hochkant=1.2|mini|Spaliererziehung in Südtirol Unter Reberziehung oder Rebenerziehung versteht man im Weinbau alle Maßnahmen, die ein charakteristisches Stockgerüst aus dem alten Holz der Rebstöcke ergeben, wobei die Pflanzentfernung, das Unterstützungsgerüst (Stecken, Pfähle (Stickel), Spanndrähte u. a.) und der Schnitt des einjährigen Holzes (Schnittlänge, Anordnung, Formierung) mitentscheidend sind. Damit ergibt sich ein bestimmtes Erziehungssystem. Mit jährlichen Rebschnittmaßnahmen (Winterschnitt, Sommerschnitt – Laubarbeiten) wird dem akrotonischen Wachstum und den Auswirkungen der Apikaldominanz entgegengewirkt, um das gewählte Erziehungssystem zu erhalten. Das Erziehungssystem wird beeinflusst von der Rebsorte, der beabsichtigten Qualität, vom Arbeitsaufwand und von den gebietstypischen Besonderheiten. Bei allen Erziehungssystemen ist man bestrebt, einerseits eine möglichst gute Laubwandstruktur (zur Sicherung der Qualität und Quantität) und andererseits arbeitswirtschaftliche Vorteile zu erreichen.Karl Bauer u. a.: Weinbau. 8. Auflage. Österr. Agrarverlag, 2008, ISBN 978-3-7040-2284-4, S. 162. Für die Auswahl des Erziehungssystems ist unter anderem auch entscheidend, ob Kelter- oder Tafeltrauben produziert werden und welches Ernteverfahren angewendet wird.
Unter dem Begriff Rebschnitt versteht man den jährlichen Rückschnitt des einjährigen und teilweise des mehrjährigen Holzes, um den Rebstock im System der gewählten Erziehung zu erhalten. Für die Vermehrung von Unterlagsreben werden andere Erziehungssysteme angewendet. Schnittreben sind ca. 35 cm lange Triebteile von Unterlagsreben, die später das Wurzelsystem der Reben bilden, welche bei der Rebenvermehrung mit einer Edelsorte veredelt werden. Unterlagsreben besitzen eine hohe Toleranz (Resistenz) gegen die Wurzelläuse der Reblaus. Mit der Kombination von Unterlage und Edelsorte wird die Reblaus biotechnisch bekämpft.
Grundlagen mini|hochkant=1.3|Ziele der Rebenerziehung und des -schnittes mini|hochkant=1.3|Möglicher Sonneneinstrahlungswinkel bei verschiedenen Laubwandabständen Die Rebe ist eine rankende Pflanze und benötigt daher eine ständige Unterstützung. Rebengewächse besitzen ein ausgeprägtes Bestreben, in die Höhe zu wachsen. Bei aufrecht stehenden Fruchtruten treibt das oberste Auge am besten aus (Apikaldominanz). Würde man Reben auf einem Unterstützungsgerüst belassen, ohne einzugreifen, würden sie die obersten Festhaltemöglichkeiten bald erklimmen, und die Basis würde allmählich verkahlen. Diese Wachstumseigenheit ist für die Wildrebe eine wichtige Eigenschaft, um in ihrem Kampf um das Licht zu überleben. Dieses wird als „akrotonisches Wachstumsmuster“ bezeichnet.Fritz Schumann: Historische Rebenerziehungsarten in der Pfalz. Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz. Franz Steiner Verlag, Stuttgart, Sonderdruck März 2002, S. 205.
Für die Kultivierung von Reben ergeben sich daraus folgende Konsequenzen: Für eine längere Bewirtschaftung und den erforderlichen Einsatz von Maschinen müssen die Rebstöcke ihre Form behalten und dürfen nicht immer höher wachsen. Die ausgeprägte und ungebremste Apikaldominanz begünstigt das vegetative Wachstum und beeinflusst die generative Leistung (Quantität und Qualität des Traubenertrages).Edgar Müller, Hans-Peter Lipps, Oswald Walg: Weinbau. 3. Auflage. Eugen Ulmer, 2008, ISBN 978-3-8001-1241-8, S. 299.
