miniatur|hochkant=2|Nevers, Panorama, Kathedrale und Palais Ducal miniatur|Martyrium des hl. Quiricus und der hl. Julitta, 15. Jahrhundert miniatur|Kathedrale Nevers, Chorhaupt
Die Kathedrale Saint-Cyr-et-Sainte-Julitte dominiert das Panorama der Stadt Nevers vom gegenüber liegenden Westufer der Loire aus, in dem sie sich mit ihrer Südfront über die gesamte weitgehend historische Bebauung der Stadtfassade über den nahen Herzogpalast erhebt. Sie steht auf dem höchsten Punkt der teils noch von den mittelalterlichen Festungsmauern umgebenden Altstadt. Sie gehört zu den weniger bekannten Kathedralen Frankreichs.
St-Cyr et Ste-Julitte, der Heilige Quiricus und seine Mutter Julitta erlitten um 304 den Märtyrertod und wurden um den Beginn des 6. Jahrhunderts zu den Schutzpatronen des Bischofssitzes ernannt.
Wie es scheint, hat die Kathedrale Saint-Cyr-et-Sainte-Julitte ihren Standort niemals gewechselt.Rolf Toman, Ulrike Laule: Burgund, Architektur-Kunst-Landschaft. Könemann, S. 362.
Die Kathedrale ist Bischofssitz des Bistums Nevers und erhielt 1868 durch Papst Pius IX. den Titel einer Basilica minor.Basilique-Cathédrale Saint-Cyr-et-Sainte-Juliette auf gcatholic.org
Geschichte
Die geographisch wie topographisch günstige Lage am Zusammenfluss von Loire und Nièvre veranlasste die Häduer, einen der größten Keltenstämme, zur Gründung einer Siedlung. Nachdem diese mit den Römern ein Bündnis geschlossen hatten, benutzten diese die Siedlung als militärischen Nachschubposten. Vermutlich handelt es sich um das von Cäsar erwähnte Noviodunum Aeduorum. Um 52 vor Christus kündigten die Häduer diese Allianz, überfielen die Stadt und brannten sie nieder. Dies war einer der Auslöser für den Aufstand der gallischen Stämme gegen die römischen Eroberer. Nach der Unterwerfung der Gallier übernahmen die Häduer mit den Römern wieder die Vorherrschaft in Gallien und bauten die Stadt wieder auf, die danach Nervirnum hieß.
Im 4. oder 5. Jahrhundert umschloss man das Stadtgebiet zum ersten Mal mit einer Wehrmauer. Darin entstanden auch die Vorgängerbauten der Kathedrale.
Im ausgehenden 5. Jahrhundert wurde St-Cyr-et Ste-Julitte Bischofssitz. Bekannt wurde der legendäre Bischof Deodatus (sh. Deodatus of Nevers, engl. Artikel) der hier um die Mitte des 7. Jahrhunderts gelebt hat.
miniatur|hochkant=0.7|links|St-Étienne Nevers, Chorhaupt miniatur|Kathedrale Nevers, Baptisterium, ergrabene Überreste miniatur|hochkant=0.6|Baptisterium Fréjus Rund um die bischöfliche Kirche von Nevers gruppierten sich im frühen Mittelalter mehrere Klöster und Kirchen, die in den folgenden Jahrhunderten zu Pfarreien wurden. Zu ihnen gehörte auch die kunsthistorisch wesentlich bedeutendere Kirche St-Étienne de Nevers.
Die ältesten erhaltenen Teile der Gebäude des Bischofssitzes sind die Reste eines oktogonalen merowingischen Baptisteriums mit Taufbecken aus der vorromanischen Ursprungszeit von St-Cyr-et-Ste-Julitte, und Teile eines frühromanischen Baus, welche nach dem Zweiten Weltkrieg unter der Kathedrale ergraben worden ist, die man keiner der bislang bekannten Bauphasen zurechnen kann. In karolingischer Zeit (751–911) ist es mit einer größeren Rotunde auf Säulen überbaut worden, dessen Grundmauern um das Taufbecken ebenso freigelegt werden konnten (siehe Foto). Das damalige Bauwerk könnte Ähnlichkeit mit dem fast gänzlich erhaltenen Baptisterium der Kathedrale von Fréjus aufgewiesen haben.
Der Bau der ersten Kathedrale wurde begonnen mit der dreischiffigen karolingischen Krypta, die vermutlich noch im 10. Jahrhundert errichtet wurde und damals wohl oberirdisch lag, worauf die hohen Fenster hindeuten. Möglicherweise hat man damals noch nicht an einen großen Kathedralbau gedacht.
