Der Wiener Singverein (offiziell: Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien) ist der Konzertchor des Wiener Musikvereins mit rund 250 aktiven Mitgliedern.
Vorgeschichte 1812 wurde in der Winterreitschule der Wiener Hofburg das Händel-Oratorium Timotheus oder die Gewalt der Musik aufgeführt,. ein Ereignis, das einen wesentlichen Impuls zur Gründung der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien darstellte. Auf Antonio Salieris Initiative gehen die ersten Choraktivitäten des Musikvereins zurück. Im August 1817 wurde mit „24 Zöglingen beiderlei Geschlechts“ eine Chorschule begründet, deren Leitung Philipp Korner und Joseph Frühwald übernahmen, die die Choristen nach der Methode des Domkapellmeisters Joseph Preindl (Oberleitung: Vinzenz Hauschka) unterrichteten. Ein erster Auftritt des Musikvereins-Chores erfolgte dann am 3. Mai 1818 im Großen Redoutensaal.Wiener Zeitung, 9. Mai 1818, Nr. 105, Titelseite Am 7. Mai 1824 war dieser Chor auch an der Wiener Erstaufführung der Missa solemnis und der Uraufführung der 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven in der Hofoper im Kärntnertortheater beteiligt.
Geschichte mini|1817 gründete Salieri zur Ausbildung von Solisten und Choristen des Musikvereins die Singschule im Haus zum Roten Apfel, Singerstraße Das Gründungsdatum des Chors in seiner heutigen Form ist 1858. Erster Chefdirigent bis zu seinem Wechsel an die Wiener Hofoper war Johann von Herbeck. Die Reihe der Uraufführungen, an denen der Singverein maßgeblich beteiligt war, reicht von Franz Schubert (dem Singspiel Die Verschworenen, dem Musikalischen Drama Lazarus), Brahms (Ein deutsches Requiem), über Anton Bruckner (Messe f-Moll,Max Auer: Anton Bruckner, Sein Leben und Werk. Wien 1932, S. 250–53. Siehe auch folgenden Artikel im Magazin Musikfreunde, April 2013 Te Deum), Gustav Mahler (8. Sinfonie) und Franz Schmidt (Das Buch mit sieben Siegeln), bis hin zu Komponisten der zweiten Nachkriegszeit wie Gerd Kühr, Christian Muthspiel, Arvo Pärt, Wolfram Wagner und Otto M. Zykan. Zu den wichtigen Wiener Erstaufführungen gehörten u. a. 1866 La damnation de Faust und diverse weitere Werke von Berlioz, 1898 Quattro pezzi sacri von Verdi sowie 1964 Benjamin Brittens War Requiem unter Leitung des Komponisten, mit Peter Pears und Dietrich Fischer-Dieskau in den Solopartien.
Seit seiner Gründung ist der Singverein Partner bedeutender Dirigenten, darunter Franz Schalk, Wilhelm Furtwängler, Dimitri Mitropoulos, Karl Böhm und Leonard Bernstein. Von 1947 bis 1989 prägte Herbert von Karajan das Profil des Chores und machte den Wiener Singverein auch durch Schallplattenaufnahmen und Konzertfilm-Produktionen auf Laserdisc weltbekannt. 1957 war der Wiener Singverein einer der Preisträger des Karl-Renner-Preises der Stadt Wien.Wiener Rathauskorrespondenz, 13. Dezember 1957, Blatt 2454 Wiener Rathauskorrespondenz, 11. Jänner 1958, Blatt 38
Konzerttourneen gab es nach Australien, Japan und in die USA; weitere Konzerte u. a. in Israel, Athen, Berlin, Budapest, Frankfurt, London, Madrid, Moskau, München, Paris, Pisa, Rom und Zürich, ferner auch 1959 eine Aufführung des Bruckner-Te Deums im Vatican sowie 1985 jene von Mozarts Krönungsmesse bei einem Hochamt mit Papst Johannes Paul II. im Petersdom unter der Leitung von Karajan.
Chordirektoren Zu den Chordirektoren nach Johann Herbeck zählen u. a. Johannes Brahms, Ferdinand Grossmann, Reinhold Schmid, Helmuth Froschauer und seit 1991 Johannes Prinz.
