Der Begriff Schreibprozess bezeichnet den Prozess des Schreibens, also die Gesamtheit von Vorgängen, die zum selbstständigen Produzieren eines Textes nötig sind. Grob lässt sich jeder Schreibprozess in die Phasen des Planens, Formulierens und Überarbeitens gliedern. Die einzelnen Prozesse stellen hohe Anforderungen an das Arbeitsgedächtnis; ein Schreibprozess benötigt normalerweise viel Zeit, weil man langsamer schreibt als man spricht und weil man Zeit zum Nachdenken und Formulieren benötigt.

In der Schreibforschung wurden seit den 1980er Jahren mehrere Modelle entwickelt, die die einzelnen Komponenten des Schreibprozesses darstellen. Besonders bekannt wurde das Modell, das John R. Hayes und Linda S. FlowerLinda S. Flower: Revising writer-based prose. S. 62–74 (1980) präsentierten. Dieses stark auf der Kognitionspsychologie fußende Modell wurde von Hayes in den folgenden sechzehn Jahren aufgrund von empirischen Studien weiterentwickelt und modifiziert, bis er 1996 eine weitere Version vorstellte, in der auch affektive und soziale Faktoren als wichtige Komponenten des Schreibprozesses dargestellt werden.

Schreibforscher beschäftigen sich mit den Prozessen beim Schreiben, um besser nachzuvollziehen, welche individuellen und äußeren Faktoren (wie z. B. Motivation, Arbeitsumgebung oder Adressatenwissen) das Gelingen der Textproduktion beeinflussen. Schreiben spielt in der Schulbildung, im Hochschulstudium, aber auch in vielen Berufen eine große Rolle; daher ist ein Ziel der Schreibforschung, durch die Erkenntnisse über den Schreibprozess das Schreiben angenehmer und wirkungsvoller zu machen.

Kognitive und affektive Faktoren Als kognitiv bezeichnet man die Prozesse im Gehirn, die sich auf das Verarbeiten von Informationen zur Erkenntnisgewinnung beziehen. Ein kognitiver Faktor beim Schreiben ist z. B. die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses. Affektiv hingegen sind die Komponenten, die sich auf Emotionen und Stimmungen beziehen. Die Empfindung von Lust oder Unlust beim Schreiben ist beispielsweise ein affektiver Aspekt. Während des Schreibprozesses spielen also sowohl kognitive als auch affektive Faktoren eine Rolle, da einerseits Komponenten wie die Verarbeitungskapazität, aber auch Emotionen auf den Erfolg des Schreibprozesses einwirken.

Das Schreibprozessmodell von Hayes Das Modell von Hayes und Flower In dem von Hayes und Flower (1980)John R. Hayes, Linda S. Flower: Identifying the Organisation of Writing Processes. In: Lee W. Gregg, Erwin Steinberg: Cognitive Processes in Writing. Lawrence Erlbaum Associates, Hillsdale 1980. vorgestellten Modell unterscheiden die Autoren zwischen drei großen Komponenten, die den Schreibprozess beeinflussen: Zum einen hat jeder Schreibende eine bestimmte Aufgabenumgebung; d. h. eine ihm gestellte Schreibaufgabe mit einem bestimmten Thema und bestimmte Adressaten sowie zu jedem Zeitpunkt des Schreibens unterschiedliche bereits produzierte Textteile. Als weitere Hauptkomponente sahen Hayes und Flower die kognitiven Prozesse des Schreibenden: Planen, Formulieren und Überarbeiten. Diese wurden überwacht durch eine Art Kontrollinstanz, den so genannten Monitor. Die dritte große Rolle wurde dem Langzeitgedächtnis des Schreibers zugewiesen: aus diesem sollte das Wissen über das zu bearbeitende Thema, über den Schreibplan sowie über die Adressaten kommen.

Das Modell von 1996 Im modifizierten Modell von 1996 schlägt Hayes nur noch zwei große Komplexe vor, denen er einzelne Faktoren und Teilprozesse des Schreibprozesses zuschreibt: Er unterscheidet zwischen Aufgabenumgebung und Individuum und stellt damit die Bedeutsamkeit individueller Unterschiede beim Schreibprozess heraus.