Heute befindet sich die Krypta unter dem Westchor des romanischen Kathedralbauwerks. Der Bau des Westchors wurde unter Bischof Hugues de Champallement 1031 begonnen und kurz nach der Jahrhundertmitte vollendet.
miniatur|links|Westchor, Fresko In seiner Wölbung wurde 1879 ein romanisches Fresko aus dem 12. Jahrhundert entdeckt, das 1990 restauriert worden ist. Es zeigt einen majestätischen Christus inmitten der Evangelistensymbole und im Kreise der apokalyptischen Greise, von denen noch zwölf zu erkennen sind.
Nicht lange nach Fertigstellung des Westchors errichtete man das romanische Westquerhaus. Es ist dem Westchor unmittelbar nach Osten.vorgelagert. Zusammen mit ihm entstanden die den Westchor flankierenden Nebenräumen. Im Grundriss erkennt man an den Wandanschlüssen, dass die Nebenräume nach Errichtung des Chors mit seinem Strebewerk errichtet worden sein müssen. Zeitlich ist der Bau des Querhauses und der Nebenräume ab der Mitte des 11. Jahrhunderts einzuordnen.
Über die mögliche weitere Ausdehnung der romanischen Kathedrale fehlen jegliche Belege. Vermutlich gab es ab dem Westquerhaus ein dreischiffiges Langhaus, vielleicht mit vier bis sechs Jochen, eventuell auch mit Emporen. Die Mittelschiffbreite entsprach vermutlich der Chorbreite, die Breite der Seitenschiffe denen der vorhandenen inneren Abschnitte der Querhausarme. Ob im Osten dann eine Fassade mit Portalen gestanden hat, vielleicht sogar mit einem Narthex und Türmen, oder ob es dort bereits einen zweiten Chor gab, ist nicht bekannt und kann nur gemutmaßt werden.
Jedenfalls war fast zur gleichen Zeit, in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts, das romanische Gebäude der dreischiffigen Basilika (mit Emporen) St-Étienne in der Nachbarschaft in Nevers entstanden. Möglicherweise pflegten die Baumeister bautechnische Kontakte oder es waren zeitweise sogar dieselben Bauleute?
Die romanische Kathedrale partizipierte offensichtlich noch von der Blütezeit der Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Nevers lag an einem der vier Hauptrouten nach Spanien, der Via Lemovicensis, deren Ausgangsort das nahe Vézelay war. Allerdings gingen mit den Streitigkeiten zwischen Frankreich und England die Pilgerbewegungen nach Mitte des 12. Jahrhunderts zurück und brachen im 13./14. Jahrhundert gänzlich zusammen.
Das romanische Langhaus brannte zu Beginn des 13. Jahrhunderts nieder und wurde dann gänzlich abgetragen.Rolf Toman, Ulrike Laule: Burgund, Architektur-Kunst-Landschaft. Könemann, S. 363.
In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts entstand unter Bischof Guillaume I. de Saint-Lazare (1204–1221) das breite hochgotische Langhaus, der heutige mittlere Abschnitt des Bauwerks. Über dessen östlichen Abschluss ist aus den Quellen nichts bekannt. Es ist aber zu vermuten, dass man bereits im 13. Jahrhundert an eine künftige Vollendung der Kathedrale mit einem großen östlichen Umgangschor gedacht hat. Der vorläufige Abschluss des Langhauses bestand aus ähnlichen Arkaden, die die Joche trennen, aber in deutlich kräftigeren Dimensionierungen, die die seitlichen Schubkräfte der hier endenden Scheidewandkonstruktionen übertragen mussten. Diese Arkaden wurden dann für etwa ein halbes Jahrhundert provisorisch abgeschlossen und man konnte ungestört mit vielen Gläubigen Gottesdienste zelebrieren.
Ab Beginn des 14. Jahrhunderts wurden dann unter Verzicht eines Ostquerhauses der heute bekannte Ostchor erbaut.
Dieser vielleicht noch unfertige Chor wurde bereits im Jahr 1308 durch einen weiteren Brand zerstört und kurz darauf noch im frühen 14. Jahrhundert wieder aufgebaut. Nach dessen Fertigstellung konnte man die provisorische Trennung vom Langhaus entfernen und die Feier der Gottesdienste nach Osten ausrichten. Das Westquerhaus wurde dann zu einer Art Narthex, der mit einem gotischen Kreuzrippengewölbe ausgerüstet worden ist, und dessen Fenster des Westwand vergrößert und höher angeordnet wurden.