Dirigenten, Orchester und Ehrenmitglieder In jüngerer Zeit arbeiteten mit dem Wiener Singverein u. a. Alain Altinoglu, Leif Ove Andsnes, Giovanni Antonini, Christian Arming, Daniel Barenboim, Jiří Bělohlávek, Bertrand de Billy, Herbert Blomstedt, Michael Boder, Ivor Bolton, Andrey Boreyko, Pierre Boulez, Rudolf Buchbinder, Semjon Bytschkow, Karina Canellakis, Diego Ceretta, Riccardo Chailly, Elim Chan, Myung-Whun Chung, Christoph von Dohnányi, Gustavo Dudamel, Christoph Eschenbach, Wladimir Fedossejew, Ádám Fischer, Rafael Frühbeck de Burgos, James Gaffigan, Daniele Gatti, Waleri Gergijew, Gustavo Gimeno, Alois Glaßner, Stefan Gottfried, Mirga Gražinytė-Tyla, Thomas Guggeis, Leopold Hager, Daniel Harding, Nikolaus Harnoncourt, Martin Haselböck, Manfred Honeck, Jakub Hrůša, Marie Jacquot, Kristjan Järvi, Paavo Järvi, Mariss Jansons, Philippe Jordan, Wladimir Jurowski, Dirk Kaftan, Kirill Karabits, Ton Koopman, Emmanuel Krivine, Markus Landerer, Fabio Luisi, Cristian Măcelaru, Sir Charles Mackerras, Klaus Mäkelä, Guido Mancusi, Andrea Marcon, Wayne Marshall, Zubin Mehta, Cornelius Meister, Ingo Metzmacher, Felix Mildenberger, Riccardo Muti, Andris Nelsons, Jonathan Nott, Andrés Orozco-Estrada, Eiji Ōue, Seiji Ozawa, Krzysztof Penderecki, Andris Poga, Petr Popelka, Markus Poschner, Georges Prêtre, Sir Simon Rattle, François-Xavier Roth, Yutaka Sado, Esa-Pekka Salonen, Wolfgang Sawallisch, Michael Schønwandt, Lahav Shani, Dima Slobodeniouk, Tugan Sochijew, Stefan Soltesz, Juri Temirkanow, Christian Thielemann, Lorenzo Viotti, Marcello Viotti, Bruno Weil, Franz Welser-Möst, Johannes Wildner und Robert Zelzer.
Unter den kontinuierlich mit dem Singverein konzertierenden Wiener Orchestern sind zu nennen die Wiener Philharmoniker, die Wiener Symphoniker, das RSO Wien, das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, das Gustav Mahler Jugendorchester sowie u. a. beim Jubiläumskonzert der Gesellschaft der Musikfreunde im November 2012 erstmals auch der Concentus Musicus Wien.
Unter den auswärtigen Orchestern sind u. a. die Bamberger Symphoniker, die Berliner Philharmoniker, die Staatskapelle Berlin, das Bayerische Staatsorchester, das City of Birmingham Symphony Orchestra, die Capella Leopoldina, das Cleveland Orchestra, das Concertgebouw-Orchester Amsterdam, das Philharmonia Orchestra London, Orchestre de Paris, Orchestre Philharmonique de Radio France und das Orchestre National de France, das Orchestre National du Capitole de Toulouse, das Grazer Philharmonische Orchester, das hr-Sinfonieorchester, das Gewandhausorchester Leipzig, das London Philharmonic Orchestra, das Orchestre philharmonique du Luxembourg, die Österreichisch-Ungarische Haydn-Philharmonie, das Mozarteum-Orchester Salzburg, das Pittsburgh Symphony Orchestra, das Philharmonie-Orchester Ōsaka, das Shanghai Symphony Orchestra, das Tschaikowsky-Symphonieorchester des Moskauer Rundfunks, die St. Petersburger Philharmoniker, das Orchester des Mariinski-Theaters, die Tschechische Philharmonie, die Orquesta Sinfónica de la Juventud Venezolana Simón Bolívar, das Orchestra Giovanile Luigi Cherubini, das West-Eastern Divan Orchestra sowie das Kammerorchester des Opernhauses Zürich.
Zu den Ehrenmitgliedern des Chores gehören u. a. Igor Strawinski, Herbert von Karajan, Franz Welser-Möst, Wladimir Fedossejew, Andrés Orozco-Estrada und Thomas Angyan.
Jubiläum 2008 Die Jubiläums-Saison 150 Jahre Wiener Singverein (2008) wurde u. a. mit einer Konzertreise nach Moskau (Festakt mit der Missa Solemnis im Tschaikowski-Konservatorium), einem Festakt sowie einem gemeinsamen Konzert mit der Wiener Singakademie begangen, bei der sowohl im Musikvereinsgebäude als auch im Wiener Konzerthaus das Requiem von Hector Berlioz erklang. Als letzte Jubiläumskonzerte fanden in Amsterdam und Wien, gemeinsam mit dem Concertgebouw-Orchester Amsterdam unter Mariss Jansons vier Aufführungen von Antonín Dvořáks Requiem op. 89 sowie schließlich ein Leonard-Bernstein-Konzert und eine Festmesse mit Kardinal Christoph Schönborn mit der Aufführung von Beethovens Messe in C-Dur op. 86 im Stephansdom statt.