Die Aufgabenumgebung sieht er wiederum unterteilt in physische und soziale Umgebung. Der physischen Umgebung rechnet er beispielsweise das Schreibmedium (z. B. Stift vs. Computertastatur) zu, aber wiederum auch den bisher bereits geschriebenen Text. Durch die Bedeutung der sozialen Umgebung macht er darauf aufmerksam, dass er Schreiben – obwohl meist allein geschrieben wird – als soziale Tätigkeit sieht: Beeinflusst wird das Schreiben beispielsweise durch soziale Konventionen, die Kulturzugehörigkeit des Schreibenden, die Adressaten, die sozialen Erfahrungen des Schreibenden und die Texte anderer Autoren, die der Verfasser während des Schreibens liest.

Alle weiteren Faktoren sieht Hayes im individuellen Schreiber verankert. Beeinflusst wird das Individuum durch Motivation und affektive Einflüsse: Dazu zählen die Ziele, die der Einzelne beim Schreiben hat (man kann z. B. schreiben, um einen bestimmten Inhalt zu vermitteln oder um einen bestimmten Eindruck beim Adressaten zu hinterlassen), aber auch die Einstellungen und Überzeugungen über das Schreiben (viele Schreibende haben z. B. unangenehme Erfahrungen mit dem Schreiben gemacht und daher eine negative Einstellung entwickelt). Negative oder positive Einstellungen und Emotionen können sich jedoch auch erst beim Schreiben selbst entwickeln, abhängig etwa von der Reaktion des Schreibenden auf das Thema, über das er schreibt. Diese motivationalen und affektiven Faktoren stehen in engem Zusammenhang mit den drei weiteren Einflussbereichen.

Wieder spielt auch im neuen Modell das Langzeitgedächtnis eine Rolle: Aus diesem Speicher entnimmt der Schreibende das Wissen, das für seine Textproduktion nötig ist: über Aufgabenschemata, sein Thema, seine Adressaten und über die Textsorte, die er schreiben möchte. Hinzugefügt hat Hayes in diesem Modell jedoch das Arbeitsgedächtnis. Dieses besteht nach dem Modell von Alan Baddeley aus einer zentralen Exekutive und zwei verschiedenen Speichern, die von ihr kontrolliert werden: aus der phonologischen Schleife, in der akustische Information gespeichert wird, und dem visuell-räumlichen Notizblock, der visuelle Information aufnimmt und aufbewahrt. Einen weiteren wichtigen Platz räumt Hayes wieder den kognitiven Prozessen ein: Hierzu zählen Textinterpretation, d. h. das Erstellen von Repräsentationen aus dem Input wie etwa dem Lesen anderer Texte, Reflexion, d. h. das Produzieren neuer Repräsentationen, und Textproduktion, also Output (Schreiben) im Kontext der Aufgabenumgebung.

Alle diese Komponenten des Individuums beeinflussen sich gegenseitig und verdeutlichen, warum Schreibprozesse je nach Individuum mit unterschiedlichen Problemen und Erfolgen ablaufen.

Weiterentwicklungen des Modells In den Jahren 2001 und 2012 hat Hayes wiederum eine Modifikation des Modells vorgenommen. Das Modell hat nun eine Drei-Ebenen-Struktur mit der Ebene der Kontrolle, der Ebene der Schreibprozesse und der Ebene der Ressourcen. Auf der Kontrollebene sind Schreibziele und -pläne ebenso wie die Motivation verortet. Die Ebene der Schreibprozesse umfasst die innerhalb des Schreibers ablaufenden Prozesse ebenso wie die Schreibumgebung. Die Ebene der Ressourcen umfasst Wissensbestände, Gedächtniselemente und das Lesen. Hayes verzichtet zudem darauf, die für ihn zentralen Planungs- und Überarbeitungsaktivitäten im Modell einzeln darzustellen. Das Modell umfasst nun an diesen Prozessen beteiligten Komponenten, die zum Teil bei einzelnen unterscheidbaren Aktivitäten im Schreibprozess gleichermaßen zum Einsatz kommen. Auch den Monitor findet man nicht mehr in diesem Modell.

