Groß Neuendorf ist ein Ortsteil der Gemeinde Letschin im Landkreis Märkisch-Oderland in Brandenburg, gelegen am östlichsten Rand des Oderbruchs an der Grenze zu Polen.
Geografie Geografische Lage Groß Neuendorf liegt am linken, westlichen Ufer der Oder. Die Mitte der Oder markiert die Grenze zu Polen und damit die Ostgrenze Deutschlands, des Landes Brandenburg, des Landkreises Märkisch-Oderland und der Gemeinde Letschin. Groß Neuendorf liegt leicht erhöht im Oderbruch. Trotzdem wäre es ohne den Oderdamm ständig von Überschwemmung bedroht.
Geologie Die durch das Ablaufen eiszeitlicher Wassermassen ausgeschwemmten Urstromtäler hinterließen ausgedehnte Bruch- und Sumpfflächen. Das Oderbruch entstand als Teil des Thorn-Eberswalder Urstromtals vor etwa 20.000 Jahren. Durch das Zusammentreffen von Oder und Warthe in Küstrin südlich Groß Neuendorfs lag der Lauf der Oder ursprünglich westlicher. Mitgeschwemmte Schutt- und Geröllmassen lagerten sich wie ein Riegel im Norden des Oderbruchs ab. Deshalb wurde das Oderbruch regelmäßig im Frühjahr nach der Schneeschmelze und im Sommer bei Gewittern („Johannishochwasser“ um den Johannistag (24. Juni)) überschwemmt. Ab 1735, vor allem aber zwischen 1747 und 1762, wurde die Oder eingedämmt und das Oderbruch mit Entwässerungssystem trockengelegt.
Geschichte
Eingemeindung Am 26. Oktober 2003 wurde Groß Neuendorf nach Letschin eingemeindet.StBA: Änderungen bei den Gemeinden Deutschlands, siehe 2003
Einwohnerentwicklung Jahr 1734 1772 1791 1801 1818 1840 1864 1875 1885 1890 1910 1925 1933 1946 1964 1971 1993 1997 2006 Einwohnerzahl 282„Historisches Ortslexikon für Brandenburg Teil VII Lebus“ von Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 1983. 395 583 575 1053 1491 1769 1441 1551 1215 1206 1108 878 1981 774 704 482 457 447
Historischer Abriss Funde aus dem 1. Jahrhundert lassen darauf schließen, dass eine wendische Siedlung Vorläufer Neuendorfs ist. Im 12. Jahrhundert begann die germanische Besiedlung. Groß Neuendorf, das ursprünglich aus einem Fischerdorf entstand, wurde erstmals 1349 unter dem Ortsnamen „Cruschzik“ urkundlich genannt. Mit „Cruschzik“ könnte aber auch das bei Neuendorf gelegene Dorf „Kruschke“ gemeint sein. In der Urkunde belohnt Markgraf Ludwig der Ältere am 3. Januar 1349 den Probst zu Bärwalde Dietrich Mörner und seine Brüder und Erben für geleistete Dienste mit den Dörfern „Orthwig“ und „Cruschzik“. 1405 soll Michael von Sydow von den in Zellin wohnenden Brüdern Otto und Asmus Mörner die Orte „Villas Orthwick“ und „Cruschzik“ gekauft haben. Diese Urkunde ging verloren; eine 100 Jahre jüngere Abschrift soll im Archiv der königlichen Regierung zu Frankfurt (Oder) vorhanden sein; dort jedoch in der hochdeutschen Schreibweise „Neuendorf“.
Trockenlegung des Oderbruchs Mit der Trockenlegung des Oderbruchs unter Preußenkönig Friedrich der Große verlagerte sich die Haupteinnahmequelle der Bewohner von der Fischerei auf die Landwirtschaft, vor allem die Viehzucht. Als Teil der Besiedlungspläne Friedrich II. für die trockengelegten Gebiete erhielten im Jahre 1754 Besitzer eines Hauses („Hausleute“, Häusler, Büdner) 30 Morgen Land, was einer Standeserhöhung gleichkam. Neue Ansiedler (die neuen Hausleute) bauten ab 1756 mit Genehmigung der königlichen Gutsherrschaft durch das Amt Zellin im Halbkreis um das Kerndorf herum ihre Häuser. Die neuen Ansiedler waren Knechte, Tagelöhner, Handwerker und jüngere Söhne der Bauern und Hausleute. 1799 wanderten 21 Hausleute nach Klein Neuendorf (heute Gemeindeteil von Sietzing, Letschin) ab. 1861 erreichte Groß Neuendorf den geschichtlichen Höchststand der Einwohnerzahl. Im Kerndorf hatten sich etliche Händler, Gewerbetreibende und Handwerker niedergelassen. Zu der Zeit gab es die erste Hausnummerierung von 1 bis 43. Von den nummerierten Häusern befand sich nur eines in Groß Neuendorf selbst, die anderen verteilten sich auf die Ortsteile Busch, Kruschke und Ausbau. 1864 gab es in Groß Neuendorf 42 ausgebaute Gehöfte, 162 Wohngebäude, 21 gewerbliche Gebäude und 389 steuerfreie Gebäude. Das Dorf verlor danach mit der Zeit nach und nach an Bedeutung.
