Drang nach Osten ist ein politisches Schlagwort aus der nationalistischen Diskussion des 19. Jahrhunderts. Seine genaue Herkunft ist unbekannt. Als erster schriftlicher Beleg wird häufig ein offener Brief des polnischen Publizisten Julian Klaczko an Georg Gervinus aus dem Jahre 1849 genannt;etwa bei Hans Lemberg, Der "Drang nach Osten" – Mythos und Realität, in: Andreas Lawaty/Hubert Orłowski (Hg.), Deutsche in Polen. Geschichte – Kultur – Politik, C.H. Beck, München 2003, S. 33–38, hier S. 34. Klaczko benutzte jedoch nicht die Formulierung „Drang“, sondern, in gleichem Sinne, „Zug nach Osten“.J.K. [Julian Klaczko], Die deutschen Hegemonen. Offenes Sendschreiben an Herrn Georg Gervinus, Berlin 1849, S. 7, zitiert nach Andreas Lawaty, Das Ende Preussens in polnischer Sicht: Zur Kontinuität negativer Wirkungen der preußischen Geschichte auf die deutsch-polnischen Beziehungen, Walter de Gruyter, Berlin/New York 1986, S. 25, Fn. 19. Der Begriff begann im Umfeld der intellektuellen, später auch politischen, Auseinandersetzung um die Zielrichtung deutscher Außenpolitik eine Rolle zu spielen. Im 20. Jahrhundert war er vor allem in der polnischen, sowjetischen und tschechoslowakischen Geschichtsschreibung zur Umschreibung des „deutschen Expansionsdrangs“ nach Osten von Bedeutung.
In der deutschen Bevölkerung blieb, im Gegensatz zu Institutionen wie dem Alldeutschen Verband oder dem Deutschen Ostmarkenverein, das Schlagwort „Drang nach Osten“ im Allgemeinen unbekannt. Geläufiger war als Kehrseite der Medaille die Vorstellung von der „asiatischen“, später bolschewistischen „Gefahr aus dem Osten“.
Geschichte des Begriffs vor dem Hintergrund deutscher Auswanderung Programmatische Gestalt nahm der Begriff bei der Gründung des Alldeutschen Verbandes 1891 an, als es im Verbandsorgan gleich hieß: „Der alte Drang nach dem Osten soll wiederbelebt werden.“Wippermann, 1981, S. 87. 1886 hatte einer der alldeutschen Wortführer mit langer Wirkung, Paul de Lagarde, propagiert: „Wir brauchen Land vor unserer Tür, im Bereich des Groschenportos. Will Rußland nicht, so zwingt es uns zu einem Enteignungsverfahren, das heißt zum Kriege, zu dem wir so von alters her jetzt nicht vollständig aufzuzählende Gründe auf Lager halten. […] neun Zehntel aller Deutschen lebt dann auf einer eigenen Hufe, wie seine Ahnen es taten […].“Harry Pross (Hg.): Die Zerstörung der deutschen Politik. Dokumente 1871 – 1933, Frankfurt am Main 1983, S. 283 f. 1875 hatte er die „allmähliche Germanisierung Polens“ als Hauptziel deutscher Außenpolitik festgelegt.Vgl. Ulrich Sieg, Deutschlands Prophet. Paul de Lagarde und die Ursprünge des modernen Antisemitismus, München 2007, S. 173. Der Schriftsteller Gustav Freytag hatte um die Jahrhundertmitte schon zur deutschen Ansiedlung in polnischem Gebiet aufgerufen, ähnlich den Squattern im amerikanischen Indianerland. Das geschah im Zusammenhang der europäischen imperialistischen Diskussion, an der sich vorläufig nur Intellektuelle, nicht aber die Politik des erst 1871 gegründeten deutschen Nationalstaats beteiligten. Mangels imperialistischer Politik wurde die mittelalterliche Deutsche Ostsiedlung, die ohne politische Vorgaben durch das Reich selbstläufig vonstattengegangen war, zur „Ostkolonisation“ aufgewertet und sollte jetzt imperialistisch „wiederbelebt“ werden. Ziel war, den millionenstark gewordenen Auswandererstrom nach Amerika in die kontinentale Gegenrichtung, nämlich das angrenzende Osteuropa umzulenken und damit in deutscher Nachbarschaft zu halten und das Vaterland zur europäischen Großmacht auszuweiten. Das war bereits das vergebliche Bestreben des amerikaerfahrenen Nationalökonomen Friedrich List (1789–1846), der sich in preußischem Auftrag um Ansiedlungen in den polnischen Grenzgebieten bemühen wollte. Denn es gab im Unterschied zu den westlichen Nachbarn keinen deutschen Nationalstaat, der die Interessen hätte bündeln und vertreten können. Ein maßgeblicher Teil dieser Diskussion spielte sich im 1859 entstandenen und sich bis weit ins 20. Jahrhundert erstreckenden Sybel-Ficker-Streit ab. In seiner Folge wurde in der preußisch-nationalistischen Diskussion vor allem auf Heinrich I. (919–936) als historischer Vorläufer grenznaher „Ostkolonisation“ verwiesen. Friedrich Ratzel prägte in einer Studie von 1901 den Begriff „Lebensraum“ und nahm damit die Diskussion um kontinentale „Grenzkolonisation“ als Alternative zur transatlantischen Kolonisation auf. Diese Argumentation sollte später als ideologische Grundlage des gegen osteuropäische Völker gerichteten nationalsozialistischen Konzepts des Lebensraums im Osten dienen.
