Die phantastische Kinder- und Jugendliteratur kennzeichnet im Allgemeinen ein Aufeinandertreffen der realen, gewöhnlichen und einer magischen, irrationalen Welt (sogenanntes Zwei-Welten-Modell). Im Gegensatz zu Horror- und Schauergeschichten, die wegen ihrer Wirkung auch nur zum Teil für Kinder und Jugendliche geeignet sind, wird der Leser bei der rein phantastischen Geschichte über die außergewöhnlichen Begebenheiten der magischen Welt nicht aufgeklärt. Weiterhin wird vorliegend das im weitesten Sinn zur Phantastik gehörende Science-Fiction-Genre nicht behandelt und nur als Referenz hinzugezogen (zur Unterscheidung beider siehe dort).
Die Entwicklung der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur Bis 1945 Die phantastische Kinder- und Jugendliteratur geht aus einer Umformung der Feenmärchen in der Phase der deutschen Spätromantik (1815 bis 1845) hervor. Prägend sind hierfür Ludwig Tiecks Erzählung Die Elfen (1811), E.T.A. Hoffmanns Nussknacker und Mäusekönig (1816) und das Kunstmärchen Das fremde Kind (1817). Viele Texte der phantastischen Literatur (wie etwa Gullivers Reisen von Jonathan Swift, The Legend of Sleepy Hollow von Washington Irving oder die Geschichten um den Baron Münchhausen) wurden erst durch spätere Bearbeitungen zu kanonischen Werken der Kinder- und Jugendliteratur.
Erst spät entstand, aufgrund des lang anhaltenden Erfolges der Phantastik, aber auch der Gothic Novels, phantastische Literatur speziell für junge Menschen. Hier war insbesondere die angelsächsische Literatur Vorreiterin und produzierte einen schier unerschöpflichen Vorrat an Klassikern; dazu gehören Alice im Wunderland (1865) von Lewis Carroll, Die Geschichte von Peter Hase (1902) von Beatrix Potter, Peter Pan (1911) von J. M. Barrie, Pu der Bär (1926) von A. A. Milne, Der Wind in den Weiden (1908) von Kenneth Grahame, Psammy sorgt für Abenteuer (1902) von Edith Nesbit und Der Hobbit (1937) von J. R. R. Tolkien. In anderen Sprachen erschien beispielsweise Pinocchio (1865) von Carlo Collodi und Gerdt von Bassewitz’ Schilderung von Peterchens Mondfahrt (1911).
Zu den Klassikern aus jener Zeit zählt auch L. Frank Baums Der Zauberer von Oz (1900), der als vielleicht erster amerikanischer Roman dieser Gattung gilt. Noch mitten im Zweiten Weltkrieg erschien mit Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry ein französisches Werk, das heute als moralisches Märchen begriffen wird.
Häufig spielten Kinderbücher in der Tierwelt: ab 1906 erschien Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen, eine Geschichte der Nobelpreisträgerin Selma Lagerlöf, in der ein 14-jähriger Junge in einen Wichtel verwandelt wird und mit einem Ganter seines Hofes durch Schweden reist; auch Rudyard Kipling versetzte ab 1894 in seinen Dschungelbüchern einen Jungen in die Lage, mit Tieren des indischen Dschungels zu sprechen; 1923 veröffentlichte Felix Salten den Roman Bambi, worin das Aufwachsen des gleichnamigen Rehs erzählt wird – Menschen treten darin nicht als Protagonisten auf, sondern fungieren nur als Bedrohung der Hauptfiguren; Protagonist des 1912 veröffentlichten Buches Die Biene Maja und ihre Abenteuer von Waldemar Bonsels ist das gleichnamige Insekt, das geboren wird und sich in seiner Welt zurechtfinden muss. Die beiden letzten Bücher finden wie viele damalige Erfolge heutzutage kaum noch Verbreitung. 1932 erschien Erich Kästners phantastisches Kinderbuch Der 35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee. Nach dem Zweiten Weltkrieg verfasste er weitere phantastische Kinderbücher (Die Konferenz der Tiere, 1949; Des Freiherrn von Münchhausen wunderbare Reisen und Abenteuer zu Wasser und zu Lande, 1951; Gullivers Reisen, 1961; Der kleine Mann, 1963)
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Im deutschsprachigen Raum Schwerpunkt der Kinder- und Jugendliteratur waren nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst die Klassiker der vorherigen Jahrzehnte (Robinson Crusoe, Winnetou, Die Schatzinsel). Für Mädchen wurden Heidi, Der Trotzkopf und Nesthäkchen als angemessen angesehen. Eine moderne, altersgerechte, die Realität reflektierende Literatur fehlte, war in der Nachkriegszeit aber auch nicht gefragt. Kinder sollten den kulturbewahrenden Positionen der Zeit gemäß vor den Problemen des Erwachsenwerdens geschützt werden, wofür sich gerade phantastische Geschichten anboten, die die Probleme des Alltags ausblendeten.