Ein Kriegerdenkmal des Bildhauers Heinrich Wefing für die Gefallenen des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 wurde 1897 enthüllt. Es ist seit 1950 verschollen. Auf dem Sockel wurde 1959 ein Friedensmal errichtet. mini|1966 stillgelegter Bahnhof (2016) Groß Neuendorf wurde am 18. Oktober 1912 an die Oderbruchbahn zwischen Müncheberg und Wriezen angeschlossen. Groß Neuendorf verfügte über ein Bahnhofsgebäude und ein Anschlussgleis, welches den Hafen erschloss. Zwischen April 1945 und September 1948 war der Betrieb unterbrochen. Die Streckenstilllegung erfolgte 1966 durch die Deutsche Reichsbahn.
1940 kam es zu einem schweren Hochwasser, bei dem über 1 m dicke Eisschollen über den Deich geschoben wurden.
Vom Ende der 1920er Jahre bis 1945 erlebte Groß Neuendorf einen erneuten Aufschwung. 1945 gab es in Groß Neuendorf 90 Schiffer, 42 Bauern mit mehr als 20 ha Acker, 35 Schiffseigner, 5 Bäcker, 5 Korbmacher, 5 Kolonialwarengeschäfte, 4 Gaststätten, 4 Fischer, 3 Kurzwarengeschäfte, 3 Schneider, 3 Schuhmacher, 3 Fleischer, 2 Schmiede, 2 Tischler, 2 Holzschuhmacher, 2 Dachdecker, 2 Klempner, 2 Maler, 1 Frisör, 1 Seiler, 1 Töpfer, 1 Sattler und eine Malzfabrik. Es gab ein umfangreiches Vereinsleben mit Schützengilde, Radfahrverein (mit Kienitz), Anglerverein, Kriegerverein (Erster Weltkrieg), Deutsche Arbeitsfront (DAF), Schifferinnung (ca. 199 Mitglieder), Sängerverein der SPD, Sängerverein der Deutsch Nationalen und einem Turnverein.
Ende des Zweiten Weltkriegs Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs stand die Front zwischen Roter Armee und deutscher Wehrmacht zwei Monate an der Oder. Dorf und Umgebung standen unter Dauerbeschuss. Der Oderdamm war von Bunkern und Schützengräben durchzogen. Die Felder waren weitestgehend vermint und für Schützengräben aufgewühlt worden, sowie mit liegen gebliebenen Panzern, anderen Fahrzeugen, Waffen, Munition und weiterem Kriegsmaterial verseucht. Im Kerndorf wurden 89 % der Gebäude stark in Mitleidenschaft gezogen. Es kam zu Brandsetzungen, Vergewaltigungen und Erschießungen von Bewohner und Flüchtlingen aus den Ostgebieten. Nach Kriegsende im Mai 1945 kamen nach und nach nur 240 Einwohner zurück ins Dorf. Meist Frauen und Kinder, da die Männer gefallen oder in Kriegsgefangenschaft waren. Die Einwohner wurden von der sowjetischen Verwaltung zu Gemeinschaftsarbeit bei der Räumung der Straßen und Felder herangezogen. Etliche verloren bei der Minen- und Munitionsbergung ihr Leben.
Oderflutkatastrophe 1947 Der Winter 1946/1947 war streng und schneereich. In der Nacht zum 22. März 1947 brach nördlich Reitweins an zwei Stellen auf 100 m der Oderdeich. Fast alle Einwohner des Oderbruchs wurden evakuiert, meist in nahe gelegene Orte wie Schulzendorf oder Buckow. Groß Neuendorf selbst blieb vom Hochwasser weitgehend verschont, da es etwas erhöht liegt. Die Felder waren jedoch durchnässt und mussten neu angelegt werden. Die 42 Bauernwirtschaften organisierten sich in der Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe (VdgB). Aus anderen Landesteilen, wie Thüringen oder Sachsen, kamen von den dortigen Bauern Spenden. Überwiegend wurde Vieh, wie Hühner und Kühe gespendet.
Wirtschaftliche Entwicklung zwischen 1945 und 1989 Durch die Verordnung der Provinz Brandenburg über die Bodenreform vom 6. September 1945 erhielten einige Bauern 3–5 ha Land landwirtschaftliche Nutzfläche vom Amt Kienitz. In Groß Neuendorf entstand 1948 eine Maschinenausleihstation (MAS), in der die Bauern landwirtschaftliche Maschinen ausleihen konnten. Nach 1950 wurde in Groß Neuendorf ein staatlicher Volkseigener Erfassungs- und Aufkaufbetrieb (VEAB) eingerichtet, der die genossenschaftliche Raiffeisenbank als „abnehmende Hand“ für landwirtschaftliche Produkte ablöste. Im Groß Neuendorfer VEAB lieferten auch die Bauern aus den Nachbardörfern ihre Produkte ab. Jeder Bauer erhielt über die staatliche Leitung einen Anbauplan, einen Viehhalteplan und ein „Soll“ an Abgaben. Überschüsse konnten als „freie Spitzen“ zusätzlich abgeliefert werden. Fast alle Gemeindemitglieder hielten Schweine, Kühe und bewirtschafteten individuelle Flächen. Der Aufkauf in einer Erfassungsstelle für Obst, Gemüse, Geflügel, Kaninchen und Eier im Dorf war bis 1989 eine Nebenerwerbsquelle der Groß Neuendorfer.