Im frühen 14. Jahrhundert begann man auch mit der Errichtung des südseitigen Glockenturms im Renaissance-Stil im ersten Joch des Langhauses, dessen Fertigstellung sich bis in das 16. Jahrhundert hinzog. Gleichzeitig entstand auf der gegenüber liegenden Nordseite der Unterbau eines zweiten Turms, dessen Weiterbau mit dem Ausbruch der Religionskriege eingestellt wurde.
Die nachträgliche Anfügung der Seitenkapellen im Flamboyantstil geschmückt wird auf das 15./16. Jahrhundert datiert. Aus den Quellen geht nicht hervor, ob die Trennwände der Kapellen, oder Teile von ihnen bereits Bestandteil der gotischen Strebewerke der Schiffe waren oder ob sie erst mit dem Bau der Kapellen entstanden sind.
Einige der äußerst farbenreichen Fenster wurden ab 1990 von Künstlern verschiedener Länder geschaffen; die Entwürfe von Markus Lüpertz wurden nicht ausgeführt.
Bauwerk miniatur|hochkant=2.3|links|Kathedrale von Nevers, Grundriss, Handskizze Ungewöhnlich ist ihr Grundriss, siehe Handskizze. Die Kirche besitzt zwei Chöre, einen im Westen und einen im Osten. In der deutschen Kirchenbaukunst ist diese Variante in der Zeit des ottonisch-salischen Reichskirchensystems im 11. Jh. verbreitet gewesen (Worms, Mainz, Bamberg). in der französischen Architektur ist die Anlage gegenüber liegender Chöre aber selten. Warum man in Nevers zwei Chöre errichtet hat, bleibt immer noch ungeklärt.Burgund, Klöster-Schlösser-historische Städte und die Kulturen des Weinanbaus im Herzen Frankreichs. (= DuMont KunstReiseführer). 2003, S. 195.
Abmessungen zirka aus dem Grundriss entnommen und hochgerechnet:
Gesamtlänge (außen): 101,00 m (in einer Quelle vorgegeben) Langhauslänge (axial): 44,00 m Ostchorlänge mit Kapellenkranz (axial): 30,70 m Westchorlänge mit Querhaus (außen): 28,70 m Ostchorbreite ohne Umgang (axial): 16,80 m maximale Ostchorbreite mit Kapellen (außen): 48,90 m Mittelschiffbreite (axial): 15,50 m Seitenschiffbreite Langhaus (axial): 8,10 m Querhauslänge (quer zum Schiff, außen): 50,30 m Westchorbreite (innen): 11,90 m Westchortiefe (innen): 11,70 m Glockenturmhöhe: 52,00 m
Inneres Krypta links|miniatur|Krypta miniatur|hochkant|Krypta, Grundriss, Handskizze Der Boden der frühromanischen Krypta liegt nur fünf Stufen unter dem Boden des Westquerhauses. Sie wird von dort über zwei rundbogige Türöffnungen in ihrer Ostwand erschlossen. Ihr Grundriss steht auf einem Rechteck an das sich nach Westen ein Halbkreis anschließt, was demjenigen des Westchors darüber entspricht. Das Innere ist jedoch mit Pfeilern gegliedert in einen "Chor", der von einem Umgang umschlossen wird. Sechs freistehende etwa 2,5 Meter hohe Pfeiler, mit einem quadratischen Kern der allseitig von halbrunden Diensten in nur wenig geringerer Breite bekleidet ist, umschließen den Chor und bilden polygonale Felder, die von Kreuzgratgewölben überdeckt sind. Diese Felder werden von scharfkantigen Gurtbögen unterteilt. Der mittlere Gurtbogen ist innenseitig mit einem halbrunden Profil bedeckt. An den seitlichen Wänden stehen Pfeilervorlagen mit halbrunden Diensten, im Bereich der Apsisrundung sind es ganze Säulen ohne Pfeilervorlagen. Gurtbögen und Grate werden von den Pfeilern getragen, die oben vom kräftigen ausladenden Kämpferprofilen abgeschlossen werden. Säulen und Dienste weisen profilierte Basen auf. In der Apsisrundung sind drei rundbogige etwas gedrungene Fenster ausgespart, der Gewände stark aufgeweitet sind.
In der Krypta ist eine Grablegungsszene aus dem späten 15. / frühen 16. Jahrhundert aufgestellt, das Hauptthema der Bildhauerei der damaligen Zeit.
Westchor miniatur|Westchor aus dem Querhaus Der Boden des Westchors liegt immerhin zwölf Stufen über dem des Querhauses. Eine breite Treppe führt zu ihm hinauf. Diese wird auf jeder Seite von einer schmalen Treppe mit je fünf Stufen flankiert die zur Krypta unter dem Chor hinabführen.