mini|Einflussbereich des Byzantinischen Reiches und Venedigs um 720 mini|Grenzen des Exarchats Ravenna Diodato Ipato, auch Teodato oder in den zeitlich näheren Quellen Deusdedit (* in Heracleia; † nach 755 in Metamaucum), war nach der traditionellen, also der staatlich gesteuerten Geschichtsschreibung Venedigs, der vierte Doge der Republik Venedig. Nach heutigem Wissensstand war er der zweite Doge und Sohn des wohl ersten Dogen Ursus (Orso Ipato), der um 737 im Verlauf von Kämpfen innerhalb der Lagune von Venedig ermordet wurde. Deusdedit wurde im Zuge der damit zusammenhängenden Kämpfe vertrieben, kehrte aber zwei Jahre später wieder in die Lagune zurück. Er regierte dort ein Jahr lang als Magister militum und war Doge von etwa 742 bis 755 mit Residenz in Metamaucum, der häufig, aber fälschlicherweise mit Malamocco gleichgesetzten, in dessen Nähe gelegenen Stadt am Ostrand der Lagune. Damit war das Dogenamt dauerhaft etabliert, wenn sich auch sein Charakter im Laufe des folgenden Jahrtausends überaus stark veränderte.

Daher steht Deusdedit einerseits an einem Wendepunkt der Verfassungsentwicklung, denn Venedig hatte nach dem Tod des Dogen Ursus fünf Jahre lang unter Magistri militum mit jeweils einjähriger Amtszeit gestanden. Diese waren Dominicus Leo, Felix Cornicula, dann Deusdedit selbst und Julianus Hypathus (also wieder ein Ipato oder Konsul). Der fünfte und letzte der Magistri, Johannes Fabriciacus, wurde während der Abwesenheit des zuständigen byzantinischen Exarchen gewaltsam vertrieben. Danach fand eine Rückkehr zur Verfassung vor der Zeit der Magistri statt. Der Regierungssitz wurde nun andererseits von Heracleia, Deusdedits Geburtsort, nach Metamaucum verlegt.

Zum Dux (Dogen) wurde Deusdedit gewählt. Wer ihn wählte, bleibt dabei undeutlich. Byzanz verlieh ihm, ebenso wie schon seinem Vater, den Titel Ipato (Konsul); der Grund für diese Verleihung ist nicht bekannt.

Die dürre Quellenlage veranlasste spätere Geschichtsschreiber dazu, in „Diodato“ einen „Loyalisten“ gegenüber dem Byzantinischen Kaiserreich zu sehen, oder einen Herrscher mit freundlichen Neigungen zum benachbarten Langobardenreich, bis hin zu „autonomistischen“ Bestrebungen. Die relative Schwäche im Verhältnis zu den Großmächten der Zeit, insbesondere nach der Einmischung der neuen Großmacht der Franken unter König Pippin, dürfte Metamaucum davon abgehalten haben, eine allzu klare politische Linie zu verfolgen. Eher sah man sich gezwungen, zwischen den Mächten zu lavieren. Schließlich wurde der Doge im Jahr 755 von einem byzantinischen Parteigänger namens Galla gestürzt und geblendet. Sein Todesdatum ist nicht bekannt. Die früheste erzählende Quelle, die Istoria Veneticorum (entstanden um 1000), ist für die Zeit vor 764 eine Einfügung des 13. Jahrhunderts, daher stammen die Kenntnisse über Diodato aus Darstellungen, die erst mehr als 400 Jahre später entstanden sind.

Herrschaft Magister militum Gerhard Rösch nahm 1991 an, dass die Ernennung Diodatos zum Magister militum entweder das Vertrauen in ihn anzeige, dass nämlich Diodato die byzantinische Sache vertreten hätte, oder dass der Stellvertreter des Kaisers in Italien, der Exarch von Ravenna, gehofft hätte, auf diese Art erneut die venezianische Unterstützung im Kampf um seine 750/751 verlorene Residenzstadt gewinnen zu können, die schon einmal von den Langobarden besetzt, dann jedoch zurückerobert worden war, nämlich 739/740.

Die zeitlich nächste Quelle, die Istoria Veneticorum des Johannes Diaconus aus der Zeit um 1000, erweist, dass nach dem Tod des wohl ersten Dogen, nämlich Deusdedits Vater, ab etwa 737 fünf jährlich wechselnde Magistri militum in der Lagune herrschten. Einer der fünf Magistri war Deusdedit.