Die Saison 2009/10 begann u. a. mit einer Konzertreise nach Japan, wo in der Izumi-Hall in Osaka Konzerte mit Haydns Schöpfung und Brahms’ Requiem stattfanden. Unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt wurde anlässlich seines 80. Geburtstags wieder das Buch mit sieben Siegeln aufgeführt. Pierre Boulez leitete anlässlich seines 85. Geburtstages Konzerte mit den Wiener Philharmonikern und dem Singverein; zu Gehör kamen dabei das Lied der Nacht (Symphonie Nr. 3, op. 27) von Szymanowski und die Symphonie de psaumes von Strawinski sowie die Glagolitische Messe (Glagolská mše) von Janáček. Außerdem wurde der Chor erstmals von Christian Thielemann zur Aufführung von Beethovens 9. Sinfonie in dem Gesamtzyklus der Beethoven-Symphonien mit den Wiener Philharmonikern herangezogen. Auch am Wiener Sommernachtskonzert 2010, das die Philharmoniker im Park von Schloss Schönbrunn gaben und das live vom ORF und international auf 3sat übertragen wurde, war der Singverein mit der Darbietung von Otto Nicolais Mondchor aus den Lustigen Weibern von Windsor beteiligt. Nach zwei Aufführungen von Arthur Honeggers Jeanne d’Arc au bûcher im Linzer Brucknerhaus und in Wien – mit dem RSO unter Bertrand de Billy, Johanna Wokalek, Peter Matić, Herbert Lippert und den Wiener Sängerknaben – hat der Chor mit diesem Werk auch bei den Salzburger Festspielen in der Felsenreitschule gastiert. Es war das letzte Konzert von de Billy als Chefdirigent des RSO, die Jeanne verkörperte Fanny Ardant. Darüber hinaus bot der Singverein beim Musik-Festival Grafenegg Felix Mendelssohn Bartholdys Kantate Die erste Walpurgisnacht (MWV D 3) dar.
2010 bis 2021 Zur Feier des hundertjährigen Jubiläums der Uraufführung von Mahlers 8. Sinfonie (Sinfonie der Tausend), an der der Singverein im September 1910 beteiligt war, war der Chor neben dem Philharmonischen Chor München und dem Tölzer Knabenchor zur Mitwirkung in der Philharmonie im Gasteig eingeladen, die Aufführungen haben unter Leitung von Christian Thielemann im Oktober 2010 stattgefunden.
Für das Jahr 2011 wurden u. a. Konzerte mit Werken von Olivier Messiaen, Schostakowitsch und Mahler unter Ingo Metzmacher, Bruckners e-Moll-Messe und Chorwerke von Benjamin Britten, John Stainer, Henry Balfour Gardiner und Peter Planyavsky sowie ein Bach-Händel-Programm unter Johannes Prinz einstudiert. Erstmals fanden Auftritte unter der Leitung von Cornelius Meister und Gustavo Dudamel statt, der bei den Salzburger Festspielen eine Aufführung von Mahlers 2. Sinfonie (Auferstehungssinfonie) leitete.Einen Fernseh-Mitschnitt des Konzerts strahlte der Staatliche Fernsehsender von Venezuela aus.
Zu den Jubiläumskonzerten anlässlich der Feier 200 Jahre Musikverein 2012 zählten u. a. im Mai und Juni 2012 eine Darbietung von Chören Antonio Salieris unter Riccardo Muti sowie die der Gurre-Lieder von Arnold Schönberg unter Zubin Mehta, unter Mitwirkung des Männerchors der Staatsoper und des Wiener Kammerchors.
Auf Einladung von Wladimir Fedossejew und unter seiner Leitung wurde am 30. September 2012 in Moskau Honeggers Le Roi David dargeboten und zugleich in einer Livestream-Aufzeichnung übertragen.Der Mitschnitt des Moskauer Konzerts vom 30. September 2012 (gesungen in französischer Sprache mit russischen Zwischentexten) ist unter folgender im Netz abrufbar. Ende Oktober 2012 trat der Singverein unter Christian Arming und Alois Glaßner wiederum mit geistlichen Werken von Beethoven, Mozart und Schubert in Osaka (Japan) auf.
Erstmals sang der Chor auch unter Manfred Honeck Werke von Mahler, Mozart und Herbert Willi.
Anlässlich des 200. Jahrestags der Aufführung von 1812 hat der Singverein am 28. und 29. November 2012 Händels Timotheus oder die Gewalt der Musik unter Nikolaus Harnoncourts musikalischer Leitung gemeinsam mit dem Concentus musicus als Festkonzert der Gesellschaft der Musikfreunde wieder zur Aufführung gebracht.
Nachdem der Singverein an der Wiener Erstaufführung von Berlioz’ La damnation de Faust unter Leitung des Komponisten am 16. Dezember 1866 mitgewirkt hatte, kam die „Dramatische Legende“ bei ihrer elften Einstudierung am 22. Februar 2013 unter Tugan Sochijew erneut zu Gehör.
Zum Abschluss der Jubiläumssaison haben die Wiener Symphoniker, ein Solistenensemble und der Singverein unter Ingo Metzmacher am 27. April 2013 in der von Kardinal Schönborn zelebrierten Messe im Wiener Stephansdom Bruckners Messe in f-Moll zu Gehör gebracht.