016.
Geschichte Ein Hospital oder Hospitium war im Mittelalter Name von kirchlichen oder klösterlichen Herbergen für Pilger (Pilgerherberge), Bedürftige (Armenhaus), Fremde (Asyl, Hotel) oder Kranke. In Österreich und der Schweiz werden unter der Bezeichnung Hospiz noch immer Beherbergungseinrichtungen – vor allem an Alpenpässen – geführt; zum Teil noch von Mönchen. Solche Hospize boten Reisenden Unterkunft und Schutz vor harschem Wetter, und sie sind seit jeher ein Ort der Begegnung. Später geht die Bezeichnung Hospiz auf den Begriff über, der sich zum heutigen Spital beziehungsweise Krankenhaus wandelt. Seit etwa 1500Michael Stolberg (2011), S. 202–210. entstanden in Europa auch spezielle Einrichtungen für unheilbar Kranke (Unheilbarenhäuser; Ospedali degli incurabili, Hospices des incurables, Hospitals for incurables), etwa das Spital für Unheilbare in Neapel, dessen Apothel 1744H. G. Schwieger, Gottfried Zöbl: Die alte Apotheke. Hrsg. anlässlich des Deutschen Apothekertages 1954. Verbandstoff-Fabriken Paul Hartmann AG, Heidenheim 1954, S. 40. gegründet wurde. mini|Das Franziskaner-Hospiz Bad Gleichenberg (1888 bis 2010) Der ursprüngliche Gedanke der „Beherbergung“ wurde im 19. Jahrhundert wieder aufgegriffen. Es entstanden unter anderen speziell für Krebs- und Tuberkulosekranke eingerichtete Krankenhäuser, die für die Pflege unheilbarer Patienten bis zu deren Lebensende sorgten.Michael Stolberg (2011), S. 212–226. 1842 gründete Madame Jeanne Garnier in Lyon (Frankreich) ein Hospiz, das sich insbesondere pflegebedürftiger Frauen widmete, die an chronischen Geschwüren litten und regelmäßig verbunden werden mussten.Michael Stolberg: Die Geschichte der Palliativmedizin. 2. Auflage. Frankfurt 2013, S. 227. Als älteste bekannte Einrichtung, die den englischen Begriff „hospice“ im heutigen Sinne verwendete, eröffneten 1879 die irischen Schwestern der Nächstenliebe das Our Lady's Hospice for the Care of the Dying in Dublin.Tim M. Healy: 125 years of caring in Dublin: Our Lady's Hospice, Harold's Cross, 1879–2004. Dublin 2004. Es entstanden ab dem späten 19. JahrhundertClare Joanne Humphreys: „Undying spirits“: religion, medicine and institutionalized care of the dying 1878–1938. Phil. Diss. Sheffield 1999. weitere Sterbehospize, die als Vorläufer zu der Gründung im englischen Sydenham gelten können.Michael Stolberg (2011), S. 226–231 (Die ersten Sterbehospize).
Vereinigtes Königreich Die moderne Hospizbewegung entwickelte sich, ausgehend von England, im Vereinigten Königreich der 1960er Jahre. 1959 erschienen in der Nursing Times mehrere Artikel von Cicely Saunders zum Thema Care of the Dying (übersetzt etwa „Betreuung der Sterbenden“), die in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet ein positives Echo fanden.Caroline Richmond: Dame Cicely Saunders, founder of the modern hospice movement, dies. Auf bmj.com vom 18. Juli 2005; abgerufen am 15. Januar 2019C. Saunders: Care of the Dying. In: Nursing Times, Oktober 1959, Vol. 9, S. 960–61 Saunders hatte erkannt, dass die Angebote des nationalen Gesundheitssystems nicht den besonderen Bedürfnissen Sterbender entsprachen, die nicht nur medizinische Behandlung, sondern gleichermaßen Fürsorge und seelischen Beistand erhofften. Stattdessen sahen sich Schwerkranke genötigt, ihre eigenen Wünsche den Zielen der auf Lebenserhaltung und -verlängerung ausgerichteten Medizin unterzuordnen. In der Folge gründeten Bürger eine Initiative für Terminal Care, die sich – zunächst nur ambulant – um die Belange sterbender Menschen kümmerte.Peter Godzik: Die Hospizbewegung in der Bundesrepublik Deutschland (PDF; 289 kB). In: Texte aus der VELKD. 47/1992, S. 4 u. 5. Abgerufen am 16. April 2016. Der von Saunders später für diese Arbeit geprägte Begriff der Hospice Care knüpfte wieder an die mittelalterliche Tradition der Hospitality, wo dem Durchreisenden – in diesem Fall dem Patienten – eine gastfreundliche Aufnahme und ein schützender Raum gewährt wird, ohne dabei dessen persönliche Ziele zu beeinflussen.John Davy, Susan Ellis: Counselling Skills in Palliative Care. Open University Press, Philadelphia 2000; S. 2–5 Im Jahre 1967St Christopher's Hospice - History gründete sie mit dem St Christopher’s Hospice in Sydenham (bei London) eine Einrichtung, wo dieser Gedanke praktisch umgesetzt werden sollte: ein stationäres Hospiz. Angesichts der Tatsache, dass es sich um eine private Initiative handelte, die keine finanziellen Hilfen von Seiten des Gesundheitssystems zu erwarten hatte, war Saunders vor allem auf das Engagement Freiwilliger angewiesen, die viele von den anfallenden Arbeiten im Hospiz unentgeltlich übernahmen. Neben den Ehrenamtlichen setzte sich das Hospiz-Team aus professionellen Mitarbeitern verschiedener Berufsgruppen zusammen, darunter Pflegefachpersonen, Seelsorger und Sozialarbeiter.