Die Quellenlage wird noch dadurch erschwert, wie Șerban Marin 2018 verdeutlichte, dass der Verfasser der Istoria Veneticorum zwar jener Johannes Diaconus war, dass jedoch der Teil der Chronik, der die Zeit vor 764 darstellt, eine spätere Einfügung des 13. Jahrhunderts durch einen Anonymus war. Dieser hatte den von Johannes Diaconus stammenden Teil der Chronik, die bis ins Jahr 1008 reicht, sorgsam kopiert, jedoch für die Zeit bis 764 eine eigene Chronik vorangestellt.Șerban Marin: One Chronicler of More? Considerations regarding the Chronicle(s) ascribed to Giovanni Diacono, in: Revista Arhivelor 95 (2018) 23–64 (academia.edu).

Dabei räumt dem Dogen eben jener Anonymus, der rund ein halbes Jahrtausend nach den Ereignissen schreibt, in seinem Teil der Chronik ein Jahr als Magister militum ein (die spätere Überlieferung nennt auch zwei Jahre AmtsdauerSo etwa die Chronik des Giovanni Tiepolo (Emilio Aleo (Hrsg.): Cronica di Venezia di Giovanni Tiepolo fu de Agostin patrizio veneto (secc. 16.–17.), Bononia University Press, Bologna 2012, S. 12).). Er sei nach dem gewaltsamen Tod des letzten dieser Männer in „Metamaucum insula“ zum Dogen erhoben worden.

Doge (742–755) Der Doge Deusdedit lässt sich bis heute weder innen- noch außenpolitisch einordnen. Dabei spiegelt sich in der Forschung vorrangig die problematische Position der Lagunenstädte zwischen dem Langobardenreich und Byzanz wider. Deusdedit war demnach einerseits den Venezianern, die ihm zu seinem Amt verholfen hatten, verpflichtet, hatte andererseits als von Byzanz abhängiger Statthalter die Interessen des Kaisers zu wahren, was ein beachtliches diplomatisches Geschick erforderte.

Wahl zum Dogen und Verlegung der Hauptstadt nach Metamaucum (von 742 bis etwa 810) Nach dem Ende der Herrschaft der besagten Magistri wurde Diodato 742 zum Dogen gewählt, und zwar nicht mehr, wie noch sein Vater, in ihrem gemeinsamen Geburtsort Heracleia, sondern in Metamaucum, oder, wie jener Anonymus des 13. Jahrhunderts berichtet: „Venetici, magistrorum militum prelibate prefecture dignitatem abominantes, ut quondam, ducem, videlicet Deusdedem, sepedicti Ursoni ypati filium, in Metamaucense insula sibi crearunt“ (Istoria Veneticorum, Liber I, 17). Es war also eine Erhebung durch die lokalen Familien – sie ‚schufen sich einen Dogen‘ –, die die Macht innehatten, und die einen Verfassungswechsel durchsetzten. Gleichzeitig erfolgte eine Übersiedlung des Herrschaftssitzes nach „Metamaucum“, womit der Herrschaftssitz nicht mehr auf dem Festland am Nordrand der Lagune von Venedig, sondern an ihrem Ostrand lag, auf einer der langen Sandbänke, die die Lagune bis heute von der Adria trennen (das heutige Malamocco liegt nur in der Nähe der später durch eine Naturkatastrophe zerstörten Stadt Metamaucum).

Schutzmaßnahmen gegen Langobarden, Verbindung zwischen Papst und Frankenkönig Um seine Macht und das venezianische Territorium gegen Angriffe der benachbarten Langobarden zu sichern, ließ Deusdedit das Kastell Brondolo südlich von Chioggia errichten, das gleichzeitig nützlich für die Kontrolle des Schiffsverkehrs zwischen Ravenna und der Lagune war. Dieses lag allerdings nicht dort, wo um 1000 Brondolo lag, sondern auf der anderen Seite des angrenzenden Flusslaufes, wie der Anonymus vermerkt.„Ipse quoque post hec, cum decoris et honestatis gratia castrum, quod Brundulus dicitur, non eo loco in quo nunc situm videtur, sed ultra presentem ripam fluminis condere voluit…“ mini|Gebiete des Oströmisch-byzantinischen Reiches und des Langobardenreiches in Italien um 744 mini|links|Follis des Langobardenkönigs Aistulf, 751 geprägt Deusdedit kam dem byzantinischen Ravenna 750/751 nicht zu Hilfe, als es von den Langobarden unter König Aistulf belagert wurde. Im Gegenteil erneuerte er mit den Feinden Konstantinopels den angeblich zwischen dem legendenhaften Dogen Paulicius und König Liutprand geschlossenen Friedensvertrag. Dies stand in scharfem Gegensatz zur Tatsache, dass die Venezianer 739/740, also wenig mehr als ein Jahrzehnt zuvor, bei der Rückeroberung Ravennas nach der ersten Eroberung durch die Langobarden entscheidende Flottenhilfe geleistet hatten. Damals war Ravenna wieder an Byzanz zurückgegeben worden.

