mini|hochkant|Titelblatt der Relation von Johann Carolus (1609), der ersten Zeitung der Welt. Dieser Artikel behandelt die Geschichte der Presse in Deutschland von ihren Anfängen bis zur Gegenwart.
Wurzeln und Ursprünge (14.–15. Jahrhundert) Seit ca. 1380 berichteten Kaufmannsbriefe neben privaten und geschäftlichen Nachrichten auch über Politik und Wissenschaft. Berühmtes Beispiel sind die Fuggerzeitungen.
Im 14. Jahrhundert entwickelt sich der Begriff der „Zeitung“ im Kölner Raum aus dem „zidunge“, das für „Nachricht“, „Neuigkeit“ stand.
1445 legt die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern des Mainzers Johannes Gensfleisch zur Lade – auch Johannes Gutenberg genannt – die Grundlage zur Massenverbreitung von Presseerzeugnissen.
Es werden vor allem Flugschriften und Flugblätter veröffentlicht und verteilt. Der Name Flugblatt bezieht sich wahrscheinlich auf ihre schnelle Verbreitung. Sie erschienen nicht periodisch, oft sogar nur einmal, zählen bis heute dennoch zu den Printmedien. Als nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung alphabetisiert war, übermittelten vor allem die Illustrationen Botschaften des Flugblattes. Außerdem sollten sie zum Kauf anreizen. Sehr beliebt waren Abbildungen von fremden, wilden Tieren; unbekannten Gegenständen, Ländern oder Kreaturen und Monstrositäten.
Erste Anfänge der periodischen Presse (16.–18. Jahrhundert)
Etwa 10.000 Flugschriften mit religiösem oder/und politischem Inhalt veröffentlichten zwischen 1501 und 1530 zumeist scharfe Kritik und satirische Darstellungen.
1502 erschien die Newe zeytung, eine erstmals gedruckte, unperiodische Nachrichtenzusammenstellung.
Die Neuen Zeitungen berichteten von aktuellen Ereignissen oder fassten die letzten politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Begebenheiten zusammen – bevorzugt Sensationsnachrichten. Sie kamen regelmäßig heraus, besaßen so schon (eine gewisse) Periodizität und Aktualität. Circa bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts gab es die „Neuen Zeitungen“, geschätzte 5000 bis 8000 Titel zwischen 1500 und 1700.
1597 kommt in Rorschach, Bodensee die Rorschacher Monatsschrift als erste periodisch erscheinende deutschsprachige Zeitschrift heraus in der Nachfolger der Flugschriften beziehungsweise Einblattdrucke, die bislang Neuigkeiten anzeigten.
1605 gibt Johann Carolus in Straßburg erstmals die Relation aller fürnemmen und gedenckwürdigen Historien heraus, die der Weltverband der Zeitungen als erste Zeitung der Welt anerkennt.Weltverband der Zeitungen: Damit darf Deutschland als Ursprungsland der Zeitung gelten. Als zweitälteste Zeitung erscheint ab 1609 der Aviso, Relation oder Zeitung (herausgegeben von Julius Adolph von Söhne in Wolfenbüttel). In rascher Abfolge werden weitere Zeitungen gegründet, zunächst in Deutschland, bald auch im Ausland: In Basel (1610), Frankfurt am Main (1615 – Frankfurter Postzeitung), Berlin (1617), Amsterdam (1618), London (1621) und Paris (1631).Volker Hagedorn über: Galloppierende reporter in Die Zeit 22. Oktober 2015 S. 18Digitalisierte Zeitungen des 17ten Jahrhunderts
1650 erscheint in Leipzig mit den Einkommenden Zeitungen von Timotheus Ritzsch zum ersten Mal eine Tageszeitung mit sechs Ausgaben pro Woche. Ab 1663 bietet Georg Greflingers Norddeutscher Mercurius bereits nach Themen sortierte Rubriken. Unter der Michelnummer 2123 gab die Deutsche Bundespost zum 350. Jahrestag des ersten Erscheinens im Juni 2000 eine Sondermarke zum Nennwert von 110 Pfennigen bei einer Auflage von 25 Millionen heraus.
1680 erreichte das Frankfurter Journal schon eine Auflage von 1500 Exemplaren.
1681 erschien in Deutschland die deutschsprachige Zeitschrift E. G. Happelii gröste Denckwürdigkeiten dieser Welt Oder so genannte Relationes curiosae von Eberhard Werner Happel und 1688 die Monatsgespräche von Christian Thomasius.
Im 17. Jahrhundert gab es über 200 meist kurzlebige Zeitungen einer Durchschnittsauflage von 300 Exemplaren, deren Ausbreitungsbereich sich durch Vorlesen wesentlich erweiterte.