In den 1950er-Jahren schufen die österreichischen Autorinnen Erica Lillegg (Vevi, 1955) und Vera Ferra-Mikura (Zaubermeister Opequeh, 1956) genuine Werke der phantastischen Kinderliteratur im deutschsprachigen Raum. Ihr Einfluss auf die Entwicklung der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur war jedoch gering. Frühe Vertreter der phantastischen Kinderliteratur in der Bundesrepublik sind Otfried Preußler (Der kleine Wassermann, 1956 / Die kleine Hexe, 1957) und James Krüss (Der Leichtturm auf den Hummerklippen, 1956). In der Kinder- und Jugendliteratur der Schweiz hält das Phantastische erst Ende der sechziger Jahre Einzug.
Die wissenschaftliche Diskussion zur Phantastik im Kinderbuch wurde angestoßen von Anna Krüger und Ruth Koch. 1954 stellte Anna Krüger in der Veröffentlichung Das Buch – Gefährte Eurer Kinder als eine der ersten fest, dass es vermehrt „phantastische Abenteuergeschichten“ für Kinder und Jugendliche gebe, die sich in zunehmendem Maße von den althergebrachten Märchen unterschieden und die als eigenständiger Literaturbereich betrachtet werden müssten. Zu dieser Ansicht hatten vor allem die phantastischen Erzählungen aus dem europäischen Ausland beigetragen, die gerade zu Beginn der 1950er Jahre immer bekannter wurden. Dazu gehören neben den bereits oben genannten die Mary-Poppins-Bücher von Pamela L. Travers, Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf, die vor allem Mädchen ein neues Rollenmodell bot, und Hugh Loftings Doktor Dolittle und seine Tiere, dessen Protagonist die Fähigkeit besitzt, mit Tieren zu sprechen. Zum Teil fanden diese Werke erst jetzt den Weg nach Deutschland, obwohl sie schon lange zuvor entstanden waren (der erste Teil der Doktor-Dolittle-Reihe wurde 1920 veröffentlicht). Ruth Koch prägte 1959 den Begriff „phantastische Erzählung“ in Bezug und Abgrenzung zu Anna Krüger. Sie schreibt: „Die phantastischen Erzählungen stehen zwischen Märchen und Abenteuergeschichten und erhalten alle ein Stück Realität.“ Sie analysiert bekannte und neu erschienene phantastische Texte von P. L. Travers, Hugh Lofting, C. S. Lewis, Eric Linklater (England), Astrid Lindgren (Schweden) und Erich Kästner, Uta von Witzleben, Lisa Tetzner, Erica Lillegg und Hans Baumann (Deutschland und Österreich).
International
International wurde dieses Genre in der Nachkriegszeit weiterhin von der englischen Fantasy geprägt: C.S. Lewis verfasste ab 1949 die siebenteilige Reihe Die Chroniken von Narnia und eiferte damit seinem Freund J.R.R. Tolkien nach, der 1954 das wohl einflussreichste Fantasywerk überhaupt veröffentlichte: Der Herr der Ringe, das Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen faszinierte und das Genre einem neuen Publikum zugänglich machte. Eine endlose Zahl von Romanen folgte Tolkiens Geschichten aus Mittelerde, von Die Chroniken von Prydain Lloyd Alexanders (ab 1964) über Ursula K. Le Guins Erdsee-Zyklus (ab 1968) bis zu Christopher Paolinis Eragon-Reihe (ab 2004).
Einer der bekanntesten Jugendromane ist Herr der Fliegen (1954), dessen Einordnung als Phantastik (im Rahmen der Science-Fiction) umstritten ist und der von einer Gruppe von Schülern erzählt, die vor einem Atomschlag in Sicherheit gebracht werden sollen, deren Flugzeug aber abstürzt. William Golding erhielt dafür den Literaturnobelpreis.
Zu den bekanntesten Autoren im Bereich der phantastischen Kinderbücher gehört Roald Dahl, der ab 1961 seine zahlreichen Kinderbücher verfasste, in denen Kinder auf Riesen, Hexen, Riesenpfirsiche und Oompa Loompas treffen oder Zauberkräfte entwickeln. Unübertroffen in ihrem Reichtum an Gedanken und Ideen ist die Schwedin Astrid Lindgren, die den fliegenden Karlsson vom Dach erfunden hat, dazu die Welten, in denen der Junge wandert, den sein Vater Mio, mein Mio ruft, und Die Brüder Löwenherz.