Traubenzone Unter niederer und hoher Erziehung ist neben dem niederen Stämmchen im Wesentlichen die Höhe der Anordnung der Traubenzone unterschiedlich. Je bodennäher die Traubenzone angeordnet wird, desto arbeitsaufwändiger wird die Pflege. Die Traubenreife tritt früher ein, was ein gewichtiges Argument für nördlich gelegene Anbaugebiete darstellt. Die Bodennähe der Trauben ergibt zwar einen qualitativen Vorteil, gerät aber in niederschlagsreicheren Gebieten zu einem beachtlichen Nachteil. Alle Pilzkrankheiten, die Feuchtigkeit zur Infektion benötigen, insbesondere Peronospora, Botrytis und Schwarzfäule, treten hier stärker auf. Mit einer höheren Anordnung der Traubenzone (80–130 cm und höher) ergibt sich im Vergleich zu einer niedrigen Traubenzone eine geringe Reifeverzögerung, wobei der Einfluss auf den Säuregehalt stärker ist als auf den Zuckergehalt. Die Infektionsgefahr von Pilzkrankheiten verringert sich. Heute spielt durch den Klimawandel die Reifeverzögerung nicht mehr eine so große Rolle wie früher.Hans Reiner Schultz, Dieter Hoppmann, Marcon Hofmann: Der Einfluss klimatischer Veränderungen auf die phänologische Entwicklung der Rebe, die Sorteneignung sowie Mostgewicht und Säurestruktur der Trauben.Beitrag zum Integrierten Klimaschutzprogramm des Landes Hessen (InKlim 2012) des Fachgebiets Weinbau der Forschungsanstalt Geisenheim. Geisenheim 2005, S. 12 f./32 ff. (PDF-Datei; 2,9 MB)
Pflanzentfernung mini|hochkant=1.3|Einfluss der Blattlage auf die Photosynthese-Leistung Reihenabstand (Reihenentfernung) Die Höhe der Traubenzone hat Auswirkung auf den Reihenabstand (Zeilenabstand). In kühleren nördlicheren Anbaugebieten (zwischen dem 45. und 50. Breitengrad) muss der Laubwandabstand so gewählt werden, dass auch noch in der Reifephase die Trauben besonnt werden. Ist dies nicht der Fall, kommt es zu einer unzureichenden Bildung von primären Aroma- und Farbstoffen in den Beeren. Aroma-, Farbstoffe und Phenole – für die Qualität des Weines entscheidend – werden nur in gut belichteten Beeren gebildet. Dieser Prozess ist abhängig von der Temperatur.
Die Reihenentfernung und der Stockabstand in der Rebreihe (-zeile) ergeben den Pflanzabstand. Wird die Reihenentfernung mit dem Abstand in der Reihe multipliziert ergibt sich der Standraum. Wird die Fläche eines Hektars durch die Pflanzfläche dividiert, erhält man die Anzahl der Rebstöcke/ha, die sogenannte Bepflanzungs- oder Stockdichte.
Doppelstockpflanzung mini|hochkant=0.8|Rebreihe mit paarweise gepflanzten Reben in der Toskana Üblicherweise wird bei einer Pflanzung von Rebstöcken ein Setzling (Pfropfrebe) gepflanzt. Es besteht aber die Möglichkeit, die Anzahl der Pflanzstellen zu halbieren und jede Pflanzstelle mit zwei Setzlingen (nebeneinander in der Reihenrichtung) zu bepflanzen. Damit halbiert sich der Kostenaufwand beim Unterstützungsmaterial und bei der Pflege der jungen Rebstöcke. Der Pflanzabstand in der Reihe verdoppelt sich. Die Stockraumpflege wird damit verbessert. Im Prinzip kann diese Vorgangsweise der Pflanzung bei fast allen Erziehungssystemen angewendet werden. Bei der Doppelstockbepflanzung kann sich jeder Stock nur in eine Richtung entfalten, was beim Schnitt berücksichtigt werden muss. Das kann zu einem gewissen Verteilungsproblem führen. Abschwächen kann man dieses Problem, indem man nicht doppelte Pflanzabstände wählt, sondern etwas enger pflanzt. Damit steigt die Bepflanzungsdichte und die Ertragsbelastung des einzelnen Rebstockes sinkt. Trotzdem hat sich eine Doppelstockpflanzung in der Praxis nicht durchgesetzt bzw. keine Verbreitung in der Praxis erlangt.
Laubwandstruktur Mit dem Erziehungssystem soll eine gute Laubwandstruktur erreicht werden, welche dadurch gegeben ist, dass möglichst viele Blätter während des Tages dem direkten Sonnenlicht ausgesetzt sind. Blätter, die andauernd beschattet werden, leisten weniger, ihre Fotosyntheseleistung sinkt. Blätter, die kein direktes Sonnenlicht (drittlagige Blätter) erhalten, produzieren nicht einmal so viel an Energie, wie für ihre Erhaltung notwendig ist. Diese Blätter werden frühzeitig abgestoßen (z. B. Silvaner), sie vergilben.
Historische Erziehungssysteme Die Rebe ist eine Rankpflanze, die Wildreben wachsen an Bäumen und breiten ihre Blätter über den Baumkronen aus. Diese natürliche Wuchsart machten sich die Völker zu eigen, die mit der Kultivierung von Wein begannen. Schon sehr früh wurde bei der Kultivierung von Reben der Rebe ein Unterstützungsgerüst gegeben. Meist waren dies einfache Holzgerüste, Holzpfähle oder vorhandene Astgerüste von Bäumen. Auf alten Abbildungen wird bei der Pflege der Reben ein Rebschnitt gezeigt. Früh wurde erkannt, dass die Reben bei regelmäßigem Schnitt größere Trauben bringen.