Laut Beschluss 2. Parteikonferenz der SED in Ost-Berlin vom 9. bis 12. Juli 1952 zur Bildung von Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG), sollten sich die Bauern auf freiwilliger Basis zusammenschließen. Da dies nicht zu den gewünschten Erfolgen führte, wurde der Druck langsam erhöht. In der Folge verließen einige Großbauern ihre Betriebe und gingen nach Westdeutschland. Gründe waren ein nicht erfüllbares Abgabe-„Soll“, politische Auseinandersetzungen und der immer mehr wachsende Druck zum Eintritt in die LPG. Die zurückgelassenen, sogenannten „devastierten Betriebe“ wurden – koordiniert vom Gemeinderat – von den verbliebenen Landarbeitern bewirtschaftet. In Groß Neuendorf wurde 1953 von 37 Landarbeitern und zwei Angestellten eine LPG gegründet, die den Namen „Fortschritt“ erhielt. Im Ortsteil Kruschke wurde zusätzlich die LPG „8. Mai“ gegründet. Im Frühjahr 1960 wurde die Kollektivierung der Landwirtschaft durch eine Kampagne der SED zwangsweise abgeschlossen; in Groß Neuendorf gab es keine Einzelbauern mehr. Die LPG wurde zum größten Arbeitgeber im Dorf. Es wurde eine Baubrigade gebildet, die Schweineställe, einen Schafstall und Wohnhäuser im Dorf und an der Straße zwischen Groß Neuendorf und Ortwig errichtete. Nachdem es ab 1969 Kooperationen mit landwirtschaftlichen Betrieben der Nachbardörfer gegeben hatte, wurde 1973 die „Kooperative Abteilung Pflanzenproduktion (KAP)“ gebildet. Die Feldwirtschaftsbereiche wurden aus den Agrarbetrieben herausgelöst und von der auf Pflanzenproduktion spezialisieren KAP betrieben. Die Viehwirtschaften wurden selbständige Betriebe. Diese richteten eine „zwischenbetriebliche Einrichtung Färsenproduktion“ ein. Im Ortsteil Kruschke wurde für 3,5 Millionen Mark eine Anlage für bis zu 2.400 Tiere erbaut. Die KAP wurde 1978 in eine LPG Pflanzenproduktion (LPG (P)) umgewandelt. Die „von oben“ aufgezwungenen Veränderungen in relativ kurzer Zeit und die offensichtlichen Nachteile einiger Maßnahmen wie der strikten Trennung von Pflanzen- und Tierproduktion führten zu einer Unzufriedenheit, die sich bis 1989 nie ganz legte.
1981/1982 kam es zu einem bedrohlichen Hochwasser, das jedoch mit großen Aufwand beherrscht werden konnte.
Nach der Wende Nach Wende und friedlicher Revolution in der DDR, Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion und deutscher Wiedervereinigung kam es auch in Groß Neuendorf zu erheblichem Umbrüchen. Die LPG Pflanzenproduktion wurde aufgelöst und in drei selbständige Gesellschaften unterteilt: Kienitz, Ortwig mit Neubarnim und Gieshof-Zelliner Loose. In Groß Neuendorf wurde nach der Auflösung der LPG 1991 die Agrargenossenschaft e. G. ODEGA (Oderbruchgemüsegarten) gegründet. Erstmals seit den 1930er Jahren gab es wieder Arbeitslosigkeit. Mitarbeiter der LPG verloren ihre Arbeit. Hinzu kamen Arbeitslose aus geschlossenen volkseigenen Betrieben. Nach der Wende gab es zahllose Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM), die jedoch keine dauerhafte Lösung darstellten. Zusätzlich wurde der landwirtschaftliche Nebenerwerb unwirtschaftlich. Es entstand ein soziales Gefälle zwischen denen, die Arbeit hatten, und denen, die keine hatten. Die Arbeitslosenquote lag 2003 bei 25 %.
Zeitgleich kam es jedoch zu Investitionen in die Dorfinfrastruktur. Mit Fördermitteln wurde schon 1991 begonnen, ein zentrales Abwassernetz zu bauen, das 1994 nach der Inbetriebnahme eine Kläranlage am Ortsrand in Betrieb genommen werden konnte. Straßen wurden saniert und 1993/1994 wurde der jüdische Friedhof restauriert. Am 1. Juni 1994 wurde ein Kinderspielplatz eröffnet. Die Straßenbeleuchtung wurde erneuert.