Die auswanderungswillige deutsche Bevölkerung hatte jedoch an kontinentaler „Grenzkolonisation“, d. h. an der Neuansiedlung in slawisch geprägten oder rein slawischen Gebieten, im 19. Jahrhundert im Unterschied zur mittelalterlichen Ostsiedlung kaum Interesse, auch die preußische nicht. Denn seitdem William Penn 1683 in Worms um Auswanderer für seine Kolonie Pennsylvanien geworben hatte und er „Entvölkerer Deutschlands“ genannt wurde, begann die deutsche Überseewanderung, „der große, ununterbrochene Exodus von Deutschland nach dem angelsächsischen Nordamerika“ (Franz Schnabel). So musste die alldeutsche Forderung, den „alten Drang nach dem Osten“ wiederzubeleben, über Jahrzehnte leere Propaganda bleiben. Dafür wurden die Millionen, die weiterhin den Atlantik überquerten, als vaterlandsabtrünnig verachtet und des „Amerikafiebers“ und der „Auswanderungssucht“ bezichtigt, ohne dass man ihrer sozialen und politischen Not, die sie außer Landes trieb, Einhalt gebot.Vgl. Peter Assion, Das Land der Verheißung. Amerika im Horizont deutscher Auswanderer, S. 116, in: Reisekultur. Von der Pilgerfahrt zum modernen Tourismus, hrsg. von Hermann Bausinger u. a., C. H. Beck, München 1991, S. 115–122.
Die Polenfrage in der Frankfurter Paulskirche 1848 Die in der Frankfurter Paulskirche am 24. Juli 1848 vorgebrachte Äußerung des ostpreußischen Abgeordneten Carl Friedrich Wilhelm Jordan zur Frage des als Staat aufgelösten und unter Preußen, Österreich und Russland aufgeteilten Polen zeigte ein auf Preußen beschränktes Engagement. Sie zielte nicht auf Ausweitung nach Osten, sondern auf Besitzstandswahrung innerhalb der besetzten Gebiete. Die Geringschätzung und Verachtung der slawischen Nachbarn war dabei Programm: „Unser Recht ist kein anderes Recht als das Recht des Stärkeren, das Recht der Eroberung. Ja, wir haben erobert, aber diese Eroberungen sind auf einem Wege, auf eine Weise geschehen, daß sie nicht mehr zurückgegeben werden können.“ „Die Übermacht des deutschen Stammes gegen die meisten slavischen Stämme, vielleicht mit alleiniger Ausnahme des russischen, ist eine Thatsache, die sich jedem unbefangenen Beobachter aufdrängen muß, und gegen solche […] naturhistorischen Thatsachen läßt sich mit einem Decrete im Sinne der cosmopolitischen Gerechtigkeit schlechterdings nichts ausrichten.“ „Der letzte Act dieser Eroberung, die viel verschrieene Theilung Polens, war nicht, wie man sie genannt hat, ein Völkermord, sondern weiter nichts als die Proclamation eines bereits erfolgten Todes, nichts als die Bestattung einer längst in der Auflösung begriffenen Leiche, die nicht mehr geduldet werden durfte unter den Lebendigen.“ zitiert bei Michael Imhof, Polen 1772 bis 1945, S. 183. In: Wochenschau Nr. 5, Sept./Okt. 1996, Frankfurt am Main, S. 177–193.
