Nerchau ist ein Ortsteil der Großen Kreisstadt Grimma im sächsischen Landkreis Leipzig. Gleichzeitig ist er der Name der Ortschaft Nerchau. Die Ortschaft besteht aus den Ortsteilen Nerchau selbst, Bahren, Cannewitz, Deditz, Denkwitz, Fremdiswalde, Gaudichsroda, Golzern, Gornewitz, Grottewitz, Löbschütz, Schmorditz, Serka, Thümmlitz und Würschwitz. Als Ortschaft nach der Sächsischen Gemeindeordnung hat sie gemäß ihrer Ortschaftsverfassung einen Ortschaftsrat und Ortsvorsteher.

Geographische Lage mini|Kirche Nerchau (Juni 2018)

Nerchau liegt im Tal der Vereinigten Mulde zwischen Grimma und Wurzen im Landkreis Leipzig in Sachsen.

Ortsteile der ehemaligen Gemeinde mini|Gänsemarkt mini|Bahndamm an der Mulde

Ortsteile von Nerchau waren:

Bahren Cannewitz Deditz Denkwitz Fremdiswalde Gaudichsroda Golzern Gornewitz Grottewitz Löbschütz Schmorditz Serka Thümmlitz Würschwitz

Geschichte Die Ersterwähnung geschah durch Thietmar von Merseburg im Jahr 974 als Nirichua, welches König Otto II. dem Hochstift Merseburg überlässt.

Mittelalter Der heutige Nerchauer Kirchberg bot ehedem mit seiner herausgehobene Lage eine gute Möglichkeit in einem Oval von etwa 120 × 70 Metern einen befestigten Platz, einen Burgward, auszubauen, der den Schutz der nahegelegenen Furt durch die Mulde und der über Leisnig und Wurzen verlaufenden Fernstraße ermöglichte. 1232 wurde der Burgward Nerechowe durch das Erzstift Magdeburg an das Hochstift Naumburg verkauft. Somit ging bei der zwischenzeitlichen Auflösung des Merseburger Bistums 981 Nerchau an das Erzbistum und wurde bei der Wiederherstellung des Merseburger Bistums nicht wieder herausgerückt, was Thietmar in seiner Chronik beklagt. Wie üblich wurde auf dem Burgwardterrain auch eine Kapelle erbaut, aus der Anfang des 11. Jahrhunderts die heutige Sankt-Martins-Kirche hervorging und den seltenen Umstand begründet, dass die Nerchauer Kirche nicht in der Ortsmitte, sondern am äußersten Rand steht.Horst Weber: Vom Burgward zur Stadtkirche - Betrachtungen zum ältesten Nerchauer Stadtteil, in: Rundblick-Jahrbuch 1995, Sax-Verlag Beucha 1995, Seite 102–104 Im Laufe des 15. Jahrhunderts hörte der Burgward auf zu bestehen. Dort erweiterte sich dann das Terrain der Kirche.Rudolf Priemer: Zur Stadtgeschichte von Nerchau, in: Rundblick-Information 11: Nerchau-Trebsen, Wurzen 1987, Seite 12

17.–19. Jahrhundert Am Ende des Dreißigjährigen Krieges im Jahr 1648 zählte Nerchau nur noch 300 Einwohner, von 60 Häusern waren noch 10 erhalten. Der Fährmann, der Leute, Tiere und Güter mit seinem Boot über die Mulde beförderte, wohnte bis 1802 auf der Nerchauer Seite in der Kirchstraße 9. Die ältesten Teile dieses Hauses gehen auf das Jahr 1649 zurück. Im Jahr 1803 wurde dann in Wednig ein ufernahes Fährhaus errichtet, wo 1893 auch eine Badeanstalt mit Badehaus entstand. Der Fährbetrieb entlang dem 120 Meter langen Stahlseil über die Mulde wurde 1971 endgültig eingestellt. Im Jahr 1807 erhielt Nerchau Stadt- und Marktrecht. 1813 lagerten Kosaken auf den Muldenwiesen und in der Stadt. Quartiere und Kontributionen wurden gefordert. Die nahe Muldenfurt wurde zum Weiterritt zur Völkerschlacht nach Leipzig benutzt. 1880 wurde die Feuerwehr und 1882 der Schützenverein in Nerchau gegründet. 1886 erfolgte der Neubau der Schule und 1892 wurde die Beamtenschule Nerchau eröffnet. Die Alte Schule befand sich auf der linken Seite am Aufgang zur Kirche. 1896 erfolgte die Fertigstellung des Clarastift in der Gornewitzer Straße 30 als Kinderbewahranstalt (Kindergarten) – heute Sozialstation.