Ziel sollte nicht die Heilung einer Krankheit sein, sondern die Linderung der – nicht nur körperlichen – Beschwerden eines Sterbenden unter Einbeziehung seiner sozialen und spirituellen Bedürfnisse. Diese Haltung der End of Life Care wurde grundlegendes Merkmal der Hospice Care und später der Palliative Care, die sich jedoch nicht nur als ein Angebot für Sterbende, sondern für alle von schwerer unheilbarer Krankheit Betroffene versteht. Als ärztliche Leiterin setzte Saunders außerdem einen Schwerpunkt auf Symptomkontrolle, insbesondere auf die Behandlung von Schmerzen, womit sie den Anstoß zur Weiterentwicklung der weitgehend in Vergessenheit geratenen Palliativmedizin gab.
Mittlerweile werden im St. Christopher’s Hospice etwa 2000 Patienten und ihre Angehörigen pro Jahr betreut. Von dort nahm die heutige Hospizbewegung ihren Anfang. So entstand 1974 das erste US-amerikanische Hospiz in New Haven.Michael Stolberg (2011), S. 18.
Deutschland 1738 entstand in Augsburg ein „Incurabelnhaus“, das Blinde, Lahme, Epileptiker, Patienten mit unheilbaren Harnsteinleiden und Krebspatienten mit übelriechenden Geschwüren aufnahm und diese bis zu ihrem Tod pflegerisch und ärztlich betreute.Michael Stolberg (2011), S. 206 f. Das 1780 eröffnete und zunächst für bedürftige, heilbare Kranke vorgesehene Nürnberger Armenkrankenhaus Hundertsuppe, kann als Vorläufer moderner HospizeMichael Stolberg: Europas ältestes Sterbehospiz? Das Nürnberger Krankenhaus „Hundertsuppe“, 1770–1813. In: Medizin, Geschichte und Gesellschaft, Band 28, 2009, S. 153–178. betrachtet werden, denn die meisten Patienten seien um 1800 nicht „um curirt zu werden, sondern [um] unter wolthätiger Pflege zu sterben“ zur Aufnahme gekommen.Michael Stolberg (2011), S. 201 f.
Das erste moderne stationäre Hospiz in Deutschland wurde 1986 in Aachen vom Oratorianer Paul Türks gegründet (Haus Hörn).Oratorium Aachen auf oratorium.org, abgerufen am 4. Dezember 2017 Anders als im Vereinigten Königreich war es einem Seniorenheim angeschlossen und wurde von einem Geistlichen anstelle eines Arztes geleitet.Rainer Sabatowski, Gerda Graf: Stationäre Einrichtungen, ambulante Palliativ- und Hospizdienste. In: Eberhard Aulbert, Friedemann Nauck, Lukas Radbruch (Hrsg.): Lehrbuch der Palliativmedizin. Schattauer, Stuttgart 2007, S. 110Über uns: Erfahren Sie mehr über das Haus Hörn. Auf haus-hoern.de, abgerufen am 4. Dezember 2017 Noch im selben Jahr wurde in einer ehemaligen Arztvilla in Recklinghausen mit dem Hospiz zum Hl. Franziskus die erste eigenständige Einrichtung mit neun Betten eröffnet,30 Jahre Hospiz – Ein Glücksfall für die Stadt. Auf franziskus-hospiz.de, abgerufen am 4. Dezember 2017 die als Prototyp für stationäre Hospize in Deutschland gilt.Johann Christoph Student: Palliative Care im stationären Hospiz. In: Barbara Steffen-Bürgi, Erika Schärer-Santschi, Diana Staudacher, Settimio Monteverde (Hrsg.): Lehrbuch Palliative Care. Hogrefe Verlag, Bern 2017