Im 17. Jahrhundert wurden die Flugschriften und Blätter immer politischer, was vor allem an der Situation im Land und dem Dreißigjährigen Krieg lag. Die Bevölkerung wollte vermehrt und genauer über die politische Lage informiert werden. Nachgewiesen wurden für das 17. Jahrhundert mehr als 7.000 deutschsprachige politische Flugschriften und Flugblätter.
Gegen Ende des 18. Jh. erschienen rd. 200 bis 250 Zeitungen (Auflage meist unter 700 Expl.) zeitgleich in Deutschland. Für die Breslauer „Schlesische Privilegierte Zeitung“ (Schlesische Zeitung) ist für das Jahr 1801 eine Auflage von 1200–1300 überliefert. 150 Jahre Schlesische Zeitung (1742–1892); E-Buch-Neuausgabe (Kindle-Version) des 1892 erschienenen Jubiläumsbuches der bedeutenden Breslauer Tageszeitung; Schöneck 2012. – Eine Ausnahme bildet die Hamburgische Unpartheyische Correspondenten, die mit 30.000 Stück die höchste Auflage besaß. Die Presse unterliegt landesfürstlicher Zensur.
Ein Typ von Zeitschrift war die Moralische Wochenschrift. Die von den Engländern Joseph Addison und Richard Steele verfassten und veröffentlichten Zeitschriften dienten als Vorbilder. Themen waren neben politischen: die Familie, die Erziehung der Sittlichkeit, der Toleranz, Tugendhaftigkeit und der Moral, das Zusammenleben in der Gesellschaft und der Hof und die Kritik an ihm. Der Hof und der Adel wurden verspottet, ohne eine neue Staatsform oder Gesellschaftsform zu propagieren. Eine berühmte deutsche Moralische Wochenschrift war der von 1724 bis 1726 sehr erfolgreich in Deutschland erscheinende Patriot.
1703 wird in Wien die Wiener Zeitung gegründet, die in ihrer gedruckten Ausgabe (seither ausschließlich online erscheinend) bis 2023 älteste noch bestehende deutschsprachige Zeitung, 1705 die Hildesheimer Allgemeine Zeitung als älteste deutsche Zeitung (Gründungsname Hildesheimer Relations-Courier), 1780 in der Schweiz die Neue Zürcher Zeitung, 1788 dann The Times in London.
1725 erscheint die erste Frauenzeitschrift, Die vernünftigen Tadlerinnen, herausgegeben von Johann Christoph Gottsched.
1798 erschien erstmals die von Johann Friedrich Cotta gegründete Allgemeine Zeitung, die im frühen 19. Jahrhundert zur bedeutendsten deutschen Tageszeitung wurde.
Weg zur modernen Presse (ab dem 19. Jahrhundert) Im 19. Jahrhundert entstand die Massenpresse, was zum großen Teil an den technischen Neuerungen der Druckpressen lag. 1812 wurde die Schnellpresse erfunden, 1845 die Rotationsmaschinen und 1886 die Linotype-Setzmaschine. Außerdem stieg weiterhin das Interesse der Bevölkerung an Informationen aus Politik und Gesellschaft.
Zudem wurde das staatliche Anzeigenmonopol aufgehoben, dadurch entstand für das Zeitungswesen die zweite Einnahmequelle – der Anzeigenverkauf. Durch den Anzeigenverkauf konnte die Zeitung selbst noch günstiger verkauft werden, was zu einer wesentlich größeren Verbreitung führte.
In der gleichen Periode stieg die Alphabetisierungsrate rasant an, konnten 1750 erst knapp 10 % der Bevölkerung lesen und schreiben, waren es 1871 schon 88 %, dadurch vergrößerte sich der Leserkreis der Zeitungsleser enorm. Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Deutschland circa 3500 Zeitungen.
1819 schreiben die Karlsbader Beschlüsse die Pressezensur fest.
1832 Wochenblatt für den Kreis Delmenhorst gegründet; Vorgängerin des heutigen Delmenhorster Kreisblatts
1835 wurde die erste Nachrichtenagentur gegründet, die Agence Havas in Paris.
Die erste regelmäßig bebilderte Zeitschrift ist 1842 die Leipziger Illustrirte Zeitung.
1848 wird die Pressefreiheit durch die Paulskirchenverfassung erstmals gesetzlich verankert. Es kommt zwar bald darauf zu einem Rückfall in vormärzliche Methoden (Kautionszwang, Stempelsteuer,…), aber die alte Pressekontrolle konnte nicht wiederhergestellt werden.