20. Jahrhundert mini|Spar- und Girokasse Nerchau 2021, Entwurf und Ausführung Hugo Koch 1929–30

Im Jahre 1905 wurde die Turnhalle errichtet, 1916 das Städtische Wannenbad im Wiesental eröffnet. Im Jahr 1928 bestehen in der Stadt 32 Vereine, von A (Arbeiter-Samariter-Kolonne) bis Z (Züchterverein für Geflügel) und eine Sanitätskolonne. Ferner 10 Fabriken, 9 Bäckereien, 6 Fleischereien, 14 Kolonial- und Materialwarenhandlungen, 11 Töpfereien sowie 11 Gasthöfe, 3 Cafés und 4 Tankstellen.Uwe Cieslack (Hg.): Stadt Nerchau - Info über die Stadt, WEKA Informationsschriften, Mering 1999, Seite 7 Dazu kamen ein halbes Dutzend Seilereien und mehrere Ziegeleien.

1904 wurde in der Eisenbahnstraße die auf Steinkohlen-Verschwelung basierende Gasanstalt mit einem Gasometer von 500 Kubikmeter in Betrieb genommenWolfgang Sieber: Nerchauer Memoiren - meine Kindheitserinnerungen, verfasst 1993, Seite 44 und 1909 nach Errichtung des Wasserwerks begann das Anschließen der Grundstücke in der Stadt.

Das Gebäude des heutigen Kommunalen Kindergartens in der Jahnstraße 12 wurde 1938 nach Entwürfen des Architekten Hugo Koch erbaut, dem Nerchau außer einer von ihm im Wiesental 1921 schlicht gestalteten Kriegergedenkstätte für die 124 Gefallenen des Ersten Weltkriegs eine Reihe bemerkenswerter Bauten zu verdanken hatRudolf Priemer und Eberhard Fritzsche: Dr. Hugo Koch, 1883-1964 – Lebensbild eines bedeutenden Architekten, Geschichts- und Altertumsverein zu Grimma e. V., Grimma-Nerchau 2011 – so zum Beispiel die Sparkasse (1930), das Wohnhaus mit Arztpraxis Dr. Fritzsche (1934) in der Gornewitzer Straße 34 (heute Ärztehaus), Doppelwohnhäuser in der Jahnstraße 5/7 bzw. 9/11 (1933) und die Kleinhaussiedlung Am Graben (1934). Koch betreute ebenfalls die Umbauten der Beamten- sowie der Mittelschule (1927–1930 und 1947).Köbernick, Solveig: Großstadtgrün und Hausgarten - Hugo Kochs Beiträge zur Gartengeschichte und zur Theorie der modernen Garten- und Parkgestaltung 1910-1933, Hochschulschrift Leipzig, Univ., Diss., 2008, Bd. 2, Abbildungs- und Werkverzeichnis, S. 91–344

Am 23. Oktober 1943 kam es zu zahlreichen Bränden und Gebäudeschäden nach dem Abwurf anglo-amerikanischer Spreng- und Brandbomben. Die Kartonagenfabrik Rommel & Co. wurde vollständig, die Farbenwerke teilweise ausgebombt, aber auch Güter am Marktplatz erhielten Treffer. Nachdem kurz vor Kriegsende ein fanatischer Volkssturmmann vom östlichen Bahndamm aus einen amerikanischen Soldaten an der Wedniger Fähre von seinem Motorrad herunterschoss, erfolgte am 19. April 1945 ein gezielter Beschuss Nerchauer Gebäude durch US-amerikanische Artillerie- und Panzergranaten. Die Geschosse beschädigten die Kirche mit den bleigefassten farbigen historischen Fensterverglasungen, das Obergeschoss der Hauptschule und die Villa Georg Bartsch nordöstlich des Bahnhofs, welche komplett niederbrannte.Wolfgang Sieber: Nerchauer Memoiren - meine Kindheitserinnerungen, verfasst 1993, S. 3 Auf dem Markt in Nerchau detonierte mitten in dem dort auf Einweisung in Quartiere wartenden Flüchtlingstreck eine Panzergranate und tötete zahlreiche Frauen und Kinder. Sie wurden in einem Massengrab auf dem Nerchauer Friedhof (am Wegekreuz) beigesetzt. Nerchau wurde zunächst am 26. April 1945 von amerikanischen, ab 5. Mai 1945 von russischen Truppen eingenommen und war kurze Zeit Kommandanturstandort der Sowjetarmee. Der Zweite Weltkrieg kostete 189 Bürgern Nerchaus das Leben.Heimatverein Nerchau: Die Endphase des zweiten Weltkriegs in Nerchau

DDR Am 1. Januar 1952 wurde die bis dahin eigenständige Gemeinde Gornewitz eingegliedert, 1964 die Gemeinde Grottewitz mit den Ortsteilen Zaschwitz und Löbschütz. Mit Abrissziegeln der ausgebrannten Villa Bartsch wurde auf der Basis des Nationalen Aufbauwerks (NAW) 1954/1955 ein neues Umkleidegebäude auf dem Sportplatz errichtet. Ebenfalls 1954 erfolgte an der Turnhalle der Anbau einer Kegelbahn, die 1971 baulich erweitert und 1985 technisch modernisiert wurde.