Damit kritisierte Jordan die Fürsprecher der Wiederherstellung eines unabhängigen polnischen Nationalstaates und deren Unterstützung des polnischen Freiheitskampfes (u. a. die westdeutschen Robert Blum, der Dichter August Graf von Platen mit seinen „Polenliedern“ oder Johann Georg August Wirth und Philipp Jakob Siebenpfeiffer, beides Organisatoren und Hauptredner beim „Hambacher Fest“, wo die deutsche neben der französischen und polnischen Nationalfahne wehte). Jordan war sich dabei bewusst, dass die mittelalterliche Ausweitung nach Osten seit dem 10. Jahrhundert auf Kosten der Slawen gegangen war.
Viele slawische Männer wurden in den anfänglichen kriegerischen Auseinandersetzungen getötet, Frauen und Kinder über Jahrhunderte als wichtiges Wirtschaftsgut im Tausch für orientalische Waren von den westlichen Feudal- und Kriegsherren in die arabische Sklaverei verkauft (Slawe = Sklave); das Zentrum des mitteleuropäischen Sklavenhandels mit den orientalischen Ländern war laut Ibrahim ibn Yaqub das slawische Prag.
Bei der im 12. Jahrhundert einsetzenden Ostsiedlung ging es in der Regel friedlicher zu, zumal sie stellenweise auch auf östliche Anwerbung hin erfolgte und auf die Erschließung unbewohnter Gebiete zielte. Der mit ihr einhergehende technische und wirtschaftliche Aufschwung zeigte sich vor allem in Landwirtschaft, Handel, Verkehr und Städtebau, so dass sich die (deutschen) Neuankömmlinge mehr und mehr in der Rolle westlicher „Kulturbringer“ sahen. Ihr Einfluss war groß und über weite Strecken erwünscht, führte andererseits aber auch zu einem Zurückdrängen der slawischen Bevölkerung und ihrer Interessen. Mit Blick auf die östliche Grenze des Ostfrankenreichs unter Heinrich I. im 10. Jahrhundert erklärte Jordan deshalb: „Wenn wir rücksichtslos gerecht sein wollten, dann müßten wir nicht bloß Posen herausgeben, sondern halb Deutschland. Denn bis an die Saale und darüber hinaus erstreckte sich vormals die Slawenwelt.“zitiert bei Hans Rothfels, Bismarck, der Osten und das Reich, Darmstadt 1960, S. 11. – Bei Jordan zeigte sich die gleiche Sichtweise wie bei Heinrich Wuttke, der sie in seinem 1846 und 1848 in zweiter, vermehrter Auflage erschienenen Buch „Polen und Deutsche“, S. 5 f. vertrat: Deutsche und Polen. Dabei wehrte sich Wuttke ausdrücklich gegen den Anspruch der Polen, dass in ihrem wiederherzustellenden Staat die Westgrenze die Oder zu sein habe.
Deutsche Feindbilder vom Osten seit „Turnvater“ Jahn Hauptsächlicher Grund für das Fehlen des Schlagwortes vom „deutschen Drang nach Osten“ in deutscher Wahrnehmung dürfte neben der Tatsache, dass der „deutsche Osten“ eine vorwiegend preußisch besetzte Angelegenheit blieb und jenseits der preußischen Grenzen kaum ein Echo fand, vor allem der Umstand sein, dass sogar in der Zeit des Nationalsozialismus der Begriff als fragwürdige „Propagandalosung“ (Max Hildebert Boehm, 1936) verstanden werden konnte.Vgl. die Klage darüber in dem 1936 erschienenen Buch zweier Historiker „Der deutsche Osten. Seine Geschichte, sein Wesen und seine Aufgabe“: „Aber noch immer ist bei einem großen Teil der Menschen, besonders in der westlichen Hälfte des Reiches, die Auffassung verbreitet, der deutsche Osten sei im wesentlichen ein Betreuungs- und Notstandsgebiet. Noch ist in diesen Reichsgebieten großenteils die Erkenntnis nicht lebendig, wie sehr das Ostproblem im Mittelpunkt unseres Schicksals steht“ (Thalheim, K. / Hillen Ziegfeld, A. [Hg.], Der deutsche Osten. Seine Geschichte, sein Wesen und seine Aufgabe, Berlin 1936, S. XI.) – Zur Kritik am Begriff „deutscher Drang nach Osten“ als Propagandalosung von Max Hildebert Boehm: ebenda, S. 2 f.