Wilhelm Tegethoff (* 2. Dezember 1907; † 19. April 1996) war ein deutscher Lungenfacharzt und Amateur-Philologe.

Leben und Wirken Wilhelm Tegethoff promovierte 1936 an der Medizinischen Akademie Düsseldorf mit einer Arbeit über die Geschichte von Beckenfrakturen zum Doktor der Medizin. Er lebte in Osnabrück, wo er am Heger-Tor-Wall 26 eine Praxis als Facharzt für Lungenkrankheiten betrieb. Tegethoff war mit der medizinisch-technischen Assistentin Elisabeth Winterhoff, geb. Rothmund (1928–2006), verheiratet, die in seiner Praxis tätig war und ab 1967 als Heilpraktikerin in Cloppenburg praktizierte.

Als Privatgelehrter widmete er sich in seiner Freizeit intensiv alten Schriften und Sprachen. In seinen sprachgeschichtlichen Veröffentlichungen beschäftigte er sich mit der Entwicklung der etruskischen Sprache und versuchte dabei unter anderem, deren mutmaßliche Verwandtschaft mit dem Minoischen nachzuweisen. So veröffentlichte Tegethoff 1968 die Schrift Die Entzifferung der etruskischen Schrift mit einer Entwicklung der etruskischen Sprache und noch im selben Jahr eine Fortsetzung fast identischen Titels zur minoischen Schrift und Sprache. In dieser entwickelt er die These, die einzelnen Zeichen des minoischen Schriftsystems setzten sich aus einfachen, standardisierten Buchstabenelementen einer mit dem Lateinischen verwandten alteuropäischen Sprache zusammen und stünden – insofern eine Ähnlichkeit zu jenen der Etrusker aufweisend – für ganze Wörter oder Phrasen. Zur Begründung zieht er Schriftbeispiele der kretischen Hieroglyphen sowie der Linearschriften A und B heran. Tegethoffs Studie wurde von Louis Deroy in der Revue belge de philologie et d’histoire scharf angegriffen: in dem Werk, das den gesamten Forschungsstand der Mykenologie ignoriere, finde sich „keine einzige beachtenswerte Zeile“; es hätte „allenfalls um 1930 herum eine gewisse amüsierte Neugier“ wecken können. Der britische Ethnolinguist William C. Brice wendete dagegen im The Antiquaries Journal der Society of Antiquaries of London ein, dass Tegethoffs neuartige Interpretation – obschon sie den „gängigen Prinzipien und Ansätzen in der Geschichtsforschung zur Schrift“ zuwiderlaufe – insoweit mit der vorherrschenden Forschungsmeinung übereinstimme, als dass die minoischen Schriften „aneinandergefügte oder ligierte Konstruktionen“ verwendet hätten, deren „volle Bedeutung von der Verschmelzung ihrer Einzelbestandteile abhing“.William C. Brice: [Rezension zu:] Die Entzifferung der Minoischen Schrift und Entwicklung der Minoischen Sprache. By Wilhelm Tegethoff. In: The Antiquaries Journal. Band 49, Nr. 2, 1969, S. 408 f., .

Seine Übersetzung und Interpretation des Beowulf und dessen Entstehung (er schrieb die Autorenschaft Adalbert von Bremen zu) wurde von der Fachwelt als weitgehend absurd bewertet. So urteilte Hans Schabram in der Fachzeitschrift Anglia, Tegethoffs Buch sei „wohl markantestes Beispiel“ für Arbeiten, die „so bizarr [sind], daß man ihre Verfasser gern für Spaßvögel halten möchte, die mit ihren Produkten die Auswüchse einer zunehmend unseriöser werdenden Interpretationsindustrie persiflieren wollen.“ Die Übersetzung sei derart abwegig, dass man „zugunsten ihres Autors nur hoffen kann, daß sie nicht ernst gemeint, sondern als eine von skurrilem Humor zeugende Parodie aufzufassen ist.“Hans Schabram: [Rezension zu:] Raymond P. Tripp, Jr., More about the Fight with the Dragon. Beowulf 2208b–3182, Commentary, Edition, and Translation. In: Anglia. Band 103, 1985, S. 445–452, . Hans Sauer nannte die Übersetzung „sehr seltsam“ (very strange).Hans Sauer: 205 Years of Beowulf Translations and Adaptations (1805–2010). A Bibliography. Wissenschaftlicher Verlag, Trier 2011, ISBN 978-3-86821-354-6, S. 105.

Veröffentlichungen Die Geschichte der Beckenfrakturen. Robert Kleinert, Quakenbrück 1937, (Dissertation, Medizinische Akademie Düsseldorf, 1936). Die Entzifferung der etruskischen Schrift mit einer Entwicklung der etruskischen Sprache. Selbstverlag, Osnabrück 1968, . Die Entzifferung der minoischen Schrift und Entwicklung der minoischen Sprache. Selbstverlag, Osnabrück 1968, . Schrift und Sprache der Steinzeit. Selbstverlag, Osnabrück 1969, . Der altangelsächsische Beowulf. Ein Werk Adalbert von Bremens. Neuauslegung und Übersetzung von Wilhelm Tegethoff. Selbstverlag, Osnabrück 1971, .

Weblinks

Briefwechsel mit Emmett Leslie Bennett: Wilhelm Tegethoff an Emmett Leslie Bennett, 5. Oktober 1968 (mit eigenhändiger Unterschrift) Emmett Leslie Bennett an Wilhelm Tegethoff, 4. November 1968

Einzelnachweise

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