Aus bildlichen Darstellungen ist belegt, dass schon die Ägypter zur Weinerzeugung Reben bewusst gezogen haben. Der erste Beleg eines privaten Weinguts in Ägypten stammt aus den biographischen Inschriften aus dem Grab des Metjen in Sakkara. Metjen war ein hoher Beamter in der 4. Dynastie, der im Nildelta eine große Hausanlage mit einer Fläche von 11.000 Quadratmetern besaß.vgl. K. B. Godeckin: Eine Betrachtung der Inschriften des Meten. S. 364. Der Wein wurde wahrscheinlich hauptsächlich für den Hausgebrauch hergestellt, es ist aber nicht ausgeschlossen, dass er einen Teil davon dem Königshof beisteuern musste. In dieser Anlage blieb reichlich Platz für einen Teich, viele Bäume, Gartenland und Wirtschaftsgebäude. Über den Weingarten heißt es in der Inschrift:
Bei der von den Römern praktizierten Erziehungsform werden auf vier senkrecht angeordnete Pfähle Balken gelegt, so dass eine Art Kammer entsteht.Die Bezeichnung „Kammert/Kammer“ leitet sich ab von lat. vinea camerata, was „gewölbtes Rebendach“ bedeutet. Diese historische Erziehungsart mit den Abwandlungen als geschlossener oder offenerDie deutsche Winzersprache – Reberziehungsarten Kammertbau war noch Anfang des 20. Jahrhunderts im deutschen Weinbau, zum Beispiel in der Rheinpfalz, verbreitet.Die deutsche Winzersprache – Reberziehungsarten Kammert-Erziehung, AbbildungFritz Schumann: Historische Rebenerziehungsarten in der Pfalz. Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz. Franz Steiner Verlag, Stuttgart, Sonderdruck März 2002, S. 213.Fritz Schumann: Historische Erziehungsmaßnahmen im Weinbau. In: Deutsches Weinbau-Jahrbuch 1970. Waldkircher Verlagsgesellschaft, Waldkirch i. Br., S. 26–36.
Einteilung der Erziehungssysteme Die Rebenerziehungssysteme kann man nach verschiedenen Gesichtspunkten einteilen. Ein Problem dabei ist, dass die Bezeichnung der Erziehung in den Weinbaugebieten bzw. Ländern unterschiedlich ist, da diese lokal entstanden sind und meist mit Personen (Lenz Moser, Jules Guyot, Scott Henry u. a.) oder Gebieten namentlich verbunden sind. Im Aufbausystem gleichen sich viele Systeme. Meist ergibt sich der Unterschied durch die Eigenheiten einer Sorte, dem möglichen bzw. angestrebten Mechanisierungsgrad und anderen wirtschaftlichen Gegebenheiten. Die heute meist verwendete Drahtrahmenunterstützung war früher nicht möglich. So wurden früher die Reben auf Bäumen, Holztriebgeflechten, Pfählen (Pfahlerziehung, Stockkultur) oder einem Holzgerüst (Perglerziehung) aufgebracht bzw. darauf gezogen.
Zum einen kann man die Erziehungen in intensive (z. B. Spaliererziehung, Lyra-Erziehung u. a.) und extensive Systeme (z. B. Minimalschnitterziehung) einteilen. Zum anderen erfolgt die Einteilung dadurch, ob ein Unterstützungsgerüst verwendet wird oder nicht. Bei den Systemen mit Unterstützungsgerüst kann eine weitere Untergliederung erfolgen nach der Art der verwendeten Unterstützung, nach der Verteilung der Triebe bzw. der Laubfläche, nach der Verteilung des angeschnittenen Fruchtholzes oder ob mit enger oder weiter Reihenentfernung gearbeitet wird. Bestimmte Erziehungssysteme – meist in Amerika, Australien oder Neuseeland entwickelt – werden auch als „Alternative Erziehungssysteme“ bezeichnet.
Nach der Verteilung der Triebe bzw. der Laubfläche Vertikale Systeme (z. B. Spaliererziehung): Diese sind bei weitem die häufigste Form der Rebenerziehung. Die grünen Triebe werden mit mehreren Heftdrähten spalierförmig formiert. Je nach Höhe der erzogenen Stämme und der Laubwandgestaltung kann man zwischen niederen und hohen Erziehungssystemen unterscheiden. Niedere Erziehungssysteme: Sind Erziehungssysteme, bei denen ein Stamm von ca. 20 bis 50 cm erzogen und eine Gesamthöhe von ca. 1,3 m erreicht wird. Durch die niedrige Gesamthöhe können Reihenabstände von 1,20 bis 1,5 m gewählt werden. Die Traubenzone befindet sich in Bodennähe.