Die Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft (AWG) baute 1959 in der Straße der DSF – heute Neichener Straße – 24 Wohnungen, und 1967 entstanden als Neubau in der Grimmaischen Straße 18 kommunale Wohnungen. In NAW-Initiative wurde eine 1967 eingeweihte Minol-Tankstelle in der Gornewitzer Straße gebaut. Dem Nerchauer Kinoleiter Siegfried Schmidt, der bereits Anfang der 60er Jahre Freiluft-Filmvorführungen auf dem Sportplatz zu veranstalten begonnen hatte, ist es maßgeblich zu verdanken, dass ab 1969 die Parkbühne Nerchau auf dem Gelände der ehemaligen Villa Bartsch als attraktive Spielstätte der Sommerfilmtage zur Verfügung stand.

Am 5. Oktober 1974 feierte Nerchau das Jahr seiner Ersterwähnung vor 1000 Jahren mit einem großen Festumzug. In der Festwoche wurde das rekonstruierte Kulturhaus der Öffentlichkeit übergeben. Im Herbst 1977 erfolgte aus dem Saal des Kulturhauses eine Live-Übertragung der die Stadt porträtierenden Hörfunk-Sendung Alte Liebe roste nicht. 1985 wurde nach umfangreicher Rekonstruktion des alten Lichtspieltheaters das erste Kino-Café des Bezirks Leipzig eröffnet.

Freistaat Sachsen Durch die Eingemeindung von Fremdiswalde mit Gaudichsroda, von Cannewitz mit den Ortsteilen Denkwitz, Thümmlitz und Serka, sowie von Golzern mit Bahren und Deditz im Jahr 1994 betrug die Einwohnerzahl 4400.Uwe Cieslack (Hg.): Nerchau und Umgebung, Geiger-Verlag, Horb am Neckar 1994, Seite 8–10 Am 21. Januar 1998 wurde das Haus der Jugend und des Sports, Jahnstraße 12a, eingeweiht und am 21. Oktober 2000 im Rahmen der Neugestaltung des Marktes der Gänsebrunnen. Im Jahr 2003 wurde das neu erbaute Bürgerzentrum der Öffentlichkeit übergeben. Mit dem 1. Januar 2011 erfolgte die Fusion mit Grimma.StBA: Gebietsänderungen vom 01. Januar bis 31. Dezember 2011

Bürgermeister der Stadt Nerchau

Regelmäßige Veranstaltungen Mulde-Regatta (August) Muldentalhalbmarathon Wurzen–Grimma (April) Gänsefest (November) Airlebnistage (September/Oktober)

Verkehr Ursprünglich hatte Nerchau eine zweifache Anbindung an die Eisenbahn: Einerseits mit der 1877 eingeweihten und 1969 für den Personenverkehr stillgelegten Teilstrecke Golzern-Wurzen der ehemaligen Bahnstrecke Glauchau–Wurzen (Muldentalbahn) und andererseits mit einem Haltepunkt für den Ortsteil Gornewitz an der von 1888 bis 1967 existierenden Schmalspurbahn Mügeln–Neichen. Zur Zeit der Eröffnung der Muldentalbahn besaß Nerchau ab 1878 zunächst nur eine Station für Personen- und Güterverkehr in Neichen, die 1879 die Bezeichnung Nerchau-Trebsen erhielt. Erst 1903 wurde ein eigener, am westlichen Stadtrand gelegener Haltepunkt errichtet, der im Mai 1908 als vollwertiger Bahnhof eröffnet wurde und dessen Anlagen auch dem unbeschränkten Güterverkehr dienten.Manfred Berger: Die Muldentalbahn. transpress-Verlag Berlin 1981, S. 149. In den Jahren 1953 bis 1956 erhielt die Farbenfabrik Nerchau ein von der Muldentalbahn abgezweigtes Anschlussgleis, welches 40 Jahre später wieder zurückgebaut wurde. Das Kursbuch der Deutschen Reichsbahn vom Sommer 1966 verzeichnete für die Strecke 146b Grimma unterer Bahnhof – Wurzen zum Nerchauer Bahnhof zwischen 4:11 Uhr und 20:14 Uhr zehn Ankünfte und Abfahrten von Personenzügen pro Tag – für die Schmalspurbahn-Strecke 164f Neichen – Mügeln – Oschatz zum Haltepunkt Nerchau-Gornewitz zwischen 7:26 Uhr und 19:51 Uhr 14 An- und Abfahrten im Personenverkehr.Kursbuch der Deutschen Reichsbahn: Sommerfahrplan 1966. Reprint Verlag Rockstuhl, Bad Langensalza 2020, ISBN 978-3-95966-514-8

Südlich von Nerchau verläuft die Bundesautobahn 14, die nächstgelegenen Anschlussstellen sind Grimma und Mutzschen. 1968 begann der Autobahnneubau mit der 30 m hohen Muldenbrücke Nerchau Gestalt anzunehmen. Am 5. Oktober 1971 wurde die 342 m lange Autobahnbrücke übergeben.Rudolf Priemer und Horst Weber: Nerchau und Trebsen. In: RUNDBLICK-Information, Heft 11, Wurzen 1987, S. 16–17.

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