Auch in Bilderbüchern finden sich vermehrt phantastische Elemente. Dr. Seuss, einer der bekanntesten amerikanischen Kinderbuchautoren ersann den Kater mit Hut (1957), den Grinch (1957), der Weihnachten stehlen will, und die Hu, kleine Wesen, die in eine Notlage geraten und einen Elefanten um Hilfe bitten (Horton hört ein Hu, 1954); von William Steig stammt etwa das missmutige Ungeheuer Shrek (1990); unzählige Nachahmer fand auch Maurice Sendak, der seinen kleinen Helden in Wo die wilden Kerle wohnen (1963) in Gedanken zum König der Monster aufsteigen lässt. Tiere werden häufig eingesetzt, sind aber Menschen nachgebildet und verhalten sich selten artgerecht. Zumeist repräsentieren sie Typen in der Manier der Fabel: so ist die Maus oft bei Konfrontationen schwach, aber intelligent (Julia Donaldson, Der Grüffelo, 1999), Wölfe hingegen verhalten sich wild und eigensinnig (David Melling, Die wilden Strolche, 2007).
Ab Ende der 1960er Jahre Deutschsprachiger Raum Erst ab Ende der 1960er Jahre begannen sich deutschsprachige Autoren auf breiter Fläche mit der Kinder- und Jugendliteratur zu befassen. Es wurde erkannt, dass Kinder- und Jugendbücher zur Sozialisation und Erziehung beitragen können. Die 68er-Bewegung stellte Durchsetzungsfähigkeit, Selbstvertrauen und Kritikfähigkeit als Erziehungsziele auf. Vor diesem Hintergrund gelang Paul Maar mit seiner Figur des Sams, das er erstmals 1973 in Eine Woche voller Samstage auftreten ließ, ein großer Erfolg. Die Geschichte des zurückhaltenden, ängstlichen Herrn Taschenbier, der unverschämten Zeitgenossen nur wenig Selbstbewusstsein entgegenzusetzen hat, bot Kindern genügend Raum zur Identifikation. Gleichzeitig reiht sich das schweinsnasige Sams, ausgestattet mit einem außerordentlichen Sprachwitz und ständig zu verrückten und mitunter respektlosen Einfällen neigend, nahtlos in die Reihe unangepasster Kinderfiguren wie des Struwwelpeters, Max und Moritz oder Pippi Langstrumpf ein. Trotz aller Komik, die das Sams mit sich bringt, nimmt es gegenüber der Welt der Erwachsenen, die von Autoritätsdenken geprägt ist, eine kritische Haltung ein.
Christine Nöstlingers Wir pfeifen auf den Gurkenkönig (1972) ist ein Beispiel dafür, wie das phantastische Element auf die Realität zurückwirken kann. Genau wie die ‚Gurkinger‘ ihren despotischen König vertreiben, gelingt es der Familie Hogelmann gemäß den gesellschaftlichen Idealen der Zeit, die Machtverhältnisse in der Familie zu hinterfragen und sich vom autoritären Vater zu lösen. Gleichzeitig hoben Otfried Preußlers Krabat (1971) und Michael Endes Momo (1973), die beide in der Tradition des Kunstmärchens stehen, die Kinder- und Jugendliteratur durch die Vielschichtigkeit und ihren Anspruch auf ein einzigartiges Niveau und verhalfen ihren Werken zu einer Anerkennung als Literatur.
Ende der 1970er Jahre begann eine gesellschaftliche Trendwende: der Rückzug ins Private, in die Innerlichkeit, die auch in der Kinder- und Jugendliteratur sichtbar wird. In Oh, wie schön ist Panama (1978) schickt der Zeichner und Texter Janosch einen kleinen Bären und einen kleinen Tiger auf eine abenteuerliche Reise ins unbekannte Panama, an deren Ende sie unwissend wieder nach Hause gelangen. Hier gilt das Motto: Zu Hause ist es doch am schönsten.
1979 erschien Die unendliche Geschichte von Michael Ende, in der der Weg in eine phantastische Welt keine Flucht, sondern einen Umweg zurück ins wahre Leben bedeutet. Der Junge Bastian Balthasar Bux kann nach seiner Rückkehr die Bewältigung seiner Alltagsprobleme mit viel Selbstvertrauen angehen.
Gemeinsam mit Momo führte Die unendliche Geschichte jahrelang die Bestsellerlisten an und etablierte das Genre in Deutschland. Michael Ende wurde zu einem der ersten weltweiten Erfolgsautoren der Nachkriegszeit, auch weil seine Geschichten auch von Erwachsenen gelesen wurden.
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