Der Papst in Rom, Stephan II., der sich spätestens nach dem Fall Ravennas unmittelbar von den Langobarden bedroht sah, wandte sich 754 an den Frankenkönig Pippin um Hilfe. Als sich dieser daran machte, gegen die Langobarden in den Krieg zu ziehen, um Aistulf zur Anerkennung der fränkischen Oberherrschaft zu zwingen, ging das einst byzantinische Exarchat von Ravenna nicht wieder an Byzanz, sondern an den Papst (siehe Pippinsche Schenkung).

Umsturz (755) und Versuche der Einordnung Mitten in diesem Prozess einer politischen Umwälzung sahen sich die Venezianer demnach in einer isolierten und äußerst gefährdeten Lage. 755 kam es zu einer Revolte gegen den Dogen. An die Spitze dieser Revolte setzte sich der ‚Untreue‘ („infidelis“) Galla. Der amtierende Doge wurde abgesetzt und geblendet.„… et illic a quodam infideli, Galla nomine, eius avulsi sunt oculi ipsiusque ducatum auferens possessorque eius unius anni spatio fuerat. Super quem deinde Venetici irruentes unaque conspirantes voluntate, oculos similiter illius eruerunt.“

Die meisten Geschichtsschreiber brachten die fundamentalen Wechsel in der Zeit der Herrschaft „Diodatos“ und Gallas, nämlich zugleich des Herrschaftsortes, der Verfassung und damit der Dauerhaftigkeit des Amtes, und darüber hinaus den zuvor vergebenen Titel Ipato (Konsul), schließlich die Wahl des Sohnes eines ehemaligen, über mehr als ein Jahrzehnt herrschenden Dogen in das noch junge Amt, in einen engen Zusammenhang mit der politischen Großwetterlage. Die Frage der Dynastiebildung durch Vater und Sohn, die mehr als zwei Jahrhunderte die Verfassungskämpfe innerhalb Venedigs dominieren sollte, lässt sich aus den wenigen Quellen nicht als treibende Kraft der Auseinandersetzungen belegen.

In der Forschung glaubte man eher außenpolitische Streitigkeiten erkennen zu können, weshalb sich in Venedig zwei Familiengruppen bekämpft hätten, von denen die eine eher dem Kaiser die Treue gehalten hätte, und die man dementsprechend als „Loyalisten“ bezeichnete. Diese Gruppe fühlte sich zudem an die alte „Hauptstadt“ Heracleia gebunden. Die in dieser Logik gegnerische Parteiung bestand aus denjenigen Familien, die ihr Zentrum in Metamaucum sahen, und die eine stärkere Autonomie anstrebten.Gherardo Ortalli: Venezia dalle origini a Pietro II Orseolo, in: Storia d’Italia, Bd. I, Turin 1980, S. 364, 367–373, hier: S. 367 f.

Dabei scheint der Traditionsbruch keineswegs so heftig gewesen zu sein, wie vielfach vermutet, denn immerhin war es bereits der Heracleianer Deusdedit, der seinen Amtsort nach Metamaucum verlegt hatte. Es dürfte sich bei Deusdedit schon allein deshalb nicht um eine antibyzantinische Revolte gehandelt haben, weil der neue Herrschaftssitz – im Falle einer Auseinandersetzung – der kaiserlichen Flotte doch viel stärker ausgeliefert sein musste, als das festländische, gegen einen Flottenangriff sehr viel besser geschützte Heracleia. Umgekehrt konnte die byzantinische Flotte im Notfall sehr viel leichter zu Hilfe eilen. Für jenen Anonymus des 13. Jahrhunderts war die Verlegung der Hauptstadt nach Metamaucum in jedem Falle eine Episode, denn um 810 wurde die Hauptstadt der Lagune nach knapp 70 Jahren auf die Inselgruppe Rialto und damit in das heutige historische Zentrum Venedigs verlegt, wohlgeschützt durch die sie umgebenden Gewässer.

Innerhalb der und rund um die Lagune bestanden, was die doch sehr spät entstandenen Quellen allerdings nur schwach andeuten, jedenfalls weiterhin Konflikte, etwa zwischen Heracleia, Equilo (s. Jesolo) und dem neuen Machtzentrum Metamaucum. Wahrscheinlich stürzte Deusdedit am Ende wie sein Vater über die inneren Konflikte, die mit großer Grausamkeit ausgetragen wurden, denn, wie der Anonymus berichtet, „a quodam infideli, Galla nomine, eius avulsi sunt oculi“. Deusdedit wurde also von einem ‚Ungetreuen‘ namens Galla um sein Augenlicht gebracht. Hier wird nicht zum ersten Mal zwischen einem legitimen Dogen und einem Usurpator unterschieden. Die Antriebskräfte der Protagonisten waren den späteren Geschichtsschreibern nicht mehr fassbar.