Phasen des Schreibprozesses Zu den verschiedenen Phasen des Schreibprozesses finden sich in der Schreibforschungsliteratur mehrere Vorschläge, wie diese zu unterteilen und zu benennen sind. So findet sich z. B. die Phasengliederung in Planen, Formulieren und Überarbeiten, aber auch in Planen und Vorbereiten, Strukturieren des Materials, Entwerfen des Textes sowie Überarbeitung. In dem Modell von R.T. Kellogg werden die Teilschritte als Formulieren, Ausführen und Kontrollieren bezeichnet. Wichtig ist, dass neben dem, was in der Alltagssprache meist unter Schreiben verstanden wird – dem Formulieren des Textes –, noch weitere Phasen existieren: vor dem eigentlichen Schreiben eine Planungsphase, nach dem Schreiben eine Überarbeitungsphase. Wie diese Phasen im Einzelnen gestaltet werden und wie viel Zeit und Energie des Gesamtprozesses sie beanspruchen, hängt wiederum stark vom Individuum ab.

Modell von Kellogg Ronald T. Kellogg (1994)Ronald T. Kellogg: The Psychology of Writing. Oxford University Press, New York 1994 stellt ein Modell vor, in dem der Schreibprozess aus drei Hauptprozessen besteht: Formulieren, Ausführen und Kontrollieren. Während der Formulierungsphase wird geplant und übersetzt. Zu planen bedeutet hier, Ideen zu entwickeln sowie zu organisieren und Ziele aufzustellen. In der Übersetzung werden diese Gedanken, die zumeist erst nur als Propositionen, d. h. kleine Bedeutungseinheiten, existieren, in verständliche Sätze verwandelt.

Bei der Ausführung wird zunächst „programmiert“, wie die Übersetzung motorisch umgesetzt, also aufgeschrieben wird. Danach führt der Schreibende diese Programmierung aus, entweder durch Schreiben mit der Hand, durch Tippen oder Diktieren. In der letzten Phase, beim Kontrollieren, liest der Schreiber das Geschriebene, stellt Kohärenz her und entwickelt Diskursstrukturen. Beim Überarbeiten wird überprüft, ob die an den Text gestellten Ziele erreicht worden sind und wo noch Fehler oder Unstimmigkeiten zu finden sind.

Außer bei der Ausführung, die laut Kelloggs Modell weitgehend automatisch verläuft, wird bei allen diesen Prozessen das Arbeitsgedächtnis stark beansprucht. Besonders die erste Phase des Schreibprozesses, die Planung, belastet das Arbeitsgedächtnis sehr. Die zentrale Exekutive generiert Ideen, das visuell-räumliche Notizbuch muss bildliche Repräsentationen und Informationen liefern. Mit Hilfe der phonologischen Schleife findet ein inneres Sprechen statt, d. h. der Planende formuliert denkend bereits Wörter und später auch Sätze.

Erstentwurf und Überarbeitung Um der Frage nachzugehen, inwiefern die Phasen des ersten Entwerfens und der Überarbeitung voneinander abhängen, führten David Galbraith und Mark Torrance einige Studien durch. Sie gehen davon aus, dass es verschiedene Strategien gibt, mit denen sich Schreibende der Textproduktion nähern. Zunächst unterscheiden sie zwischen den planenden und den interaktiven Schreibern. Erstere beginnen erst dann zu schreiben, wenn ihnen ganz klar ist, was sie schreiben wollen und planen ihren Erstentwurf sehr stark. Ihre spätere Überarbeitung ist vor allem reaktiv: Sie überprüfen, ob in ihrem Text das Geplante erreicht worden ist. Eine völlig andere Herangehensweise ist die interaktive: Hier beginnen die Schreibenden ohne lange Planung mit dem Erstentwurf und entwickeln dann erst beim Schreiben ihre Ideen und die Struktur des Textes.

Galbraith und Torrance unterscheiden hier noch zwischen Grobentwürfen und multiplen Entwürfen. In Grobentwürfen werden erste Ideen für den Text organisiert und in ganzen Sätzen aufgeschrieben – auch hierbei ist die Überarbeitung, bei der der fertige Text entsteht, eher reaktiv. Verfasser von multiplen Entwürfen schreiben ihre ersten Gedanken dagegen spontan und völlig ungeordnet auf; die Überarbeitung ist proaktiv, d. h. die entstandenen Ideen werden beim Redigieren weiterentwickelt. Welche Strategie allerdings zu höherer Textqualität führt, konnte nicht klar gezeigt werden; häufig erzielt die Planungsstrategie bessere Ergebnisse, allerdings scheint dies auch von der Disposition und dem Lerntyp des Schreibenden abzuhängen.