1855 wird die Berliner Börsen-Zeitung von Hermann Killisch von Horn gegründet, 1886 wird aus deren Wochenbeilage Berliner Börsen-Courier eine selbständige Zeitung.
1872 wird das Berliner Tageblatt vom Berliner Verleger Rudolf Mosse gegründet.
1874 wird die Pressefreiheit im Reichspressegesetz endgültig verankert.
Im 19. Jahrhundert entwickelt sich die Partei- und Gesinnungspresse sowie eine Massenpresse.
Ende des 19. Jahrhunderts entstehen die großen Pressekonzerne: Mosse, Ullstein Verlag und August Scherl Verlag in Berlin.
Vor dem Ersten Weltkrieg gab es circa 4000 deutsche Zeitungen, durch den Krieg wurde diese Zahl stark verkleinert.
Während des Ersten Weltkrieges wird die Pressefreiheit aufgehoben und durch eine strenge Militärzensur ersetzt.
1916 Alfred Hugenberg gründet den ersten Zeitungskonzern, und schafft durch den Kauf des August Scherl Verlags, des schrittweisen Kaufs der Telegraphen-Union sowie verschiedener Regional- und Lokalzeitungen und der Ufa 1927 den ersten Medienkonzern.
Die Weimarer Republik gewährleistete in ihrer Reichsverfassung 1919 zwar die Meinungsfreiheit als Individualrecht, enthielt aber nicht die Pressefreiheit.
Die Republikschutzgesetze von 1922 und 1930 sowie die Notverordnungen von 1931 und 1932 führen zu zahlreichen Zeitungsverboten.
1932 gibt es in Deutschland 4702 Zeitungen, Auflage insgesamt 25 Millionen.
Presse im Nationalsozialismus miniatur|Verbot der Zeitung Das Andere Deutschland aufgrund der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat. 11. März 1933 Im Jahr 1933 gingen mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten die inhaltliche Gleichschaltung der Presse sowie starke Eingriffe in die zuvor allein von ökonomischen Kriterien getragenen Verlagsstrukturen einher. Die Pressefreiheit wurde abgeschafft und die Medien in den Dienst des NS-Staates gestellt.
Inhaltliche Gleichschaltung Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme erhielten die Zeitungen den Status eines „Trägers öffentlicher Aufgaben“ (Schriftleitergesetz, in Kraft getreten am 1. Januar 1934) zugewiesen, womit sie von einem Kontrolleur staatlichen Handelns zu einem Träger der NS-Propaganda wurden und somit das deutsche Volk im Sinne des Nationalsozialismus beeinflussten. Im März 1933 wurde als zentrale Überwachungs- und Anleitungsinstitution das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda (Reichspropagandaministerium) unter Leitung von Joseph Goebbels geschaffen.
Wer den Machthabern ideologisch nicht passte, wurde entlassen, vertrieben oder ermordet. Protest war selten, selbst die journalistischen und verlegerischen Standesvertretungen wagten nur mittelbaren Widerspruch. Die Journalistenvertretung „Reichsverband der Deutschen Presse“ wurde anders als andere Gewerkschaften nicht verboten, sondern die Mitglieder wählten 1933 einfach den neuen nationalsozialistischen „Reichspressechef“ Otto Dietrich an ihre Verbandsspitze. Auch die Verleger bestimmten im Juni 1933 mit Max Amann einen Mann zu ihrem Vorsitzenden, der als „Reichsleiter für die Presse der NSDAP“ sowie als Präsident der für die Medienkontrolle zuständigen „Reichspressekammer“ zu den Spitzenfunktionären des Nationalsozialismus gehörte.
Das am 4. Oktober 1933 verabschiedete Schriftleitergesetz beschränkte den Beruf des Journalisten: Nur wer einen „Ariernachweis“ vorlegen konnte und als „politisch zuverlässig“ galt, durfte publizieren, alle anderen hatten ein Berufsverbot. Durch das Schriftleitergesetz verloren zum 1. Januar 1934 etwa 1300 Journalisten ihre Arbeit; viele liberale Zeitungen (wie z. B. die Vossische Zeitung in Berlin) mussten daraufhin ihr Erscheinen einstellen.
Nach der Anordnung zur Beseitigung der Skandalpresse von 1935 konnten Verleger, deren Zeitungen „Anstoß erregten“ oder „der Würde der Presse schadeten“, aus dem „Reichsverband der deutschen Zeitungsverleger“ ausgeschlossen werden, was ebenfalls ein Berufsverbot bedeutete.
Somit hatte sich der NS-Staat die völlige inhaltliche Kontrolle über die Medien gesichert. Die Folge waren verschiedenartigste Eingriffe in die Zeitungsproduktion.
Etwa: mini|Stumpps Hitler-Porträt 1933